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Islam Jusufi
Islam Jusufi

Der 33jährige Islam Jusufi gehört zur Generation gut ausgebildeter Mazedonier. Er studierte und arbeitete auf dem Gebiet Internationale Beziehungen und Politik in Ankara, Washington, Amsterdam, Sheffield, Budapest, Brüssel, Straßburg, Moskau, Genf und Peking. Im Jahr 2001 trat er dem Kabinett des damaligen Präsidenten Boris Trajkovski als Berater in NATO- und EU-Fragen bei. Trajkovski war ein moderater, reformorientierter Politiker, der eine wichtige Rolle bei der Konfliktlösung 2001 spielte. Er starb bei einem Flugzeugabsturz 2004.

Heute arbeitet Jusufi für die Europäische Union in Skopje und verwaltet EU-Hilfsprogramme. Er hat große Hoffnungen für sein Land:

"Im Jahr 2001 begann man, sich ein neues Ziel zu setzen, und das war die europäische Integration. Die heutige Herausforderung ist schnell zu diesem Ziel zu gelangen. Es muss gelingen, nicht nur, damit der Balkan in die Europäische Union integriert wird, sondern auch, um den Erfolg eines multiethnischen Mazedoniens zu garantieren."

Islam Jusufi gehört der türkischen Minderheit Mazedoniens an, die 4 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Als Türke weiß er, wie wichtig es ist, verschiedene ethnische Gruppen und Minderheiten in eine multiethnische Gesellschaft zu integrieren. Im ehemaligen Jugoslawien waren Türken offiziell als Minderheit anerkannt, aber in den frühen Jahren nach dem zweiten Weltkrieg wurde der Druck auf sie immer größer, das Land zu verlassen. Von den 200.000 Türken, die 1953 noch in Jugoslawien lebten, waren im Jahr 1960 bereits 90.000 in die Türkei ausgewandert. Heute gibt es 78.000 Türken in Mazedonien (und ein paar tausend in Kosovo).

Nach dem Zerfall Jugoslawiens wurde die Situation für die Minderheiten in Mazedonien in den 1990er Jahren immer angespannter, erzählt Jusufi:

"In den 1990er Jahren erlebte man einen Wandel bei der Position der Minderheiten. Im ehemaligen Jugoslawien war das Land nämlich in gewisser Weise dezentralisiert, sodass die Leistungen der lokalen Ebene direkt den Gemeinden und insbesondere den ethnischen Gruppen zugute kamen. Mit dem Zerfall Jugoslawiens und der Geburt des neuen Mazedoniens sahen wir, dass das Funktionieren des Staates und die Serviceleistungen an die Bevölkerung in Skopje zentralisiert wurden. So zum Beispiel in den Bereichen Bildung, offizielle Sprache, Management der lokalen Gemeindeleistungen, sowie der Teilnahme der ethnischen Minderheiten am öffentlichen Dienst."

Laut Jusufi gab es keine offenen Anfeindungen, aber es war normal, dass verschiedene ethnische Gruppen von jeweils "unseren" und "euren" [Leuten] sprachen.

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Rückblick auf die ethnischen Spannungen von 2001. © 2008 pre tv. All rights reserved.

"Ich fürchtete mich besonders vor der Polizei. Es war schwierig, Leute bei der Polizei zu finden die, wie soll ich sagen, von den "unseren" kamen. Man konnte keine eigenen Leute finden, die dich bei der Polizei vertreten. Man hatte das ständige Gefühl, der Polizei besser aus dem Weg gehen zu müssen; jedem Problem, jedem Unfall, jeder Situation, durch die man in Berührung mit der Polizei kam, auszuweichen, denn man würde den Kürzeren ziehen. Du hattest das Gefühl, dass du, wenn sie deinen nicht-mazedonischen Namen sehen, keine Hilfe erwarten konntest."

1997 wurde Jusufis Heimatstadt Gostivar Schauplatz erster ethnisch motivierter Zusammenstöße. Gostivar im Nordwesten Mazedoniens hatte damals 80.000 Einwohner, von denen 64 Prozent ethnische Albaner, 22 Prozent ethnische Mazedonier und 10 Prozent ethnische Türken waren.

"Im Juli 1997 hissten die lokale Behörde die albanische Flagge. Dies provozierte eine heftige Reaktion seitens der Polizei. Als die Polizei die Fahne wieder abnahm, gingen die Menschen auf die Straße, um wegen der Flagge zu demonstrieren. Die Polizei reagierte sehr heftig, es gab Tote und Verletzte. Es war keine Reaktion, die die Leute von der Polizei erwartet hätten."

Laut Human Rights Watch waren Übergriffe der Polizei in dieser Zeit das größte Menschenrechtsproblem Mazedoniens. 1997 wurde Gostivar Schauplatz gravierender Polizeigewalt. Zusammenstöße hinterließen mehr als 200 Verletze, drei Menschen starben.

"Nun begannen die Leute nachzudenken: Aha, es gibt also eine versteckte Agenda gegenüber den ethnischen Minderheiten. Und bei dem Zwischenfall in Gostivar waren nicht nur Albaner betroffen, auch die Türken mussten leiden, denn auch sie wollten, dass ihre Fahne in der Gemeinde gehisst wird. Der Fall Gostivar war immer noch in den Köpfen der Leute, als der Konflikt 2001 ausbrach. Es war der Anfang von dem, was später im Jahr 2001 passieren würde."

Heute jedoch ist die Situation ganz anders, sagt Jusufi.

"Du findest Minderheiten sowohl in staatlichen als auch in lokalen Institutionen, in den Gemeinden, der lokalen Polizei, und Du fühlst Dich viel wohler und hast Vertrauen in lokale staatliche Institutionen, was in den 1990er Jahren fehlte."

Laut Jusufi gehört neben politischer Stabilität und der EU Mitgliedschaft die Visa-freie Einreise in die EU zu den größten Wünschen der Mazedonier.

"Die Menschen fragen sich, wann die Liberalisierung der Visapolitik eintreffen wird; 'wann werde ich in der Lage sein, frei nach Europa zu reisen, zurückzukehren und hier etwas aufzubauen?' Sie empfinden Europa als einen inspirierenden Ort; sie denken nicht, dass sie dorthin fahren und jemandem einen Job wegnehmen. Menschen brauchen neben ihren Hoffnungen auch eine Motivation und Inspiration für Veränderungen. Schauen sie sich die neue Generation an. Ich habe im Ausland studiert! Ich kam zurück und ich habe zahlreiche Kollegen – alle kamen sie zurück!"

May 2008
ESI

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