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Textile factory in Stip
Textilfabrik in Stip

Im allgemeinen Abwärtstrend der 1990er Jahre bildete Mazedoniens Textilsektor keine Ausnahme. Die Beschäftigung im Textil- und Bekleidungssektor, der traditionell eine der Hauptindustrien Mazedoniens darstellte, sank von 64.000 im Jahr 1989 auf 26.000 im Jahr 2002 (CRPM). Doch in den letzten Jahren ist es genau diese Industrie, die gewachsen ist und Jobs geschaffen hat. Das Auftreten von kleinen privaten Textilunternehmen in Orten wie der ostmazedonischen Stadt Stip ist eine vielversprechende Entwicklung, die die Hoffnungen bestärkt, dass die mazedonische Wirtschaft ihre hohe Arbeitslosigkeit und das langsame Wachstum, die dem Zusammenbruch der Industrie der sozialistischen Ära nachfolgten, überwinden kann.

Heute sind die Textil- und die Bekleidungsindustrie der größte industrielle Sektor in Mazedoniens Wirtschaft. Sie tragen 21 Prozent zum industriellen Bruttosozialprodukt bei, machen 30 Prozent der industriellen Beschäftigung aus, und erwirtschaften 33 Prozent des Industrieexports (SIPPO 2003). Im Jahr 2003 trugen die Textil- und die Bekleidungsproduktion mit 12,5 Prozent zum mazedonischen Bruttosozialprodukt bei. Die Produktion ist weit über das Land verteilt mit Textilfabriken in praktisch jeder größeren Gemeinde.

Der größte Teil der Bekleidung, die in Mazedonien produziert wird, geht in den Export – 90 Prozent nach einer Information der Mazedonischen Wirtschaftskammer. Vieles an dieser Produktion ist "outward processing". Große internationale Markennamen wie Gap, Levis, JC Penney oder Tommy Hilfiger entwerfen die Kleidungsstücke, finden dann aber Subunternehmer, die eigentlich nur noch das "Nähen und Sticken" übernehmen. Der internationale Wettbewerb für solche Bestellungen ist intensiv und hat schon zur mehrmaligen weltweiten Verlagerung der Produktionen geführt. Das betrifft besonders die "leichte Bekleidung" wie T-Shirts, Hemden und Blusen, die wenig qualifizierte Arbeit benötigt und mit niedrigen Fixkosten arbeitet. Die meisten Textilfirmen in Mazedonien sind in solchen "ausgelagerten Fertigungen" aktiv, weswegen sie sich auch ziemlichen Risiken ausgesetzt sehen. Niedrigere Arbeitskosten in anderen Teilen der Welt können die großen Markenproduzenten und Versorger dazu bringen, dass sie ihre Produktion umsiedeln – sei es nach Kambodscha, Vietnam oder nach Moldawien. Dies bedeutet aber auch, dass die Profitraten und die Löhne in Mazedoniens Bekleidungsfirmen niedrig sind. Der typische Monatsverdienst eines Textilarbeiters liegt mit 150 Euro deutlich unter dem, was Textilarbeiter in sozialistischer Zeit verdienten.

Um Schwachstellen zu reduzieren und Profite und Löhne anzuheben, besteht ein Weg für Textilunternehmen darin, die Wertschöpfungskette anzuheben zu intelligenteren Produkten bzw. eigenen Marken. "Schwere" Kleidung wie Jacken, Mäntel und Arbeitsbekleidung erfordern höhere Transportkosten, mehr an ausgebildeter Arbeitskraft und größere Kapitalinvestitionen. Derartige Produktion wird viel seltener beim geringsten Anlass umgesiedelt. Aber zurzeit spezialisieren sich wenige Bekleidungsfertiger auf "schwere Bekleidung" (CRPM).

Die größten Profite in der Bekleidungsindustrie machen Firmen, die Bekleidung unter ihrem eigenen Label absetzen können. Doch das verlangt mehr Kapital und größeres Knowhow in Design, Marketing und im Verkauf. Die erfolgreichen Markennamen wie "Jagger" aus Serbien oder "Mavi Jeans" aus der Türkei zeigen, dass eine derartige Aufwertung möglich ist. In Stip heißt die erfolgreichste Firma mit Eigenmarken "EAM" und exportiert nach Deutschland, in die Schweiz, nach Kroatien, in die Slowakei, nach Bosnien und in den Kosovo.

Wenn es aber die mazedonischen Textilfirmen nicht schaffen, ihre Produktion durch Qualität aufzuwerten, dann erwartet sie eine unsichere Zukunft. Sobald billige Arbeitskraft in Orten wie Stip knapp wird, sehen die Manager, dass sie ihren Standortvorteil verlieren. Einige sagen voraus, dass die EU-Mitgliedschaft für Mazedonien das Ende der niederentwickelten Textilproduktion bedeutet. Es kann passieren, dass Mazedonien es nicht schafft oder auch nicht schaffen will, bei dem mitzumachen, was manchmal in der Textilproduktion als globale "Jagd in den Abgrund" beschrieben wird.

Noch aber hat der Textilboom die Wirtschaft wiederbeflügelt und die dringend benötigten Jobs geschaffen. Wenn jedoch das Wachstum langfristig nicht nachhaltig ist, kann es dennoch in einem weiteren Sinne zu Mazedoniens wirtschaftlicher Entwicklung beitragen. Denn der Auftritt von unabhängigen privaten Firmen und von Unternehmern mit Kapital und mit der Managementerfahrung, um neue Märkte zu erobern, kann nur positiv sein. Mazedoniens neue Unternehmen sind viel flexibler und anpassungsfähiger als ihre bankrotten sozialistischen Vorgänger. Sasko Miladinov, der mit seiner Bekleidungsfirma "Albatros" 450 Arbeiter beschäftigt, erklärt es so:

"[Die EU-Mitgliedschaft] wird es noch schwieriger machen, weil viele Unternehmen nach Mazedonien kommen werden, um zu investieren. Dann wird es immer schwieriger, Arbeiter zu finden. Wir haben jetzt schon Probleme, Arbeiter zu finden, aber dann wird es noch viel schwieriger. Dann wird die Textilwirtschaft langsam zurückgehen und Mazedonien wird neue Geschäftszweige entwickeln. Und das ist auch der Grund, warum wir unser neues Gebäude auf eine Höhe von 7,5 Metern ausgelegt haben. In Zukunft können wir dieses Gebäude für andere industrielle Fertigungen nutzen."

May 2008

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