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Albanian anarchy in 1997
Die albanische Anarchie von 1997

Am Anfang von Albaniens Wandel zur Demokratie stand Anarchie; am Ende, 1997, beinahe der Zusammenbruch des gesamten Staates. Obwohl das Land nicht wie andere ex-jugoslawische Republiken in einen militärischen Konflikt hineingezogen wurde, war dieser Zusammenbruch eine traumatische Erfahrung. Remzi Lani, ein erfahrener Journalist, resümiert über 1997: 'Das einzige, was schlimmer ist als Diktatur, ist Anarchie.'

In den ersten Jahren seit 1990 wurde der kommunistische Staat aufgelöst und dessen vier Jahrzehnte lang andauernde Politik aufgegeben. Im April 1990 erklärte der damalige kommunistische Führer Ramiz Alia seine Bereitschaft, Beziehungen zu Amerika und zur Sowjetunion aufzunehmen. Die Regierung beendete das Monopol auf internationalen Handel und öffnete im April 1990 die Wirtschaft für Außenhandel. Im Dezember 1990 fällte das Zentralkomitee der Albanischen Arbeiterpartei (APL) den wegweisenden Beschluss, ein Mehrparteiensystem einzuführen.

Diese Veränderungen fielen in eine Zeit gewaltiger Proteste und der Flucht von tausenden Albanern. Im Februar 1991 gingen hunderte Studenten und Mitarbeiter der Enver Hoxha Universität in Tirana in Hungerstreik und verlangten die Universität nicht länger nach dem Diktator zu benennen. Am 20 Februar 1991 wurde die zehn Meter hohe Enver Hoxha Statue auf dem Skanderbeg Platz von einer großen Menge von Demonstranten umgestürzt. Dennoch gewann die APL bei den ersten Mehrpartei-Wahlen im Frühjahr 1991 zwei Drittel der Sitze. In der Folge wurde Alia erneut zum Präsident gewählt und beauftragte eine Kommission mit dem Entwurf einer neuen Verfassung. Die Proteste hielten an.  Als Gewerkschaftsverbände einen Generalstreik ausriefen stürzte die Regierung.  Bei Neuwahlen im März 1992 gewann die Demokratische Partei. Ihr Vorsitzender Sali Berisha trat kurz darauf die Nachfolge von Präsident Ramiz Alia an.

Unter Berisha wurden weitreichende Reformen des Wirtschaftssystems umgesetzt. Es folgte eine Privatisierung der meisten Unternehmen. Ungefähr 30.000 kleine Betriebe wurden bis April 1997 privatisiert (Albanian SAI).  Die Reformen erstreckten sich auch auf genossenschaftliche und staatliche Landwirtschaftsbetriebe. 220,000 staatliche Wohnungen wurden privatisiert (Seelegal). Albanien öffnete sich für den Außenhandel. Gleichzeitig nahmen Schmuggel, Korruption und Steuerhinterziehung dramatisch zu. Ein WHO Bericht beschrieb die Situation wie folgt:

"Bestechung war im gesamten Zollsystem allgegenwärtig. Italienische Soldaten berichteten, dass Zollbeamte, die zuvor Container mit Hilfslieferungen aus Italien untersucht hatten, den Hafen von Durres - ihre Taschen vollgestopft mit Nahrungsmitteln – verließen. Ranghohe Regierungsbeamte mussten zurücktreten, nachdem aufgedeckt wurde, dass sie 1.000 Tonnen Speiseöl, eine Hilfslieferung aus Italien, nach Griechenland geschmuggelt hatten."

Trotz mangelnder Gesetze verzeichnete Albanien in den ersten Jahren nach dem Umbruch ein schnelles Wirtschaftswachstum, obwohl im Nachhinein betrachtet viele der offiziellen Statistiken verdächtig erscheinen. Die Arbeitslosenrate, die Ende 1992 noch bei 26% lag, war bis 1996 auf 12% gesunken (World Bank). Das reale BIP, stark gesunken im Jahr 1991, stieg zwischen 1993 und 1996 (WDI 2003) jährlich um 9%. Die Weltbank lobte Albanien für seine Wirtschaftsreformen.

