Serbien - Exit Europa

Serbien - Exit Europa

Serbien ist ein geteiltes Land und die Grenze geht mitten durch die Köpfe. Das sind einerseits Leute wie Milorad Mirčić, der findet, dass Rock ’n’ Roll keine ernsthafte Angelegenheit ist und keinerlei politische Beachtung verdient. Der Vize-Chef der serbischen radikalen Partei glaubt auch, dass der Sturz des Milošević-Regimes im Jahr 2000 ein Staatsstreich war, der von den Amerikanern organisiert wurde, Berichte über den Genozid in Srebrenica nennt er einen "Propagandakrieg".

Auf der anderen Seite sind da Leute wie Nataša Kandić vom Menschenrechtszentrum in Belgrad, die sich seit Jahren dafür einsetzt, dass sich das Bewusstsein ändert, Serbien sich nicht mehr vorrangig als Opfer versteht, sondern auch die Verbrechen an die Öffent­lichkeit gelangen, die im Namen von Serbien begangen wurden. Sie war es auch, die 2005 jene Videokassette an die Medien weitergab, die die Erschießung von sechs Bosniaken aus Srebrenica durch Angehörige der serbischen Spezialeinheit "Skorpione" zeigt.

Der Balkan Express zeigt, dass sich die Grenze im Kopf zuletzt zugunsten der vorwärts gerichteten Kräfte verschoben hat. Die Demokraten haben 2008 die Wahlen trotz der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo gewonnen. Serbien will nach Europa. Das Land habe eine neue Chance bekommen, analysiert der Journalist Dejan Anastasijević am Ende der Balkan Express-Reise nach Serbien. "Aber wir sollten die Fähigkeit unserer Politiker nicht unterschätzen, auch eine hundertprozentige Chance zu verpassen", sagt er mit einer Mischung aus schlechter Erfahrung und rettendem Humor.

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Konfrontation mit Serbiens dunkler Vergangenheit . © 2008 pre tv. All rights reserved.

Der gesamte Film ist online auf ESIs Youtube-Seite verfügbar.

"Exit Europa", der Film über Serbien, ist eigentlich nicht besonders lustig. Er handelt von Anschlägen gegen mutige Journalisten, von verbohrten Nationalisten, dem Mord an Zoran Djindjić und dem Niedergang der Tex­tilindustrie in Leskovac. Dennoch zeigt er das Potenzial jenes Landes, das in den vergange­nen Jahren wie kein anderes auf dem Balkan politisch durchgeschüttelt wurde.

EXIT Festival – Ein Aufbegehren gegen engstirnigen Nationalismus. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Weil er den Überlebenswillen von jenen zeigt, die am meisten unter den Folgen der Milošević-Jahre leiden: Milan und Gordana Petrović etwa, die in Leskovac arbeiteten, als dort noch die Textilindustrie Tausenden Menschen Arbeit gab und Lebenssinn schenkte. Jetzt sind die beiden Hühner- und Schafszüchter geworden und zurück aufs Land gezogen.

Wenn Gordana erzählt, dass sie nur einem ihrer Kinder Stiefel kaufen kann und sie Panik überfällt, wenn sie den selbst gemachten Ajvar nicht an den Mann bringt, dann geht es endlich darum, worum es schon in den vergangenen Jahren in Serbien hätte gehen sollen, nämlich um die Frage: Wie kann die Politik den wirtschaftlichen Aufschwung und die Annäherung an Europa schaffen? Nicht nur Milan und Gordana sind nämlich alle anderen Dinge ziemlich egal. Und insofern geht es ihnen ähnlich wie den meisten Serben. Und insofern handelt es sich nicht um ein geteiltes Land.