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Dont come too close I would also like to have Mercedes like you
"Kommen Sie nicht zu nahe, ich möchte auch einen Mercedes wie Sie haben".
Foto: flickr/Berat

Gegenwärtige Debatten im Kosovo verfehlen das vermutlich wichtigste Entwicklungsproblem, dem sich das Land heute gegenüber sieht. Das hat zur Folge, dass eine der destabilisierendsten Veränderungen, die den Kosovo auf Generationen hinaus prägen wird, nämlich das Ende der Ära der Massenauswanderung, Gefahr läuft, von den Verantwortlichen für Stabilität und Wohlstand im Kosovo völlig übersehen zu werden.

Die Auswanderung von Kosovoalbaner nach Westeuropa spielte sich in drei Wellen ab. Die erste, in den späten 1960ern und frühen 1970ern, bestand zumeist aus ungelernten Gastarbeitern aus den ländlichen Gebieten. In der zweiten Welle, in den 1980ern und den frühen 1990ern, wanderte die besser ausgebildeten Fachkräfte aus den städtischen Gebieten des Landes aus. Der letzte Exodus von Kosovaren, zumeist Flüchtlinge und Asylsuchende, fand während des Kosovokrieges zwischen 1998 und 1999 statt. Man schätzt, dass die Diaspora heute 550.000 Menschen zählt. Fast drei Viertel davon leben in Deutschland, in der Schweiz und in Serbien.

Weder die Zahl der Arbeitsplätze noch die Menge an verfügbarem Land hat in den letzten Jahrzehnten mit der wachsenden Bevölkerungszahl des Kosovo Schritt halten können. Für viele war die Auswanderung die einzige Hoffnung, um aus der Armut ausbrechen zu können. Teile des Kosovo waren wegen ihrer Wanderarbeiter über Jahrhunderte bekannt, und die Migration war in Sprichwörtern, Liedern und Gedichten gleichbedeutend mit Leiden: "Möge Gott dem Ersten auf dem Pfad der Wanderung niemals Frieden geben!" Ein Gedicht drückt es so aus:

Der Vater ist ein Fremder im eigenen Haus,
verflucht seist du, schwarze Auswanderung!
Ein Kind um das andere wird geboren,
aber kein Vater, den man rufen könnte.

Die Auslandsüberweisungen, die Migranten an ihre Verwandten im Kosovo senden, haben geholfen, den Bauboom anzuheizen und die Zahl kleiner Unternehmen, wie Kaufläden, Cafés, Taxen, Autowerkstätten und Tankstellen zu erhöhen. Aber sich allein auf Überweisungen zu verlassen, bringt noch keine Entwicklung. Tatsächlich ist das ländliche Kosovo in einem Teufelskreis der Unterentwicklung und der Migration gefangen. Die amerikanische Volkswirtschaftlerin Jane Jacobs untersuchte "von Arbeitern verlassene Regionen" und argumentiert, dass der Beitrag von Finanztransfers zur Entwicklung marginal ist. Nach der Analyse früherer Wellen jugoslawischer Arbeitsmigranten bemerkte sie, dass

"Finanztransfers Armut in verlassenen Gebieten lindern, solange sie andauern. So wie jede Form von Transferzahlungen aus reichen in arme Gebiete Armut lindert, solange sie andauern. Dies ermöglicht Menschen und Institutionen Importe, auf die sie sonst verzichten müssten, doch das ist alles, was sie bewirken… Sie tun nichts, um Stagnation in Entwicklung umzuwandeln."

Die hohe Abhängigkeit von Auslandsüberweisungen hat außerdem dazu beigetragen, dass Europas älteste und konservativste Institution überlebte: der traditionelle, patriarchalische Haushalt.

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Migration und Auslandsüberweisungen. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Während also Auslandsüberweisungen kein Ersatz für wirkliches Wachstum sein können, stellten sie doch, solange sie anhielten, ein Rettungsseil dar, das die ländlichen Familien über der Armutsschwelle hielt. Das Ende des Krieges und Änderungen in der Einwanderungspolitik in den wichtigsten Gastländern wie Deutschland hat der Migration aber ein abruptes Ende bereitet. Seit 1999 sind mehr Menschen in den Kosovo zurückgekehrt – freiwillig oder mit Gewalt – als im selben Zeitraum das Land verlassen konnten.

Während 1999 noch 30% aller kosovarischen Haushalte Transfers in Bargeld oder in Sachgütern von Verwandten aus dem Ausland erhielten, ist diese Zahl im Jahr 2006 auf 15 Prozent gefallen. Die geschätzte Höhe von Auslandsüberweisungen fiel von 166 Millionen Euro im Jahr 2003 auf 123 Millionen Euro im Jahr 2004.

Die Ära der Massenmigration nähert sich ihrem Ende, obwohl sich die Struktur der Wirtschaft weder verändert hat, noch irgendein nachhaltiger Entwicklungszyklus entstanden wäre.

Es ist paradox, dass die Mitgliedsstaaten der EU hunderte von Millionen Euros in die Stabilisierung des Kosovo investieren, und im gleichen Augenblick das Tor für weitere Migration durch verschärfte Visabestimmungen und Regeln für Arbeitsmigration schließen.

Wenn junge Kosovaren nicht mehr in der Lage sind, als Arbeitsmigranten nach Europa zu kommen, wird sich die Krise im ländlichen Raum des Kosovo verschärfen. Und das wahrscheinliche Ergebnis wird ernstzunehmende Instabilität sein.

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Die Notwendigkeit weiterer Arbeitsmigration. © 2008 pre tv. All rights reserved.

May 2008

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