Die Forschung von ESI

"Erstaunen, begeistern, informieren"

Ein Gespräch mit ESI über Balkan Express / Return to Europe

Zunächst mal: was ist ESI eigentlich?

Wir sind ein Think-Tank mit Schwerpunkt Südosteuropa. Wir haben 17 Mitarbeiter, die sich mit der Region zwischen Adria und Kaspischem Meer beschäftigen. Sie leben in London, Brüssel, Berlin und Wien, in Belgrad, Tirana, Pristina und Istanbul, in Tiflis, Jerewan und Baku. Dazu kommen ständige Partner in Bosnien, Mazedonien, Kosovo und Albanien. Wir sind also eine ziemlich europäische Organisation.

Presenting ESI research in Vienna, 2007
Präsentation von ESI-Forschung in Wien, 2007

Ihr schreibt Berichte und hofft, dass sie dann jemand liest?

Na ja, nicht ganz. Wir forschen für jeden Bericht im Durchschnitt 8 Monate lang. So ein Aufwand zahlt sich nur aus, wenn der Bericht dann auch von zehntausenden, nicht von hunderten Leuten gelesen wird. Daher verschicken wir jeden Bericht per Newsletter an über  25.000 Empfänger. Wir nehmen viele Einladungen an, um unsere Forschung an Universitäten oder in Ministerien zu präsentieren. Medien in der ganzen Welt berichten mittlerweile regelmäßig über unsere Arbeit. So hören auch Leute von uns, die wir nicht kennen. Sie kommen dann auf unsere Website – www.esiweb.org. Im Durchschnitt 2000 Besucher am Tag.

ESI analyst Nigar Goksel chairs round-table with Madeleine Albright
ESI Forscherin Nigar Göksel leitet eine Diskussion mit Madeleine Albright

Wer schreibt eure Berichte? Es gibt keine Autorennamen, das ist ungewöhnlich.

Nicht wirklich. So wie beim Economist, oder bei der International Crisis Group, ist Teamarbeit leichter, wenn sich jeder mit dem Ergebnis identifiziert. Jede gute Idee ist das Produkt eines Teams. So konnten wir seit 1999 schon 59 Berichte zu sehr unterschiedlichen Themen veröffentlichen. Wir diskutieren intern jede Analyse ausgiebig, schreiben jeden Bericht, jeden Absatz, mehrmals um. Wer neu zu ESI kommt, ist immer erstaunt, wie ernst wir diese Teamarbeit nehmen. Wir sind keine Gruppe von Einzelkämpfern.

Wie finanziert man aufwendiges Forschen, wenn die Berichte dann gratis verteilt werden?

Diese Frage wird uns oft gestellt, auf dem Balkan oder in der Türkei. Wir sind kein Beratungsunternehmen, sondern ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Berlin. Wir leben von Unterstützung für eine Idee: empirische Forschung einer breiten Öffentlichkeit gratis zugänglich zu machen. Dabei helfen öffentliche und private Förderer. Seit 1999 hatten wir finanzielle Unterstützung von 13 verschiedenen Ländern, von Irland bis Slowenien. Unsere größten Förderer in dieser Zeit waren zwei skandinavische Regierungen, Norwegen und Schweden. Private Gelder kommen von Stiftungen: Rockefeller Stiftung, Open Society Institute, Mott Stiftung und andere. Seit 2005 ist die ERSTE Stiftung aus Österreich der wichtigste Förderer unserer Arbeit auf dem Balkan.

Was wollen diese Geldgeber?

Sie wollen Diskussionen auslösen: über Zustände in serbischen Dörfern im Kosovo, über die gescheiterte Privatisierung in Südserbien, über die Fehler der UN in Bosnien, über die Stellung von Frauen in der Osttürkei, über die Zukunft der EU-Erweiterung. Wer an den Nutzen solcher Diskussionen glaubt, der hilft uns.

ESI senior analyst Verena Knaus
ESI-Analystin Verena Knaus

Und wie unabhängig seid Ihr? Gibt es eine „versteckte Agenda“?

Letztlich zitieren uns Journalisten oder Entscheidungsträger, weil sie die Qualität unserer Forschung anerkennen, auch wenn sie dann nicht mit jeder unserer Schlussfolgerungen übereinstimmen. Unabhängigkeit ist die Grundlage unserer Arbeit. Was in unseren Berichten steht, basiert auf der Forschung und den Diskussionen im ESI-Team. Wo unser Logo aufsteht, stehen wir dahinter. Natürlich haben wir Meinungen, die oft umstritten sind. Die sind aber nicht versteckt, sondern für jeden sichtbar. Das war 2001 so, als wir den damaligen Stabilitätspakt für den Balkan kritisierten, oder 2003, als wir forderten, das Büro des Hohen Repräsentanten in Bosnien zu schließen, oder 2004 in Serbien, als wir die Manipulation mit Zahlen von aus dem Kosovo Vertriebenen nachwiesen. Forscher dürfen sich nicht scheuen, an kontroversen Diskussionen teilzunehmen, solange sie offenlegen, woher ihre Argumente kommen. Nur dann sind sie glaubwürdig.

