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Besa Shahini
Besa Shahini

Besa Shahini ist Mitglied einer völlig neuen Generation von kosovarischen Frauen: jung, hochgebildet und weitgereist. Es gibt eine zunehmende Anzahl von Kosovaren ihrer Art überall in der Welt, aber nur wenige von ihnen kommen jemals in den Kosovo zurück. Sie war 16 Jahre alt, als sie, wie viele ihrer Schulkollegen, aus dem Kosovo floh und Zuflucht bei ihrem Cousin in Kanada fand. Sie studierte dort und graduierte im Jahr 2004 in politischen Wissenschaften und öffentlicher Verwaltung an der York Universität von Toronto.

Besa wuchs im Kosovo der Milosevic-Ära auf, in einer Zeit vieler Umbrüche:

„Ich kann mich noch erinnern, wie verwirrt ich war darüber, wer ich war und an was ich eigentlich glaubte. Ich war verwirrt von meinen Helden und meinen Feinden und vor allem davon, wer ich selber war: Eine Jugoslawin, eine stolze Pionierin, eine Albanerin, eine Kosovarin ...?

Im Jahr 1989, es war Weihnachten, und ich war sieben Jahre alt, da sangen meine Brüder und dich stolz das Lied der Pioniere auf Serbisch und auf Albanisch auf dem Arbeitsplatz meiner Mutter, bevor wir unsere reichlichen Neujahrsgeschenke bekamen. Dann, im Jahr 1990, verlor meine Mutter ihre Anstellung wie Tausende anderer Albaner, die die Abschaffung von Kosovos Autonomie und die neue serbische Herrschaft nicht akzeptieren wollten. Keine Geschenke mehr auf Mamas Arbeit. Und ich hörte auf, ein Pionier zu sein.

Dann, im Jahr 1991, ich war 9 Jahre alt, wurde die Schule für mich und die anderen Albaner, die mit mir zur dorthin gingen, geschlossen. Es war Herbst und an diesem Tag, als ich auf dem Weg nach Hause war, sah ich meinen Lehrer für Serbisch aus der ersten Klasse, mit dem ich so gut ausgekommen war, in einer Militäruniform zur Armeebasis Ost in Prishtina gehen. Wir schauten einander traurig an und sagten nichts. Nicht einmal `hallo´.

Im Jahr 1993, ich war jetzt 11 Jahre alt, veränderten sich die Unterrichtsstunden für Geschichte drastisch: Aus den `Partisanenhelden´ des Zweiten Weltkrieges wurden plötzlich feindliche Serben. Und die albanischen `Verräter´, die mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg kooperiert hatten, die verwandelten sich einfach in Helden, weil sie die ersten albanischen Schulen auf dem Kosovo gegründet haben, seitdem das Land 1913 unter die Herrschaft Jugoslawiens fiel.

1997, jetzt war ich 15, hörte ich Musik von Pearl Jam, Soundgarden, Nirvana und Ähnliches und las Hermann Hesse (in der serbischen Übersetzung, weil die albanische Version von der serbischen Verwaltung aus der Nationalbibliothek entfernt und zerstört worden war). Ich versuchte ein normales Teenagerleben zu leben, während ich die Kontrollpunkte der Serben vermied, die überall in der Stadt entstanden. Ich war auch regelmäßig auf Demonstrationen, die Albin Kurti gegen die Bildungssituation der albanischen Studenten organisierte.

Das war auch das Jahr, als mein Bruder, mein nächster Cousin und zwei meiner besten Freunde ins Ausland gingen, um zu studieren und zu arbeiten, nach Slowenien, nach Großbritannien und nach Deutschland. Jungs von meiner Schule, gerade mal 15 bis 17 Jahre alt, machten sich auf, in Gruppen von Zweien oder Dreien, illegal nach Europa zu emigrieren. Sie waren auf der Suche nach einem Job, einer besseren Ausbildung oder wollten einfach nur vor der Polizeiwillkür zu fliehen.

Im Jahr 1998, ich war inzwischen 16 Jahre alt, wurde ich eines Morgens von den Bomben der Serben in den Dörfern um Prishtina geweckt. Ich ging damals auf Konfrontation mit meinen Eltern und überhaupt allem, was im Kosovo passierte. Ich träumte davon, mich der kosovarischen Befreiungsarmee anzuschließen und Kartoffeln für sie zu schälen, weil ich dachte, dass der Kampf für die Menschenrechte im Kosovo der einzige Weg wäre, wie ich meinem Teenagerleben Sinn verleihen konnte.“

Besa Shahini
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Sogar nachdem sie für mehrere Jahre in Kanada gelebt und studiert hatte, träumte Besa weiterhin davon, nach Hause zurückzukehren:

"Ich habe das immer vorgehabt, nach Kosovo zurückzukehren. Ständig habe ich mich schuldig gefühlt, dass ich im Vergleich zum Rest der Menschen meines Alters, die im Kosovo zurückbleiben mussten,  eine Gelegenheit bekommen hatte, ein besseres Leben im Ausland zu leben."

Im Jahr 2004 gründete Besa einen neuen Thinktank im Kosovo mit: IKS.

