Das gekappte Rettungsseil. Auswanderung, Familien und die Zukunft des Kosovos
18 September 2006
Berlin Istanbul
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Diese Forschung wurde von den Außenministerien der
Schweiz und Irlands unterstützt
.

Die geäußerten Meinungen sind die der Autoren allein.

Überblick

Wenn es seit dem Krieg eine Grundüberzeugung zum Kosovo gibt, dann die, dass dessen Wirtschaft durch Finanztransfers aus der Diaspora gespeist wird. Politische Entscheidungsträger gehen von der bequemen Annahme aus, die Diaspora und ihre sagenhafte Großzügigkeit werde nicht nur weiterhin eine wesentliche Lücke in Kosovos Zahlungsbilanz füllen, sondern darüber hinaus ein informelles soziales Sicherungssystem für mittellose Haushalte bereitstellen und so die Abwesenheit eines Wohlfahrtstaates kompensieren.

Dieser Bericht argumentiert, dass sich die Zeiten geändert haben. Finanztransfers haben seit dem Ende des Krieges, als sie den Wiederaufbau von Häusern überall im Land finanzierten, deutlich abgenommen. Der Grund dafür ist offensichtlich. Seit der NATO-Intervention 1999 hat sich die Auswanderung ins Gegenteil verkehrt, da mehr als 100.000 kosovoalbanische Flüchtlinge zur Rückkehr insbesondere aus Deutschland verpflichtet wurden. Darüber hinaus ist das Tor zu weiterer Auswanderung nun verschlossen. Nur einige wenige Glückliche mit enger Verwandschaft in der Diaspora können über Familiennachzug ins Ausland gehen. Dies hat zur Folge, dass nun weniger als 15 Prozent aller kosovarischen Familien regelmäßige Finanztransfers erhalten und alle Zeichen deuten darauf hin, dass dieser Prozentsatz weiter abnimmt. Das Rettungsseil, das das ländliche Kosovo der vergangenen Generationen über Wasser hielt, wird nun gekappt. Mit diesem Vermächtnis wird sich das Kosovo nach dem Statusentscheid konfrontiert sehen.

Dieser Bericht enthält eine unwillkommene Botschaft für die EU-Mitgliedsstaaten: es ist widersprüchlich, hunderte Millionen Euro in die Stabilisierung des Kosovos zu investieren und zur selben Zeit die Tür für weitere Einwanderung abrupt zuzuschlagen. Noch widersprüchlicher ist es, dass dies einem kleinen Land wie dem Kosovo (weniger als zwei Millionen Einwohner) widerfährt, während zur selben Zeit Millionen von Rumänen, Bulgaren, Letten und Polen Beschäftigung in verschiedenen Teilen der Europäischen Union finden. Falls Europa es ernst damit meint, eine dauerhafte politische Lösung für das Kosovo zu finden, wird es Möglichkeiten für Kosovaren schaffen müssen, zeitweilig Arbeit im Ausland aufnehmen zu können. Die Alternative besteht darin, immer mehr Sicherheitskräfte in das Kosovo zu entsenden, um eine neue Generation wütender und verzweifelter junger Männer in Schach zu halten.

Auch für Kosovos eigene Politiker enthält dieser Bericht einige unangenehme Botschaften. Auswanderung und Finanztransfers waren ein Rettungsseil, sie führten jedoch nicht zu Entwicklung. Sie traten lediglich an die Stelle einer fehlenden wirksamen Entwicklungspolitik. Auf diese Weise halfen sie, eine der ältesten und konservativsten Einrichtungen Europas zu bewahren: den traditionellen, patriarchalen Haushalt. Die großen, erweiterten Familien in Kosovos Dörfern haben 50 Jahre Sozialismus überlebt und trugen angesichts eines schwachen oder feindlich gesonnenen Staates zum Schutz der Kosovoalbaner bei. Sie waren aber auch ein Hemmschuh für die ländliche Entwicklung und trugen zu einem ernsthaften Mangel an Investitionen in Bildung und einem ausgeprägtem Mangel an Innovation und Unternehmertum bei. Kosovarische Frauen haben die niedrigsten Beschäftigungsraten und eines der niedrigsten Bildungsniveaus in ganz Europa. Kosovos Verharren in der Abhängigkeit von überlebensnotwendigen Finanztransfers hielt es in einem Teufelskreis der Unterentwicklung gefangen.

Heute ist der patriarchale Haushalt einem enormen Druck ausgesetzt. Überbevölkerung in den Dörfern und die Aufsplitterung von Landgütern in immer kleinere Grundstücke lassen sogar Subsistenzwirtschaft aussichtslos erscheinen. Der Mangel an Arbeitsplätzen ist dramatisch und es ist äußert schwierig geworden, an ein Einkommen zu gelangen. Familien können ihre jungen Männer nicht länger zum arbeiten nach Deutschland oder in die Schweiz schicken. Mit dem Versiegen der Finanztransfers ist es für immer weniger Haushalte möglich, über die Runden zu kommen.

Unter diesen ansteigenden Belastungen besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass der traditionelle Haushalt auseinanderbrechen wird; so wie in vergleichbaren Augenblicken der Geschichte im übrigen Balkan. Die Konsequenzen für die ländliche Gesellschaft könnten in der Tat erheblich sein. Der Zusammenbruch traditioneller Solidarität wird zu einer Zunahme von Not und Armut führen. Mit dem Schwinden der Autorität der patriarchalen Familie könnte die ländliche Gesellschaft darüber hinaus ihre traditionelle Passivität verlieren, sodass familiäre Zerwürfnisse auf den öffentlichen Bereich übergreifen. All dies ist in der Vergangenheit in Südosteuropa bereits geschehen.

Der kosovarische Staat kann sich seine Abwesenheit von den ländlichen Gebieten nicht länger leisten. Er wird politische Mittel, Institutionen und Ressourcen finden müssen, um der wachsenden sozialen Krise auf dem Land zu begegnen, soll das State-Building Projekt im Kosovo nicht scheitern. Sollte der Staat sich als unfähig erweisen, rechtzeitig zu reagieren, könnte er feststellen, dass seine Tagesordnung zusehends von seinen wütenden jungen Männern bestimmt wird.

I. Einleitung

Gegenwärtige Debatten im Kosovo verfehlen das vermutlich wichtigste Entwicklungsproblem, dem sich das Land heute gegenüber sieht. Das hat zur Folge, dass eine der destabilisierendsten Veränderungen, die das Kosovo auf Generationen hinaus prägen wird, nämlich das Ende der Ära der Massenauswanderung, Gefahr läuft, von den Verantwortlichen für Stabilität und Wohlstand im Kosovo völlig übersehen zu werden.

Dieser Bericht stellt Migration in den Mittelpunkt der Debatten über Kosovos Zukunft. Er untersucht die Auswirkungen des Endes der Massenauswanderung seit 1999 anhand zweier typischer Dörfer, um die Kräfte zu veranschaulichen, die im ländlichen Kosovo in Gang gesetzt wurden. Seine Kernthese dürfte für europäische Entscheidungsträger unangenehm sein: falls junge Kosovaren nicht mehr als Gastarbeiter nach Europa kommen können, wird sich die gegenwärtige Krise des ländlichen Kosovos mit Gewissheit verschärfen und wahrscheinlich zu ernster Instabilität führen. Über Generationen hinweg war Arbeitsmigration ein Rettungsseil für ländliche Gemeinden, das ihnen das Überleben angesichts dramatisch niedriger Einkommensniveaus ermöglichte. Seit 1999 wurden mehr als einhunderttausend Menschen zur Rückkehr aus der Diaspora gezwungen, während das Tor zur Auswanderung weitgehend verschlossen wurde. Binnen kurzer Zeit wird das Rettungsseil gekappt sein; mit unvorhersagbaren Konsequenzen für Kosovos Gesellschaft.

Kosovos grundlegendes Dilemma ist nicht neu. 1979 schrieb die Weltbank, Jugoslawien sei "grundsätzlich ländlich geprägt". Während sie zwar Hoffnungen auf Beschäftigungswachstum in den meisten der weniger entwickelten Gebiete hegte, sah sie nicht viel Aussicht auf Wandel im Kosovo.

"Die Ausnahme bildet Kosovo, von dem auch unter optimistischen Annahmen und selbst wenn die Wachstumsziele des Plans erreicht werden, nicht erwartet werden kann, die Zuwächse seiner erwerbstätigen Bevölkerung in den Arbeitsmarkt zu integrieren."

Seit damals hat Kosovos Bevölkerung rapide zugenommen, doch weder die Anzahl an Arbeitsplätzen, noch die Verfügbarkeit von Land konnte mit dieser Zunahme Schritt halten. Ohne wirkliche Aussicht auf Beschäftigung innerhalb Kosovos und wenig oder gar keine Unterstützung durch den Staat betraten Generationen von Kosovaren den Pfad der Auswanderung nach Deutschland oder in die Schweiz – oft mit großem Widerstreben – als das einzig mögliche Mittel zum Überleben.

Derzeit beschränken einige EU-Mitgliedsstaaten wie Deutschland, aber auch die Schweiz Arbeitsmigration sogar für Bürger von Ländern, die seit 2004 EU-Mitglieder sind und deren Volkswirtschaften rasch wachsen. Ländern wie Irland und dem Vereinigten Königreich, die Arbeitsmobilität zugelassen haben, scheinen Zweifel aufzukommen; trotz starker Anzeichen wirtschaftlicher Vorteile, die sie dadurch erfuhren. Es mag wie das Kämpfen gegen Windmühlen erscheinen, vor diesem politischen Hintergrund in Europa ein ernsthaftes Nachdenken über Arbeitsmigration aus dem Kosovo anzuregen. Doch die Alternative, der Versuch, die kosovarische Gesellschaft in Abwesenheit jeglicher positiver wirtschaftlicher Dynamik zu stabilisieren, ist nicht weniger eine Donquichotterie. Während Europas Außenministerien mit der Frage ringen, wie eine dauerhafte politische Lösung im Kosovo zu gestalten ist, ist es das vorrangige Ziel der europäischen Innenministerien, weitere Einwanderung aus dem Balkan zu verhindern. Diese beiden Ziele stehen in fundamentalem Widerspruch zueinander. Dieser Bericht untersucht, was dies für die europäische wie für die kosovarische Politik bedeutet.

Doch dieser Bericht enthält auch eine unangenehme Botschaft für die politischen Entscheidungsträger des Kosovos. In der Nachkriegszeit gaben sie sich mit der bequemen Vorstellung zufrieden, die Finanztransfers einer spendablen kosovoalbanischen Diaspora seien in der Lage, das ländliche Kosovo über Wasser zu halten; trotz der Abwesenheit einer glaubwürdigen landwirtschaftlichen oder ländlichen Entwicklungspolitik. Massive Auswanderung und hohe Finanzflüsse während der letzten Jahrzehnte bewirkten jedoch keine echte Entwicklung im ländlichen Raum. Sie erhielten lediglich den Status quo aufrecht. Auf diese Weise halfen sie, eine der ältesten und konservativsten Einrichtungen Europas zu bewahren: den traditionellen, patriarchalen Haushalt.

Der traditionelle Mehrfamilienhaushalt, einst im gesamten ehemaligen Jugoslawien verbreitet, doch heute nur noch im Kosovo zu finden, trug zum Schutz der Kosovoalbaner angesichts eines schwachen oder feindlich gesonnenen Staates bei. Er trug aber auch zu den niedrigsten Beschäftigungsraten von Frauen in Europa bei, zu einem ernsthaften Mangel an Investitionen in Bildung, sowie zu einem ausgeprägten Mangel an Innovation und Unternehmertum. Sein Überleben kann nicht mehr länger als selbstverständlich vorausgesetzt werden. Falls – und dies scheint wahrscheinlich – die traditionelle Familie sich in einem Auflösungsprozess befindet, werden die Konsequenzen für die ländliche Gesellschaft tiefgreifend sein.

Das Kosovo benötigt dringend fortgesetzte Auswanderung, um seine soziale Stabilität aufrechtzuerhalten. Doch eine Gesellschaft, die sich allein auf Auswanderung verlässt, um ihren Arbeitskräfteüberschuss abzubauen, fällt in Instabilität zurück, sobald dieses Sicherheitsventil geschlossen wird. Das Land benötigt daher auch eine gesellschaftliche und institutionelle Revolution auf dem Land. Ausgangspunkt hierfür muss ein Nachdenken über die wirtschaftlichen Kräfte und Wertsysteme sein, die patriarchale Familienstrukturen am Leben erhalten haben; über den Status von Frauen auf dem Land und vor allem über die Rolle, die Kosovos Regierung spielen kann, um den Teufelskreis der Unterentwicklung zu brechen.

II. MIGRATION ALS LEBENSART
A. Frühe Auswanderer

Der Flughafen von Pristina liegt 30 km außerhalb der kosovarischen Hauptstadt. Ursprünglich wurde er als Militärflughafen angelegt dessen Landebahn die feuchten und unbeständigen Böden des Kosovo Polje (Amselfeld) kreuzt. Er war nie für den kommerziellen Luftverkehr einer europäischen Großstadt ausgelegt, was dazu führt, dass er langsam in das Sumpfland einsinkt.

Nichtsdestotrotz ist der Flughafen von Pristina heute einer der belebtesten in Südosteuropa. 2003 wurde er von einem schweizerischen Magazin als der erfolgreichste Flughafen des Westlichen Balkans beschrieben. Seit 2001 nahm der Passagierverkehr um 75 Prozent auf nahezu eine Million im Jahr 2005 zu. Pristina hat sich zu einem profitablen Ziel entwickelt; selbst im Winter fliegen täglich 14 ausländische Luftfahrtgesellschaften Pristina an.

Einige der Reisenden in der Ankunftshalle sind Ausländer – UN-Angehörige oder internationale Polizisten, die ins Kosovo zur Arbeit zurückkehren. Die größte Gruppe von Passagieren sind jedoch junge, in Deutschland oder der Schweiz lebende albanische Familien, die für einige Wochen in ihre Dörfer zurückkehren. Pristinas Flughafen ist das Bindeglied zwischen dem ländlichen Kosovo und der globalen Ökonomie.

Auswanderung ist über Jahrzehnte hinweg ein bestimmendes Merkmal der kosovarischen Gesellschaft gewesen, so wie in der Vergangenheit für Generationen von Iren, Griechen oder Spanier (oder, in den vorangegangenen Jahrhunderten, für Deutsche oder Schweden). Das gesamte 20. Jahrhundert hindurch überlebten und gelegentlich gediehen auch ländliche Haushalte im Kosovo, indem sie ihre Männer zum Arbeiten ins Ausland schickten, wodurch sie für die meiste Zeit des Jahres von der Familie getrennt waren. Sie waren Bau- oder Landarbeiter oder Eisverkäufer. In früherer Zeit gingen sie nach Istanbul und Thessaloniki; dann, in der sozialistischen Zeit, nach Zagreb oder Belgrad (und waren im gesamten ehemaligen Jugoslawien für ihre Feinbäckereien bekannt). Ende der 60er Jahre verlagerte sich die Auswanderung weiter nach Westen, wo sie das Bedürfnis der wachsenden europäischen Volkswirtschaften nach 'Gastarbeitern' stillte.

