Zurück Orte: Novi Travnik - Weiter 
Novi Travnik
Marschal Josip Broz Tito in Novi Travnik

Einst war Novi Travnik als "Stadt der Jugend" bekannt. Im Jahre 1949 verwirklichte Marshall Josip Broz Tito, Jugoslawiens kommunistischer Führer, seine Vision eines unabhängigen kommunistischen jugoslawischen Staates, der auf "Brüderlichkeit und Einigkeit" beruht. Es war ein Jahr nach dem Bruch mit Moskau, und Jugoslawien brauchte Mittel, um sich zu verteidigen.

Um die Errichtung einer neuen Waffenfabrik zu unterstützen, die er "Bratstvo" (Brüderlichkeit) nannte, ordnete er den Bau einer ganzen Stadt an, die "Novi Travnik" (Neues Travnik) heißen sollte. Sie sollte in einem entlegenen Tal Zentralbosniens liegen, 20 km von der historischen Stadt Travnik entfernt, wo sie vor potentiellen Angreifern sicher sein würde. Die neue Stadt sollte die Verwirklichung des sozialistischen Traums darstellen.

"Von dem ersten Augenblick an, als die Pickel und Schaufeln in den harten Boden einschlugen," so beginnt die offizielle Geschichte der Fabrik, die 1989 geschrieben wurde,

"waren die Stimmen der Vergangenheit überwunden, Sozialismus und Selbstverwaltung blühten in meiner Brust auf; es war eine stolze und neue Zeit. Stolz war auch mein beliebtester Gast und Freund: Josip Broz Tito. Als er kam, um mich zu besuchen, verwandelte ich mich in eine Stadt der Jugend, und das ist der Name, den sie mir gaben."


Eingang zur Bratstvo-Fabrik

Aus ganz Jugoslawien kamen qualifizierte Arbeiter, um die Stadt aufzubauen und in der Fabrik Bratstvo zu arbeiten. Auf dem Höhepunkt produzierten 7.000 Angestellte Kanonen, Raketenwerfer, Militärausrüstung und Traktoren. Die Löhne gehörten zu den höchsten im Land. Die Gemeinde, die entstand, war multi-ethnisch. 1991 waren 38% der Einwohner Bosniaken, 37% Kroaten und 13% Serben. Ein Großteil der übrigen 12% deklarierte sich als Jugoslawen. Sie waren überzeugte Anhänger der multiethnischen Vision Titos.

slide_bosnianstory_04
Novi Travnik in den 1950er Jahren

Der sozialistische Dichter Mladen Oljaca schrieb 1960:

"Dies ist eine Stadt ohne graue Haare. Es gibt keine Rentner hier. Dies ist eine Stadt ohne Bettler und Arbeitslose. Dies ist eine Stadt ohne Kirchen und Moscheen, ohne Unterschied im Glauben."

Im ursprünglichen Bauplan für Novi Travnik waren keine religiösen Gebäude vorgesehen. Für alles andere, das die Arbeiterklasse der Stadt brauchte, war gesorgt: Es gab ein Kulturhaus, ein Krankenhaus, Kindergärten und Schulen. Der deutsche Geograph Herbert Büschenfeld schrieb:

"Novi Travnik ist Exponent der 'sozialistischen Stadt' sowjetischen Musters, wohl das konturierteste Beispiel dieses Typs in Jugoslawien."

(Herbert Büschenfeld, Jugoslawien, Klett, 1981, S. 245)

Die Exportmärkte für die Bratstvo-Produkte waren u.a. Libyen, Ägypten, Indien und viele afrikanische Staaten. Traktoren gingen beispielsweise nach Ghana. Die Abnehmer der Waffen waren größtenteils blockfreie Staaten, die Verbündeten Jugoslawiens. In den 1970er und 1980er Jahren waren große Aufträge aus dem Irak von besonderer Bedeutung. Ein neues Hotel, das Hotel Novi Travnik, wurde eigens für die Gäste aus den ölproduzierenden Ländern der blockfreien Bewegung gebaut. In den 1980er Jahren waren Iraker, die in die Stadt gezogen waren, Bestandteil des gesellschaftlichen Lebens.


Mirjana Mehicic

Das Leben in Novi Travnik der Vorkriegszeit sei gut gewesen, erinnert sich Mirjana Mehicic. Sie wurde in Novi Travnik geboren und wuchs dort auf. Ihre Eltern waren aus Serbien nach Novi Travnik gezogen, um in der Fabrik zu arbeiten. Mirjanas Ehemann, ein Bosniake, arbeitete ebenfalls in der Fabrik, als sie sich kennenlernten.

"Novi Travnik war eine richtige Stadt. Wir sehnen uns danach, sehnen uns nach diesem Novi Travnik, das ein Zentrum von Kultur und Mode war. Hier gab es viele kulturelle Ereignisse. Wir hatten eine Diskothek, 'Monaco' - sie war in ganz Bosnien-Herzegowina bekannt. Wir waren verliebt, sahen positiv auf das Leben."


Hotel Novi Travnik (2003)

Schon in den 1980er Jahren geriet Novi Travniks ursprünglicher Daseinsgrund, Bratstvo, in Schwierigkeiten. "Auch ohne einen Krieg wäre diese Industrie zusammengebrochen," behauptet Zeljko Rados, der Leiter der örtlichen Privatisierungsagentur. "Wir verloren Absatzmärkte. Der Osten brauchte diesen Typ Waffen nicht mehr. Dann kam der Zerfall der Sowjetunion."

