Die IT-Industrie, der Aufstand 1989, schicke Mode aus Temeswar, der Tod Ceauşescus, steigende Gehälter für die Arbeiter bei Dacia, ehemalige Securitate-Leute als Unternehmer, die Sehnsucht nach Nike und Adidas, eine Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus, die Suppenküche für die, die sich die westeuropäischen Preise nicht leisten können, und Bilder von Ermordeten. Die Dokumentation über Rumänien hat scharfe Filmschnitte. Im Großen und Ganzen handelt der Film von der sogenannten "unvollendeten Revolution", der Tatsache also, dass 1989 zwar der Diktator Nicolae Ceauşescu getötet wurde, die Eliten aber dieselben blieben und der Geheimdienst Securitate vorerst weiterhin die Geschicke der Rumänen lenkte.
Zwischendurch schneidet Regisseur Robert Neumüller Beispiele von der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung des neuen EU-Staates. Er kehrt aber immer wieder zu seinem Hauptthema zurück. Er zeigt Fotos von nackten, zerschossenen Körpern, schonungslos wird hier das Jahr 1989, die Vergangenheit, die nicht so recht vergangen sein will, beleuchtet. In Temeswar, der Stadt im Westen Rumäniens, von der die sogenannte Revolution im Winter 1989 ausging, wurden allein in diesen Tagen 153 Menschen getötet. Gefängnisstrafen für diese Verbrechen fielen nur kurz aus. In Rumänien wurden nur wenige dafür zur Verantwortung gezogen, dass Tausende Regimegegner in Haftanstalten verschwanden. Nach der "Revolution" machten in den 1990er Jahren Securitate-Generäle mit der Privatisierung das große Geschäft. Viele von ihnen seien heute Multimillionäre, kritisiert der Universitätsprofessor Marcel Tolcea.
Dass Rumänien ohne Vergangenheitsbewältigung, wie sie etwa von den Staaten Ex-Jugoslawiens verlangt wird, der EU beitreten konnte, findet auch die Schrift-stellerin Ana Blandiana schlecht. "Die EU und die Nato haben uns ja akzeptiert, obwohl alles noch fest in den Händen der Securitate war. Unser Beitritt hatte nichts mit einer moralischen Umwälzung zu tun." Blandiana sieht eher makroökonomische und geopolitische Interessen als Beweggründe für den Beitritt.
Der gesamte Film ist online unter www.standard.at/balkanexpress verfügbar.
Der Artikel acht der Proklamation von Temeswar bleibt auch 20 Jahre nach dem Umsturz unerfüllt. Er besagt, dass keine Securitate-Leute oder kommunistischen Kader in der neuen Demokratie öffentliche Ämter bekleiden dürfen. Nüchtern analysiert der Balkan Express auch, dass die kommunistische Vergangenheit heute kaum mehr jemanden zu interessieren scheint.
Und doch findet er Ausnahmen: Universitätsprofessor Tolcea und ein paar Kollegen haben etwa die Initiative "Genug" gegründet. Sie setzen sich für einen demokratisch gesinnten Lehrkörper ein, die Kollegen wurden aufgefordert, Verbindungen zur Securitate offenzulegen. Der Rektor musste bereits zurücktreten. Die Conclusio beim Zuschauer: Die Revolution in Rumänien findet im Kleinen noch immer statt und wird noch lange dauern.
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