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Sarajevo
Blick auf Novo Sarajevo von den östlichen Hügeln. Foto: Alan Grant

13 Jahre nach Kriegsende ist Sarajewo 2008 eine moderne Stadt mit neuen Hochhäusern, Botschaften, Cafés und Restaurants. Die Hauptstadt von Bosnien Herzegowina ist wieder Gastgeber für internationale Ereignisse wie das Sarajewo Filmfestival. In solchen Momenten erinnert die Stadt seine Gäste an die Tage, als sie Gastgeber der Winterolympiade war, damals 1984.

Die Zeichen des Krieges verblassen Schritt für Schritt – oder sie werden zum Erinnerungsgut der Stadt. Stadtführungen schlossen lange Zeit immer die Brücke mit ein, von der der serbische Nationalist Gavrilo Princip den Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 erschoss und damit den 1. Weltkrieg auslöste; ebenso die Altstadt mit ihren Moscheen und dem sorgfältig restaurierten osmanischen Einkaufsviertel; aber auch die Nationalbibliothek die zu österreichisch-ungarischer Zeit auch als Rathaus diente und bis heute teilweise zerstört ist. Heute ist ein ebensolches "Muss" für Besichtigungen der Tunnel unterhalb des Flughafens, der dabei half, die Belagerung von Sarajewo ab 1993 zu überstehen.

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Gefängnisfoto von Gavrilo Princip - Robert Donia

"Common Life" ("Gemeinsames Leben") ist der Begriff, den Robert Donia bevorzugt, wenn er den multiethnischen Charakter in seiner allumfassenden Geschichtsschreibung "Sarajevo: A Biography" beschreibt. Er sagt:

"Im Buch habe ich den Begriff benutzt, den die Sarajewoer vor 1990 bevorzugten, "Zusammleben", um die Werte einzufangen, die die Sarajewoer vereint. Das Zusammenleben nahm in jeder Phase der Geschichte der Stadt unterschiedliche Formen an und wandelte sich im Lauf der Zeit, aber es war der Glaube dieses Zusammenleben, der es ihren Bürgern erlaubte, den einzigartigen Charakter der Stadt zu erschaffen."

Sarajewos Zusammenleben wurde niemals härter auf die Probe gestellt, als während der Belagerung der Stadt. Im April 1992 eroberten bosnische Serben Schlüsselpositionen in und um die Stadt und riegelten sie ab. Sarajewo, eine Stadt im Herzen Europas, wurde in ein Kriegsgebiet verwandelt, von allen Kommunikationswegen abgeschnitten und geriet unter heftiges Bombardement aus Positionen in den umliegenden Bergen. Im August 1992 wurde die Nationalbibliothek der Stadt von Serben durch dreitägigen Beschuss zerstört. 1,5 Millionen Bücher und Archivarien verbrannten zu Asche. Der Bibliothekar Kemal Bakarsic beschrieb die sinnlose Zerstörung:

"Blätter von verbranntem Papier, zerbrechliche Seiten aus grauer Asche glitten überall in der Stadt nieder wie schmutziger schwarzer Schnee."

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Zerstörung der Nationalbibliothek am 25. August 1992. Foto: flickr/ highly tasteless

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Kriegsschäden an einem Gebäude im Zentrum Sarajevos. Foto: flickr/KnownColor

Eine detaillierte Zählung hat ergeben, dass 10.615 Menschen während der Belagerung ihr Leben verloren – drei Viertel davon aber starben im Jahr 1992 – dem schrecklichsten Jahr in der Geschichte der Stadt. Noch dreimal so viele Einwohner wurden verletzt. Und dies geschah trotz der Anwesenheit von Friedenstruppen der Vereinten Nationen und vor den Augen der Medien aus aller Welt. Während der Belagerung mussten die Menschen ohne Strom, fließendes Wasser und mit nur sehr wenig Nahrung auskommen. Es war ein "Kampf um das nackte Überleben, aber auch um die Verteidigung der menschlichen Würde," charakterisiert der Historiker und Bewohner von Sarajewo, Dzevad Juzbasic, diese schreckliche Zeit.

