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Ahmici
Ahmici

Ahmici ist ein kleines Dorf an der Hauptstraße von Sarajewo nach Travnik, in der ethnisch gemischten Gemeinde Vitez. Das Dorf wurde Schauplatz eines der schlimmsten Massaker dieses Krieges, das von kroatischen Truppen am 16. April 1993 an bosniakischen Zivilisten verübt wurde. Heute ist Ahmici ein Beispiel dafür, wie sehr sich Zentralbosnien in den letzten Jahren durch die zahlreiche Rückkehr von Vertriebenen in ihre früheren Heimatorte verändert hat.

Selbst wenn fast alle physischen Spuren der Zerstörung beseitigt sind, die Erinnerungen an das Massaker bleibt eine immer währende Realität.

Als der Krieg im Jahr 1992 nach Bosnien kam, waren die Serben sowohl für Bosniaken wie Kroaten der gemeinsame Feind. Bei der Volksabstimmung im April des Jahres 1992 stimmten Muslime und Kroaten für die Unabhängigkeit Bosnien und Herzegowinas – sie schienen eine gemeinsame Vision der Zukunft zu teilen. Aber die bosnisch-kroatischen Führer, mit Unterstützung von Herzegowinern im kroatischen Verteidigungsministerium in Zagreb, strebten danach einen separaten Staat innerhalb Bosniens zu errichten. Sie nannten ihn die "Kroatische Gemeinschaft von Herzeg-Bosna". Pläne wurden entwickelt, um in Übereinstimmung mit dem Friedensplan der amerikanischen und britischen Unterhändler, Cyrus Vance und David Owen Territorien an sich zu reißen. Wie die Journalisten Laura Silber und Alan Little anmerkten:

"Im Frühjahr 1991 gab dieser Plan den territorialen Forderungen der bosnischen Kroaten einen Stempel der Legitimität, den sie sonst nicht gehabt hätten."

(Laura Silber and Alan Little, The Death of Yugoslavia, 1996, Seite 329-30)

Auf einem schicksalhaften Treffen am 15. April 1993 im Restaurant des "Hotel Vitez" in der nahegelegenen Stadt mit dem gleichen Namen, beschlossen die bosnisch-kroatischen Militärkommandeure und politischen Führer einen Erstschlag, der die neuen Grenzen Zentralbosniens schaffen sollte. In der Morgendämmerung des nächsten Tages, attackierten bosnisch-kroatische Truppen in einer Serie von Blitzangriffen zugleich Vitez und die umliegenden Dörfer im Lasva-Tal, einschließlich Ahmici.

In Ahmici und dem Nachbardorf Santici gingen kroatische Soldaten von Haus zu Haus und töteten und verwundeten bosniakische Zivilisten, und steckten buchstäblich jedes bosnisch-muslimische Haus, die Ställe und Vieh, in Brand. 169 Häuser wurden zerstört. Die Moschee im unteren Teil des Dorfes wurde mit vier Kilogramm Sprengstoff in die Luft gejagt. Bilder des Minaretts der Moschee, wie es zerschmettert auf dem Boden liegt, gingen um die Welt als Symbol des bosnischen Krieges.


Die Moschee von Ahmici im April 1993

Nach dem Angriff lebten keine Bosniaken mehr in Ahmici. 116 waren getötet worden, darunter 32 Frauen und 11 Kinder. Die restliche Bevölkerung war geflohen oder wurde gefangen genommen und in Lagern untergebracht.

Britische UN Friedensstreitkräfte, die in Vitez stationiert waren, kamen nach Ahmici um eine Untersuchung einzuleiten. Der lokale Kommandeur, Colonel Bob Stewart, nahm ein Fernsehteam mit sich. Die Bilder zeigten UN-Truppen, die verbrannte Körper von Erwachsenen und Kindern aus den schwelenden Resten eines Hauses im Dorf zogen.

"Ich weiß nicht, wer für das hier verantwortlich ist, aber egal wer, sie sollen in der Hölle verrotten!", schrie der sichtlich schockierte Colonel Bob einen bosnisch-kroatischen Soldaten in dem TV-Bericht an.

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Colonel Bob Stewart - Foto einer der Leichen. Foto: British Warrant Officer Roy Banwell

"Wir spürten eine Art von persönlichem Versagen, weil dies in dem Gebiet, für das wir verantwortlich waren, geschehen war," erklärte später Leutnant Colonel Bryan Watters, der stellvertretende Kommandeur.

Angesichts der internationalen Aufmerksamkeit, die die Fernsehbilder von Ahmici bekamen, erklärte das Internationale Kriegsverbrechertribunal in Den Haag (ICTY) die Untersuchung des Massakers zu einer Priorität. Aber im Chaos von Brandschatzung und Ermordungen, die an diesem frühen Morgen stattfanden, stellte es sich als sehr schwierig heraus zu bestimmen, was genau geschehen war. Es war besonders schwer, die Identität der einzelnen Verbrecher, die meistens Masken trugen, genau zu bestimmen.