Kosovos Arbeitsmigranten hielten den Kontakt zu ihren Familien aufrecht – zumindest in der ersten Generation. Zu mehreren schliefen sie in einem Raum in Stuttgart oder Genf, um ihre Löhne zu sparen und Geld nach Hause zu schicken. Mit Hilfe dieser Finanztransfers konnten ihre Familien einen Traktor oder neues Vieh kaufen, Hochzeiten finanzieren oder das Haus vergrößern, um Platz für eine neue Generation zu schaffen. In den Worten einer amerikanischen Anthropologin, die in den späten 80er Jahren im Kosovo forschte, war das typische Leben im ländlichen Kosovo des Jahres 1988 das

"eines freien und ungebundenen Jungen, der sich eines Tages in einem Zug wieder findet, auf einer 30stündigen Reise nach Norden in die Schweiz oder nach Österreich, um Arbeit zu finden, irgendeine Arbeit, um das Geld für den Satin und das Gold für die Braut zu verdienen, die seine Eltern für ihn ausgesucht haben."

Für eine kurze Zeitspanne in den 70ern schien es, als könnten die Erfolge der sozialistischen Industrialisierung eine Alternative zur Auswanderung bieten. Bildung wurde zusehends als Pfad zu wirtschaftlicher Sicherheit gesehen und stieg in der Wertschätzung sogar der traditionellsten Familien. In der öffentlichen Verwaltung und in staatseigenen Betrieben entstanden neue Arbeitsplätze. Für etwa ein Jahrzehnt konnten Kosovoalbaner Beschäftigung in Pristina, Prizren oder Peja finden. Frauen hatten berechtigte Hoffnung, einen Mann zu finden, der im Kosovo bleiben würde; manche Frauen strebten sogar danach, selbst zu arbeiten.

Doch diese kurze Zeit der Hoffnung war nicht von Dauer. Die Krise des jugoslawischen Sozialismus' ab Beginn der 80er Jahre brachte die Schaffung von Arbeitsplätzen in den Städten zu einem abrupten Ende und die Repression durch Milosevic machte die erzielten Fortschritte wieder rückgängig. Zum Ende der 80er Jahre schien für kosovoalbanische Familien einmal mehr nur die Auswanderung Hoffnung auf materiellen Aufstieg zu bieten. Die Abwanderung stieg dramatisch an, mit Deutschland und der Schweiz als den beliebtesten Zielen. Mitte der 90er Jahre gab es Schätzungen, wonach gut eine halbe Million Kosovoalbaner – rund 25 Prozent der Gesamtbevölkerung – im Ausland lebten.

B. Das Ende einer Ära

Als während der früher 90er Jahre Gewalt und Repression im Kosovo eskalierten, kamen Kosovoalbaner nicht mehr länger als Arbeitsmigranten, sondern als politische Flüchtlinge nach Europa. Kosovoalbaner, die nach Deutschland gelangten, erhielten häufig kein politisches Asyl, sondern 'Duldungen'. Dies ermöglichte es ihnen zu bleiben, ohne individuelle Verfolgung belegen zu müssen, gestattete jedoch gleichzeitig ihre kurzfristige Abschiebung, sobald sich die Verhältnisse im Kosovo änderten.

Mit der NATO-Intervention 1999 und dem Ende serbischer Kontrolle über das Kosovo kam die Duldung kosovoalbanischer Flüchtlinge zu ihrem Ende. Allein aus Deutschland wurden mehr als einhunderttausend Kosovoalbaner zurückgeschickt. Gleichzeitig wurde die legale Einwanderung auf den Familiennachzug beschränkt. Plötzlich wechselten die Wanderungsströme die Richtung und das Kosovo begann, unfreiwillig Arbeitsmigranten zu importieren. Das wirtschaftliche Rettungsseil, das das ländliche Kosovo über Wasser gehalten hatte, war gekappt.

Um die Auswirkungen der Migration auf Kosovos Gesellschaft verstehen zu können, ist es wichtig zu wissen, wie viele Kosovoalbaner außerhalb des Landes leben. Es erweist sich jedoch als schwierig, dies genauer zu erheben. Kosovaren werden in den meisten Statistiken nicht getrennt von anderen Bürgern Serbien und Montenegros aufgeführt. Im März 1992 machte die kosovarische 'Exilregierung' den ersten Versuch, die Gesamtzahl aller Kosovoalbaner im Ausland zu schätzen und siedelte diese bei 217.000 an. Die Studie machte die größten Gemeinden in Deutschland (82.348), der Schweiz (72.448), Schweden (15.652) und Österreich (12.300) aus. Deutschland und die Schweiz blieben während der 90er Jahre die beliebtesten Auswanderungsziele. In der Folge hatte die Einwanderungspolitik dieser beiden Länder die tiefgreifendsten Auswirkungen auf die Entwicklung im Kosovo.

Kosovoalbaner, die in den 90er Jahren nach Deutschland kamen, stellten häufig Asylanträge, doch nur wenige waren erfolgreich. Die meisten, darunter jene, deren Asylgesuch abgelehnt wurde, erhielten Duldungen. Dies ermöglichte es ihnen, ohne formale Festlegung ihres Aufenthaltsstatus' in Deutschland zu bleiben, jedoch unter der Bedingung, das Land zu verlassen, sobald sich die Situation im Kosovo besserte. Nach dem Abzug serbischer Truppen aus dem Kosovo legten die deutschen Behörden fest, dass dies nun der Fall war.

1999 gaben sie bekannt, 180.000 Kosovaren hätten ihren rechtlichen Status verloren und seien zur Ausreise verpflichtet. Sechs Jahre später waren 90.000 freiwillig mit Unterstützung durch den deutschen Staat ins Kosovo zurückgekehrt. Weitere 20.000 wurden abgeschoben und eine unbekannte Zahl kehrte ohne Unterstützungsleistungen der Behörden zurück. Das bedeutet, dass eine große Anzahl derjenigen Kosovoalbaner, die in den 90er Jahren nach Deutschland kamen, wieder ins Kosovo zurückgekehrt ist. Für Kosovoalbaner, die in Deutschland leben möchten, ist nur die Möglichkeit des Familiennachzugs verblieben. Dieser steht Kindern und Ehepartnern von Ausländern offen, die eine Aufenthaltserlaubnis, genügend Wohnraum und ein festes Einkommen nachweisen können. 2004 gab es 4.905 solcher Nachzüge.

Diese massive Nachkriegsabwanderung aus Deutschland wird durch alle verfügbaren Daten bestätigt. Die Gesamtzahl aller serbisch-montenegrinischer Bürger mit Wohnsitz in Deutschland fiel zwischen 1998 und 2004 um 212.000. Zieht man jene ab, die innerhalb dieses Zeitraums die deutsche Staatsbürgerschaft erhielten, erhält man 174.000, die das Land verließen. Während dieser Zeitspanne fiel die Zahl jugoslawischer Staatsbürger in Lohnverhältnissen in Deutschland um 58.000.

In der Schweiz hat keine vergleichbare Rückkehr stattgefunden, obwohl die Zahl der Kosovaren während der 90er Jahre stark zugenommen hatte. 1999 meldete das schweizerische Bundesamt für Statistik 145.000 Kosovoalbaner mit legalem Aufenthaltsstatus und weitere 50.000 Asylbewerber. Die Einwanderungsregeln der Schweiz waren jedoch verhältnismäßig liberal. Asylbewerber, die sich lange genug im Land aufgehalten hatten und erwerbstätig waren, konnten ein permis de séjour, d.h. eine zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis beantragen. Dieser Status verfestigte sich zu gegebener Zeit zu einer dauerhaft gültigen Aufenthaltsberechtigung. Daher brachen auch zwischen 1998 und 2004 die Migrationsströme von Serbien-Montenegro in die Schweiz nicht ab, auch wenn sie im Vergleich zu den 90er Jahren deutlich zurückgingen. Familiennachzüge machten während dieser Zeitspanne 68 Prozent aller Neuankünfte aus.

Früher öffnete Westeuropa seine Tore für Arbeitsmigranten aus dem Kosovo und dem ehemaligen Jugoslawien, um seinen Bedarf an ungelernten Arbeitskräften zu decken. Während der turbulenten 90er Jahre duldete es große Zuläufe an Kosovaren, solange die Region instabil blieb. Seit 1991 blieb Einwanderung jedoch auf niedrige Fallzahlen im Rahmen von Familiennachzug beschränkt.

Dies bedeutet eine wesentliche Änderung sowohl des Umfangs als auch der Natur der Auswanderung aus dem Kosovo. In vorangegangenen Generationen waren die Auswanderer in erster Linie unverheiratete junge Männer, die von ihren Familien ins Ausland geschickt wurden, um Arbeit zu finden. Ihre soziale Bindung an die Familie im Dorf blieb stark. Sie lebten genügsam in ihren Aufnahmeländern und überwiesen einen hohen Anteil ihres Einkommens an den Haushaltsvorstand ihrer Familie. Dies setzte sich üblicherweise fort, bis sie ins Kosovo zurückkehrten, außer sie heirateten und holten ihre Ehefrauen nach, um mit ihnen in Westeuropa zu leben. Sobald sie begannen, im Ausland eine eigene Familie zu gründen und sich so formal vom Haushalt im Kosovo abzuspalten, nahmen die Finanztransfers deutlich ab. In anderen Worten bedeutet dies, dass Finanztransfers im Lauf der Zeit zurückgehen, wenn sie nicht von einem kontinuierlichen Fluss junger Männer aufrechterhalten werden, die das Kosovo auf der Suche nach Arbeit verlassen.

Dies hat dreierlei Konsequenzen für Finanztransfers ins Kosovo. Erstens hat die Gesamtzahl der in der Diaspora lebenden Kosovaren abgenommen. Zweitens wird die Diaspora nicht länger durch die Neuankunft unverheirateter junger Männer beständig ergänzt. Drittens leben diejenigen Kosovoalbaner, die im Ausland verbleiben, zunehmend zusammen mit ihren Familien und daher ist es weniger wahrscheinlich, dass sie Finanztransfers ins Kosovo leisten.

Das Ende der Ära der Massenmigration war zweifelsohne die Folge einer positiven Entwicklung – des Endes der politischen Unterdrückung im Kosovo. Es spiegelte jedoch keinerlei Wandel der wirtschaftlichen Lage im Land, die Massenauswanderung für ländliche Gemeinden lebensnotwendig gemacht hatte. Es verschloss lediglich ein Sicherheitsventil.

C. Finanztransfers: Mythos und Realität

Wenn es eine weit verbreitete Annahme über das Nachkriegskosovo gibt, dann die, dass seine Wirtschaft durch Finanztransfers aus der Diaspora aufrechterhalten wird. Die Diaspora und ihr Reichtum ist einer der wirkmächtigsten kollektiven Mythen im heutigen Kosovo, der von Ausländern und Einheimischen gleichermaßen verinnerlicht wurde. Schließlich waren es Kosovoalbaner im Ausland, die die parallelen Bildungs- und Gesundheitsstrukturen während der entbehrungsreichen 90er Jahre finanzierten und mehr als 125 Millionen US-Dollar an 'Steuern' einnahmen. Es war auch die Diaspora, die die Kosovo-Befreiungsarmee (UCK) unterstützte und einen Großteil des Wiederaufbaus nach dem Krieg finanzierte.

Für ein Phänomen jedoch, das als zentral für Kosovos Wirtschaft erachtet wird, haben Finanztransfers bemerkenswert wenig Analyse erfahren. Die den Transfers zugrunde liegende moralische Ökonomie (wer ist wem verpflichtet) wird selten untersucht. Finanztransfers werden interessanterweise gesondert von Migration diskutiert, obwohl offensichtlich ist, dass ein ursächlicher Zusammenhang zwischen beiden besteht.

In den vergangenen Jahren hat weltweit unter Volkswirtschaftlern und politischen Entscheidungsträgern das Interesse an Finanztransfers zugenommen. Finanztransfers erweisen sich jedoch als schwer greifbarer Gegenstand. Erstens sind sie notorisch schwer zu messen. Denn die entwickelten Länder verfügen über keine genauen Zahlen über Finanztransfers, weil diese häufig über informelle Kanäle fließen. Und zweitens bestehen definitorische Probleme. Das Konzept umfasst eine Spanne verschiedener Phänomene.

Die traditionelle Definition umfasst drei Elemente: Arbeiterüberweisungens sind Transfers von Migranten mit festem Wohnsitz und Beschäftigungsverhältnis im Ausland. Ein 'Migrant' ist eine Person, die sich mindestens ein Jahr in einem anderen Land aufhält, vorausgesetzt sie wurde nicht eingebürgert. Beschäftigungsvergütungen umfassen Löhne und Leistungen an Personen, die im Land ihres Verdienstes keinen festen Wohnsitz haben. Dazu zählen Löhne von Saisonarbeitern im Ausland. Im Falle des Kosovos zählen dazu auch Gehälter und andere Leistungen, die die serbische Regierung an Kosovoserben auszahlt. Migrantenübertragungen sind das Bargeld und das Vermögen, das dauerhaft Rückkehrende in ihre Heimat zurückbringen. Hierbei handelt es sich um einmalige Transaktionen, die sich in den meisten Fällen gegenüber den ersten beiden Positionen klein ausnehmen.

2001 versuchte der IWF das erste Mal, die Gesamtsumme der Finanztransfers ins Kosovo zu schätzen und kam auf eine Summe von €610 Millionen. Wie der IWF einräumte, basierte diese Zahl stark auf Mutmaßungen, die von der weiten Spanne an Schätzungen, die folgen sollten, bekräftigt wurden. 2003 schätzte das Finanzministerium des Kosovos die Höhe der Finanztransfers und Einkommen aus ausländischen Pensionen auf €720 Millionen. In ihrem Jahresbericht 2003 bezifferte die Banken- und Zahlungsaufsicht des Kosovos (BPK) – diese Institution einer Zentralbank am nächsten – die jährlichen Finanztransfers auf €568 Millionen. Die Weltbank schätzte in ihrem Wirtschaftsmemorandum vom Mai 2004 die jährlichen Transfers zwischen 1999 und 2003 auf €550 Millionen.

Ab 2004 pendelten sich die Schätzungen auf niedrigerem Niveau ein. 2006 senkte der IWF seine Transferschätzungen für 2001 mit €317 Millionen auf nahezu die Hälfte, ging jedoch davon aus, dass sie bis zu einem Scheitelpunkt im Jahr 2005 auf €375 Millionen zugenommen hatten.

Tabelle 1: 2006 IWF Finanztransferschätzungen (€)

2001 317 Millionen
2002 341 Millionen
2003 341 Millionen
2004 339 Millionen
2005 375 Millionen
2006 347 Millionen

Tatsächlich schien es in einigen Fällen, als passe der IWF die Höhe der Finanztransfers an Lücken in seinen nationalen Bilanzen an. Diese Praxis wurde mit Missfallen in einem internen Weltbank-Dokument erwähnt, das härtere Daten bei der Anstellung von Schätzungen anmahnte: "es wird keine Rückkehr zur bisherigen IWF-Methode empfohlen, die Summe der Transferzahlungen anzuheben, um Fehler und Auslassungen zu reduzieren".

