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Kicevo's main boulevard
Hauptstraße durch Kicevo. Foto: Wikipedia/Zero

Kicevo ist eine Stadt mit 30.000 Einwohnern im Westen Mazedoniens. Ethnische Mazedonier stellen mit 53,5 Prozent die Mehrheit der Bevölkerung, während ethnische Albaner eine signifikante Minderheit von 30,5 Prozent ausmachen (Volkszählung von 2002). Jahrzehnten von friedlicher Koexistenz folgend, blieb Kicevo trotz der ethnischen Vielfalt während des Konfliktes von 2001 friedlich. Die unterschiedlichen sozioökonomischen Muster der zwei ethnischen Gruppen in Kicevo illustrieren allerdings die strukturellen Gründe, die dem bewaffneten Konflikt von 2001 zugrunde liegen.

Die jugoslawischen Kommunisten hatten eine bewusste Urbanisierungspolitik verfolgt. Damit einher ging die Schaffung von vielen industriellen Zentren. Die Bevölkerung der kleinen Stadt Kicevo explodierte, als Arbeiter von den umliegenden ländlichen Gebieten nach Kicevo kamen, um in den neuen sozialistischen Industriebetrieben zu arbeiten. Die Stadt wurde dann auch Sitz von einigen öffentlichen Institutionen wie Außenstellen von Ministerien, Kommunalbetrieben, Schulen und einer 4.000-Mann Kaserne. Diese Institutionen boten weitere Jobmöglichkeiten für ausgebildete Mazedonier.

Die Albaner der Region hatten größtenteils keinen Zugang zu diesen Arbeitsplätzen in Kicevos Industrie und im öffentlichen Sektor. Die neuen Mittelklasse-Mazedonier schauten aufgrund ihres vergleichsweise niedrigen Bildungsniveaus auf sie herab. Die meisten Albaner der Stadt, und insbesondere der umliegenden Dörfer, konnten nicht mehr als die 8-jährige Grundschule vorweisen. Weil Mazedonisch als Unterrichtssprache an den Sekundärschulen und Universitäten dominierte, waren die Albaner eindeutig benachteiligt.

Weil der Weg zur Arbeit in Industrie und Verwaltung so schwierig war, sind viele ethnischen Albaner emigriert, um im Ausland Arbeit zu suchen. Die Finanztransfers dieser Migranten wurden zu einer wichtigen Einkommensquelle für albanische Familien in Kicevo. Konservative Schätzungen der Summe dieser Finanztransfers im Jahr 2002 belaufen sich auf 16 Millionen Euro – mehr als die Summe der Gehälter aller in der ehemals verstaatlichten Industrie und im öffentlichen Sektor beschäftigten ethnischen Mazedonier. Die Migranten kurbeln auch die lokale Wirtschaft an, wenn sie in den Sommermonaten nach Hause kommen und die Einkommen der kleinen albanischen Geschäfte hochschnellen lassen. Viele heiraten in der Heimat – ein Phänomen, welches im albanischen Teil der Stadt Hochzeitskleidergeschäfte und spezielle Hochzeitshallen aus dem Boden springen ließ.

Der Kollaps des sozialistischen Jugoslawiens bedeutete, dass Kicevos Industriebetriebe einer neuen wirtschaftlichen Umgebung ausgesetzt waren, in der sie nicht konkurrenzfähig waren. Der wirtschaftliche Übergang hat einen schmerzlichen Prozess der De-Industrialisierung eingeleitet. Von 6.600 Arbeitsplätzen in der sozialistischen Industrie im Jahr 1989 sind im Jahr 2002 nur noch die Hälfte übrig geblieben. Weitere 465 Arbeitsplätze gingen bis 2006 verloren. Da einige Firmen vom Bankrott bedroht und viele überbesetzt und ineffizient sind, wird sich diese Entwicklung wahrscheinlich noch fortsetzen. Die Entwicklung des Privatsektors – Schlüsselelement jeder Transition – blieb weitgehend aus. Zwischen 2002 und 2005 war eine kleine Baufirma der einzige Betrieb mit mehr als 10 Arbeitern, der neu gegründet wurde. Alle der vier größeren Privatbetriebe, die vor 2002 schon existierten, waren drei Jahre später in finanziellen Schwierigkeiten.