Das klingt nett, aber glaubt man euch das auch?

Na ja, nicht jeder. Als wir unseren Bericht über die Islamischen Calvinisten in der Türkei veröffentlichten, beschuldigte uns ein Kolumnist der Hürriyet in 8 Kolumnen Agenten des CIA zu sein. Islamisten warfen uns dagegen vor, die Christianisierung der Türkei voranzutreiben. Der Bericht wurde in vielen Fernsehsendungen, darunter Komplo teorisi (Verschwörungstheorie), erörtert. Als meine türkischen Forscherkollegen das sahen, waren sie baff. Aber so etwas passiert, wenn man Diskussionen wirklich beeinflusst; in Südosteuropa noch mehr als anderswo. Manche dort sind überzeugt, dass es so etwas wie „unabhängige Forschung“ gar nicht geben kann. Doch sehr viele Medien berichten über unsere Analysen, auch in der Region, immer mehr Leute lesen die Berichte. Mit Diskussionen, auch kritischen, können wir gut leben.

Gerald Knaus and Olli Rehn (reading ESI report)
Gerald Knaus und Olli Rehn (diskutieren ESI Forschung)

Wie kam es nun dazu, dass Ihr Filme macht?

Das war eine Initiative der ERSTE Stiftung. Wir erzählten Knut Neumayer, dass einige ESI Berichte über Bosnien, Kosovo oder die Türkei schon früher Grundlage für Dokumentarfilme waren: PBS und ARD haben unsere Türkeibericht als Grundlagen genommen, wir haben selbst Filme zu Zentralbosnien und Mitrovica produziert. Daraufhin brachte Knut uns mit Martin Traxl zusammen, heute der Kulturchef des ORF. Das war im Frühling 2006. Um aus dieser Grundidee ein Konzept für eine ganze Serie zu entwickeln, kamen Martin und Knut dann zu uns nach Istanbul. Wir saßen im Sommer 2006 im Garten der Bosporusuniversität und entwickelten die Idee von Balkanexpress. Nach zwei Tagen stand das Konzept: eine Reise mit 10 Stationen, von der Adria bis zum Bosporus, quer durch Südosteuropa. Eine Serie, die „erstaunen, begeistern, informieren“ sollte. Knut drängte uns, nicht nur an das Publikum von 3Sat und ORF zu denken, sondern daran, die Serie in der ganzen Region, die sie beschreibt, zu zeigen. Und die ERSTE Stiftung, Boris Marte, Erhard Busek, Andreas Treichl, standen immer hinter dem Konzept.

Wie kann man sich die Zusammenarbeit zwischen Forschern und Filmemachern vorstellen?

Spannend und anstrengend. Es gab einerseits einen enormen Zeitdruck, andererseits die Notwendigkeit, eine gemeinsame Linie zu finden. Es sind ja viele Leute an so einem großen Projekt beteiligt, und jeder hat eigene Ideen und Erfahrungen: der Produzent, Nikolaus Wisiak von Pre-tv, der die Kamerateams und Gestalter aussuchte und das Projekt vorantrieb; Wolfgang Stickler, der Drehbuchautor von pre-tv; die fünf Gestalter. Ein Konzept, ein Bericht, eine Analyse: das ist ein Anstoß, aber noch kein Film. Um den zu machen, setzten wir uns zuerst jeweils mit Wolfgang zusammen. Bei den ersten Drehbüchern kam Wolfgang zum Brainstorming zu Gerald nach Istanbul, oder traf sich mit ESIs Kristof Bender in Wien. War ein Drehbuch einmal geschrieben, bereisten wir gemeinsam jedes der Länder mit Wolfgang und dem jeweiligen Gestalter, teilten unsere Erfahrungen vor Ort. Bei der Forschung war das gesamte ESI-Team involviert, Gerald und Alexandra führten Gespräche in Brüssel, mit Olli Rehn oder Javier Solana. Kristof und Gerald waren von der Abnahme des Rohschnitts bis zur Kontrolle der Sprechertexte involviert. Es sind ja noch nicht alle Folgen gedreht, wir stecken derzeit noch mitten in der Arbeit, in Bulgarien, Griechenland, der Türkei.

Bei einem der Filme ist ESI selbst Teil der Geschichte? Wie kam es dazu?