Tabelle 2: Monatliches Einkommen ländlicher Haushalte (€)

Quelle

Mai 2003

Mai 2004

Nettolöhne – versteuertes Einkommen

175,13

125,86

Finanztransfers

58,83

41,65

Pensionen

23,56

21,16

Löhne in Naturalien

13,68

3,72

Sozialhilfe

5,16

7,72

Sonstiges (Mieteinkünfte, interne Finanztransfers, Geschenke, Nettogeschäftseinkommen)

47,74

53,77

Durchschnittliches  Einkommen ländlicher Haushalte

€ 324,12

€ 253,88

 

Es gibt deutliche Hinweise, dass Finanztransfers in den vergangenen Jahren stetig abgenommen haben und sogar unter diesen Schätzungen liegen. Die beiden aktuellsten Erhebungen von Haushaltseinkommen zeigen, dass die Transfers an den durchschnittlichen ländlichen Haushalt von €58,83 (2002/03) auf €41,65 (2003/04) gesunken sind – ein Rückgang von 25 Prozent in einem einzigen Jahr. Während desselben Zeitraums fiel das durchschnittliche Haushaltseinkommen auf dem Land beträchtlich, von €324 auf €253, da sowohl Nettolöhne als auch Finanztransfers zurückgingen. Diese Erhebungen sind die genauesten derzeit verfügbaren Daten und zeugen von einem dramatischen Rückgang.

Das Team, das an der Erhebung von 2003/04 arbeitete, ging von insgesamt 193.251 ländlichen und 88.448 städtischen Haushalten aus. Wendet man dies auf die Erhebungsdaten an, so erhält man Finanztransfers in Höhe von €166 Millionen für 2003 und €123 Millionen für 2004. Dies liegt bei rund 36 Prozent der jüngsten IWF-Schätzungen (siehe vorige Tabelle). Diese Zahlen stimmen auch mit den Ergebnissen des Kosovo-Armutsberichts der Weltbank überein, wonach heute nicht mehr als 15 Prozent aller kosovarischen Haushalte regelmäßige Finanztransfers erhalten.

Ist es möglich, dass die Transfers unmittelbar nach dem Krieg so schnell fielen? Eine Erklärung findet sich im Massenexodus von Kosovoalbanern aus Deutschland. Als mehr als 100.000 Kosovaren aus Deutschland zurückkehrten, sandten sie ihre Ersparnisse und ihr Eigentum (Autos, Haushaltsgüter etc.) zurück. Dies waren 'Migrantenübertragungen' – das dritte Element der traditionellen Finanztransferdefinition. Es handelte sich – im ökonomischen Sprachgebrauch – nicht um einen 'Fluss" regelmäßiger Überweisungen, sondern um eine einmalige Übertragung. Es scheint wahrscheinlich, dass ein Großteil der Transfers in den Nachkriegsjahren dieser Gestalt war, und dass diese zu einem natürlichen Ende kamen, als die Phase der Massenrückkehr zu ihrem Ende kam. Es lässt sich festhalten, dass das weit verbreitete Bild der Diaspora als Kosovos goldener Gans auf einer Realität fußt, die nicht länger besteht.

D. Migration und Tradition

Für viele Kosovoalbaner war Migration die Verbindung zur Außenwelt – sei es aus direkter Erfahrung als Migranten oder durch mit ausländischem Einkommen erworbene Konsumgüter. Daraus ließe sich schlussfolgern, dass die Migration im Kosovo eine Triebkraft der Modernisierung war. Tatsächlich ist es aber sehr wohl möglich, dass die Auswirkungen der Migration auf das ländliche Kosovo in den vergangenen zwei Jahrzehnten genau das Gegenteil bewirkt haben.

Die amerikanische Anthropologin Janet Reineck studierte von Mai 1987 bis Dezember 1988 "Geschlecht, Migration und Ideologie" in der Region Opoja (serbisch: Opolje) im Südwesten des Kosovos. Ihre faszinierende Schilderung der ländlichen Gesellschaft in den letzten Jahren des jugoslawischen Sozialismus hebt "den Trend zu wachsendem Konservatismus im ländlichen Kosovo seit 1981" hervor, "und die Strategien zu seiner Erzwingung: arrangierte Ehen, die Beschränkung der Bewegungsfreiheit von Frauen außerhalb des Hauses und das Fernhalten von Mädchen von der Oberschule."

Reineck beobachtete, dass Migration in einer Region wie Opoja eine grundlegende soziale Funktion erfüllt: in der Vorstellung der Menschen bedeutet sie die einzige Hoffnung, der Armut zu entrinnen. Das Gebiet hatte über Jahrhunderte Arbeitsmigranten hervorgebracht. Die Aussicht auf Auswanderung galt jedoch nicht als angenehm. Ein von Reineck zitierter Dorfbewohner drückte es so aus:

"Offenbar müssen wir auswandern. Die Aussicht auf Auswanderung ist eine Last auf jedermanns Schulter. Wir mögen die Vorstellung nicht, doch für die meisten Familien ist sie Realität. Unsere Vorväter begründeten die Tradition der Migration. So war es schon immer."

In populären Redensarten, Liedern und Gedichten wird Auswanderung mit Leid gleichgesetzt. "Getrennt und verbannt für einen Dinar." "Wer den Schmerz der Auswanderung nicht gekostet hat, kennt das Leben nicht." Möge Gott dem Ersten auf dem Pfad der Wanderung niemals Frieden geben!" Ein Gedicht drückt es so aus:

Der Vater ist ein Fremder im eigenen Haus,
Verflucht sei die finstere Auswanderung!
Kind um Kind wird geboren,
Doch der Vater ist nicht da, um ihn zu rufen.

Reineck erkannte einen klaren Unterschied zwischen den Auswirkungen der Arbeitsmigration innerhalb des Landes und der in andere Länder. Die Männer in Opoja, die Arbeit in nahe gelegenen Städten gefunden und so die Möglichkeit hatten, häufiger zu Besuch zu kommen, passten sich neuen Werten schneller an als jene, die ins Ausland gegangen waren.

"Ein nicht-opojanischen Ideen ausgesetzter Mann, der dennoch nahe genug ist, um das Verhalten seiner Familie zu überwachen, ist flexibler in seiner Wahrnehmung lokaler kultureller Gebote. Er kann seine Töchter auf die Oberschule schicken, weil er nahe genug ist, um sie in ihrem Verhalten zu beobachten. Seine Frau kann Verwandte in Prizren besuchen, weil er in der Nähe ist und seine Gemeinde das auch weiß."

Auf der anderen Seite bestanden diejenigen, die weiter weg lebten und die Familie seltener besuchten, auf einem strikten moralischen Konservatismus, um ihre Frauen und Töchter zu 'beschützen'.

"Die Männer glauben, alternde Eltern und andere Familienmitglieder seien sicher, solange in ihrer Abwesenheit striktes, traditionelles Verhalten aufrechterhalten werde. Und sie finden in der Fremde Trost in der Gewissheit, dass sie jedes Mal, wenn sie zurückkehren, dieselbe Lebensart wieder finden werden, die sie vor Monaten, Jahren und Jahrzehnten verlassen haben. Die einzige Veränderung, die sie vorzufinden hoffen, liegt im Lebensstandard ihrer Familie."

Im Zentrum dieser Lebensart stand die patriarchale Großfamilie. Der durchschnittliche Haushalt in Opoja hatte zehn Mitglieder. In jeder Familie "haben Frauen ihren Ehemännern, allen erwachsenen Familienmitgliedern und älteren eingeheirateten Frauen zu gehorchen. Ehemänner wiederum gehorchen den Älteren und jeder beugt sich dem Willen des Familienvorstandes."

Die Arbeitsmigranten waren in der Lage, ihre Familien mit neuen Häusern und modernen Haushaltsgeräten materiell zu versorgen. Der Zugang zu Konsumgütern bewirkte jedoch keine Veränderung der traditionellen Werte und Einstellungen. Reineck zitiert einen Bewohner Opojas:

"Diese ungebildeten und wohlhabenden Auswanderer verbreiteten ihren Lebensstil in Opoja und sind für unsere Rückständigkeit verantwortlich. Ihre Vorstellung von Fortschritt ist es, große Hochzeiten abzuhalten, die Bräute aufwendig zu kleiden, große neue Häuser zu bauen und neue Autos zu kaufen. Sie sind die konservativsten von allen und haben den meisten Einfluss. So lange meine Taschen leer sind, habe ich keinen vergleichbaren Einfluss."

Die finanzielle Abhängigkeit von abwesenden Vätern verstärkte die Passivität und die Schicksalsergebenheit der Zurückgebliebenen, deren Aussicht, eine Arbeit im Kosovo zu finden, marginal war.

"Im Bewusstsein der Zwecklosigkeit einer Zukunftsplanung erleben die Jungen ihren achtzehnten, zwanzigsten und fünfundzwanzigsten Geburtstag in der vagen Hoffnung, eine Arbeitseinladung eines Verwandten im Ausland werde sie vor einer ungewissen Zukunft bewahren."

Reineck wies darauf hin, dass das, was sie in Opoja beschrieb, in den 80er Jahren im gesamten ländlichen Kosovo üblich war. Zu dieser Zeit erreichten von den 45.000 Mädchen, die jedes Jahr die Grundschule begannen, lediglich 8.000 die achte Klasse. 1988 waren mehr als 90 Prozent der albanischen Frauen im Kosovo "wirtschaftlich abhängig". Es gab eine gewaltige Kluft zwischen der Situation in Pristina (wo 1988 41 Prozent der Mädchen eine Oberschule besuchten) und den ländlichen Gebieten (wo die entsprechende Zahl häufig unter vier Prozent lag).

Seit Reineck ihre Studie vor 15 Jahren durchführte, hat die Migration aus dem Kosovo ins Ausland dramatisch abgenommen. Welche Auswirkungen hatte dies auf das Verhältnis von Migration, Finanztransfers und Entwicklung im weiteren Sinn? Ist es noch immer plausibel anzunehmen, ländliche Gegenden mit hoher Auslandsmigration neigten zu größerem Konservatismus? Was bedeutet das Ende der Massenmigration für solche Dörfer?

III. DIE GESCHICHTE ZWEIER DÖRFER

Cerrce (serbisch Crnce) ist ein Dorf mit 300 Haushalten im Nordwesten des Kosovos an der Grenze zu Serbien. Lubishte (Lubiste), ein Dorf mit 227 Haushalten, liegt am Fuß des Karadag-Gebirges im Südostkosovo, unweit der mazedonischen Grenze. Für kosovarische Verhältnisse ist Cerrce ein relativ wohlhabendes Dorf; Lubishte ist sicherlich eines der ärmsten. In beiden Dörfern lassen sich jedoch dieselben Kräfte beobachten, die das ländliche Kosovo gestalten. Auf dem kosovarischen Land entfaltet sich heute ein Drama; und politische Entscheidungsträger sowohl in Pristina als auch in den europäischen Hauptstädten täten gut daran, ihm Aufmerksamkeit zu schenken.

Zwischen 2004 und 2005 unterstützten die beiden Dorfgemeinschaften ESI bei der Durchführung einer vollständigen Erfassung der Lebensumstände in beiden Dörfern. Jeweils 527 Haushalten wurden 44 Fragen vorgelegt. Zu mehr als 4.000 Personen wurden Informationen gesammelt. Ziel war die vollständige Durchleuchtung des ländlichen Kosovos im Vorfeld der Entscheidung über den politischen Status der Provinz.

Verglichen mit anderen Dörfern ist Cerrce gut angebunden: es liegt lediglich zwei Kilometer südlich der Stadt Istog (Istok), dem Verwaltungszentrum der Gegend. Die Hauptstraße von Istog nach Peja (Pec) verläuft durch das Dorf. Westlich der Hauptstraße liegen die Mali i Moknes (Rugova-Berge), die sich bis auf 1.900 Meter über dem Meeresspiegel erheben und im Sommer als Viehweideland genutzt werden. Schafe und Rinder waren die traditionellen Hauptstützen der örtlichen Ökonomie und die Männer verbrachten die Sommermonate in den Bergen, um dort ihr Vieh zu hüten. Östlich der Hauptstraße liegt die fruchtbare Dukagjin-Ebene (Metohija), wo der Weiße Fluss (Drini i Bardhe) durch Regenfälle in den Bergen gespeist wird. Über Jahrhunderte haben die kraftvollen Bergflüsse Wassermühlen angetrieben und die Bewässerung des Gemüseanbaus sichergestellt. Das hiesige Klima ist milder und besser für Landwirtschaft geeignet als in vielen anderen Teilen des Kosovos. Die alte Siedlung von Cerrce lag weiter oben auf dem Hang, von wo Wege in den Wald und auf das Gebirgsweideland führten. Heute verfügt das Dorf über eine Grundschule, ein Kulturzentrum und zwei kleine Kaufläden.

Cerrces berühmtester Sohn ist Ibrahim Rugova, der 1944 während der deutschen Besatzung, als das Dorf Teil Großalbaniens war, in eine einflussreiche Familie geboren wurde. Die Welt, in die Rugova geboren wurde, war eine traditionelle Welt patriarchaler Haushalte und eng verwobener bäuerlicher Gemeinden. Diese Welt wurde durch Krieg, fortgesetztes Umschreiben von Grenzen und schließlich durch die Ankunft des Kommunismus' ins Chaos gestürzt. 1946 wurden sein Vater, sein Großvater und zwei seiner Onkel von den Kommunisten erschossen. Rugova wuchs als Waise auf, besuchte die Oberschule in Istog und studierte in den 60er Jahren in Pristina. Mit der Zeit schlossen Cerrces Bewohner ihren Frieden mit der kommunistischen Verwaltung und die bekanntesten Bürger traten in die Partei ein. Letzteres brachte eine Reihe von Vorteilen, insbesondere Zugang zu Ausbildung und Arbeit in der öffentlichen Verwaltung und den staatseigenen Betrieben. Als jedoch 1989 Kosovos Autonomie aufgehoben wurde, verbrannten Cerrces Funktionäre ihre Parteibücher und schlossen sich Rugovas Partei an, der Demokratischen Liga des Kosovos (LDK), die bis heute die bestimmende politische Kraft der Region ist.

Im Krieg von 1999 wurde das Dorf nahezu vollständig zerstört. Nach der Flucht der Albaner zerstörten serbische Truppen bis auf eine Hand voll alle Häuser. Seither wurden jedoch fast alle wieder aufgebaut bis auf jene, die 18 nicht zurückgekehrten Familien aus Minderheiten (Serben und Roma) gehören. Es gibt auch 60 dauerhaft verriegelte Häuser albanischer Familien, die das Kosovo verlassen haben. Von Cerrces 1.980 Einwohnern leben heute 607 im Ausland.

