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Pristina
Prishtina. Foto: flickr/gjon_gjoni

Prishtina ist die Hauptstadt des neuen Staates Kosovo. Sie ist nicht schön, aber auf jeden Fall eine sehr lebendige Stadt mit ungefähr 250.000 Einwohnern. Vor allem aber ist sie in Hinsicht auf die Bevölkerung eine äußerst junge Stadt. Zwei Drittel der kosovarischen Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt. Die vielen Cafés und Bars sind voller junger Menschen, die ihren Macchiato trinken, oder sie flanieren über den Boulevard Mutter Theresa.

Heute gibt es in Prishtina fast Vollbeschäftigung. Allerdings ist diese zum großen Teil auf die Regierung und die internationale Gemeinschaft zurückzuführen. Die Anwesenheit der UNMIK, der KFOR und anderer internationaler NGOs und diplomatischer Missionen pumpt Geld in die lokale Ökonomie. Restaurants, Cafés und Läden wurden eröffnet, um den Bedürfnissen der Mitarbeiter der internationalen Gemeinschaft und derer, die bei der UN, der EU oder OSZE auf der Gehaltsliste stehen, gerecht zu werden. Der Flughafen von Prishtina ist mit fast einer Million Passagieren im Jahr einer der betriebsamsten der ganzen Region.

Die neuere Geschichte von Prishtina ist gekennzeichnet von abrupten Brüchen. In der Zwischenkriegszeit und in den 1950ern erlebte Prishtina einen Massenexodus seiner türkischsprachigen muslimischen Bevölkerung. Nach dem zweiten Weltkrieg emigrierte der größte Teil der jüdischen Bevölkerung nach Israel. Im Jahr 1999 wurde die albanische Bevölkerung der Stadt als Teil des Planes von Milosevic, den Kosovo ethnisch zu säubern, deportiert. Nach der Niederlage der jugoslawischen Armee im Sommer 1999 verlor Prishtina seine serbische und seine Romabevölkerung, die meisten flohen nach Zentralserbien oder in die mehrheitlich serbischen Dörfer in der Umgebung von Prishtina. Nur sehr wenig ist geblieben von der multikulturellen Vergangenheit.

Die kommunistische Führung hat auch viel dazu beigetragen, das osmanische Erbe der Stadt zu zerstören. Unter dem Motto "zerstöre das Alte, um das Neue zu errichten" wurde der alte Basar, das wirtschaftliche Zentrum der Stadt, niedergerissen. Kirchen und Moscheen wurden zerstört und alle außer einigen wenigen osmanischen Wohnhäusern wurden durch sozialistische Wohnblöcke aus Beton ersetzt. Die sozialistischen Planer verwandelten die Stadt in das Zentrum einer kommunistischen Verwaltung. Es gab in der Stadt auch viele Bergarbeiter, die in den nahe gelegenen Minen arbeiteten und sich in illegal errichteten Häusern ohne jede Infrastruktur nördlich des alten Stadtzentrums ansiedelten. Jobs in der öffentlichen Verwaltung und in den Fabriken zogen Menschen aus allen Teilen des Kosovo an. Während der 1970er und 1980er Jahre verdoppelte sich die Bevölkerungszahl.

In den 1950ern begann sich Prishtinas Hauptfluss, die Vellusha, in einen Abfluss der Stadt zu verwandeln. Die Stadtplaner versagten dabei, ein angemessenes Abwassersystem einzurichten und entschieden sich deshalb einfach dafür, den Fluss ganz abzudecken. Die Gefahr von wiederkehrenden Überflutungen und der Gestank der Exkremente bewog die Gemeinderatsverwaltung dazu, auch noch den zweiten Fluss, die Prishtina, abzudecken. Obwohl Prishtina sein erstes System zur Wasserreinigung bereits 1946 erhielt, wurden die notwendigen Filter niemals eingebaut. Noch heute fließen deswegen die Abwässer der Stadt ungefiltert in den Fluss Sitnica südlich von Prishtina.

Für den Rockmusiker Migjen Kelmendi sind die verdeckten Flüsse von Prishtina eine Symbol der versteckten Identität. Seine Rockband, die Spuren, komponierte ein Lied über die ‚Stadt ohne Fluss‘. Vor kurzem schrieb Kelmendi ein Buch zu diesem Thema. Dabei dienen die versteckten Flüsse zum einen als Methapher für die Arroganz der kommunistischen, zum anderen erinnern sie daran, wie trügerisch Ansichten sein können. Prishtina ist eine Stadt der Geheimnisse, eine Stadt die interessanter ist, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag.

Grand Hotel Prishtina
"Grand Hotel Prishtina"

Für einen Einwohner von Prishtina, wie auch für den beiläufigen Besucher, ist dies tatsächlich eine Stadt der Geheimnisse. Es ist schwer etwas herauszufinden, sowohl über die nähere Vergangenheit, als auch über die Gegenwart der Stadt. Es gibt nur einige wenige historische Monumente, und die, die noch existieren, sind oft vor den Blicken versteckt. Es gibt an diesen Gebäuden weder Zeichen noch irgendwelche Hinweise, die auf ihre historische Wichtigkeit hinweisen. Archive sind verloren gegangen, verbrannt oder schwer zugänglich. Auf der offiziellen Internetseite der Gemeinde hat Prishtina, außer ihrer weit zurückliegenden illyrischen Vergangenheit, keinerlei Geschichte. Es gibt dort kaum ein Wort über die Zeit der Osmanen, noch gibt es irgendwelche Hinweise auf Bücher über Prishtina, die man in Buchläden finden könnte. Die reiche und bunte Vergangenheit eines der ältesten städtischen Zentren der Region, jetzt eine der jüngsten Hauptstädte Europas, bleibt versunken wie ihre Flüsse.

May 2008

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