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Mass-exodus
Während der Krise von 1990 bis 1992 versuchten Albaner mit allen Mitteln, das Land zu verlassen.
Foto: AP

"Albaniens Auswanderungsstrom seit den frühen 90er Jahren war fünfmal höher als der durchschnittliche Migrationsstrom aus Entwicklungsländern."

(Migration Policy Institute)

Die Bürger Albaniens hatten bis zum Mai 1990 kein Recht auf Reisedokumente. Diese Regelung galt bis zur Revision des Strafrechts, nach dem das Verlassen des Landes offiziell mit Hochverrat gleichgestellt war. Nichts bereitete Albanien und seine Nachbarstaaten auf den Massenexodus vor, der der Lockerung an den Grenzen folgte.

Der Exodus begann, als im Juli 1990 ca. 400 Albaner über die Tore der italienischen und deutschen Botschaften in Tirana kletterten. Tausende folgten ihrem Beispiel. Im selben Monat wurde das erste Schiff im Hafen von Durres gekapert, um Menschen nach Italien zu bringen. Es kam zu Kämpfen zwischen Sicherheitskräften und denen, die das Land verlassen wollten. Andere machten sich zu Fuß auf den Weg, die Berge Griechenlands zu überqueren. Überall brachen die albanischen Grenzübergänge zusammen, die die Menschen am Verlassen des Landes hätten hindern sollen.

Das Auswandern unter diesen Bedingungen war nicht ungefährlich. Einige ertranken im Meer, andere erfroren in den Bergen oder wurden von den griechischen Grenzpatroullien erschossen. Tausenden wurden verhaftet und aus Griechenland abgeschoben, um dann gleich wieder den Grenzübertritt zu versuchen. Die Behörden hatten längst keine Kontrolle mehr über die Lage. Unter den damaligen Umständen wurden keine genauen Zahlen ermittelt, aber eine Schätzung darüber, wie viele Albaner zwischen 1990 und 1992 das Land verließen, liegt bei 200.000 bis 300.000 - fast 10 Prozent der Bevölkerung.

Die Abwanderung setzte sich auch noch danach fort. Nach Angaben des amerikanischen Migration Policy Institutes, verließen zwischen 1993 und 1996 noch einmal so viele Menschen das Land. Nach dem Zusammenbruch der Pyramidenspekulationen im Jahr 1998 gab es einen neuen Abwanderungsschub von ungefähr 70.000 Menschen in nur wenigen Monaten. Insgesamt leben geschätzte 900.000 Albaner im Ausland, das sind 25 Prozent der gesamten albanischen Bevölkerung von 1991. Das entspricht mehr als einem Drittel der gesamten arbeitsfähigen Bevölkerung Albaniens. Die meisten davon leben heute im benachbarten Griechenland (600.000) oder in Italien (200.000).

"In der Zeit von 1990 bis 2003 wanderten schätzungsweise 45 Prozent aller Professoren und Wissenschaftler der Universitäten und Forschungsinstitute aus. Mehr als 65 Prozent aller Doktoranden erhielten zwischen 1980 und 1990 einen Abschluss im Westen. Tausende Hochschulabsolventen verließen ebenfalls das Land. Die meisten nahmen ihre Familienmitglieder gleich mit.

Diese Entwicklung verursachte soziale und auch ökonomische Kosten für Albanien. Denn hochqualifizierte Emigranten, in den USA oder Kanada, nehmen viel Geld mit, was einen Nettoexport von Kapital darstellt. Es bedeutet aber auch einen Verlust von Menschen, die potentielle Führungspersönlichkeiten und heimische Investoren darstellten und die Stabilität und die Entwicklung Albaniens vorangebracht hätten.

Darüber hinaus beweisen Studien, dass die Auswanderer, viele von ihnen sehr gut ausgebildet, danach im Ausland oft nicht im Feld ihrer Spezialisierung arbeiten - insgesamt 74 Prozent in Griechenland, 67 Prozent in Italien, 58 Prozent in Österreich und 70 Prozent in den USA. Und weil nur wenige Akademiker und andere gut ausgebildete Migranten eine Arbeit in ihrem Spezialgebiet gefunden haben, stellt Albaniens Abwanderung von Gebildeten eine Verschleuderung von Humankapital dar." (Migration Policy Institute)

Auf der anderen Seite aber erbrachte die umfangreiche albanische Diaspora einen wichtigen Beitrag zu Albaniens derzeitiger ökonomischer Leistung. Das Migration Policy Institute berichtet von einem Anstieg der Überweisungen von 377.9 Millionen US-Dollar im Jahr 1994 auf 780 Millionen US-Dollar im Jahr 2003. Die Weltbank schätzt sogar, dass die Überweisungen aus dem Ausland knapp 13 Prozent des albanischen Bruttosozialproduktes ausmachen (das entspricht ca. 1,3 Milliarden US-Dollar).

May 2008

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