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Bosnia's religious communities
Interreligiöses Fest in der Medrese von Travnik

Bosnien-Herzegowina ist von religiöser Vielfalt geprägt, die auch die ethnische Zugehörigkeit bestimmt. Die meisten orthodoxen Bewohner sehen sich als Serben, die meisten bosnischen Katholiken als Kroaten und die meisten Muslime nennen sich Bosniaken.

Nusret Avdibegovic, der Mufti von Travnik, weist auf folgendes hin:

"In Bosnien gab es immer dieses Gefühl der Verbundenheit während religiöser Festtage, egal ob es sich um moslemische, katholische oder orthodoxe Feste handelt. Jeder, der hier lebt, wird es Ihnen bestätigen können."

Vladika Grigorije, der Bischof einer der fünf serbisch-orthodoxen Episkopate (Bistümer) Bosniens, bemerkt dazu:

"Es ist charakteristisch für Bosnien, dass Moscheen, Kirchen – sowohl römisch-katholische als auch orthodoxe – und Synagogen oft sehr nahe zueinander gebaut worden sind. Solche Beispiele existierten in fast allen wichtigen Städten Bosnien-Herzegowinas… Inter-religiöses Leben war möglich und das konnten Menschen in unterschiedlichen Zeiten erleben. Dies gibt es hier schon seit 600 Jahren."

 
Orthodoxe und katholische Kirchen in Sarajevo. Foto: Alan Grant
Vladika Grigorije. Foto: patriotmagazin.com

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Bosnische Korida. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Bosniens religiöse Geschichte ist gleichzeitig eine Geschichte der Kooperation wie der Rivalität. Bevor die Osmanen 1463 die Kontrolle über den Großteil Bosniens und um 1480 über die Herzegowina gewannen, waren die slawischen Stämme, die Bosnien besiedelten, schon durch ihre Religionen getrennt. Denn als sich das Christentum durch das große Schisma im Jahr 1054 spaltete, wurde der Balkan zur Frontlinie zwischen der griechisch-byzantinischen und der lateinisch-römischen christlichen Kultur. Im Jahr 1219 erlangten die Serben einen unabhängigen Status unter den orthodoxen Kirchen. Die (katholischen) Franziskaner wiederum gibt es in Bosnien seit 1291. Im Jahr 1463 besaßen sie 16 Klöster auf dem Gebiet des heutigen Bosnien-Herzegowinas.


Die "Cajnice Schönheit"- älteste prä-osmanische Ikone aus dem 14. Jahrhundert. Foto: rastko.org.yu

Mit dem steigenden Einfluss der Osmanen auf dem Balkan seit dem Jahr 1380 kam Bosnien schon deutlich vor der Eroberung von 1463 mit dem Islam in Kontakt. Der Islam fand in der lokalen slawischen Bevölkerung Unterstützung und eine große Anzahl von Menschen konvertierte zum Islam. Der Historiker Andras Riedlmayer beschreibt die Ausdehnung des Islams in Bosnien folgendermaßen:

"Viele Bosnier wendeten sich (sowohl aus spirituellen als auch aus sozialen Gründen) von den schwachen und schlecht organisierten christlichen Kirchen ab und nahmen den siegreichen Glauben der islamischen Eroberer an. Die Ausdehnung des Islam wurde von muslimischen Wanderpredigern unterstützt. Diese lehrten eine ziemlich weltoffene und integrative Form des Islam, die es den Bosniern erlaubte, ihre alten Traditionen an den neuen Glauben anzupassen. Die osmanischen Sultane und ihre Statthalter verschönerten Bosniens Städte mit prächtigen Moscheen und gründeten religiöse Stiftungen, die Schulen, islamische Seminare, Bibliotheken, Waisenheime, Volksküchen und Armenhäuser unterstützten.

Viele muslimische Bosnier stiegen als Soldaten, Staatsmänner, islamische Juristen und Gelehrte in die osmanische Regierungselite auf; nicht wenige erreichten wichtige Posten im Reich. Innerhalb Bosniens entstand eine besondere bosnisch-muslimische Kultur, mit eigener Architektur, Literatur, sozialen Traditionen und Folklore. Osmanen waren tolerant gegenüber nicht-muslimischen Minderheiten, gewährten ihnen völlige Religionsfreiheit und Handelsmöglichkeiten. Nicht-Muslime hatten allerdings höhere Steuern zu zahlen und die meisten öffentlichen und militärischen Posten im Reich waren für Muslime reserviert."

(A Brief History of Bosnia-Herzegovina von Andras Riedlmayer)


Die Gazi Husrev-Beg Moschee, gebaut 1531, und der Sahat Kula Uhrturm, auf Initiative von Gazi Husrev gebaut, Sarajevo. Foto: walter.cjb.net


Brücke über die Drina, zwischen 1566 und 1571 auf Initiative des osmanischen Großwesirs Sokollu Mehmed Pascha gebaut

Die Ankunft der Osmanen 1463 führte nicht zur Auslöschung des christlichen Glaubens. Die serbisch-orthodoxe Kirche hatte nach 1463 kein Patriarchat mehr, aber auf persönliche Intervention des osmanischen Großwesirs (Sokollu) Mehmed Pascha wurde die Kirche 1557 wiederbelebt.. Mehmed selbst stammte nämlich aus der orthodoxen Familie Sokolovic, die in Bosnien lebte. Im Laufe der Zeit wurden nicht weniger als drei enge Familienmitglieder von Mehmed Pascha als Patriarchen der serbisch-orthodoxen Kirche eingesetzt. Dadurch sollte die serbische Unterstützung der osmanischen Herrschaft gesichert werden.