Im Gegensatz zu Cerrce ist Lubishte in keinerlei Hinsicht ein privilegierter Ort. Bis zur Mitte der 70er Jahre gab es keine nennenswerte Straße zwischen dem Dorf und dem Rest des Tales sowie dem kleinen Gemeindezentrum Viti im Ostkosovo. Die Beschaffenheit des Bodens ist dürftig und es gibt nur wenig Wasser, um Landwirtschaft zu betreiben. Die Asphaltstraße zum Dorf führt nur bis auf den kleinen Dorfplatz. Während einige Häuser groß und in gutem Zustand sind, verfallen andere. Auf der Kuppe des höchsten Hügels steht eine neue Moschee, die maßgeblich mit Geldzahlungen der Genfer Diaspora des Dorfes finanziert wurde. Neben der Moschee befinden sich Wohncontainer, die von der US-Armee zur Verfügung gestellt wurden und als Klassenzimmer genutzt werden. Es gab den Versuch, das alte, aus den frühen 70er Jahren stammende und während des Erdbebens von 2002 beschädigte Schulgebäude zu ersetzen, doch das Vorhaben scheiterte an fehlendem Geld und das neubegonnene Gebäude wurde bis heute nicht fertig gestellt. Besonders ins Auge sticht die völlige Abwesenheit eines öffentlichen Lebens, abgesehen von dem kleinen Laden am Dorfplatz. Ein Internetcafe schloss nach kurzer Zeit wieder. Kleine Kinder strömen zusammen, sobald ein Besucher länger als eine Minute an einem Ort verweilt. 45 Prozent der Dorfbevölkerung sind jünger als 16 Jahre.

Auch Lubishte war einst eine Hirtengemeinde. Schäfer trieben ihre Herden im Sommer auf das Weideland hoch hinauf in das Karadag-Gebirge, doch die Errichtung einer internationalen Grenze zu Mazedonien in den 90er Jahren setzte dem ein Ende. Im vergangenen Jahrzehnt war diese gebirgige Region gelegentlich Rückzugsgebiet für albanische Separatisten aus Mazedonien und dem Presevo-Tal in Serbien. Nach dem Konflikt in Mazedonien 2001 flohen einige hundert mazedonische Albaner zeitweise nach Lubishte. Heute hat Lubishte eine Bevölkerung von 2.134, wovon 572 im Ausland leben, vor allem in der Schweiz in eng verwobenen Gemeinden um Basel und Genf.

A. Europas größte Familien

Das Kosovo hat bekanntermaßen Europas größte Familien. Auch heute muss man nicht weit gehen, um sie zu finden. Der durchschnittliche Haushalt in Cerrce hat 6,6 Mitglieder, der durchschnittliche Haushalt in Lubishte 9,5.

Sadik Haskajs Haushalt ist mit 24 Personen unter einem Dach der größte in Cerrce. Der Haushalt umfasst Sadiks Mutter (71), Sadik und seine sechs Brüder (einer lebt in der Schweiz), vier Ehefrauen und zwölf Kinder. Der größte Haushalt in Lubishte gehört Nure Nura und seiner Gattin Ramize (beide über 70 Jahre alt). Er hat 32 Mitglieder: sechs Söhne und ihre sechs Ehefrauen, eine unverheiratete Tochter und 17 Enkelkinder. Der Haushalt umfasst zwei Häuser, bildet jedoch eine wirtschaftliche Einheit. Zwei der Söhne Nures – Nefali (46) und Faruk (42) – leben in Österreich, ihre Frauen jedoch in Lubishte.

Familien dieser Größenordnung sind im ländlichen Kosovo noch immer verbreitet. Es ist verblüffend, dass sich die Größe der Haushalte in einem halben Jahrhundert kommunistischer Herrschaft nicht verändert hat. 1948 hatte der durchschnittliche kosovarische Haushalt 6,4 Mitglieder. 1981 hatte er auf 6,9 zugenommen und stand 2003 wieder bei 6,4. Zum Vergleich: im Europäischen Wirtschaftsraum nahm die Familiengröße von 2,8 im Jahr 1980 auf 2,5 im Jahr 1995 ab; Irland stach mit den größten Familien Westeuropas (4,0 Mitglieder) heraus.

Das Kosovo ist heute die letzte Hochburg einer Form der patriarchalen Familienstruktur, die einst auf dem gesamten Balkan verbreitet war. Diese Familienstruktur überdauerte 50 Jahre Kommunismus, Jahrzehnte massiver Abwanderung nach Westeuropa sowie das Verschwinden der Hirtenwirtschaft.

Imer Maxharraj ist Rentner und war früher einer von Kosovos führenden Bewässerungsexperten. Er wurde 1939 in Cerrce in eine Gesellschaft geboren, die sich in hundert Jahren kaum verändert hatte. Das Dorf bestand aus 14 großen Haushalten. Die fünf einflussreichsten lebten in kullas – großen festungsartigen Häusern mit dicken Steinmauern und nur im zweiten Stock vorhandenen schmalen Schlitzen als Fenstern. Große Haushalte galten als Zeichen von Reichtum und Einfluss und manche hatten mehr als 40 Mitglieder. Haushalte dieser Art waren weitestgehend autark. Sie produzierten nicht nur ihre eigenen Lebensmittel, sondern auch ihre eigene Kleidung und ihre eigenen Möbel.

Der Maxharraj-Haushalt hielt Ziegen, Schafe und Kühe für den Eigenbedarf an Fleisch, Milch und Käse. Er baute Mais, Weizen, Roggen, Obst und Gemüse an und stellte Brot und Raki selbst her. Imers Vater war Haushaltsvorstand und teilte die Aufgaben zu: ein Mann hütete die Schafe, ein anderer pflügte mit einem Ochsengespann den Boden, ein dritter schlug Holz im Wald. Im Sommer hüteten die Kinder auf dem Gebirgsweideland die Milchkühe. Pferde und Ochsen dienten zum Transport des geschlagenen Holzes aus dem Wald und von Fels aus den Bergen für den Häuserbau. Gelegentlich brachte der Verkauf von Vieh oder Gemüse auf dem Markt von Istog etwas Geld, doch war der Haushalt durchaus in der Lage, außerhalb der Geldwirtschaft zu überleben. Ein wesentlicher Grund dafür war, dass die Arbeit von Familienmitgliedern erbracht wurde.

Haushalte wie der Imers faszinieren ausländische Besucher seit langem. Vor hundert Jahren konnten sie in vielen ländlichen Gebieten des Balkans gefunden werden; oft wurden sie mit dem slawischen Wort Zadruga bezeichnet. Dieses Wort bezeichnet den Brauch junger Männer, auch nach der Heirat mit ihren Familien unter einem Dach zu leben und große Mehrfamilienhaushalte zu schaffen.

Eine der aufmerksamsten Beobachterinnen solcher Familien war Vera Erlich, die in den 30er Jahren eine große vergleichende Familienstudie in ganz Jugoslawien unternahm. Sie untersuchte 300 albanische, bosnisch-muslimische, bosnisch-christliche, serbische und kroatische Dörfer.

"Das grundlegende Prinzip der Zadruga ist, dass Männer niemals aus dem gemeinsamen Haushalt ausziehen. Söhne und ihre Nachkommen verbleiben dort und nur Töchter verlassen ihn bei der Heirat, um Mitglied der Zadruga ihres Ehemanns zu werden. Die Zadruga ist ein hierarchisches System, das jedem Mitglied einen bestimmten Rang zuweist. Dieser Rang wird durch Alter und Geschlecht festgelegt, dabei spielt das Geschlecht eine stärkere Rolle als das Alter: alle männlichen Haushaltsangehörigen stehen über den Frauen …"

Als eine wirtschaftliche Einheit ist die Zadruga ein Kollektiv.

"In der Zadruga gibt es abgesehen von persönlicher Kleidung und kleineren Gegenständen kein Privateigentum. Geld wurde vom Haushaltsvorstand verwaltet oder von einem der Männer, der für Ein- und Verkäufe zuständig war."

Alle wesentlichen Entscheidungen werden vom Haushaltsvorstand getroffen (zoti i shtepise): vom Zeitpunkt der Aussaat oder der Schlachtung von Tieren bis zur Festlegung dessen, was einen 'anständigen Lebenswandel' darstellt. Diese Autorität besteht bis heute fort. Der Haushaltsvorstand legt fest, wie Geldtransfers von Familienmitgliedern im Ausland verwandt werden und wie viel Schulbildung die Kinder erhalten sollen. Es wird davon ausgegangen, dass jeder erwachsene Mann gleichviel zum Familieneinkommen beiträgt, unabhängig von seiner tatsächlichen Arbeit. Das Einkommen wird zusammengelegt und jedes Familienmitglied hat ein Anrecht auf den gleichen Anteil für seine Grundbedürfnisse. Wenn Haushalte sich aufteilen, wird alles Eigentum zu gleichen Anteilen unter den Brüdern aufgeteilt, das Land eingeschlossen. Da die Ehefrauen aus anderen Dörfern kommen und von Töchtern erwartet wird, sich nach ihrer Heirat einer anderen Zadruga anzuschließen, erhalten Frauen keinerlei Anteil am Familieneigentum und nehmen eine untergeordnete Stellung im Haushalt ein.

Es ist verblüffend, wie wenig sich die Haushaltsorganisation seit damals verändert hat. In Lubishte gibt es heute 89 Haushalte mit mehr als zehn Mitgliedern und 34 mit mehr als 15. Sogar in Cerrce, dem 'moderneren' der beiden Dörfer, gibt es 27 Haushalte mit mehreren Familien unter demselben Dach. Viele der traditionellen Muster, die Erlich in den 30er Jahren beschrieb, sind noch immer erkennbar. Es gibt fast keine unverheirateten Frauen über 30, der älteste Mann in der Familie trifft noch immer Entscheidungen im Namen aller und das Familienleben organisiert sich nach einer strikten Hierarchie.

Haki Haskaj (36) betreibt das Globi Café in Cerrce und verbrachte viele Jahre in Österreich und Deutschland. Er lebt noch immer in einem traditionellen Mehrfamilienhaushalt mit seinem Bruder und seinem Vater, der in Deutschland arbeitete. Die beiden Ehefrauen kümmern sich gemeinsam um neun Kinder und alles Einkommen wird zusammengelegt.

Ismet Islami (49) ist Direktor der Grundschule von Lubishte und ist einer der gebildetsten Männer im Dorf. Er studierte in Pristina und tut sich heute schwer, seinen fünf Kindern (drei Söhne und zwei Töchter) dieselben Möglichkeiten zu bieten. Zwei studieren bereits und der jüngste Sohn geht auf die Oberschule. Trotz seiner Bildung hält Ismet die Tradition aufrecht. Er und seine Frau leben bei seinen Eltern. Sein Vater entscheidet, wie sein monatliches Lehrergehalt von €222 ausgeben wird. Der Haushalt verfügt über sechs Hektar Land und hält acht Rinder, um das Geld für das Studium der Kinder aufzubringen. Hätte er Brüder, so erklärt Ismet, müssten die Erträge des Landes mit ihnen und ihren Kindern geteilt und letztendlich würde das Land aufgeteilt werden.

Qefser Qahil lebt mit seinem Bruder in einem Haus mit fünf Räumen in Lubishte. Sein Bruder arbeitet als Lehrer in der örtlichen Grundschule und hat sechs Söhne und eine Tochter. Qefser hat zwei Söhne und eine Tochter. Nun, da zwei Söhne seines Bruders studieren, muss Qefser härter denn je arbeiten, um zur Finanzierung ihres Studiums beizutragen. Kürzlich begann er den Bau eines zweiten Hauses, um die Teilung des Haushalts vorzubereiten. Sobald das Haus fertig gestellt ist, werden er und sein Bruder die fünf Hektar Land aufteilen. Dann werden die beiden Familien als getrennte Einheiten wirtschaften.

Das anhaltende Bestehen der Mehrfamilienhaushalte – lange nachdem sie im übrigen Balkan verschwunden sind – ist heute eines der bestimmenden Merkmale des ländlichen Kosovos. Auf den ersten Blick erscheint dies sonderbar anachronistisch, angesichts der gewaltigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen seit dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere des Niedergangs der traditionellen Hirtenwirtschaft, der Marginalisierung der Landwirtschaft und der Ankunft der Geldwirtschaft.

Im Kosovo zur Mitte der 50er Jahre gab es reichlich Land; es mangelte ländlichen Haushalten in erster Linie an Arbeitskräften. Mehr Männer in einem Haushalt bedeutete mehr Reichtum und Einfluss, da mehr Land bestellt und mehr Vieh gehalten werden konnte. Haushalte waren weitgehend autark – von Nahrung und Kleidung bis zum Haus- und Möbelbau – und nahmen nur marginal an der Geldwirtschaft teil. Hohe Sterberaten hielten das Bevölkerungswachstum niedrig und verhinderten, dass Haushalte eine nicht mehr tragfähige Größe erreichten.

Ab den 50er Jahren jedoch führte ein verbessertes Gesundheitssystem zu einem rapiden Rückgang der Sterblichkeitsrate und rasant ansteigendem Bevölkerungswachstum. Auf Grund der verbesserten Gesundheitsvorsorge stieg die Lebenserwartung zwischen 1952 und 1982 von 49 auf 68 Jahre für Männer und von 45 auf 71 Jahre für Frauen! In den 80er Jahren lag daher das Bevölkerungswachstum bei über 2,5 Prozent, höher als in den 40er Jahren. Bei dieser Rate verdoppelt sich die Bevölkerung alle 30 Jahre.

Das Bevölkerungswachstum zwang die Haushalte zum Bau neuer Häuser und zur Aufteilung des Landes. In Cerrce teilte sich die Rugova-Familie 1949 das erste Mal – ein großes Ereignis im Dorfleben, dessen sich die ältere Generation noch heute erinnert. Heute gibt es 27 Rugova-Haushalte, die in einer eigenen Rugova Mahala (Nachbarschaft) leben. Imers Haushalt teilte sich 1961 das erste Mal und die so entstandene Maxharraj Mahala besteht heute aus 16 Haushalten. Die Rexhajs, die sich als erste teilten, brachten 91 Häuser in mehreren Rexhaj Mahalas hervor.

Mit jeder Trennung wurde das Land unter den Söhnen aufgeteilt und der Umfang des jedem Haushalt gehörenden Landes nahm ab. Dieser Prozess der Landzersplitterung führte schnell zu Einkommenseinbußen einst einflussreicher Familien. Heute umfasst das durchschnittliche Stück Land einer Familie in Cerrce und Lubishte rund einen Hektar. Eine wachsende Anzahl von Haushalten besitzt gar kein Ackerland. Dies führte zum Verlust der Autarkie ländlicher Haushalte, die so weiter in die Geldwirtschaft gezogen werden. Das traditionelle Hirtenleben gibt es nicht mehr und Nahrungsmittel müssen zunehmend gekauft werden. Traditionelle Fertigkeiten im Bauwesen und im Zimmermannshandwerk müssen nun bezahlt werden und bilden den Kern des ländlichen Privatsektors.

