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Koca Pavlovic
Koca Pavlovic

Koca Pavlovic ist ein montenegrinischer Filmemacher und Abgeordneter der Oppositionspartei "Bewegung für Veränderung". Sein Film "Rat za mir" ("Krieg für den Frieden") ist nach dem Slogan benannt, mit dem Montenegro den Angriff der Jugoslawischen Armee auf Dubrovnik und Süd-Kroatien unterstützte. Der Film aus dem Jahr 2003 wurde in Montenegro in den letzten Jahren vielfach gezeigt.

Anhand von Fernsehübertragungen von 1991 und Interviews wird dargelegt, welche Rolle die Einheiten der Jugoslawischen Armee unter der Führung von montenegrinischen Offizieren und mit Beteiligung montenegrinischer Reservisten bei der Bombardierung der historischen Hafenstadt Dubrovnik spielten. Der Angriff von Oktober bis Dezember 1991 kostete 43 Menschen das Leben und verursachte Schulden in Millionenhöhe. Fernsehbilder der brennenden Häuser Dubrovniks gingen um die Welt und wurden international verurteilt.

Paul Hockenos und Jenni Winterhagen schrieben: "Ein Jahr nach der Unabhängigkeitserklärung zwingt ein kontroverser Film das offensichtlich widerstrebende Montenegro, sich mit seiner Beteiligung an den blutigen Konflikten der frühen 90iger Jahre auseinanderzusetzen." Koca Pavlovic, der seinen Film nun schon seit einigen Jahren in Montenegro zeigt, beschreibt eine Veränderung der Reaktionen:

"Die Reaktionen der jungen Leute sind mehr oder weniger gleich geblieben. Viele sind bestürzt, ihre Reaktionen sind oft stürmisch. Die Reaktion der älteren Generation, solcher Leute, die selbst dabei waren, sind wesentlich weniger heftig. Vor zwei, drei Jahren waren sie aber heftiger als heute. Das ist die grundlegende Veränderung."

Der Film, der in Montenegro noch nie im öffentlichen Fernsehen gezeigt wurde, ist auf You Tube zu sehen.

Pavlovics Film zeigt montenegrinische Soldaten die damit prahlen, sich erst dann wieder zu rasieren, wenn sie durch die Hauptstraße Dubrovniks, die Stradun, schlendern können.

"Es klingt verrückt, aber offizieller Doktrin zufolge haben wir uns, als wir Dubrovnik angriffen, nur verteidigt. Montenegro hat sich und Jugoslawien, das zu diesem Zeitpunkt nicht mehr existierte, verteidigt. Diese Menschen haben leider den Medien vertraut und die Manipulation nicht erkannt. Sie glaubten noch immer an die Existenz Jugoslawiens. Sie sind für Jugoslawien in den Krieg gezogen, um Montenegro zu verteidigen. Wie wurde Montenegro verteidigt? Sie waren davon überzeugt, dass die Kroaten ihre Raketen auf Podgorica, Nikičić und andere montenegrinische Städte richteten und wollten ihnen mit ihrem Angriff zuvorkommen.

In den Medien wurde die Notwendigkeit eines Präventionskrieges gepredigt. Somit entstand auch der Slogan "Krieg für den Frieden". Wir, also Montenegro, haben angeblich nicht Dubrovnik angegriffen, um es einzunehmen, sondern um zu siegen und den Frieden wiederherzustellen. Wir waren eine Art Friedenstruppe, die die Aufgabe hatte, jene, die eine Gefahr für den Frieden darstellten, zu vertreiben. Und so entstand der zynische Slogan "Krieg für den Frieden". Es war ein Produkt der Medienmanipulation, der die Montenegriner damals ausgesetzt waren.

Ich habe keinen einzigen Moment daran geglaubt, weil ich das Glück hatte, zu diesem Zeitpunkt, unmittelbar vor dem Krieg, in Dubrovnik gewesen zu sein. Ich passierte auch die Grenze. Ich hatte persönlich gesehen, dass dort keine 10.000 bewaffneten Soldaten stationiert waren und dass niemand beabsichtigte, Montenegro anzugreifen. Die Manipulation, der die Montenegriner damals ausgesetzt waren, hatte auf mich keinen Einfluss. Viele trauten damals den Medien, den täglichen Nachrichten und dem Fernsehen mehr als ihren eigenen Augen."

"Der damalige Premierminister Milo Djukanovic unternahm nichts, um den Angriff zu verhindern," sagt Koca Pavlovic.