Serbisch-orthodoxes Kloster Gomionica in der Nähe von Banja Luka, 16. Jahrhundert – serbisch-orthodoxe Kirche des Heiligen Erzengels, Sarajevo, 16. Jahrhundert. Foto: rastko.org.yu

Der Orden der bosnischen Franziskaner erhielt im Jahr 1463 von Sultan Mehmet II, "dem Eroberer", eine Garantie, in Frieden und Freiheit im osmanischen Reich leben zu können. Das Edikt – Ahdnama genannt – gilt als berühmtes Beispiel von religiöser Toleranz im Osmanischen Reich.

Laut dem britischen Historiker Noel Malcolm stellten ab Ende des 16. Jahrhunderts bzw. Beginn des 17. Jahrhunderts Muslime die Mehrheit der Bewohner Bosniens. "Obwohl Bosnien von Muslimen regiert wurde, konnte man es kaum als ein islamisches Land bezeichnen."

(Noel Malcolm, A History of Bosnia, 1996, S. 49)


Ahdnama, 1463, aufbewahrt im Franziskanerkloster in Fojnica, Bosnien-Herzegowina

Es gab aber auch Druck auf die katholische und auf die serbisch-orthodoxe Kirche. Im Jahr 1516 verbot den Franziskanern ein Edikt, neue Gebäude zu errichten. Fünf bosnische Klöster wurden in den 1580er Jahren geschlossen. Das serbisch-orthodoxe Patriarchat wurde 1766 von den Osmanen wieder aufgelöst, nachdem es serbische Truppen dazu aufgerufen hatte, sich den Habsburgern anzuschließen.

Nach 1878, als das osmanische Reich gezwungen wurde, Bosnien-Herzegowina an Österreich-Ungarn abzutreten, wendete sich das Schicksal der Katholiken zum Besseren. Der Papst gestattete die Gründung einer bischöflichen Provinz Sarajevo und die Franziskaner erhielten die Bistümer Mostar und Banja Luka. Siedler kamen von Österreich-Ungarn nach Bosnien, um sich in der Posawina niederzulassen, und um Geschäfte in bosnischen Städten zu betreiben.


Kathedrale von Herz Jesu, gebaut 1889 – Sitz des Erzbischofs von Bosnien. Foto: wikipedia.org

1919 dann wurde Bosnien Teil des neu gegründeten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen. 700 Jahre nach der Gründung der serbisch-orthodoxen Kirche waren nun das erste Mal alle orthodoxen Serben in einem Staat unter einem serbischen König vereint.

Das 20. Jahrhundert jedoch war von schrecklichen Spannungen zwischen den drei ethnischen Gruppen gezeichnet. Während der Nazi-Besatzung Jugoslawiens befahl der kroatische Faschistenführer Ante Pavelic die Ermordung einer großen Zahl von Serben, Roma und Juden sowie von politischen Gegnern. Sie wurden in Todeslager wie Jasenovac verschleppt. Laut Ustasha-Ideologie waren bosnische Muslime als "moslemische Kroaten" zu sehen und kamen glimpflicher davon. Einige religiöse und politische Führer der bosnischen Muslime sprachen sich öffentlich gegen die ethnisch und religiös motiviert Verfolgung durch das Regime aus.

Während des Zweiten Weltkriegs verwandelten die pro-monarchistischen serbischen Tschetniks und die pro-faschistischen kroatischen Ustascha das Land in ihr Schlachtfeld. Viele Bosnier unterstützten die kommunistische Partisanenbewegung, die 1942 verkündet hatte, dass es in einer kommunistischen Zukunft eine Republik Bosnien-Herzegowina als Teil einer jugoslawischen Föderation geben würde.

Der Kommunismus verhinderte dann Konflikte zwischen den Bevölkerungsgruppen in Bosnien für fast 50 Jahre. Das Regime tolerierte Religion, und in den 1960er Jahren wurden Muslime als eigene Nationalität anerkannt. Religiöse Institutionen wurden allerdings streng kontrolliert.

Die Partei schuf durch neue Grenzziehungen gemischte Gemeinden. Durch sozialistische Arbeits- und Wohnungsbaupolitik erreichte Bosnien einen sehr hohen Grad an "inter-ethnischer Durchmischung". In den wachsenden Städten wurden inter-religiöse Heiraten immer üblicher. Vor Kriegsausbruch war vielen urbanen Bosniern, die in den 1980ern aufwuchsen, ihre eigene nationale Zugehörigkeit nicht einmal mehr bewusst.


Mirko Majdandzic

Im letzten Krieg spielte Religion auch eine Rolle: einige religiöse Führer unterstützten offen nationalistische Projekte. Der Franziskanerabt von Fojnica, Mirko Majdandzic, erzählte ESI:

"Es geschah mehrere Male, dass Vertreter der Religionen geschwiegen haben. Statt zu reagieren und zu sagen: 'Nein! Ihr dürft diesen Mann nicht umbringen! Ihr dürft diese Kirche oder Moschee nicht anzünden, weil sie ebenso von Gott ist wie unsere!' blieben die Menschen, die Diener Gottes, still, und das war unser Fehler."

Während des Krieges wurden religiöse Gebäude und Objekte Opfer der Aggression. Zerstörte Moscheen und Kirchen fanden sich am Ende des Krieges überall in Bosnien. Das abstoßendste Beispiel war die Zerstörung der Ferhadija Moschee in Banja Luka. Während viele andere Moscheen wiederaufgebaut worden sind, dauert die Rekonstruktion der Ferhadija noch immer an.

June 2008

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