18 Kroaten wurden vom ICTY wegen Verbrechen die in Ahmici begangen wurden, oder die damit verbunden waren, angeklagt. In 5 Fällen musste die Anklage wegen mangelnder Beweise oder dem Tod des Angeklagten zurückgezogen werden, 5 weitere wurden für ihre Verbrechen in Ahmici verurteilt, 4 für Verbrechen im Umfeld von Ahmici und 5 wurden freigesprochen.

Laut Berufungsurteil des ICTY im Jahre 2004 wurde der Angriff auf Ahmici von der Kompanie des 4. Bataillons der Militärpolizei der HVO durchgeführt, gemeinsam mit einer berüchtigten Spezialeinheit namens 'Joker', deren Mitglieder schwarze Hemden trugen und als 'Einheit für Spezialaufgaben' bekannt waren.

Unter den bisher Verurteilten waren Dario Kordic, der damals verantwortliche politische Führer, Pasko Ljubicic, Kommandeur des 4. Bataillons der Militärpolizei der HVO, Vladimir Santic, Kommandeur der 1.Kompanie des 4. Bataillons der Militärpolizei, Miroslav Bralo, ein Mitglied der Joker - Spezialeinheit und Drago Josipovic, ein HVO Soldat aus Ahmici.

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Dario Kordic (25 Jahre) - Pasko Ljubicic (10 Jahre) - Miroslav Bralo (20 Jahre)

In Ahmici geht heute das Leben weiter. Die Dorfbewohner haben ihren eigenen Versöhnungsprozess begonnen, sie bauen mit ihren Nachbarn wieder soziale Beziehungen auf, wenn auch selten als Freunde – wie uns einer erzählt:

"Hass ist ein harter Ausdruck, jemanden zu hassen, das ist wirklich etwas Großes. Aber es gibt auch keine Liebe füreinander. So könnte man das vielleicht schöner formulieren."

In der Annahme, dass sie es wissen mussten, halten einige Bosniaken ihren kroatischen Nachbarn heute noch vor, sie nicht rechtzeitig davor gewarnt zu haben, vor dem was an diesem schicksalshaften Freitagmorgen passierte.

Die Rückkehr in ihre zerstörten Häuser in den Jahren nach dem Krieg war nicht leicht für die bosniakischen Überlebenden. Es waren vor allem die Alten, die fest an eine Rückkehr geglaubt haben – wie uns einer erzählt:

"Ich habe 5 Jahre in Österreich gelebt. Ich habe dort einen Sohn, und ich habe ihm erklärt: 'Ich will wirklich zurück in meinen Geburtsort. Entweder du bringst mich nach Hause oder ich fahre einfach mit dem Bus.' Als ich dann hier ankam, war alles überwachsen. Es war wie ein kleiner Wald. Aber mit ein bisschen Anstrengung hier und dort, so haben wir das Haus wieder aufgebaut, und jetzt bin ich beruhigt."

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Für einige war es besonders schmerzhaft:

"Am Schwierigsten war es für mich zurückzukommen, bei 20 umgebrachten Familienmitgliedern. Mein Vater wurde umgebracht, meine Mutter, mein Bruder, Onkel und so weiter. Ich dachte, ich komme, und weiß, dass sie irgendwo da sind… Noch habe ich sie aber nicht gefunden. … Das ist das schlimmste Gefühl; und wenn man all das sieht, was einem einmal gehört hat - und jetzt ist es nur mehr ein Brandhaufen. Aber trotzdem ist man glücklich!"

Heute leben die zwei ethnischen Gruppen wieder zusammen. In der Dorfversammlung planen Bosniaken und Kroaten gemeinsam die Entwicklung ihres Dorfes. Das Leben muss weiter gehen, wie einer der Dorfbewohner erklärt:

"Wissen Sie, es ist schwer zu vergeben. …Es wird keine Vergeltung geben. … Aber es gibt auch keine Vergebung. …So gibt es weder das eine noch das andere. Ich werde mich nicht rächen. Ich werde nicht vergeben. Wissen Sie, so ist es eben! Und so leben wir Seite an Seite – sind einfach hier. Wir gehen täglich an den Häusern derer vorbei, die in Den Haag gesessen haben. Das Leben normalisiert sich. Wer immer mich grüßt, den werde ich grüßen."


Drago Josipovic am ICTY - Drago Josipovic auf Ahmicis katholischem Friedhof

Drago Josipovic ist einer der bosnisch-kroatischen Dorfbewohner, die zurückgekehrt sind, nachdem er eine Gefängnisstrafe von 12 Jahren abgesessen hatte, zu der er vom Internationalen Tribunal für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien wegen Teilnahme an dem Massaker verurteilt worden ist. Er hat immer abgestritten, Kriegsverbrechen begangen zu haben. Auch viele seiner muslimischen Nachbarn glauben an seine Unschuld. Es gab sogar Petitionen von Bosniaken aus dem Dorf an das internationale Gericht, die argumentierten, Drago Josipovic sei unschuldig. Sein Einspruch gegen das Urteil wurde vom ICTY abgewiesen. Letztendlich stützte sich seine Verurteilung auf die Aussage eines einzelnen Zeugen, was unterstreicht wie schwierig es ist, nach solch einem schrecklichen Ereignis festzustellen, wer tatsächlich schuldig ist.

June 2008

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