Es gab auch Veränderungen im ländlichen Lebensstil. Analphabetismus war in den 40er Jahren die Norm; war aber im Jahr 2000 auf 21 Prozent gefallen (auch wenn die Rate 1981 schon einmal niedriger war). Bei den unter 30jährigen ist die Analphabetenrate bereits auf unter 2 Prozent gefallen. Die Häuser sind voll mit importierten Gütern, insbesondere mit Satellitenfernsehanlagen, was auf einen Hunger nach Bildern aus der Welt schließen lässt. Die Migration hat Wissen um moderne Werte und Lebensstile in die entlegensten Winkel des Kosovos gebracht.

Aus all diesen Gründen sagen Historiker seit Jahrzehnten den bevorstehenden Untergang der erweiterten Familien des Kosovos voraus. In den 60er Jahren präsentierte Vera Erlich ihren Lesern "die letzten Bilder eines ins Schwanken geratenen Schiffs; die letzte Bestandsaufnahme des zerfallenden patriarchalen Gesellschaftssystems." 1979 kam die norwegische Autorin Berit Backer in ihrer Studie eines Dorfes im Westen des Kosovos zum Schluss, dass:

"der Wandel in Isniq unumkehrbar ist. Neue Ansichten werden eine Rückkehr zu den alten Sitten verhindern… Es scheint auf jeden Fall klar, dass sich angesichts der Einstellungen der heutigen Dorfjugend das Zeitalter der Zadrugas seinem Ende zuneigt."

1995 schrieb der österreichische Historiker Karl Kaser, der ohnehin auf albanische Gegenden beschränkte patriarchale Haushalt sei Teil einer "erlöschenden Kultur" und werde angesichts der sozioökonomischen Entwicklung verschwinden.

Tabelle 3: Haushaltzusammensetzung in Lubishte und Cerrc

%

Lubishte

Mitgliederanzahl

Cerrce

%

10,5 %

24

1-4 Mitglieder

65

21,7 %

50,7 %

116

5-9 Mitglieder

195

65,0 %

23,6 %

54

10-14 Mitglieder

28

9,3 %

14,8 %

34

15-30 Mitglieder

12

4,0 %

0,4 %

1

mehr als 30

0

0,0 %

100,0 %

229

Gesamt

300

100,0 %

 

Doch bislang erwies sich jede Vorhersage eines baldigen Niedergangs der patriarchalen Familie als verfrüht. Obwohl Anzeichen der Belastung unverkennbar sind, vor allem hinsichtlich der Landknappheit, haben die vor Generationen eingetretenen dramatischen sozialen Veränderungen in anderen Teilen des Balkans das Kosovo bislang nicht erreicht. Für dieses zentrale Paradox des heutigen ländlichen Kosovos gibt es zwei Erklärungen: die eigentümliche Geschichte und die Folgewirkungen des jugoslawischen Kommunismus' im Kosovo und die Auswirkungen der Massenmigration und von Finanztransfers in jüngerer Zeit.

B. Das gebrochene Versprechen des Kommunismus

Das wirtschaftliche und gesellschaftliche Kernziel des jugoslawischen Kommunismus' war die Überwindung von Unterentwicklung. Jugoslawische Soziologen der vorkommunistischen Zeit hatten die "passiven Gebiete" (pasivni krajevi) untersucht, die sie als "Gebiete mit starken Defiziten in der Nahrungsmittelproduktion und anderen Einkommensmöglichkeiten" beschrieben, die "daher für ihr Auskommen weitgehend auf externe Einkommen angewiesen sind." Jozo Tomasevic schrieb:

"Während der 30er Jahre wurde den meisten jugoslawischen Volkswirtschaftlern und manchen Politikern und Beamten grundsätzlich klar, dass das Problem der landwirtschaftlichen Überbevölkerung die zentrale wirtschaftliche Frage des Landes war, und dass diese weitreichende politische und gesellschaftliche Bedeutung und Auswirkungen hatte… Da Massenauswanderung unmöglich war, war die einzige dauerhafte Lösung … die Industrialisierung."

In weiten Teilen Jugoslawiens ließen sich die Kommunisten von der Vision leiten, die Subsistenzwirtschaft mit einer modernen, urbanen und industriellen zu ersetzen. Bauern sollten weg von einer Subsistenzmentalität und hin "zu einer industriellen Mentalität ständig steigenden gesellschaftlichen Wohlstands" erzogen werden. Mittel dieser Umformung war der Bau staatseigener Fabriken, die in ihrer strategischen Verteilung über das Land weniger den Erfordernissen wirtschaftlicher Effizienz, sondern einer sozialen und politischen Logik folgten.

Der jugoslawische Kommunismus im Kosovo war jedoch von Beginn an eine Erfahrung der anderen Art. Erstens war er für einen Großteil seiner Geschichte wesentlich repressiver als in anderen Landesteilen. Das Kosovo litt unter mehreren Phasen ethnisch motivierter Unterdrückung: von 1945 bis 1966 (die sogenannten Rankovic-Jahre, benannt nach Titos berüchtigtem Chef der Geheimpolizei) und erneut von 1989 bis 1999 unter Milosevic. Die Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg war durch Exekutionen und Enteignungen gekennzeichnet, die sich unter Rankovic zu einer Welle der Gewalt ausweiteten, die 1956 eine große Anzahl von Kosovaren dazu veranlasste, sich als 'Türken' zu bezeichnen und in die Türkei auszuwandern. Die 70er Jahre waren eine Zeit relativer Ruhe, doch 1981 entluden sich die Spannungen abermals. Die wirtschaftliche und soziale Krise in Serbien und im Kosovo führte in die Milosevic-Zeit, in der Kosovos Autonomie widerrufen wurde und Albaner en masse aus dem öffentlichen Dienst entlassen wurden. Von 54 Jahren Kommunismus waren 31 von ernsthafter Unterdrückung bestimmt.

Zweitens war die kommunistische Entwicklungspolitik im Kosovo verspätet und oberflächlich. Bis zur Mitte der 60er Jahre gab es kein ernsthaftes Industrialisierungsprogramm. In Pristina und Mitrovica wurden neben einer großen öffentlichen Verwaltung einige Fabriken errichtet, die eine Fassade der Moderne schufen. Doch die kommunistische Entwicklungspolitik hatte noch nicht einmal begonnen, das ländliche Kosovo zu erreichen.

Die Gemeinde Viti (Vitina), zu der Lubishte gehört, veranschaulicht dies deutlich. Bis zu den 70er Jahren gab es keinerlei industrielle Entwicklung. 1976 wurde ein Kalksteinbruch eröffnet, 1979 gefolgt von einer Sägemühle. Das metallverarbeitende Unternehmen Vinex wurde 1980 gegründet, um Gewindemuttern und Bolzen herzustellen. Es gab eine Getreidemühle und eine Firma, die Mineralwasser in Flaschen abfüllte. 1985 wurde mit der Textilfabrik Letnica der größte Arbeitgeber der Gemeinde gegründet, um Arbeitsuniformen zu fertigen. Dies war eine politische Investition, um Beschäftigung für die 460 kroatischen Katholiken der Region zu schaffen. Fünfzig Prozent der Finanzmittel kamen aus Kroatien. Doch nachdem die Kroaten 1991 die Region verlassen hatten, stellte Letnica die Produktion ein. Auf dem Höhepunkt der Industrialisierungspolitik Mitte der 80er Jahre hatten nicht mehr als 1.500 Einwohner der Gemeinde Arbeitsplätze in staatseigenen Betrieben. Viele von ihnen waren Serben und Kroaten.

Der Mangel an echter wirtschaftlicher Dynamik in den Städten hatte auch Konsequenzen für ländliche Gebiete, insbesondere für die albanischen Dörfer. In den 50er Jahren hatte das Gemeindezentrum Viti 700 Einwohner. Darunter waren fast keine Albaner. Als Isa Uka, ein führender kommunistischer Funktionär aus Lubishte, 1978 ein Haus in der Stadt kaufte, war dies erst das siebte, das einem Albaner gehörte.

Das Dorf Lubishte blieb sogar von den grundlegendsten Entwicklungsanstrengungen abgeschnitten. Bis 1970 gab es keinen elektrischen Strom. Erst 1976 wurde eine Straße in das Dorf gebaut. Vorher mussten die Dorfbewohner zu Fuß in das im Tal gelegene Viti gehen und oft war auch mit Traktoren kein Durchkommen. Im Winter war es manchmal monatelang unmöglich, das Dorf zu verlassen. Ein paar Bewohnern Lubishtes gelang es, eine Ausbildung abzuschließen und anderswo im Kosovo Arbeit zu finden. Doch dies war eine Seltenheit. Lubishte vollzog den Übergang von prä-sozialistischer Unterentwicklung zu post-sozialistischer Armut ohne jede Zwischenphase der Modernisierung.

In Cerrce und der Gemeinde, zu der es gehört (Istog) verhielt es sich anders. Als Imer Maxharraj als einer der ersten Jungen aus dem Dorf eine akademische Karriere anstrebte – und acht Jahre in Istog auf die Oberschule ging, bevor er Landwirtschaft in Belgrad studierte – war er noch eine Ausnahme. Bis zum Zweiten Weltkrieg hatte es keine albanischsprachigen Grundschulen im Kosovo gegeben und selbst in den 60er Jahren gab es nur wenige Oberschulen. Da Bildung eine Voraussetzung für die meisten Lohnarbeitsverhältnisse war, waren ländliche Albaner durch ihre Sprache vom formalen Arbeitsmarkt ausgeschlossen. Für die Dorfbewohner bedeutete der Erwerb von Bildung ein Zueigenmachen der serbischen Sprache und Kultur, dem sich viele widersetzten.

Ab den 60er Jahren gab es große Anstrengungen, den Analphabetismus auf dem Land zu überwinden und viele Bauernsöhne begannen, nach der Grundschule die Oberschule zu besuchen. Neue Ansichten zur Bildung wurden sichtbar: Vec me shkolle ka ardhmeri (keine Zukunft ohne Bildung). In der allgemeinen Vorstellung wurde Bildung zu einer Alternative zur Auswanderung und galt als wesentlich attraktiverer Weg zu wirtschaftlicher Sicherheit.

Dies löste eine Flut von Erwartungen aus, die Berit Backer in den 70er Jahren im Dorf Isniq im Westkosovo beschrieb. Die Aussicht auf bezahlte Arbeit irgendeiner Art ohne Bildung war gleich Null. Nach Backer

"neigen die Menschen dazu, Bildung als Schnellstraße zur Modernisierung zu begreifen. Dies insbesondere, da sich der Status der albanischen Sprache 1968 in den Schulen und den Behörden verbesserte und 1969 eine Universität in Pristina eröffnete."

Nach Backer betrachteten die Dorfbewohner Bildung als "ziemlich sichere Investition" – eine Sprache, die den Optimismus der 70er Jahre widerspiegelte.

In Cerrce schuf der Kommunismus neue Arten von Arbeitsplätzen. 1989 hatten 60 Dorfbewohner eine Anstellung in sozialistischen Unternehmen und 40 weitere in öffentlichen Einrichtungen gefunden: an örtlichen Schulen, bei der Polizei oder im Krankenhaus von Istog. Fünf sozialistische Kooperativen banden kleine Bauern an die Märkte an. Es gab ein Veterinärinstitut, ein Bewässerungsunternehmen und eine Fischzucht (Trofta). Ein landwirtschaftliches Kombinat verwaltete 2.145 Hektar Land und Weinberge, gut 1.000 Rinder, 18.000 Schweine und eine Fabrik für Kraftfutter.

Doch der Kommunismus änderte nicht den grundlegend ländlichen Charakter des Westkosovos. Aber auch in der Stadt Istog gab es wenig echte Industrialisierung: eine in den 50er Jahren gegründete Sägemühle (Radusha), in der 1989 76 Arbeiter Türen und Fenster fertigten; und eine in den 60er Jahren gegründete Textilfabrik, in der 225 Arbeiter Nähgarn herstellten. Einige der ungelernten Arbeiter aus dem Dorf kamen in der großen Autoteilefabrik im nahen Peja (Ramiz Sadiku) unter. Doch auch 1981 hatten die 50.000 Einwohner der Gemeinde Istog nicht mehr als 3.000 nicht-landwirtschaftliche Arbeitsplätze und lediglich 250 in der Industrie. Noch 1989 wurde mehr als 70 Prozent des Sozialprodukts der Gemeinde Istog in der Landwirtschaft erzeugt.

Tabelle 4: Das gebrochene Versprechen des Sozialismus im Kosov

Jahr

Bevölkerung

Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter

Nicht-landwirtschaftliche Arbeitsplätze (im Verhältnis zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter)

1953

813.000

433.000

...

1963

1.021.000

529.000

77.658 (14,7%)

1973

1.329.000

682.000

120.168 (17,6%)

1983

1.676.000

90.,000

198.484 (21,8%)

1989

1.939.000

1.102.000

243.441 (22,1%)

 

Das schnelle Bevölkerungswachstum überstieg die Fähigkeit der kosovarischen Wirtschaft zur Schaffung von Arbeitsplätzen bei weitem. Während in den 70er Jahren das Verhältnis nicht-landwirtschaftlicher Arbeitsplätze zur Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 18 auf 22 Prozent anstieg, stagniert es in den 80ern (siehe Tabelle 4). Nicht mehr als 22 Prozent der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter hatten Arbeit außerhalb der (größtenteils subsistenzwirtschaftlich geprägten) Landwirtschaft.

Der Zusammenbruch der jugoslawischen Wirtschaft, die Entlassung der albanischen Beschäftigten unter Milosevic und schließlich der Zerfall Jugoslawiens machten alle zuvor erzielten Fortschritte zunichte. Möglichkeiten der Anstellung in Lohnarbeit verschwanden nahezu völlig und warfen die Dörfer auf den Stand vor einer Generation zurück. Viele der jungen Männer (und manche der jungen Frauen), die in ihre eigene Bildung investiert hatten, fühlten sich vom Lauf der Ereignisse betrogen.

"Ein Junge beendet die Oberschule und meldet sich bei der Arbeitsvermittlung, doch ohne Ergebnisse. Und zu Hause gibt es nichts zu tun – ein bisschen Holz sammeln, ein bisschen Getreide ernten. Sie wissen nicht, was sie tun sollen. Wenn sie die Schule beenden, werden sie sowieso einfache Arbeiten als Migranten verrichten müssen."

Der Trend weg von formaler Bildung in den 80er Jahren betraf insbesondere Mädchen, von denen weniger als eine von fünf die Grundschule abschloss. Nach Janet Reineck waren in den späten 70er Jahren 40 Prozent der Oberschüler in Opoja Mädchen. 1988, zehn Jahre später, war dieser Anteil auf 4,5 Prozent abgestürzt.

