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MJAFT! headquarters in Tirana
Das MJAFT! Büro in Tirana

Proteste sind ein wiederkehrendes Phänomen der letzten zwei Jahrzehnte in der albanischen Geschichte. Im Dezember 1990 gab es Zusammenstöße zwischen Studenten und Polizisten. Daraufhin kam es zu Aufständen in den Städten im Norden - ein Indiz dafür, dass das Gewaltmonopol des kommunistischen Staates bröckelte. 1997 wurden nach dem Zusammenbruch der Pyramidenspekulationen Millionen Kalaschnikows und andere Waffen aus Armeedepots geplündert. Tausende Menschen wurden getötet und eine internationale  Friedenssicherungstruppe unter Führung Italiens marschierte ein. Im September 1998 kam es nach der Ermordung des Politikers Azem Hajdari von der Demokratischen Partei erneut zu gewaltsamen Demonstrationen. Das Parlament wurde gestürmt und der Premierminister Fatos Nano flüchtete ins Ausland.

Ein sichtbares Zeichen von Veränderung der letzten Jahre in Albanien war eine Abwendung von der Kultur des gewaltsamen Protestes. Das beste Beispiel dafür ist der Aufstieg von MJAFT! (GENUG!), einer Jugendbewegung, die 2002 gegründet wurde. MJAFT! wurde von vier jungen Albanern aufgebaut: Endri Fuga, Marinela Lika, Arbjan Mazniku und Erion Veliaj. Auf Kurzurlaub während der Weihnachtsferien saßen Endri und Erion mit ihren Freunden in einem Café, als sie auf die Probleme Albaniens zu sprechen kamen. Die Gruppe kam zu dem Schluss, dass Apathie und der damit einhergehende Zynismus normaler Bürger über die Unfähigkeit, ihre Lage zu verändern, den größten Mangel in der albanischen Gesellschaft darstellten. Und sie entwarfen das Symbol für MJAFT – ein roter Handabdruck auf schwarzem Grund.

Dies geschah während der Regierungsjahre des sozialistischen Premierministers Fatos Nano. Dem Zusammenbruch des Staates 1997 und der Kosovo-Flüchtlingskrise war eine Normalisierung der Lebensbedingungen gefolgt. Doch wegen Korruption und einer unfähigen Regierung breitete sich ein wachsender Zynismus aus. MJAFT! war eigentlich als eine viermonatige Kampagne gedacht, die alle zwei Wochen ein anderes Thema in den Vordergrund stellen sollte - acht Themen insgesamt. Das Ziel war, gegen die Apathie der Bürger anzugehen, Albaniens Probleme aufzuzeigen und die Regierung zu zwingen, sich mit diesen auseinander zu setzen. Zu jedem Thema gab es ein eigenes Poster, einen eigenen TV- und Radio-Spot und eine Reihe von Aktionen, wie Demonstrationen, Straßentheater und Anhörungen in Rathäusern, Marathons, Talkshows und anderen öffentliche Ereignisse. Finanziert wurde die Kampagne von der holländischen Regierung.

MJAFT! in action
MJAFT! in Aktion

Die Kampagne begann mit dem Aufruf, sich von Missmanagement und fortschrittshemmender Apathie zu distanzieren, und erregte viele Emotionen. MJAFT-Anzeigen, wie die einer Frau mit dem Slogan "In Albanien werden Frauen verprügelt", wurden zu Gesprächsthemen in Schulen, Cafés und in Talkshows.

In den folgenden Jahren entwickelte sich MJAFT von einer kleinen Bewegung zu einer mit 8.000 Mitgliedern, 1.000 Freiwilligen, und Zweigstellen in 18 Städten Albaniens. Die Organisation verkörperte die Hoffnung, dass sowohl die Unruhen als auch die Apathie der 90er Jahre endlich vorbei waren. Die Kampagnen nahmen immer mehr Gestalt an und langsam wurde aus MJAFT eine richtige Organisation. Heute ist sie die größte Jugendorganisation von Albanien.

MJAFT! beschäftigte sich mit einer Reihe unterschiedlicher Themen. Sie reichten von Gewalt gegen Frauen bis zur Pressefreiheit, Menschenhandel und Straßensicherheit. Man brachte einen Esel – in Albanien das Symbol für Ignoranz – in das Parlament und rief zur Erhöhung des Bildungsbudgets auf. Die Organisation deckte Missmanagement und Korruption auf und konfrontierte Politiker und Beamte mit einer aufmerksameren und lautstarken Öffentlichkeit. MJAFT! führte professionelle Wahlanalysen und parallele Live-Tabellen der Wahlergebnisse in Albanien ein. Ein anderes Projekt ist das andauernde Monitoring des Parlaments, das täglich auf der Website www.unevotoj.com ("ich wähle") stattfindet und das die Anwesenheit von Mitgliedern des Parlaments, ihr Stimmverhalten, die Veröffentlichung ihres Vermögens und die Einhaltung der parlamentarischen Regeln und Prozeduren überwacht.

MJAFT! in action
MJAFT! in Aktion

Die Aktionen von MJAFT! war oft humorvoll – so stellte man leere Stühle für arbeitsscheue Stadträte von Korca auf oder machte sich über inkompetente Regierungsbeamte in Tirana mit Bauschildern - "Vorsicht, (keine) Arbeiten in Gange" - lustig. Diese Art des Protestes war oft erfolgreich und führte in manchen Fällen auch zum Rücktritt von Ministern. Wie Arbjan Mazniku, einer der MJAFT! - Gründer erklärt:

"In Albanien bedeutete Protest entweder die Forderung nach dem Sturz des Regimes oder der Regierung. Oft genug äußerte er sich gewaltsam. Protest war auch 'totalitär' – die Leute kamen nur in riesigen Mengen auf die Straße und forderten die vollständige Lösung ihrer Probleme. MJAFT hat den Wandel der Mentalität beeinflusst: hin zu friedlichen, oft lustigen oder sarkastischen Protesten zu konkreten Themen. Die Bedeutung der Botschaft ersetzte die Bedeutung von Menschenmengen."

So erklärt es Ina Lika von MJAFT:

"MJAFT scheint Teil einer natürlichen Entwicklung in unserer Gesellschaft zu sein. In den späten 80er und frühen 90er Jahren lernten wir, wie man zu Freiheit und Demokratie gelangt. Die nächsten zehn Jahre haben uns klargemacht, dass es genauso schwer ist, Demokratie zu erhalten – eine harte Lektion, die wir 1997 gelernt haben. Jetzt befinden wir uns in einer neuen Ära, nämlich die der Stärkung und Entwicklung von Demokratie. Insofern ist MJAFT für die albanischen Bürger ein Schritt vorwärts. Es ist Zeit, den Bürgern Macht zu verleihen, damit sie Wege finden, sich zu organisieren und ihre eigene Zukunft zu gestalten."

May 2008

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