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Erion Veliaj
Erion Veliaj

Erion Veliaj, eines von MJAFTs Gründungsmitgliedern, leitete die Bewegung zwischen 2003 und 2007. Erion war noch ein Kind, als Albaniens kommunistisches Regime zusammenbrach:

"Als ich gerade Getränke für das Mittagessen meiner Familie kaufen wollte, traf ich auf die größte Demonstration, die es jemals in Tirana gegeben hatte. Der Höhepunkt dieser Demonstration war der Sturz der riesigen Enver-Hoxha Statue auf dem Skanderbeg Platz im Zentrum Tiranas. Das war das aufregendste Ereignis meiner Kindheit.

Zu dieser Zeit ging ich gerade in die vierte Grundschulklasse. Das System zerfiel vor unseren Augen, selbst in der Grundschule. Es war nicht mehr Pflicht, jeden Morgen zu rufen: 'immer bereit im Kampf für die Partei.' Wir mussten auch keine kommunistischen Gedichte mehr auswendig lernen.

Die wirtschaftliche Situation verschlechterte sich - damals gab es in staatlichen Lebensmittelgesch�ften nur noch Babyzwiebeln mit Dill. Die Menschenschlangen vor der Brotausgabe waren eine tägliche Qual."

Im Frühjahr 1991 verlor Erion seinen unheilbar kranken Vater. Seine Muter blieb mit zwei Söhnen allein.

"Sie erkannte, dass sie uns nicht alleine versorgen konnte und ließ mich gehen. Mit einem Onkel ging ich illegal über die Grenze nach Griechenland. Bei unserem 20-stündigen Fußmarsch in den Bergen über die südliche Grenze bei Gjirokaster mussten wir ständig auf der Hut vor griechischen Grenzsoldaten sein. In Griechenland fingen wir an bei Verwandten zu arbeiten. Ich wusch Geschirr in einem Restaurant und arbeitete ca. sechs Monate auf einem Bauernhof.

Als ich nach Tirana zurückkehrte, war der andauernde Exodus der Bevölkerung auch in unserer Nachbarschaft unübersehbar. Wir trafen andere Kinder beim täglichen Fußballspielen auf der Strasse und uns wurde bald klar, dass wir unsere üblichen Teams nicht halten konnten. Kinder verschwanden, die Teams schrumpften. Erst später erkannte ich, dass unsere Freunde für immer weggegangen waren. Ihre liebenden Eltern nahmen sie mit, meist nach Italien oder Griechenland."

1998 verließ auch Erion Albanien. Er ging nach Amerika, wo er auf der Grand Valley State University (GVSU) studierte. Nach einem Semester kehrte er nach Albanien zurück, um während der Flüchtlingskrise in einem Flüchtlingslager in Peshkopi zu helfen.

"Nachdem die Fernsehbilder des Flüchtlingsstroms aus dem Kosovo gezeigt worden waren, starteten die Albaner den größten Gastfreundschaft-Einsatz ihrer Geschichte. Jede Stadt und jedes Dorf hatte ein Flüchtlingsaufnahme-Zentrum, Familien stellten sich an, um Menschen mit nach Hause zu nehmen. Freiwillige aus Schulen, NGOs, Kirchen und Moscheen beteiligten sich an der größten Hilfsaktion ihres Lebens. Viele wussten, dass sie irgendwann einmal in ihrem Leben auf einen Kosovo-Albaner treffen würden, aber niemand hätte je gedacht, dass die beiden Hälften eines Volkes ein Treffen von diesem Ausmaß haben würden. Für die meisten Albaner war dies eine unvorhergesehene Lebenserfahrung. Meine Mutter nahm ein junges Paar aus Gjakova auf, und bekam so wie andere ihrer Arbeitskollegen die Erlaubnis, ihre geregelte Arbeit zu verlassen um untertags in einem ihr zugeteilten Flüchtlingslager zu helfen."

Im Juni 1999 kehrte Erion zurück in den Kosovo um beim Wiederaufbau von sechs Regionalkrankenhaeusern und Kliniken im Dukagjini-Tal mitzuhelfen. Ein Jahr später gab die GSVU Erijon die Erlaubnis, international zu arbeiten und trotzdem durch Fernunterricht weiter zu studieren. 2001 verbrachte er hauptsächlich in Zentral- und Lateinamerika, 2002 arbeitete und recherchierte er für seine Diplomarbeit in Afrika.

Erion Veliaj
Erion Veliaj

Zusammen mit drei Freunden gründete er 2002 MJAFT:

"Zu Weihnachten 2002 trafen wir uns alle zu Hause - Endi und ich hatten geplant, nach Silvester ins Ausland zurückzukehren. Wir trafen uns im Cafe und hatten viel zu erzählen nach den Jahren im Ausland. Natürlich kamen wir bald auf das Thema zu sprechen: 'Was ist hier eigentlich los? Warum stockt hier die Entwicklung und warum werden wir von inkompetenten Politikern regiert?' Meine Verwandten würden die Schuld der 500-jährigen Herrschaft der Osmanen geben, andere würden den Kommunismus dafür verantwortlich machen. Doch wir erkannten, dass wir in ein paar Jahren wahrscheinlich unsere eigenen Kinder haben würden und dann nicht mehr die Osmanen oder den Kommunismus für desolate Schulen und Krankenhäuser verantwortlich machen könnten. Wir mussten bessere Antworten finden, wir mussten doch etwas tun können, zumindest das Problem beim Namen nennen. Die Frage war jedoch, welches war das größte Problem Albaniens?