Als der Krieg 1992 anfing, war Novi Travnik der Fabrik wegen ein Angriffsziel. Die jugoslawische Luftwaffe bombardierte Bratstvo und zerstörte einen Großteil der Produktionsanlagen. Dann teilte der Konflikt zwischen den Kroaten und den Bosniaken die Stadt in zwei Hälften. Bei den Gefechten starben mehrere hundert Menschen.

You need to upgrade your Flash Player to view this movie properly. Please download it here.

Please also insure that JavaScript is enabled in your browser settings.

Proceed

Novi Travnik. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Am Ende des Krieges war die Stadt noch immer geteilt. Die Bratstvo-Fabrik befand sich im bosniakischen Teil. Aber den alten, sicheren Waffenabnehmer, die Jugoslawische Volksarmee, gab es nicht mehr. Ausfuhr war zu der Zeit unmöglich. Die Deindustrialisierung, eine Nachkriegserscheinung in ganz Bosnien, traf Novi Travnik besonders hart. 2006 wurden nur noch 3% der Vorkriegskapazität Bratstvos genutzt. Offiziell standen 1.500 Leute auf der Lohnliste, aber nur 850 kamen wirklich zur Arbeit, und von ihnen erhielt nur die Hälfte ein regelmäßiges Gehalt.


Ein Teil der Bratstvo-Fabrik in Novi Travnik, die im Krieg zerstört wurde


Arbeitsschluss bei Bratstvo

Der Zusammenbruch der Fabrik hat die Stadt hart getroffen. Heutzutage haben nur ca. 3.000 Menschen in Novi Travnik eine regelmäßige Arbeit. Viele junge Leute haben Titos "Stadt der Jugend" auf der Suche nach besseren Chancen verlassen. Diejenigen, die bleiben, schlagen sich mit großen sozialen Problemen, wie etwa Drogenmissbrauch, herum. Mario Lucic von der Jugendorganisation Galerija sagt:

"Es ist eine Tatsache, dass viele junge Leute - und nicht nur junge Leute, ich kenne auch viele ältere Menschen - Drogen nehmen."

Ein sehr junger Drogensüchtiger erzählte uns anonym:

"Es gibt hier viele Drogensüchtige, weil die Leute keine Arbeit haben, keine Beschäftigung, sie haben nichts. Es gibt zu viele Drogen hier. Drogen richten in ganz Bosnien Verwüstung an. Die meisten wollen einfach die Probleme hier vergessen. Sich Erleichterung verschaffen. Ich weiß, dass es nicht richtig ist, aber… Wir versuchen immer wieder, Drogen ein letztes Mal zu nehmen. Aber am Ende sind wir enttäuscht und… Ich weiß, dass ich nicht auf diese Weise nach Trost suchen sollte."

Mirjana Mehicic arbeitet seit 24 Jahren für das Sozialamt in Novi Travnik und ist mittlerweile dessen Direktorin. Sie und ihre sechs Kollegen versuchen, die wachsenden sozialen Probleme der Stadt abzumildern, die eine Folge von Arbeitslosigkeit, Armut, Alter und Krieg sind. "Trotz des Mangels an Arbeitskräften und an Geld versuchen wir unser Bestes," sagt Mirjana. Nur 65 Familien erhalten monatlich Unterstützung – in einer Gemeinde mit einer Bevölkerung von schätzungsweise 25.000 Menschen. Jeden Tag kommen um die 20 Menschen, um um etwas Hilfe zu bitten, erzählt Mirjana.

"Wir helfen ihnen, so gut es geht, aber aufgrund unserer bescheidenen Mittel müssen wir auch viele zurückweisen."


Blick auf das Zentrum von Novi Travnik

Anders als im blühenden Vitez, das während des Krieges ebenfalls geteilt und umkämpft war, gibt es in Novi Travnik keine gemeinsame Zukunftsvision. Mario Lucic von der Jugendorganisation Galerija erklärt:

"Alle Menschen, die städtisch denken, sind weggegangen. Viele Leute aus den Dörfern sind hierher gezogen. Sie denken ausschließlich in nationalen Kategorien. Ich weiß nicht, wie das jemals anders werden soll. Die Eltern stehen unter dem Einfluss der nationalen Parteien, und die Kinder stehen unter dem Einfluss ihrer Eltern. Und die Schule verstärkt die nationale Aufteilung nur noch."


Mario Lucic

Und anders als Vitez, das an einer wichtigen Verkehrsader liegt, wird Novi Travniks entlegene Lage – der Grund, warum Tito die Stadt gerade dort erbauen ließ – wahrscheinlich auch weiterhin zur wirtschaftlichen Misere beitragen. "Wir waren in einem Loch, am Ende einer Sackgasse," sagt Mirjana. "Erst jetzt ist eine neue Straße nach Bugojno eröffnet worden."

Marijo Lucic meint:

"Alle jungen Menschen, die etwas aus ihrem Leben machen wollen, gehen ins Ausland, oder sie bleiben dort, wenn sie schon fortgegangen sind. Wir haben keine gebildeten, kreativen, jungen Menschen hier. Ich habe Angst, dass Novi Travnik eine Stadt alter Menschen werden wird."

June 2008

 Zurück Orte: Novi Travnik - Weiter