Die Schatten der Vergangenheit. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Milo Djukanovic hat sich gegenüber Kroatien für die "unehrenhafte Beteiligung" Montenegros entschuldigt:

"In den letzten Tagen hatte ich die Gelegenheit, Einsicht in die stenographischen Aufzeichnungen der Parlamentssitzung aus dem Jahre 1991 zu nehmen und mich an diese Zeit zu erinnern. Wir haben schon damals mit großem Enthusiasmus eine friedliche Lösung der Probleme in Ex-Jugoslawien befürwortet. Ich möchte Sie erinnern, dass wir im Oktober 1991 im montenegrinischen Parlament beschlossen haben, die kroatische Seite zu Verhandlungen für eine friedliche Demarkation des Gebietes Rt Ostra [auf der Halbinsel Prevlaka] zu bewegen. Rt Ostra ist der kritische Grenzbereich zwischen Kroatien und Montenegro, wo früher eine Militärbasis stand und zur Zeit Ex-Jugoslawiens ein Militärsperrgebiet war. Dieses stand - geografisch gesehen - auf kroatischem Territorium, von wo man jedoch jede Schiffsbewegung im Golf von Kotor in Montenegro kontrollieren konnte. Wir haben politisch gesehen sehr viel unternommen, um die bereits aufgenommenen Kämpfe zu stoppen und um den Friedensprozess wieder aufzunehmen, um damit Sicherheit herzustellen und die politische Krise in Ex-Jugoslawien friedlich zu lösen.

Leider verfolgte man damals in Ex-Jugoslawien auch andere Ziele. Ich denke dabei vor allem an die Jugoslawische Volksarmee, die damals nicht nur die Idee verfolgte, durch ihre Aktionen das ehemalige Jugoslawien zu retten, sondern die serbische und montenegrinische Öffentlichkeit mit intensiver Propaganda überschüttete. Selbst heute könnte ich nicht mit Sicherheit sagen, wie viele dieser Informationen überhaupt zutrafen. Von diesen Quellen wurde die montenegrinische Öffentlichkeit tagtäglich mit Meldungen überhäuft, dass Kroatien kurz davor stand, die Bucht von Kotor in Montenegro einzunehmen.

Übrigens behaupteten damals auch manche kroatischen Politiker, dass Kotor historisch zu Kroatien gehöre. Wir bekamen täglich neue Informationen von der Jugoslawischen Volksarmee und ihrem Propagandaapparat, dass sich die kroatische Kriegsartillerie an der Grenze zu Montenegro verschanzt habe, und dass Herzeg Novi im kroatisch-montenegrinischen Grenzgebiet von Kroatien aus mit Granaten beschossen wurde. Diese Atmosphäre erzeugte Druck auf die Montenegriner und auf deren Pflichtbewusstsein, dem Einberufungsbefehl der Jugoslawischen Volksarmee Folge zu leisten.

Man darf nicht vergessen, dass es weder eine montenegrinische Armee noch paramilitärische Einheiten in Montenegro gab. Die Montenegriner waren per Gesetz verpflichtet, der Einberufung der Jugoslawischen Volksarmee zu folgen oder zu riskieren, vor das Militärgericht gestellt zu werden. Man darf aber auch nicht vergessen, dass die Montenegriner - wie ich bereits erwähnt habe - ein Volk mit einer langen kriegerischen Tradition sind. Wir sprechen daher nicht nur von der gesetzlichen, sondern auch von einer moralischen Verpflichtung gegenüber der Jugoslawischen Volksarmee, die von allen, einschließlich meiner Generation, wegen ihrer antifaschistischen und Partisanen-Tradition geachtet wurde. Es war in dieser Anfangsphase einfach unvorstellbar, dass eben diese Volksarmee zum Instrument der Zerstörung einer Gemeinschaft werden sollte, der wir aufrichtig anhingen.

Als Folge all der Manipulationen spielten manche Montenegriner tatsächlich eine unehrenhafte Rolle, was einen Schatten auf die neuere kroatisch-montenegrinische Geschichte wirft. Diese Erkenntnis bestärkte mich, mich öffentlich dafür zu entschuldigen, was Montenegriner in jugoslawischer Uniform - wenn auch irregeführt und manipuliert - Kroatien und seinen Bürgern vor allem in Dubrovnik-Neretva angetan haben. Ich bat in meiner Funktion als damaliger Präsident Montenegros Ende des Jahrhunderts, ich glaube 1999, aber auch 2000 bei einem Treffen mit dem kroatischen Präsidenten Mesic in Cavtat, um Entschuldigung. Ich bin davon überzeugt, dass es zu jener Zeit Manipulationen gab. Die Montenegriner wurden irregeführt und handelten in dem Glauben, die Gemeinschaft zu retten, was sich sehr bald als Irrtum herausstellen sollte.

April 2008

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