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Migjen Kelmendi
Migjen Kelmendi

Migjen Kelmendi ist ein Rockstar aus Prishtina, der zum Journalisten wurde. Er ist der Herausgeber von Jáva, einer Zeitschrift, die im hiesigen gegischen Dialekt des Albanischen erscheint, nicht in der albanischen Standardsprache, die auf dem toskischen Dialekt aus Südalbanien basiert. Gegisch ist die Muttersprache aller Kosovaren. Die Entscheidung, im Dialekt zu schreiben, der auch wirklich von Kosovaren gesprochen wird, spiegelt Migjens Faszination für die Entwicklung einer eigenständigen kosovarischen Identität wider, ebenso wie für einen bürgerlichen, nicht einen ethnischen Staat.

Die Geschichte von Migjens Familie verdeutlicht die sozialen Veränderungen im Kosovo während der letzten zwei Generationen:

"Mein Großvater war ein Hochländer aus der Umgebung von Peja. Er "rutschte" zwischen den beiden Weltkriegen von den Bergen herunter und ließ sich gleich in der ersten Stadt am Fuß der Berge nieder – in Peja! Meine Mutter kam aus einer alteingesessenen albanischen Familie in Prishtina. Neben dem Albanischen sprach sie auch Türkisch, die lingua franca, die Verständigungssprache jener Zeit. Menschen aus ihrer sozialen Schicht taten so etwas. So sprachen die alteingesessenen serbischen Familien mit  den alteingesessenen albanischen Familien auf Türkisch."

Migjens Vater Ramiz wuchs zu einer Zeit auf, als es noch immer keinen Unterricht in albanischer Sprache gab. Ramiz Kelmendi erzählte uns:

"Wir hatten keine albanischen Schulen, wir hatten keine Lehrer, wir hatten keine Geschichte unserer Nation, wir hatten keine Verbindung zu Albanien. Uns war es noch nicht einmal erlaubt, das Wort "Albanien" zu erwähnen. Aber das Paradox war, dass das Regime des Königreichs Jugoslawien eine mejtepe, eine türkische Islamschule eröffnete. Mein Vater schickte mich zu dieser mejtepe, wo ich dann Arabisch lernte, 'elhamdyrylahi e rabilalemin e rrahmani rrahim'. Ich erinnere mich noch heute, was' kuluwallahu ehad' bedeutet, weil uns die Imame das mit den Stöcken einbläuten."

Ramiz Kelmendi ging während der 1950er nach Belgrad, um zu studieren. Er war der Erste in seiner Familie, der eine formelle Ausbildung abschloss.

Migjen erinnert sich auch an die spätern 1960er und frühen 1970er Jahre:

"In dieser Zeit begannen wir, einen gewissen Wohstand zu verspüren. Es kamen die ersten Farbfernseher und moderne Möbel und Kühlschränke. Eine Mittelklasse begann sich zu entwickeln. Jeder strebte danach, sich im Lebensstil an die Menge anzupassen. Der Bau der Universitätsbücherei begann, und es fühlte sich so an, als wenn wir jetzt die wirkliche Hauptstadt des Kosovo würden. Alle Straßen wurden mit Asphalt überzogen und Asphalt wurde so etwas wie das Symbol des Fortschritts. Wir nannten sogar unseren Bürgermeister "Asphalt Nazmi".

Zu der Zeit glaubten unsere Führer, dass sie das alte osmanische Erbe bekämpfen müssten, um eine neue Gesellschaft zu schaffen, eine neue Sprache und einen neuen Menschen. So begannen sie, gleichzeitig neue Häuserblocks mit Wohnungen zu bauen und die Menschen zu schaffen, die in ihnen leben wollten. Wenn Du in einem alten Haus lebtest, dann galt das als sehr altmodisch. Einer meiner Cousins tauschte sein Haus gegen eine kleine Wohnung. Er dachte, er hätte ein gutes Geschäft gemacht. Heute bereut er diesen Deal!

1976 gab es plötzlich die ersten modernen Cafés. Die 1970er Jahre waren die beste Zeit, die wir hier jemals erlebt haben. Aber 1981 begann dann alles den Bach runter zu gehen."

1981 kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Albanern und der Polizei.

"1980 habe ich mit einigen Freunden eine New Wave Band gegründet, die hieß Gjurmet – Die Spuren. Nach den Demonstrationen von 1981, in denen sich die Jugend in Prishtina mit dem kommunistischen Albanien identifizierte, wo Rock'n Roll ja ganz verboten war, bedeutete das auch, dass Du eine politische Meinung einnahmst. Wir sprachen uns für 'Go West' aus und nicht für das kommunistische Albanien. Wenn Du ein Rocker warst, dann standest du dem jugoslawischen Kommunismus näher als dem albanischen Kommunismus. Das war bei vielen unpopulär."

"Das Lied 'Alle Strassen führen nach Prishtina' war einer der größten Hits der Band. Das Lied handelt von der Immigration aus den Dörfern in die Stadt während der 1980er."

Auf diese Periode folgte dann das serbische Apartheidregime der 1990er Jahre:

"Plötzlich ging alles in den Untergrund. Das Zentrum der Stadt wurde von Serben dominiert. Zehn Jahre lang bin ich nicht mehr in das „Hotel Grand“ gegangen. Dort gab es Paramilitärs, Geheimpolizei, [den Kriegsverbrecher] Arkan. Ich hatte Angst. Außerhalb des Privaten gab es kein soziales Leben mehr.

Als dann im März 1999 die Bombardierungen begannen, wurden wir von der serbischen Polizei festgenommen, zusammengesammelt und an den Rand von Prishtina gebracht, zu der alten Bahnstation. Als ich dahin kam, sah ich 20-30.000 Menschen. Milosevic hatte den verrückten Einfall bekommen, uns zu deportieren. Ich hatte natürlich Angst, dass sie uns liquidieren würden. Als ich begriff, dass die Fahrt nach Mazedonien ging, war ich glücklich."

Migjen Kelmendi
Migjen Kelmendi

Nach dem Krieg arbeitete Migjen Kelmendi zwei Jahre lang als Chef des Literaturprogramms für den staatlichen Fernsehsender des Kosovos, RTK. 2001 gründete er Jáva.

"Heute ist Prishtina ein Durcheinander. Die Menschen sind gierig. Sie schnappen sich die Häuser und das Land und sie verkaufen Dinge, die ihnen gar nicht gehören. Aber das sind keine Leute aus Prishtina. Das sind Neuankömmlinge. Sie fühlen nicht den Puls der Stadt. Sie bauen hässliche Gebäude und eignen sich öffentlichen Raum an für ihren eigenen privaten Vorteil, und die Ministerien und die Regierung sind daran beteiligt. Ich habe das Gefühl, dass sie aus unserer Stadt ein riesiges Dorf machen. Aber das ist auch eine Herausforderung. Wie in unseren Rockertagen. Die Herausforderung, eine Bürgerbewegung zu gründen."

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Migjen Kelmendi auf dem "Talking Balkans" Symposium in Wien vom 3.-4. April 2008 © 2008 ERSTE Foundation/Igor Bararon. All rights reserved.

May 2008
ESI

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