Die ethnischen Mazedonier werden am härtesten von Kicevos De-Industrialisierung getroffen. Die Albaner hatten die meiste Zeit schon keinen Zugang zu diesen Jobs und wurden von Geldsendungen von Familienmitgliedern aus dem Ausland abhängiger als von offizieller Arbeit zu Hause. Für die ethnischen Mazedonier war der Weg in die Arbeitsemigration schwieriger, teilweise weil sie nicht auf ein starkes Netzwerk im Ausland zurückgreifen konnten, das weitere Emigration ermöglicht hätte. Der Niedergang der Industrie ließ den Mitteklassefamilien Kicevos einen letzten Ausweg – den öffentlichen Dienst. Das ist der Grund, warum eine der zentralen Bestimmungen des Ohrider Abkommens, "gerechte Repräsentation" im öffentlichen Sektor, unter ethnischen Gruppen in Kicevo ein sehr sensibles Thema ist.

Im Jahr 2001, als das Ohrider Abkommen unterzeichnet wurde, waren Albaner in den in Kicevo vorhandenen staatlichen Institutionen noch stark unterrepräsentiert. Abgesehen vom Schulwesen, in dem aufgrund der notwendigen Sprachkenntnisse die Beschäftigungslage ausgeglichen war, waren nur ungefähr 15 Prozent der Arbeitsstellen im Gebiet von Kicevo von Albanern besetzt, obwohl der Bevölkerungsanteil der Albaner 50 Prozent ausmacht. In Kicevo-Stadt lag diese Zahl unter 10 Prozent. Diese Ungleichheit durch die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze in der Verwaltung (die ohnehin schon zahlreich waren) auszugleichen war aufgrund finanzieller Beschränkungen nicht möglich. Arbeitsplätze für Albaner im öffentlichen Sektor mussten also auf Kosten der wirtschaftlich schon stark unter Druck stehenden ethnischen Mazedonier geschaffen werden.

Unter einigen Gesichtspunkten ist Kicevo eine Erfolgsgeschichte. In den Jahren seit dem Ohrider Abkommen ist der Prozentsatz von Albanern in der öffentlichen Verwaltung signifikant gestiegen. Im Jahr 2002 waren drei wichtige administrative Funktionen in Kicevo mit Albanern besetzt. Im Herbst 2005 waren es über 20. Die Zahl der Albaner, die nun für die Polizei, das Krankenhaus und die Schulen arbeiten, ist gewachsen, obwohl die Gesamtzahl der Beschäftigten in diesen Institutionen gesunken ist. Diese Veränderungen sind schmerzlich für die wirtschaftlichen Perspektiven der ethnischen Mazedonier, aber größere öffentliche Proteste blieben aus.

Die wirtschaftliche Zukunft Kicevos sieht schlecht aus. Der langsame Niedergang der sozialistischen Industrie konnte nicht durch einen neuen, dynamischen Privatsektor kompensiert werden. Emigration, traditionell eine Art Sicherheitsventil für Massenarbeitslosigkeit und eine wichtige Einkommensquelle, ist aufgrund der Immigrationspolitik der EU weit schwieriger geworden. Die Geldzahlungen der albanischen Diaspora haben allgemein nicht zu produktiven Investitionen geführt. Nur wenn Kicevos ethnische Gruppen neue positive Perspektiven teilen können, statt über die Aufteilung von Überresten aus der sozialistischen Zeit zu murren, werden die strukturellen Gründe für den Konflikt von 2001 gelöst sein.

May 2008

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