In diesen Weihnachtsferien setzten wir uns das Ziel, dafür eine Antwort zu finden. Wir trafen UNDP und erfuhren, dass Armut das größte Problem war, die Weltbank sah das Problem in der Arbeitslosigkeit, IOM sprach vom illegalen Handel, die Interpol vom organisierten Verbrechen, UNEP von Umweltproblemen etc. Jede Organisation sah in ihrem Zuständigkeitsbereich das größte Problem.

Zur�ck in unserem Cafe nahmen wir an, all diese Probleme waren wichtig. Wir konnten uns jedoch ausrechnen, dass es einen imaginären Faden gab, der all diese Probleme verband. Es war APATHİE! Es war tatsächlich so, der Durchschnittsalbaner hatte gegenüber einer Realität resigniert, von der er glaubte, sie nicht ändern zu können. Er hatte aufgehört, sich dafür zu interessieren. Man bekam entweder ein Visum und ging in den Westen, oder man gab auf und überließ das Feld manchmal ahnungslosen internationalen oder zweifellos inkompetenten Politikern. Wir hatten unsere Nische gefunden: eine intelligente, provokante und offensive Kampagne gegen zivile Apathie - wir nannten sie MJAFT - 'genug' auf Albanisch. Genug von dieser Apathie, genug von der qualvollen Transformation, genug vom müßigen Herumsitzen während rundherum alles schief läuft.'

MJAFTs Symbol wurde eine unübersehbare rote Hand:

"Wir brauchten ein starkes Bild. Ein Stop-Schild, eine Faust, eine ausgestreckte Hand - wir entschieden uns für letzteres. Wir malten unsere Hände mit Inas rotem Lippenstift an und drückten sie auf A4 Papiere, um zu sehen, welche am besten ausschaut. Nachher rahmten wir es mit den Farben der albanischen Flagge - rot und schwarz - ein. Warum sollte Aktivismus nicht der neue Patriotismus sein?

Im Februar 2003 druckten wir ein paar hundert Poster des neuen Logos mit der roten Hand und dem Datum des 15. März darunter - der Beginn unserer Kampagne. Es funktionierte, da die Leute sich wunderten und über die Bedeutung des Plakates rätselten. Manche glaubten, es sei irgendein internationaler Tag, andere meinten U2 käme nach Albanien oder die albanische Fahne würde an diesem Tag geändert - solche Vorschläge waren allerdings kaum seriös. Am 15. März gründeten wir MJAFT, zusammen mit hunderten Freunden und Schaulustigen, eine neue Marke für staatsbürgerliches Engagement. Jeder war eingeladen, seine Hand in rote Farbe zu tauchen und ein Zeichen für ziviles Engagement zu setzen, indem er die Handfläche auf eine weiße Stofftafel drückte."

MJAFT hat immer die Stimme erhoben, wenn wir glaubten, etwas bewirken zu können.

"Albaner wurden der traditionellen Politik und deren aufgeblasener Rhetorik von Veränderung und Reform überdrüssig. Die meisten wurden zu pragmatischen Bürgern die sich weniger um Demagogie kümmerten, als um die Preise von Versorgungseinrichtungen, die Qualität von Bildung und Gesundheit und die Verwaltung ihrer Steuern durch die Politiker. Diesbezüglich wurde MJAFT zu einem selbsternannten 'Volks-Ombudsmann', der sich für relevante Themen des täglichen Lebens einsetzte."

"Es gab eine einmalige Kampagne gegen den Bau einer Müllverbrennungsanlage im Herzen Albaniens, die geplant war, um aus Süditalien importierten Abfall zu verbrennen. Eine dubiose Gruppe mit Verbindung zur Öko-Mafia hatte albanische Beamte bestochen um in einen miesen Deal für das Land einzuwilligen. Dieser sah die Einfuhr von Dutzenden Containern mit nicht näher definiertem Müll vor. Durch unsere Schlüsselrolle bei der Bekanntmachung dieses Deals wurde das eine unserer erfolgreichsten Campagnen. Denn wir mobilisierten NGOs und Bürger für die großen, organisierten Proteste, wir bewirkten Gesetzesänderungen den Import von Müll betreffend, und schließlich die Aufgabe des gesamten Deals."

Nach vier Jahren beschlossen Erion und die anderen drei Gründungsmitglieder von MJAFT, zurückzutreten und ihren jüngeren Kollegen, deren Motivation und Dynamik sie vertrauten, die Leitung zu überlassen. Seit Anfang 2008 arbeitet Erion als Senior Analyst bei ESI.

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Erion Veliaj auf dem "Talking Balkans" Symposium in Wien vom 3.-4. April 2008 © 2008 ERSTE Foundation/Igor Bararon. All rights reserved.

May 2008
ESI

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