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Ohrid quay
Quai von Ohrid. Foto: Alan Grant

Am Ufer von Europas ältestem See, dem Ohridsee, ist das mittelalterliche kulturelle Erbe der Orthodoxie und ihres Einflusses im Balkan sehr präsent. Ohrid war vor dem Ende des Kommunismus ein wichtiges Reiseziel. Bis 1990 waren am Ohridsee, der Jugoslawien vom isolierten Albanien trennte, Kriegsschiffe stationiert. 1991 begannen die Balkankriege, und der Tourismus hat sich – trotz der augenscheinlichen Schönheit des Gebietes – seitdem nie völlig erholt.

In der Antike war die Stadt Ohrid als Lychnidos bekannt. Sie lag an der Via Egnatia, der wichtigen römischen Straße, die von Dyrrachium (heute Durres) an der adriatischen Küste quer über die Balkanhalbinsel nach Konstantinopel führte. Nachdem slawische Stämme die Region im 7. Jahrhundert kolonisierten, wurde die ehemals byzantinische Stadt Ohrid genannt. Die erste schriftliche Erwähnung dieses Namens stammt aus dem Jahr 879.

Unter der Herrschaft der bulgarischen Zaren wurde Ohrid zur einem religiösen und wissenschaftlichen Zentrum der Region. Die Autorin Victoria Clark schreibt:

"Zwischen dem neunten und dem elften Jahrhundert hatten die Heiligen Cyrill und Methodius, Kliment, Naum und ihre Jünger diese Ufersiedlung, die Hauptstadt des kurzlebigen Reiches von Zar Samuil, zu dem spirituellen und wissenschaftlichen Zentrum gemacht, von dem Erzbischof Mihail geprahlt hatte , seine heilig gelehrten Lichter hätten hell genug geleuchtet, um von Kiev aus gesehen werden zu können. Ohrid war das Oxbridge der slawischen Welt gewesen, zu einer Zeit als Oxford ein geschäftiger Handelsposten war, der nicht einmal einen erwähnenswerten Kirchturm hatte."

(Victoria Clark, Why Angels Fall: A Journey Through Orthodox Europe From Byzantium to Kosovo, 2000)

Im Jahr 1018 eroberte das byzantinische Reich Ohrid zurück. Obwohl die Stadt im Mittelalter mehrere Male die Herrschaft wechselte, behielt sie ihre religiöse Stellung als Erzbistum bei. Die Stadt soll aufgrund der großen Zahl an Kirchen als "mazedonisches Jerusalem" bezeichnet worden sein. Volksweisen sprechen von über 300 Kirchen, eine für jeden heiligen Tag des Jahres. Im späten 14. Jahrhundert fiel Ohrid an das osmanische Reich. Die Osmanen wandelten einige Kirchen und Klöster in Moscheen um, tolerierten aber das Ohrider Erzbistum, dem sie sogar erlaubten, seinen Einfluss im 15. und 16. Jahrhundert noch weiter auszudehnen. Das Erzbistum wurde schließlich – nach internen Streitigkeiten und Konflikten mit dem Patriarchat in Konstantinopel – im Jahr 1767 per Dekret von Sultan Mustafa III abgeschafft.

Ohrid blieb bis zum ersten Balkankrieg von 1912 Teil des osmanischen Reiches. Danach fiel das Gebiet an Serbien. Im Ersten wie auch im Zweiten Weltkrieg wurde es von Bulgarien besetzt. Die Stadt wurde in November 1944 von Partisanenverbänden befreit. 1958 erlangte es seinen Status als Erzbistum wieder, als Titos Kommunisten die Etablierung einer Mazedonisch-Orthodoxen Kirche erlaubten (die allerdings von den wichtigen orthodoxen Kirchen nie anerkannt wurde). Victoria Clark beschreibt die Szene folgendermaßen:

"Es wurde wild gefeiert. Die Kirchenglocken läuteten in ganz Ohrid und ganz Mazedonien als sich der neue Erzbischof Dositej von Ohrid und Mazedonien ans Volk wandte: auf einem perlmuttbesetzten Thron aus dem 16. Jahrhundert sitzend, mit einem Kreuz der mittelalterlichen Erzbischöfe von Ohrid in der einen und einer Ikone des heiligen Kliment in der anderen. 'Große Taten', sagte er ihnen, 'werden nicht von großen Nationen geleistet, sondern von Nationen mit großer Seele, Nationen, die bereit und willig sind, große Opfer für ihre Freiheit zu bringen und sich nie fremder Herrschaft unterwerfen.' So eine kämpferische Botschaft konnte nicht gut in Belgrad angekommen sein."

Die hohen Berge, der wunderbare Blick auf den großen See und das reiche historische Erbe machen Ohrid zu einen natürlichen Ziel von Touristen. 1980 wurde die Stadt zum UNESCO Weltkulturerbe ernannt. Veranstaltungen wie das Ohrid-Sommerfestival und der Schwimmmarathon zogen weitere Gäste an. Obwohl die Situation sich in den letzten paar Jahren verbessert hat, hinkt Ohrid immer noch seinem touristischen Potential hinterher.

Heute ist Ohrid auch ein Symbol der entstehenden europäischen Außenpolitik und der Möglichkeit, mit den blutigen 1990er Jahren zu brechen. 2001 war diese Stadt Schauplatz einer der größten Erfolge der europäischen Diplomatie, als das Ohrid-Abkommen unterzeichnet wurde, das wesentlich dazu beigetragen hat, einen drohenden mazedonischen Bürgerkrieg abzuwenden.

May 2008

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