“Ich war überzeugt davon, dass an einem Ort, wo man keine zuverlässigen Daten hat, die einzige Möglichkeit, Politik wirklich zu verändern und Einfluss zu erlangen, harte empirische Forschung ist. Ich wollte ein Äquivalent zu ESI im Kosovo schaffen, eine Organisation, die die Quellen im Kosovo verwendet, um zu Informationen zu kommen, die dann die Argumente, die wir präsentierten, um eine Debatte in Gang zu bringen, verstärken sollten.

Durch IKS habe ich ein Menge über Kosovo herausgefunden. Allein herauszufinden, dass die Stadt Prishtina entgegen allen öffentlichen Annahmen nicht mehr als 250.000 Einwohner hatte, war für mich eine schockierende Entdeckung. Die offiziellen Zahlen rangierten so zwischen 300.000 und 650.000 Einwohnern. Nach Monaten detaillierter Forschung, nachdem wir alle Indikatoren für Daten durchgegangen waren – von den Schuleinschreibungen, den alten und neuen Gemeindeberichten, den Wählerregistern - kamen wir am Ende zurück auf eine Zahl von 250.000 Einwohnern. Und das bedeutete, dass die Gemeindepolitik, die darauf ausgerichtet war, 650.000 Menschen mit Wohnraum zu versorgen, einfach auf falschen Daten basierte. Die Politik war komplett zu verändern, um die Bedürfnisse von Menschen, die heute in Prishtina leben, nach einem besseren Abwassernetz, über Parks, Parkplätze und die Verringerung von Müll zu befriedigen.“

Besa begann auch, IKS Forscher darauf anzusetzen, die Position von Frauen im Kosovo zu untersuchen:

"Frauen können in dieser Gesellschaft, die arm ist, nicht verantwortlich mitwirken, weil sie an traditionellen patriarchalischen Strukturen weiter festhalten müssen, um unter den schwierigen ökonomischen Verhältnissen zu überleben. Durch unsere Forschung in Dörfern des Kosovo kamen wir zu einer allgemeinen Antwort auf die Frage, warum nicht alle Mädchen zu höheren Schulen geschickt werden: `Die Erziehung von Kindern kostet Geld. Und weil Mädchen, die heranwachsen, später in eine andere Familie hineinheiraten, ist das eine verlorene Investition. Ihre Ausbildung, die in der Zukunft zu einer Beschäftigung führen kann, wird nur für die Familie vorteilhaft sein, in die sie hineinheiratet.´ Wenn also die finanziellen Mitte knapp sind, dann entscheidet sich die Familie für die Erziehung des Jungen.

Und das schreit, ja, nach öffentlicher Finanzierung von Bildung – nicht nur durch Stipendien, wie es jetzt ist, sondern auch einfach durch Bücher und durch Maßnahmen zum Transport, die für arme Familien einfach nicht bezahlbar sind.“

Wenn man sie fragt, ob es eigentlich etwas ausmacht, daß sie als junge, im Ausland erzogene Frau die Behörden des Kosovo angreift, bemerkt sie: 

"Das hat schon etwas ausgemacht. Es machte meinen Job härter und leichter zugleich. Zuerst wurde ich von Seiten der Regierungsvertreter, mit denen ich zusammenarbeiten oder die ich interviewen musste, nicht ernst genommen. Aber das lag eigentlich mehr an meinem Alter. Ich musste mich sehr gut auf Treffen mit Personen vorbereiten, damit sie mich überhaupt auf dem gleichen Level wahrnahmen.

Später dann, als ich unsere Ergebnisse präsentierte, die dann zu relativ unbequemen Debatten führten (um die Bevölkerungszahl in der Hauptstadt, die Ausgaben im Gemeindebudget, um Missmanagement in Gemeindeverwaltungen, etc), war es eigentlich ganz vorteilhaft, eine junge Frau zu sein. Mir wurde gesagt, dass ich für offizielle Personen, die mit mir im Fernsehen debattierten, nicht so bedrohlich wirkte. …

Im Jahr 2006 besuchte ich dann eine Konferenz über `Gute Verwaltung und Städtisches Planen´ mit über 150 Teilnehmern. Alle von ihnen waren im Bereich des städtischen Planens und in der Raumplanung des Kosovo beschäftigt waren, sowohl Internationale als auch Kosovaren. Da machte ich eine kurze Präsentation über die Probleme der Verwaltung und die Stadtplanung in Prishtina. Der damalige Direktor für Stadtplanung der Gemeinde Prishtina geriet außer sich vor Wut, zum einen weil ich die Planungsprozesse kritisierte, wie sie in Prishtina abliefen, aber vor allem weil ich positive Reaktionen aus dem Publikum bekam. Er stand auf und begann mich der Datenfälschung anzuklagen, behauptete, dass ich von UN Habitat bezahlt würde (einer internationalen Organisation, die ein eingeschworener Feind der Stadtplanungsabteilung der Gemeinde war). Und dann drohte er, mich vor Gericht zu bringen wegen Sabotage des städtischen Planungsprozesses in Prishtina. Da wusste ich, dass unser Bericht über Prishtina Einfluss erlangt hatte.“

Derzeit studiert Besa Shahini in Berlin an der Hertie School of Governance.

May 2008

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