Bulgarien - Die lange Revolution

Bulgarien - Die lange Revolution

Sie schauen nach wie vor aus wie grazi­le Feen, wenn sie tanzen. Die Balletttänzerinnen erinnern unweigerlich an die kommunistischen Zeiten, als die Leicht­athletinnen aus Bulgarien bei internationalen Bewerben so viele Preise abräumten. Nur lachen die Mädchen in der Sofioter Tanz­schule heute mehr, wenn sie durch die Luft wirbeln. Die Trainerin Neschka Robeva ist aber dieselbe geblieben. Offen ist, ob sich der Staat diese Institution weiter leisten wollen wird, sagt Frau Robeva. Sie glaubt, dass einer, der heute langfristige Pläne mache, entweder dumm sei oder ein Optimist. Die Geistes­haltung nach der Wende mag sie nicht: "Die Nation hat nicht verstanden, dass Selbstdisziplin auch in dem neuen System das wichtigste ist." Lehrerinnen wie Frau Robeva hatten früher in der bulgarischen Gesellschaft einen hohen Status. Heute haben diesen jene, die viel Geld machen.

Es gibt wohl kein Land in Südosteuropa, das sich in den vergangenen Jahren so ra­sant geändert hat wie Bulgarien. Der Balkan Express zeigt anhand von einigen sehr sorg­sam ausgewählten Interviewpartnern die wundersame Verwandlung in ein relativ durchschnittliches europäisches Land. Die große Wende kam erst nach der großen Krise Ende der 1990er Jahre, seitdem boomt Bul­garien, vor allem die Baubranche, wie der Balkan Express dokumentiert. "Es war schwer, in den vergangenen zehn Jahren Fehler zu machen", sagt der Unternehmer Ivo Pro­kopjev.

Mit dem Geld wuchs aber auch der Filz zwischen Politik, Business und Kriminalität. Was "Return to Europe" – so der Name der Dokumentation im Englischen – aber auch zeigt, ist, dass einige Skandale, etwa die Veruntreuung von EU-Geldern, gerade durch den neuen engagierten Journalismus und effiziente Kontrollsysteme aufgedeckt werden konnten. Das Image Bulgariens sei weit schlechter als die tatsächliche Situation, so der Subtext des Films.

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The EU's transformative power. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Der gesamte Film ist online auf ESIs Youtube-Seite verfügbar.

Zu Wort kommen auch jene, die bisher von dem Aufschwung nicht profitieren konnten. Allen voran die Roma. Erst langsam werden Programme aufgebaut, die Bildung und Teil­nahme am Arbeitsplatz ermöglichen sollen. "Das Ausbildungssystem hat nie akzeptiert, dass hier auch Leute mit einer anderen Spra­che als Bulgarisch leben", kritisiert Mischa Georgiev von der Roma-Organisation Romani Baht. Er spricht offen aus, dass die Roma in Bulgarien "an der Grenze des Gesetzes" leben. Bulgarien hat auch während des Kommunis­mus Minderheiten unterdrückt, neben den Roma ebenso die Türken. Nach 1990 waren es die Roma, die als Erste ihren Job verloren.

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De-Segregierung von Romakindern in Sofia. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Doch obwohl der Nationalismus eine Versuchung blieb, verfielen bulgarische Politiker nicht wie in anderen Balkanstaaten in Großmannssucht. Der Staat Mazedonien wurde anerkannt, heute sind Türken Minister in Sofia. "Wir haben den ersten, den zweiten und den Kalten Krieg verloren", sagt der Meinungsforscher Andrej Raychev. "Wir haben unsere Lektion gelernt."