Doch zwischen Ende 1996 und Anfang 1997 wurde das Land erneut von einer schweren wirtschaftlichen und politischen Krise getroffen. Bei Parlamentswahlen im Juni 1996 gewann die Demokratische Partei Berishas mehr als 85 % aller Sitze. Die Mehrheit der Opposition boykottierte die Wahlen und warf der Demokratischen Partei Wahlbetrug vor. Eine Protestkundgebung wurde von der Polizei aufgelöst. Ausländische Kommentatoren sprachen damals von den problematischsten Wahlen der jüngeren europäischen Geschichte. Gleichzeitig begann eine schwere Wirtschaftskrise. Viele Albaner, naiv was das Funktionieren einer Marktwirtschaft betraf, verfielen der Verlockung in Firmen zu investieren die enorm hohe Renditen versprachen. Sie investierten ihre gesamten Ersparnisse. Als diese Pyramiden im Frühjahr 1996 zusammenbrachen, kam es zu einem Aufruhr in der Bevölkerung.

"Das Pyramidenschema in Albanien war ein besonderes Phänomen wegen seines beispiellosen Ausmaßes im Verhältnis zur Größe der Wirtschaft, und weil der Kollaps des Pyramidenschemas tiefgreifende politische und soziale Konsequenzen hatte. Der nominale Wert der Belastungen des Pyramidenschemas betrug auf dem Höhepunkt der Krise die Hälfte des BIP von Albanien. Viele Albaner – 2/3 der Bevölkerung – hatten darin investiert. Als die Pyramidenschemen zusammenbrachen, kam es zu unvermeidlichen Unruhen, die Regierung trat zurück. Das Land verfiel der Anarchie und war am Rande des Bürgerkrieges, in dem 2.000 Menschen starben."

Die Unruhen wurden stärker. Der Ärger der Demonstranten richtete sich vor allem gegen die Regierung, die für den Verlust ihrer Ersparnisse verantwortlich gemacht wurde. Millionen von Kalaschnikows und andere Waffen wurden aus Polizeistationen und Kasernen gestohlen. Als Milizen die Kontrolle über mehre Städte übernahmen, brach Chaos aus. Der Süden, vor allem die Küstenstadt Vlora, wurde zum Zentrum gewaltsamer Unruhen. Auch in Tirana brach der Staatsapparat zusammen.

Präsident Berishas erste Reaktion auf die Krise war, seine eigene Macht auf die Justiz, den Geheimdienst und die Medien auszudehnen:

"Die Regierung rief den 'Allgemeinen Ausnahmezustand' am 3. März (1997) aus, unter Berufung auf die Gesetzgebung der kommunistischen Zeit. Diese war vorgesehen, um das Land vor militärischen Angriffen aus dem Ausland zu schützen. Die Notstandgesetze gaben der Regierung die drakonische Macht, per Dekret zu regieren, und die Armee gegen interne Opposition einzusetzen. Auch übernahm sie die Kontrolle über die Medien […]

Am 4. März plünderten Anhänger von Berisha das Büro von Koha Jone, damals die wichtigste Oppositionszeitung, während das Parlament Berisha für eine weitere fünfjährige Legislaturperiode zum Präsidenten wählte. SHIK Einheiten in schwarzen Lederjacken durchstreiften die Hauptstadt bei Nacht, bereit auf jeden zu schießen, der sich nicht an die Ausgangssperre hielt."

(Vickers/Pettifer 2007)

Da die Gewalt andauerte sah sich Berisha gezwungen seine Macht zu teilen. Am 1. März 1997 wurde die Regierung aufgelöst und durch eine Regierung der nationalen Einheit mit einem Premierminister der Sozialistischen Partei ersetzt.

Am 28. März stimmten die Vereinen Nationen der Entsendung von 7.000 Truppen zur Wiederherstellung der Stabilität unter Führung Italiens zu. Ganz langsam kehrte das Land zur Normalität zurück. Für Juli 1997 wurden vorgezogene Wahlen ausgerufen. Die DP verlor die Wahlen und ihr Vorsitzender Berisha legte das Amt des Präsidenten ab. Die chaotische erste Phase des albanischen Wandels hatte ihr Ende erreicht.

May 2008

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