Die Familie Fejzaj in Cerrce veranschaulicht das verfehlte Versprechen der 70er Jahre. 1970, als es unmöglich war, bezahlte Arbeit in Cerrce zu finden, meldete sich der junge Smajl Fejzaj auf eine Anzeige einer Arbeitsvermittlung für einen Arbeitsplatz in einer Fabrik in Stuttgart und ließ seine Familie im Dorf zurück. Mit seinem Lohn finanzierte er den Kauf zusätzlichen Acker- und Weidelandes in den Bergen. Mit mehr Futter im Winter und mehr Weideland im Sommer konnte die Familie ihren Viehbestand vergrößern und begann Kajmak (eine fettreiche Sahne aus erhitzter Milch) und Käse für den Verkauf herzustellen.

Smajls vier Söhne hatten höhere Ansprüche. Alle beendeten die Oberschule und hofften auf Anstellung in staatseigenen Betrieben oder der öffentlichen Verwaltung. Doch nur der älteste Sohn konnte für einige Jahre einen Arbeitsplatz in einem örtlichen Bauhof finden. Der dritte Sohn ging 1989 nach Deutschland und erhielt 2002, nach 13 Jahren, einen festen Aufenthaltsstatus. Der jüngste Sohn schloss ein Studium in Pristina ab. 2001 fand seine Familie eine 'Frau mit Papieren' für ihn, eine Frau aus einem nahen Dorf, die in der Schweiz arbeitete.

Faik, der zweite Sohn, reiste 1994 mit der Hilfe professioneller Menschenschmuggler illegal nach Deutschland ein. Dort erhielt er eine Duldung. Er arbeitete illegal und wurde bei Arbeitsplatzkontrollen zwei Mal von der Polizei verhaftet. Er und seine Familie wurden 2003 aufgefordert, Deutschland zu verlassen. Einige Monate später verhaftete die deutsche Polizei die Familie nachts in ihrer Wohnung und schob sie ab. Im Februar 2006 starb Faik im Alter von 44 Jahren an einem Herzinfarkt. Sein Vater Smajl war bereits 2002 auf dem Weg zum Flughafen von Pristina gestorben, als er zur Arbeit nach Stuttgart zurückkehren wollte.

Das Schicksal der vier Fejzaj Brüder fasst die moderne Geschichte Kosovos gut zusammen: traditionelle Landwirtschaft bis in die 60er, kurze Hoffnung auf Modernisierung in den 70ern, Stagnation in den 80ern und Exodus in den 90ern. Alle vier Brüder begannen mit derselben Bildung und denselben Möglichkeiten, sahen sich jedoch außerstande, diese in der heimischen Wirtschaft zu nutzen. Heute haben zwei ein gutes Auskommen in der Schweiz und in Deutschland. Der dritte hadert mit den Umständen und lebt hauptsächlich von der deutschen Witwenrente seiner Mutter. Faiks Witwe und seine vier Kinder verfügen über kein Einkommen und hoffen, dass Faiks Brüder sie auch weiterhin unterstützen werden.

Das Versprechen der 70er Jahre – Bildung, Lohnarbeit und ein angemessener Lebensstandard im Kosovo – erwies sich für die meisten Dorfbewohner des Kosovos als leer. Viele von ihnen wurden in die Auswanderung als einzig mögliche Überlebensstrategie gezwungen. Angesichts eines abwesenden oder unverhohlen feindseligen Staates war die traditionelle Familie die einzige Institution, die einen verlässlichen Schutz gegen Armut bot.

C. Die Auswirkungen der Migration

Für Cerrce und Lubishte waren – wie für den Rest Kosovos – die 90er Jahre eine Ära der Massenauswanderung. In Cerrce leben heute 1.980 Einwohner in 300 Haushalten. Ein Drittel davon (607) lebt jedoch tatsächlich im Ausland. In Lubishte lebt von 2.134 Menschen in 227 Haushalten ein Viertel (572) im Ausland.

Die ersten Auswanderer verließen die Dörfer in den frühen 70er Jahren als Gastarbeiter; ein Prozess, der sich in den 80er Jahren stetig fortsetzte. Doch in den 90ern verstärkte sich die Auswanderung vor dem Hintergrund des wirtschaftlichen Zusammenbruchs Jugoslawiens und Milosevics Unterdrückungspolitik dramatisch.

Von den ausgewanderten Bewohnern Cerrces gingen 36 in den 70ern, 41 in den 80ern und 204 in den 90er Jahren. In Lubishte war das Muster ähnlich: 38 gingen in den 70ern, 116 in den 80ern und 242 in den 90ern. Während die meisten Auswanderer aus Lubishte in die Schweiz gingen, brach der Großteil der Dorfbewohner aus Cerrce nach Deutschland auf.

Seit 1999 gehen die Erfahrungen der beiden Dörfer auseinander. Als Deutschland begann Kosovaren zurückzuführen, war in Cerrce die Nettomigration das erste Mal in der Geschichte des Dorfes negativ. Seit 1999 sind 45 Menschen 'freiwillig' zurückgekehrt und weitere 31 wurden abgeschoben. Im selben Zeitraum schafften es nur 20 Einwohner, das Dorf zu verlassen. Für 31 Haushalte bedeutete dies den Verlust ihrer Finanztransferquellen.

In Lubishte ist die Auswanderung im Vergleich zu den 90er Jahren deutlich zurückgegangen, blieb jedoch positiv. Es gab 17 freiwillige Rückführungen und 16 Abschiebungen. Im selben Zeitraum verließen 39 Einwohner Lubishte, was eine Nettomigration von 6 Personen bedeutet. Der Unterschied liegt hauptsächlich im Wohnort des Großteils der Diaspora von Lubishte (72 Prozent) begründet. Denn die Schweiz entschied sich nach 1999 im Gegensatz zu Deutschland nicht zur Ausweisung von Kosovaren.

Die Ära der Arbeitsmigration aus dem Kosovo ist dennoch sowohl für die Schweiz ist als auch für Deutschland wie für den Rest Europas beendet. Seit 1999 ist die einzig legale Möglichkeit der Auswanderung der Familiennachzug. Nur diejenigen, die bereits Familienangehörige in der Diaspora haben, können nachziehen.

Wie hat sich diese massive Abwanderung von Menschen in den 90er Jahren auf die Wirtschaft und das soziale Leben in den beiden Dörfern ausgewirkt? Die amerikanische Volkswirtschaftlerin Jane Jacobs untersuchte "von Arbeitern verlassene Regionen" und argumentiert, dass der Beitrag von Finanztransfers zur Entwicklung marginal ist. Nach der Analyse früherer Wellen jugoslawischer Arbeitsmigranten bemerkte sie, dass

"Finanztransfers Armut in verlassenen Gebieten lindern, solange sie andauern. So wie jede Form von Transferzahlungen aus reichen in arme Gebiete Armut lindert, solange sie andauern. Dies ermöglicht Menschen und Institutionen Importe, auf die sie sonst verzichten müssten, doch das ist alles, was sie bewirken… Sie tun nichts, um Stagnation in Entwicklung umzuwandeln."

In Lubishte und Cerrce spielten Finanztransfers sicherlich eine große Rolle zur Linderung der Armut, solange sie andauerten. In Cerrce wurden mindestens 14 von 30 Traktoren mit im Ausland verdientem Geld erworben. Von den 100 Haushalten mit Autos kauften 45 ihre Autos mit Hilfe von Finanztransfers. Diese wurden auch für den Wiederaufbau eingesetzt: wenigstens 79 Häuser wurden mit Geld aus der Diaspora wieder- oder neu aufgebaut, bei einem durchschnittlichen Preis von €39.000 pro Haus. In Lubishte wurden mindestens 118 Häuser mit Finanztransfers bezahlt. Von den 147 Haushalten, die einen Traktor besitzen, kauften ihn 137 mit Geld aus der Diaspora. Kurz gesagt: ohne Finanztransfers gäbe es heute im Dorf kaum Autos, Traktoren oder neue Häuser.

ESI berechnete auch den Anteil von Finanztransfers am gesamten Einkommen der Einwohner von Lubishte und Cerrce (siehe Annex 3). In Lubishte ist die Abhängigkeit von Transferzahlungen äußerst hoch: 60 Prozent des Gesamteinkommens stammt aus Finanztransfers und ausländischen Pensionen. In Cerrce, dem reicheren der beiden Dörfer, machen Transfers 27 Prozent des Gesamteinkommens aus. Obwohl mehr Einwohner Cerrces im Ausland leben, gibt es in Lubishte mehr Haushalte, die Finanztransfers beziehen (siehe Annex 1 und 2).

Doch der Bau von Häusern und der Kauf von Autos allein erzeugt kein nachhaltiges Wachstum. Hat sich die die wirtschaftliche Struktur der beiden Gemeinden grundlegend verändert?

In Cerrce gibt es 766 Einwohner im erwerbsfähigen Alter. Von diesen geben 231 an, über ein einigermaßen regelmäßiges Einkommen zu verfügen. Ein Blick auf die bestehenden Arbeitsplätze bringt ein wirtschaftliches Notstandsgebiet zum Vorschein. Die alten Industriearbeitsplätze gibt es nicht mehr. Die kommerzielle Landwirtschaft ist völlig zusammengebrochen. Bauwirtschaft, meist auf Gelegenheitsbasis, und Anstellung im öffentlichen Dienst sind die beiden wichtigsten Einkommensquellen. In Lubishte ist die Situation noch schlimmer. Von 842 Personen im erwerbsfähigen Alter haben nur 134 (16 Prozent) bezahlte Anstellungen oder andere Formen regelmäßigen Einkommens aus Arbeit. Dies bedeutet ein dramatisch niedriges Beschäftigungsniveau.

Dies liegt unter anderem daran, dass die finanztransferbasierten Kapitalinvestitionen nicht zur Veränderung wirtschaftlicher Strukturen beigetragen haben. Der Zustand der Landwirtschaft ist ein anschauliches Beispiel. Eine große Anzahl Traktoren wurde durch Finanztransfers finanziert. Doch die familiären Bauernhöfe produzieren fast ausschließlich für den eigenen Verbrauch. Sie produzieren Getreide für ihr Milchvieh und bauen Weizen für ihr eigenes Brot an. Es gibt keinerlei Spezialisierung und keine neuen Anbaupflanzen oder -techniken. Der Traktorenkauf führte lediglich zu überkapitalisierten Subsistenzbauernhöfen.

Dies ist vor allem eine Folge der Landzersplitterung. In Cerrce besitzt der durchschnittliche Haushalt 1,14 Hektar Land. Nur zwei Bauern besitzen mehr als zehn Kühe, die sie noch immer im Sommer auf das Weideland in den Bergen treiben. Die sozialistischen Kooperativen unterstützen die Bauern nicht mehr durch den Kauf von Arbeitsleistung oder die Vermarktung von Produkten. Kurz nach dem Krieg begannen gut zehn Dorfbewohner auf den nahen Obst- und Gemüsemärkten zu arbeiten, wo sie ihre eigenen und importierte Erzeugnisse verkauften. Nur vier von ihnen arbeiten noch heute dort. Skender Kaliqani, der ehemalige Direktor der sozialistischen Kooperative, ist der einzige in der Gegend, der einen spezialisierten Landwirtschaftsbetrieb führt. Er betreibt eine Hühnerfarm und verkauft Eier an Zwischenhändler in Istog und in seinem eigenen Laden.

Qefser Qahili aus Lubishte hat fünf Rinder, drei Milchkühe und einen Bullen. Mit seinem Land kann er genügend Mehl für zehn Monate erzeugen. Doch das Leben wird immer teurer. Vor dem Krieg kostete ein Liter Benzin €0,30; 2004 waren es €0,70 und heute ist es €1. Der Preis einer 50kg-Packung Dünger stieg von €8 auf €12. Qefser klagt gegenüber ESI:

"Es wäre besser, der Staat gäbe uns Benzin zu einem niedrigeren Preis. Oder wenn es die Möglichkeit gäbe, einen Kredit aufzunehmen. Doch das können wir nicht, weil niemand in meiner Familie eine feste, bezahlte Anstellung hat. Mein Bruder hat nur einen Ein-Jahres-Vertrag und ein niedriges Einkommen."

Um mit der Landwirtschaft zu überleben, müsste er von Serben neues Land in der Ebene kaufen. Doch dies ist sehr teuer und erfordert Rücklagen, die er niemals bilden wird. Im Kosovo erbringt die Landwirtschaft weniger finanziellen Ertrag als in sie investiert wird. Die durchschnittlichen jährlichen Ausgaben pro Jahr und Bauernhof liegen bei €658 und der durchschnittliche Ertrag bei €507.

Beide Dörfer veranschaulichen deutlich, dass das Kosovo keine effektive Landwirtschafts- oder Entwicklungspolitik hat. Ohne einen unterstützenden Staat sind Finanztransfers nicht in der Lage, die Bauern über das Subsistenzniveau zu heben.

Im Unternehmenssektor zehren die meisten Privatfirmen von im Ausland erworbenem Kapital, doch gibt es einige Beispiele einer erfolgreichen Übertragung von Qualifikationen auf die heimische Wirtschaft. In Cerrce wurde jede bedeutsame Investition von Migranteneinkommen getragen. Die meisten der wenigen Unternehmer im Dorf sind Rückkehrer. Dies trifft auch auf die (wenigen) Unternehmen in Lubishte zu. Doch diese Investitionen haben wenig dazu beigetragen, das Muster der Stagnation in beiden Dörfern zu durchbrechen.

In den ersten Jahren nach dem Krieg gab es einen Bauboom in Cerrce, was angesichts 90 Prozent zerstörter Häuser nicht sonderlich überrascht. Das größte örtliche Bauunternehmen beschäftigt 12 Angestellte und wurde im Jahr 2000 gegründet, als zwei Brüder mit einem Startkapital von €200.000 aus dem Ausland zurückkehrten. Doch der Wiederaufbau der Häuser war 2004 weitgehend abgeschlossen, was ein schnelles Schrumpfen des Bausektors zur Folge hatte.

Der Rest des Privatsektors in Cerrce besteht aus familienbetriebenen Kleinstunternehmen: Kaufläden, Taxiunternehmen, Automechanikern. Es gibt einige wenige Restaurants und Cafes, ein Schwimmbad und ein Internetcafe. Keines der Unternehmen erfordert eine besondere Ausbildung.

Die Ära der Massenauswanderung neigt sich nun dem Ende zu, ohne dass sich die Wirtschaftsstruktur durch Erzeugung nachhaltiger Entwicklung geändert hätte. Wirtschaftlich gesprochen haben die Finanztransfers lediglich mehr des schon in der lokalen Ökonomie vorhandenen gebracht: Bauunternehmen, Kaufläden, Cafes, Taxiunternehmen, Automechaniker und Tankstellen. Sie ergänzten das Haushaltseinkommen und ermöglichten manchen Familien die Anschaffung moderner Konsumgüter, während sie die ärmsten Familien knapp über der Schwelle zur puren Not hielten. Doch wie bereits Jane Jacobs bemerkt, verschwinden diese positiven Effekte schnell, sobald die Finanztransfers ausbleiben.

"Das mit den Ersparnissen eines jahrelangen genügsamen Lebens in Rotterdam erworbene und in ein armes Dorf in Nordafrika oder Südeuropa gebrachte Taxi lässt sich irgendwann nicht mehr reparieren und hat seinem Eigentümer bis dahin nicht genügend Gewinn erbracht, um ein neues zu kaufen. Der Dorfladen geht Pleite. Das Problem ist, dass die ländlichen Ökonomien, aus denen diese ehrgeizigen Migranten kommen und in die sie zurückkehren, stagnieren und zu unflexibel sind, um Raum für neue Betätigungsfelder zu schaffen."