Das stimmt, der Bosnienfilm verwandelte sich in der Hand des Gestalters Robert Neumüller von einem Film, der auf ESI-Forschung basiert, zu einem Film über ESI-Forschung in Bosnien. Das war eine Idee von Robert, der in diesem Fall das Drehbuch mit Wolfgang alleine machte. Wir erklärten ihm die Situation in Bosnien, und immer wieder fragte er uns, wie wir zu diesen Schlüssen kamen, die so gar nicht dem Bild von Bosnien im Ausland entsprechen. Wir erklärten also genau, wie wir arbeiten und forschen, mit wem wir sprechen, und wie wir mit unseren Berichten in Bosnien auch Diskussionen auslösen. Er fand, dass das ein guter Faden für den Film sei. Nun kann also jeder Zuschauer der Serie sich ein eigenes Bild machen, wie ESI arbeitet. Bei allen anderen Filmen sind wir hingegen unsichtbar.

Gerald Knaus and Eggert Hardten with Bosniak Municipal Assembly President in Doboj
Gerald Knaus und Eggert Hardten mit dem Präsidenten des bosnischen Kommunalrats in Doboj

Und was soll die Serie erreichen?

Erstaunen, begeistern, informieren. Klischees über den Balkan in Frage stellen. Menschen neugierig machen. Diskussionen auslösen. Zuschauer, die mehr wissen wollen, auf die Website der Serie bringen – www.balkanexpress.org (derzeit noch im Aufbau, fertig Ende April). Ein so großes und ehrgeiziges Projekt ist ein großer Aufwand für jeden. Am Ende hoffen wir, dass sich alle, die sich die 10-teilige Serie ansehen, denken: dieser Aufwand hat sich gelohnt.

Das ESI-Forschungsteam für Balkanexpress besteht aus Kristof Bender, Nigar Göksel, Ekrem Güzeldere, Eggert Hardten, Gerald Knaus, Verena Knaus, Alexandra Stiglmayer, Erion Veliaj und Katharina Knaus. Chris Langdon, Christian Altfuldisch, und Jonathan Lehne betreuen die Website von Balkanexpress, Sandra Bienaime die Logistik.

 

Was ist ESI?

Die Europäische Stabilitätsinitiative (ESI) ist ein unabhängiges Forschungsinstitut mit Sitz in Berlin und Büros in Brüssel, Istanbul und auf dem Balkan.

In den letzten Jahren lieferte ESI Beiträge zu europäischen Themen: über die Zukunft der internationalen Politik auf dem Balkan; Vorschläge zur Überwindung der gefährlichen  Pattsituation in der geteilten Stadt Mitrovica; klare europäische Perspektiven für den Balkan (vor dem Thessaloniki-Gipfel); Vorschläge zur künftigen europäischen Hilfe für die Region; Vorschläge zur internationalen Politik im Kosovo.

Seit 2004 spielt die Türkei eine starke Rolle bei der Arbeit von ESI. Zwei Berichte erregten internationale Aufmerksamkeit "Islamische Calvinisten" und "Geschlecht und Macht in der Türkei“.  Zuletzt eröffnete ESI neue Büros in den Staaten des Kaukasus.

Sechzehn ESI-Forscher arbeiten von Berlin, London, Brüssel, Wien, Pristina, Belgrad, Tiflis, Baku und Jerewan. Sie unterstützen unter anderem den Aufbau von neuen Think Tanks, die im politischen und wirtschaftlichen Bereich tätig sind.

Alle ESI Berichte sind öffentlich zugänglich und werden an über 25.000 Empfänger verschickt, an Entscheidungsträger, Akademiker, Journalisten und interessierte Leser in Europa und Amerika. Die ESI Website hat eine durchschnittliche Besucherzahl von 60.000 pro Monat.

ESI wurde bisher unterstützt von verschiedenen Regierungen, unter anderen von Schweden, Norwegen, Niederlande, Deutschland, Belgien, Irland, Dänemark, Slowenien, Schweiz, Luxemburg, Vereinigtes Königreich, Kanada, und von der Europaeischen Kommission, ERSTE Stiftung, U.S. Institute of Peace, German Marshall Fund (USA), Open Society Institute, C. S. Mott Stiftung, die Rockefeller Brothers Stiftung, Roi Baudouin Stiftung und der Körber Stiftung.

Ausgewählte Printmedien, die über ESI berichteten:

The New York Review of Books
The International Herald Tribune
The New York Times
The Economist
Wall Street Journal
Financial Times
The Guardian
BBC
Neue Zürcher Zeitung
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Süddeutsche Zeitung
Die Welt
Die ZEIT
Libération
Le Figaro
Liberazione
La Vanguardia
Asian Business Leaders

Siehe auch: ESI BILDERZÄHLUNG und ESI IN DEN MEDIEN