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Muslimischer Friedhof in Sarajevo. Foto:flickr/mblomqvist

Heute erinnern die Stadtfriedhöfe und die Jahresangaben auf den Grabsteinen die Besucher an die dunklen Tage der Belagerung. Robert Donia schreibt:

"Kein Bürger Sarajewos überstand die Kriegsjahre, ohne den Verlust von einem oder mehreren Familienmitgliedern, enger Freunde oder Nachbarn zu betrauern. Die Trauer wurde noch vertieft durch das Schuldgefühl der Überlebenden, das Bewusstsein, dass der Scharfschütze genauso gut den Passanten davor hätte auswählen könne und dass das Geschoß auch gut einige wenige Meter entfernt oder einige wenige Minuten vorher oder später hätte einschlagen können."

(Robert Donia, Sarajevo: A Biography, 2005, p. 320)

1993 gruben die Menschen von Sarajewo – die Sarajlija – einen 700 Meter langen Tunnel unter der Frontlinie am Flughafen, um die Stadt mit der Außenwelt zu verbinden. Der Tunnel war einer der Hauptwege, um das internationale Waffenembargo zu umgehen und die Verteidiger der Stadt mit Waffen zu versorgen; er sicherte aber auch die Lebensmittelversorgung. Was es für ein Gefühl war, während der Nacht durch den Tunnel zu kriechen, beschrieb Tim Lister, einer der wenigen Ausländer, denen es erlaubt wurde, ihn zu benützen:

"Sobald wir eintraten, veränderte sich die Luft und der Geruch, und mit den ersten Schritten auch unser Bewusstseinszustand. Die Wände berührten unsere Ellenbogen und wir mussten uns wirklich halb hinunter beugen, um mehr wie in einem Entenmarsch durch den 700 Meter langen Korridor zu gehen. Die Eisenarmierungen über uns tropften von Feuchtigkeit und der matschige Boden war mit Holzplanken überdeckt … Schweiß tropfte uns von der Stirn und unsere Rückenmuskeln begannen sich gegen die unnatürliche Haltung zu wehren."

(Tom Lister, Bosnia and Herzegovina, Bradt, 2007, p. 121.)

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Eingang der Sarajlija. Foto: flickr/Fiasco NY

Der Krieg suchte Sarajewo im letzten Jahrhundert dreimal heim, 1992 und in den beiden Weltkriegen. Aber der Krieg in den 90er Jahren übertraf in seiner Zerstörung der Stadt alle anderen Kriege. Auf dem Höhepunkt des dauernden Beschusses im Jahr 1992 glaubten nicht einmal mehr die größten Optimisten der Stadt, dass Sarajewo widerstehen könnte – aber so war es.

Die Auswirkungen des Krieges veränderten die Stadt für immer. Kroaten haben die Stadt in großer Zahl verlassen und die meisten Serben sind nicht zurückgekehrt. Auch viele Bosniaken, die während des Krieges flohen, haben inzwischen ein anderes Zuhause gefunden. Die ehemals große Zahl ethnisch gemischter Ehen hat sich ebenfalls drastisch verringert.

Robert Donia beschreibt das Dilemma der Stadt:

"Das Gemeinsame Leben innerhalb der Stadt ist während des Krieges nicht gestorben, noch verschwand es in der schwierigen Nachkriegsära. Aber die Sarajewoer stehen vor vielen schwierigen Entscheidungen in der Zeit nach dem Sozialismus und nach dem Krieg, und die Zukunft des Zusammenlebens in der Stadt gehört auch dazu

Die meisten lehnen nationale Exklusivität im Grunde ab, haben aber mehrere Male nationalistische politische Führer ins Amt gewählt. Während die Stadt noch im langen Schatten des ruinösen Krieges lebt, und seine Einwohner widersprüchliche soziale Werte bewahren, müssen die Sarajewoer überhaupt erst noch das volle Spektrum kultureller, politischer und erzieherischer Institutionen, die vom kommunistischen und nationalistischen Autoritarismus befreit sind, entdecken oder sie entwickeln. Und während sie dabei sind, dies zu tun, hängt das Zusammenleben in der Stadt in der Schwebe."

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Blick auf Sarajevo. Foto: flickr/Semih Hazar

June 2008

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