Dies hat zur Folge, dass die wirtschaftlichen und sozialen Probleme, die die Auswanderung in der Vergangenheit nötig machten, auch heute noch vorherrschen. In Cerrce sind 35 Prozent der Bevölkerung jünger als 16 Jahre. Jedes Jahr kommen 30 von ihnen ins erwerbsfähige Alter ohne die Chance, eine Beschäftigung in der Region zu finden. Ohne das Sicherheitsventil fortgesetzter Migration steigt der soziale Druck an. Und dabei wird man im ländlichen Kosovo kaum eine bessere Situation als in Cerrce finden.

D. Die Rolle der Frau

Eine der gesellschaftlichen Besonderheiten, die das Kosovo vom übrigen Europa unterscheidet, ist seine äußerst niedrige Frauenbeschäftigungsrate. In Cerrce sind 35 Frauen beschäftigt – das ist eine Beschäftigungsrate von neun Prozent aller Frauen im erwerbsfähigen Alter und liegt nahe am kosovarischen Durchschnitt. In Lubishte sind nur zwei Frauen beschäftigt – weniger als ein Prozent.

Die extrem niedrigen Beschäftigungsraten unter Frauen erzeugen eines der drängendsten wirtschaftlichen Probleme Kosovos – sein hohes Abhängigkeitsverhältnis. Im Durchschnitt muss jeder beschäftigte Kosovare 4,78 Nicht-Beschäftigte versorgen.

Niedrige Beschäftigungsraten sind ein Widerhall traditioneller Ansichten zur Rolle der Frau, die sich als sehr beharrlich erweisen. In den 70er Jahren schrieb Berit Backer, dass Bildung die wesentliche Hoffnung auf Änderung dieser Ansichten darstellte.

"Der heutige Einfluss von Frauen ist weniger das Ergebnis rebellierender Hausfrauen, sondern die Folge der Bildung von Mädchen… 1975 besuchten mehr Mädchen als Jungen die Oberschule."

Doch dieser Trend hatte mit dem Einsetzen der Wirtschaftskrise von 1981 keinen Bestand. Der Anteil der Frauen ohne Grundschulbildung ist dreimal so hoch wie der unter Männern. 70 Prozent aller erwachsenen Frauen haben lediglich eine Grundschulbildung oder weniger.

Dies bedeutet für Frauen eine extreme Abhängigkeit vom traditionellen Haushalt. In den späten 80er Jahren stellte Janet Reineck fest, dass eine Frau im ländlichen Kosovo

"kaum eine Chance auf eigenständiges wirtschaftliches Überleben hat. Es ist ihr Schicksal, wirtschaftlich und emotional von ihrem Ehemann und dessen Familie abhängig zu sein. Um einträchtig unter ihnen leben zu können, muss sie sich den Respekt der Familie und der Gemeinschaft verdienen. Um dies zu tun, muss sie allen kulturellen Erwartungen gerecht werden, die jeden Aspekt ihres Lebens bestimmen."

Hyre Azizi, die Sekretärin der Grundschule von Lubishte, sieht die Hauptgründe dafür, dass so wenige Frauen aus Lubishte die Oberschule besuchen – derzeit rund zehn – in der Armut vieler Familien und der mangelnden Perspektive, selbst mit einer Ausbildung ein Auskommen zu finden. Die meisten Mädchen sähen, dass Lehrerinnen oder Krankenschwestern so wenig verdienten, dass sie arm blieben. Häufig verfügten gerade die gebildeten Eltern, die ihren Kindern am ehesten eine höhere Ausbildung ermöglichen würden, nicht über die finanziellen Mittel, um dies auch zu tun. Diejenigen mit mehr Geld, nämlich die mit Angehörigen im Ausland, hätten ein anderes Verhältnis zur Bildung – insbesondere weil Bildung nicht den sozialen Status eines Mädchens erhöhe. Hyre sagt:

"ein Mädchen mit ausländischen Papieren ist mehr wert und hat einen höheren sozialen Status als eine im Kosovo arbeitende Ärztin oder Ingenieurin. Es gibt wenige Gründe, warum ein Mädchen studieren sollte… Einige brechen ihr Studium sogar ab und verzichten auf ihren Abschluss auch wenn sie dafür nur noch zwei oder drei Prüfungen benötigen würden, wenn sie die Möglichkeit haben, einen Mann mit ausländischem Pass zu heiraten. Bildung hat ihren Wert verloren."

Die Zimmermannstochter Fikrete Dalipi ist eine von nur zwei Frauen aus Lubishte, die derzeit studieren. Sie hat ein Semester an der Kaktus-Fakultät abgeschlossen – eine der neuen privaten Fakultäten in Pristina. Die Semestergebühr beträgt €270. Fikrete muss auch €60 monatlicher Miete für eine Wohngemeinschaft mit anderen Mädchen in Pristina aufbringen. Ihre Freundin Melihate, deren Vater einen der drei Läden in Lubishte besitzt, wird sich ihr im nächsten Semester anschließen und Volkswirtschaft für €1.300 jährlich an der privaten Fama-Universität studieren. Die beiden sind seit einem Jahrzehnt die ersten Frauen aus Lubishte, die studieren. Ohne Kredite oder Stipendien übersteigen die Kosten eines Studiums die Möglichkeiten der meisten Familien.

Einige Dorfbewohner versuchen unter hoher Kostenanstrengung und Selbstaufopferung ihren Kindern Bildung als Weg nach vorne anzubieten. Die meisten tun es nicht. Laut dem Direktor der Grundschule von Lubishte müsste ein Vater Land verkaufen, um seinen Kindern ein Studium zu ermöglichen. Es gibt für Familien auf dem Land kein Stipendiensystem. Unter diesen Bedingungen bietet die Tatsache, dass niemand von Frauen erwartet zu arbeiten, eine Begründung, an ihrer Bildung zu sparen.

Gesellschaftliche Möglichkeiten für Frauen bleiben auch durch traditionelle Werte beschränkt. Die meisten Frauen sind mit 30 Jahren verheiratet und es gilt für die Familie als Schande, wenn sie es nicht sind. Scheidungen sind aufgrund einer Kombination wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Beschränkungen äußerst selten. In einer Gesellschaft ohne soziale Grundsicherung haben Frauen kaum eine Chance, alleine zu überleben. Sie sind Männern unter dem geltenden Erbschaftsrecht zwar gleichgestellt, nehmen ihre Rechte aber nur selten wahr. In Lubishte konnten sich die Dorfbewohner nur an einen einzigen Fall erinnern, in dem eine Frau erbte, und zwar in einem speziellen Fall, in dem es keinen leiblichen Sohn gab, der das Erbe hätte antreten können. Einige Dorfbewohner betrachten das offizielle Erbrecht als 'serbisches Recht', das nicht in Einklang mit ihren Traditionen steht.

IV. DONNER PARTY IM KOSOVO

1994 schrieb der amerikanische Anthropologe Donald Grayson eine wissenschaftliche Studie über eine der berühmtesten Episoden in der Geschichte des amerikanischen Westens: die vom Unglück verfolgte Donner Party, die im Schneetreiben der Sierra Nevada ein tragisches Ende fand. Die Donner Party war eine Gruppe von Siedlern, die sich 1846 auf den 2.000 Meilen langen Weg von Illinois nach Kalifornien machte. Nachdem sie die Salt Lake Wüste durchquert hatten, wurde die Gruppe von frühen Schneefällen in den Bergen eingeschlossen. Sie konnten weder vor noch zurück und so starben 40 von 87 Siedlern, bevor im Frühling Hilfe eintraf. Unter den Toten waren fast alle jungen Männer, die ohne Familie gereist waren. Grayson beobachtete, dass es einen direkten Zusammenhang zwischen der Familiengröße und der Überlebenswahrscheinlichkeit gab:

"Die überlebenden Männer reisten mit im Durchschnitt 8,4-köpfigen Familien. Männer, die nicht überlebten, reisten mit im Schnitt 5,7-köpfigen Familien. Überlebende Frauen dieses Alters reisten mit durchschnittlich 10,1-köpfigen Familien … Größere Familienverbände scheinen den Mitgliedern der Donner Party zu höheren Überlebenschancen verholfen zu haben."

2006 veröffentlichte der deutsche Autor Frank Schirrmacher das Buch Minimum, das die Donner Party als Metapher für die Krise der europäischen Gesellschaft im 21. Jahrhundert verwendet. Schirrmacher spricht von der Familie als Überlebensfabrik, die durch fallende Geburtenraten zusehends bedroht wird. Düster warnt er vor einer Zukunft, in der familiäre Bande erlöschen, die meisten Kinder ohne Geschwister aufwachsen und Menschen im Alter bemerken, dass sie sich möglicherweise allzu sehr auf den Wohlfahrtsstaat verlassen haben.

Ähnliche Debatten werden in ganz Europa geführt. Die neuen EU-Mitgliedsstaaten haben heute eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt: 1,2 Kinder pro Frau in Tschechien, Slowenien, Lettland und Polen; weit weniger als die 2,1, die zur Aufrechterhaltung der Bevölkerung notwendig sind. Griechenland, Italien und Spanien haben seit einem Jahrzehnt Raten von 1,3 und weniger. Ein Zeitungsartikel stellte kürzlich alarmierend (und fälschlicherweise) fest: "kein europäisches Land erhält seine Bevölkerung durch seine Geburten aufrecht."

Doch niemand, der zur Debatte über die Zukunft der europäischen Familie beitrug, wies darauf hin, dass es in Europa heute sehr wohl eine Gegend – nur eine Flugstunde von Wien entfernt – gibt, in der die traditionelle, patriarchale Familie noch immer die Regel ist. Denn die Lage im ländlichen Kosovo ist das genaue Gegenteil von der im übrigen Europa, in Ost wie West. Im Kosovo wächst die Bevölkerung um 1,6 Prozent jährlich. Bei dieser Rate verdoppelt sie sich alle 43 Jahre.

Statt Grundschulen zu schließen, wie heute in vielen deutschen Dörfern der Fall, wird im Schichtbetrieb unterrichtet, um des Schüleransturms überhaupt Herr zu werden. Es gibt kaum eine unverheiratete Frau über 30 im ländlichen Raum, fast keine Scheidungen und nahezu keine Einpersonenhaushalte. Wie die in der Donner Party reisenden, allein stehenden starken Männer, die zuerst starben, würden sie schlicht nicht überleben.

Schirrmacher weist darauf hin, dass eine rein ökonomische Betrachtungsweise des Lebens der 'moralischen Ökonomie' der traditionellen Familie zuwiderläuft, in der Arbeit ohne Gewinnerwartung geleistet wird. Tatsächlich ist im heutigen Kosovo kaum eine Geldwirtschaft verblieben, die mit der moralischen Ökonomie des traditionellen Haushaltes konkurrieren könnte. Beschäftigung außerhalb der Familie ist eine Ausnahme. Darüber hinaus hebt sich Kosovo durch das beinahe vollständige Fehlen eines Sicherheit gewährenden Wohlfahrtsstaates ab.

Kosovos Sozialsystem setzt den Solidaritätsmechanismus des erweiterten Mehrfamilienhaushalts als gegeben voraus, für eine Gesellschaft von Kernfamilien ist es nicht geschaffen. Die Anzahl der Empfänger von Sozialleistungen im Kosovo ist von 2004 auf 2005 zurückgegangen und Haushalte erhalten keinerlei Unterstützung, wenn auch nur einziger Erwachsener arbeitsfähig ist, sei es im Kosovo oder im Ausland. Ob der Erwachsene auch tatsächlich angestellt ist, macht keinen Unterschied. Die einzige Ausnahme von dieser Regel gilt für Familien, die weniger als 0,5 Hektar Grund, niemanden im Ausland und ein Kind unter sechs Jahren haben. Diese Familien können eine bescheidene Unterstützung erhalten, bis das Kind sechs Jahre alt ist.

Die Geschichte des modernen Kosovos zeigt, dass es in Hinsicht auf wirtschaftliche Entwicklung und auf individuelle Autonomie seinen Preis hat, traditionelle patriarchale Familien als die einzige Quelle sozialer Sicherung zu erhalten. Doch solange es keine alternative Form wirtschaftlicher Sicherheit gibt, erweisen sich die traditionellen Werte als sehr überlebensfähig. In Cerrce drückte es Hyseni Maxharraj gegenüber ESI so aus:

"Wer möchte schon wirklich mit seinem Bruder unter einem Dach leben, wenn beide verheiratet sind? Wir sind nicht anders als ihr in Westeuropa. Es war reine Notwendigkeit, dass wir uns bis auf weiteres so eingerichtet haben."

Nichtsdestotrotz zeigt die Geschichte des Balkans, dass der patriarchale Haushalt unter bestimmten Bedingungen zusammenbrechen kann, sogar ohne eine alternative Form materieller Sicherheit.

Eine der besten Untersuchungen zu den Auswirkungen wirtschaftlicher Krisen auf Familienstrukturen stammt von Vera Erlich, einer kroatischen Sozialwissenschaftlerin, die in den späten 30er Jahren ein großes Forschungsprojekt zum Wandel von Familienstrukturen in jugoslawischen Dörfern durchführte. Die in den 60er Jahren veröffentlichte Studie zeigt, wie ein Bündel mehrerer Ursachen – wachsende Abhängigkeit ländlicher Haushalte von Geldeinkommen, wachsende Landbevölkerung, eine allgemeine wirtschaftliche Krise und die Einschränkung von Möglichkeiten der Abwanderung vom Land in die Städte – die traditionellen Haushalte schließlich zerstörte und in kleinere Einheiten aufbrach.

In ihrer Untersuchung der Daten, die sie in 300 Dörfern im ganzen Land gewonnen hatte, fand Erlich, dass nur noch in albanischen und orthodoxen mazedonischen Gemeinschaften Dörfer gefunden werden konnten, in denen die Zadruga (Familien mit verheirateten Söhnen) noch vorherrschte. In diesen Dörfern "trennen sich Söhne nicht von ihrem Vater, solange er lebt. Eine solche Absonderung gilt als äußerst schändlich." In diesen Dörfern wurde die Autorität des Vaters nicht hinterfragt. Es waren eng verwobene und geschlossene Gemeinschaften, die kaum an der Geldwirtschaft teilnahmen und daher vor der durch die Große Depression im übrigen Jugoslawien hervorgerufenen Not abgeschirmt waren.

Im Rest des Landes war die traditionelle Familie in Aufruhr und in "verschiedenen Stadien des Zerfalls". Durch die Zunahme der Bevölkerung waren die Städte nicht in der Lage, die überzähligen Arbeitskräfte vom Land aufzunehmen. Zur selben Zeit verursachte die Große Depression einen Preissturz landwirtschaftlicher Erzeugnisse, der bäuerliche Einkommen rapide schrumpfen ließ. Mit Beginn des Jahres 1939 bedeutete die Krise auf dem Land in ganz Jugoslawien einen Rückfall des Lebensstandards auf das Niveau der vorangegangenen Generation.

"Es herrschte ein Gefühl des Scheitern, irregeführter Hoffnungen und des Pessimismus' vor. Das Phänomen des Zusammenbruchs und des Aufbegehrens ist der Haupteindruck beim Studium von Familienbeziehungen im Zustand raschen Umbruchs. Das gängigste und bedeutsamste Kennzeichen dieser Phase ist die plötzlich aufbrechende tiefe Zwietracht und Uneinigkeit."

Zunehmender Streit zwischen Söhnen und Vätern war ein Zeichen für die Belastung des traditionellen Haushalts. Ein Bericht aus einem Dorf nahe Niksic in Montenegro betonte die wirtschaftliche Dimension dieser Herausforderung traditioneller Hierarchien.

"Das Dorf wurde von einer neuen Welle von Mangel und Armut getroffen und in der Folge geriet die Stellung der Älteren und damit die der Familie ins Wanken. Heute verlassen Kinder häufiger als früher vorzeitig ihre Eltern und respektieren deren Wünsche nicht mehr."

Erlich weist darauf hin, dass der Zusammenbruch der Autorität des Hausherrn der Zadruga zu Konflikten und Gewalt in ganz Jugoslawien führte. "Im Stadium des Zerfalls des patriarchalen Systems verlor jedes Familienmitglieds an Sicherheit und daher kämpfte jeder um mehr Rechte."

Ein ähnliches Zusammenspiel von Faktoren ließ sich in Kroatien im späten 19. Jahrhundert beobachten, als dort der Zusammenbruch der Zadruga einsetzte. Der kroatische Volkswirtschaftler Rudolf Bicanic schrieb:

"Solange im Haus alles gemäß den alten Sitten verlief, kritisierten die Mitglieder der Zadruga den Hausherrn nicht, noch gaben sie ihm die Schuld für schlechtes wirtschaften. Doch als der Preis für Agrarerzeugnisse fiel, konnten die Bedürfnisse nicht mehr auf die alte Weise befriedigt werden."

Wird dieses letzte Kapitel der Geschichte des Balkans zur Zukunft des Kosovos? Für kurze Zeit schien es in den 70ern, als würde der Übergang von der traditionellen Balkanfamilie zu kleineren städtischen Haushalten schrittweise verlaufen – ausgelöst durch die Urbanisierung und zunehmende Zuversicht in Lohnarbeit. Dies ist in Pristina geschehen. Dann kamen die 80er und 90er Jahre, die zwei Veränderungen mit sich brachten: eine zunehmend feindliche wirtschaftliche und politische Umwelt und die Verfügbarkeit von Finanztransfers aus der Arbeitsmigration. Die traditionelle Familie wurde durch in der Schweiz und Deutschland verdientes Geld neu belebt und fiel in ihre alte Rolle zurück. Es waren die Finanztransfers, die es ihr ermöglichten, den Niedergang der Hirtenwirtschaft und der agrarischen Gesellschaft, die sie hervorgebracht hatten, zu überleben.

Mit dem Ende der Massenmigration nimmt der Druck im ländlichen Kosovo nun rasch zu. Die Bevölkerung der Dörfer des Kosovos, die seit langem nicht mehr wirtschaftlich autark sind, nimmt immer weiter zu. Die traditionellen Erbfolgeregelungen haben dazu geführt, dass das durchschnittliche Stück Land auch für Susistenzwirtschaft nicht länger ausreicht. Da sich die Ära der Auswanderung nun dem Ende zuneigt, wird Kosovos Bevölkerung – vor allem auf dem Land – noch schneller wachsen als während der 90er Jahre.

Heute leben 1.397.333 Menschen auf dem Land (73,2 Prozent der kosovarischen Bevölkerung). Im Vierteljahrhundert seit 1981 wuchs die städtische Bevölkerung um 100.000, die ländliche um 220.000 Menschen. Es sind die ländlichen Gebiete, in denen Kosovos Bevölkerung weiterhin am stärksten zunimmt.

2004 hatte Kosovo 117.967 landwirtschaftliche Haushalte. Diesen standen nur 115.000 Hektar bebaubares Ackerland zur Verfügung. Gut 90.000 der Bauernhöfe sind kleiner als zwei Hektar (der Durchschnitt liegt bei 0,88 Hektar). Ein wachsender Anteil der ländlichen Haushalte hat nicht mehr genügend Land, um den Jahresbedarf der Familie an Weizenmehl zu decken. Es ist schlicht unmöglich, den Grund noch weiter aufzuteilen.

Die Folge sind zunehmende Unzufriedenheit und Streit. Unter den Familienangehörigen im Ausland, die die Grenze ihrer Fähigkeiten und ihrer Bereitschaft zur Unterstützung der Angehörigen im Dorf erreicht haben, nimmt die Frustration zu. Unzufriedenheit macht sich auch unter Söhnen breit, die ihre mageren Einkommen nicht länger zusammenlegen möchten, sondern es vorziehen, ihr Glück mit ihrer Kernfamilie zu versuchen.

2004 wurde dem ESI-Team im Dorf Gjylekare in der Gemeinde Viti, nur fünf Kilometer von Lubishte entfernt, ein Brief gezeigt, den ein 1971 ausgewanderter Dorfbewohner geschrieben hatte. Seit 1971 hatte er für seine Familie einen Mähdrescher, zwei Hektar Land und eine Reihe von Fahrzeugen gekauft, sowie den Bau neuer Häuser für jeden seiner vier Brüder bezahlt. In seinem Brief setzte er seine Brüder davon in Kenntnis, dass er von nun an nur noch für sich selbst zu arbeiten gedenke.

Das Ende der Auswanderung in großem Umfang kappt das finanzielle Rettungsseil ländlicher Gebiete und wird den Druck auf ländliche Familien noch erhöhen, traditionelle Werte in Frage stellen und die Schaffung kleinerer Haushalte beschleunigen.

Die neuzeitliche Geschichte des Balkans legt nahe, dass sogar die bewährteste Überlebensmaschine – die patriarchale Familie – zusammenbrechen kann. Derzeit scheinen Kosovos Regierung und ihre internationalen Berater den Beitrag der ländlichen Haushalte zum inneren Frieden und zur sozialen Sicherheit als gegeben vorauszusetzen. Dies ist gefährlich. Im anstehenden Zeitabschnitt wird sich die Abwesenheit einer glaubwürdigen Sozial- und Wirtschaftspolitik für die ländlichen Gebiete mit hoher Gewissheit als kostspielig erweisen.

Karl Kaser, ein österreichischer Historiker und führender Experte zur Balkanfamilie, warnte 1995, dass "wir davon ausgehen können, dass traditionelle Wertsysteme durch die Modernisierung unter enormen Druck geraten; dies schließt die Gefahr des Auseinanderbrechens in Zeiten gesellschaftlicher Krisen mit ein." Heute liegen alle Voraussetzungen für ein solches Auseinanderbrechen vor. Um sich die Konsequenzen eines solchen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Zusammenbruchs auszumalen, genügt es, sich an das Chaos in Albanien im Jahr 1996 zu erinnern.

V. SCHLUSS – DAS ENDE EINER ÄRA?

Wie wird die neue Ära beschaffen sein, die nun im Kosovo anbricht? Diplomaten, internationale Beamte, Journalisten oder Analysten werden wahrscheinlich ein und dieselbe Antwort geben: das Kosovo befinde sich unwiderruflich an der Schwelle zur Entscheidung über seinen endgültigen Status. Im Kosovo erwarten Politiker und Bürger diese Entscheidung, als verhieße sie den Beginn einer schönen neuen Welt.

Doch die harte Wirklichkeit, mit der sich das Kosovo wird auseinandersetzen müssen, ist bereits heute erkennbar. Nachdem UNMIK einige Jahre lang die Erfolge seiner Wirtschaftspolitik feierte, beschreiben seine neueren Berichte Kosovos wirtschaftliche Situation zunehmend unverblümt: das Kosovo "könnte in einen Teufelskreis geraten"; es habe "tief verwurzelte Probleme"; die Situation sei "fragil"; "gefährdet"; und "selbst bei optimistischer Prognose ist die nähere Zukunft nicht vielversprechend". Trotz der internationalen Präsenz ist Kosovos Wirtschaft seit 2004 geschrumpft. Doch diese alarmierende Erkenntnis hat noch nicht zu einem veränderten internationalen Denken über die Zukunft des Landes geführt.

Die Abfolge schlechter Wirtschaftsnachrichten hat internationale und einheimische Entscheidungsträger noch nicht dazu veranlasst, die strukturellen Ursachen der enttäuschenden Wirtschaftsleistung seit 1999 zu untersuchen. Ebenso wenig hat diese Entwicklung zu einer genaueren Betrachtung von Wirtschaftstrends auf dem Land geführt, noch eine ernsthafte Debatte über die Auswirkungen europäischer Einwanderungspolitik auf das Kosovo ausgelöst.

Sollte eine solche Debatte nun beginnen, wie müsste sie geführt werden, um zu brauchbaren Ergebnissen zu gelangen? Auf Seiten der kosovarischen Politiker wäre der erste Schritt eindeutig die Formulierung einer glaubwürdigen Wirtschafts- und Sozialpolitik für die ländlichen Gebiete, die strukturelle Veränderungen einleiten würde, welche Auswanderung alleine niemals hervorbringen wird. Die Landwirtschaftspolitik fristet in der nationalen Debatte jedoch ein Schattendasein. Im Verhältnis hat das Kosovo die größte Landbevölkerung und die niedrigsten Pro-Kopf-Ausgaben für Landwirtschaft und ländliche Gebiete im gesamten Westlichen Balkan. Jede nationale Entwicklungsstrategie muss auch das Problem des ungleichen Zugangs zu höherer Bildung für ländliche Gebiete und der damit verbundenen hohen Kosten angehen. Neue Unterstützungsprogramme für Studenten vom Land, einschließlich Frauen, sollten eine nationale Priorität sein, um dieser Bevölkerungsgruppe zu einer angemessenen Ausbildung zu verhelfen.

Die europäischen Länder sollten in einer für sie politisch akzeptablen Weise mit den kosovarischen Behörden zusammenarbeiten, um Einwanderungsprogramme für die Teile der Europäischen Union aufzulegen, die einen Arbeitskräftebedarf haben. Dies würde offensichtlich eine enge Zusammenarbeit bei der Bekämpfung organisierter Kriminalität zwischen europäischen und kosovarischen Behörden erfordern. Dies ist bereits heute ein erstrangiges europäisches Interesse im Kosovo und eine Sorge der Öffentlichkeit in vielen EU-Ländern. Doch dies würde auch konkrete Schritte voraussetzen, um Kosovaren den Zutritt zu den EU-Arbeitsmärkten zu ermöglichen.

Dass gesteuerte Einwanderung machbar ist, verdeutlicht die Erfahrung anderer Migrationsströme in den vergangenen fünf Jahren. Seit dem lettischen EU-Beitritt im Mai 2004 sind zwischen 50.000 und 100.000 Bürger des kleinen Landes in andere europäische Staaten (wo es eine entsprechende Nachfrage gibt) aufgebrochen, um dort zu arbeiten. In Rumänien schätzen die Behörden, dass über zwei Millionen Bürger im Ausland arbeiten, viele saisonal in Italien, Spanien oder Frankreich. Es gibt Anzeichen, dass niedrige Geburtenraten und Auswanderung in wohlhabendere EU-Mitglieder in zahlreichen wachsenden europäischen Volkswirtschaften, darunter in Mitteleuropa, bereits zu Arbeitskräftemangel führen. In den vergangenen Jahren hat die florierende spanische Wirtschaft nahezu 500.000 ausländische Arbeiter aufgenommen. Ein Zeitungsartikel drückte es kürzlich so aus:

"Die Früchte eines Jahrzehnts stabilen Wirtschaftswachstums hatten aus Spanien ein Land gemacht, das seine Arbeitskraft nicht mehr vorrangig exportierte, sondern das verzweifelt auf dessen Zustrom angewiesen war… noch immer gibt es viele Arbeitsplätze, vor allem im Bauwesen oder der Informationstechnologie, die Spanier entweder nicht ausüben wollen oder für die sie nicht qualifiziert sind. Darüber hinaus ist Spaniens beeindruckende wirtschaftliche Leistung mit einer der niedrigsten Geburtenraten in Europa gekoppelt, so dass Unternehmen Probleme haben, Ersatz für in den Ruhestand tretende Mitarbeiter zu finden, ohne auf die Arbeitskraft von Einwanderern zurückzugreifen."

Das Kosovo sollte eine nationale Behörde zur Regelung der wirtschaftlichen, sozialen und rechtlichen Auswirkungen der Migration einrichten. Solch eine Behörde dürfte sich nicht nur auf Deutschland, Österreich und die Schweiz beschränken, die klassischen Auswanderungsziele der Kosovaren, sondern den gesamten europäischen Arbeitsmarkt erfassen. Sie sollte die Erfahrungen mit Arbeitsmigration weltweit studieren und sich für den Arbeitsmarktzugang von Kosovaren einsetzen. Des Weiteren sollte sie mit Bildungseinrichtungen und politischen Entscheidungsträgern im Kosovo kooperieren und über die Bedürfnisse der europäischen Arbeitsmärkte und deren Bedeutung für Ausbildung und Training informieren.

Es ist derzeit viel an unbestimmter Rhetorik über die Europäisierung des Kosovos als dem Weg in die Zukunft nach der Lösung der Statusfrage zu hören. Doch solange eine solche Europäisierung Einwanderung völlig ausschließt und nicht wenigstens einen gewissen Zugang zu europäischen Arbeitsmärkten gewährt, wird sie nicht mehr als eine Phrase bleiben. Solange die Bewohner von Lubishte und Cerrce, von Isniq und Opoja darin keinen Nutzen für sich entdecken können, wird sie ebenso wenig Gehalt wie das Versprechen des Kommunismus haben. Die derzeitige EU-Politik – das Investieren vieler Millionen Euro, um das Kosovo und Südosteuropa zu stabilisieren, ohne eine glaubwürdige Entwicklungspolitik anzubieten – ist widersprüchlich. Ebenso wie die Gewohnheit kosovarischer Behörden, auf Finanztransfers zu vertrauen, um die ländliche Wirtschaft am Leben zu erhalten.

Sowohl Kosovos Bürger als auch die europäischen Steuerzahler haben mehr verdient, als eine Politik, die bereits versagt hat und die auch in der Zukunft versagen wird. Nur durch das Überdenken der aktuellen Politik kann ein ehrenwertes Ziel – die endgültige Stabilisierung des südlichen Balkans nach einem Jahrzehnt der Kriege – erreicht werden.


Die PDF-Version dieses Berichts enthält einen detailierten Annex mit zusätzlichen Informationen zu Cerrce und Lubishte, ESIs Forschungsmethodologie sowie Finanztransferberechnungen des IWF.

Berlin Istanbul, 18 September 2006
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