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Doboj
Doboj

Doboj ist auf dem Weg, eine inter-ethnische Erfolgsgeschichte in der Republika Srpska zu werden, und das trotz der desolaten Situation nach dem Krieg. Gleichzeitig spiegelt die Gemeinde all die vielen wirtschaftlichen und sozialen Probleme wider, denen sich das Land heute gegenüber sieht.

Die Gemeinde Doboj wurde im Krieg buchstäblich auseinander gerissen. Die Frontlinie verlief durch das Gemeindegebiet. Fast alle Bosniaken und Kroaten wurden aus den Gebieten, die serbisch kontrolliert wurden, vertrieben; zahlreiche Kriegsverbrechen wurden begangen, und Bosniaken und Kroaten wurden in Gefangenenlagern systematisch gefoltert. Heute versuche die Gemeinde einen klaren Bruch mit der Vergangenheit, sagt der Bürgermeister von Doboj, Obren Petrovic:

"Wirtschaft und politische Spannungen vertragen sich nicht gut miteinander. Je schneller diese Spannungen verschwinden, je schneller die politischen Hindernisse überwunden werden, desto schneller wird die wirtschaftliche Situation sich verbessern."

Nach dem Daytoner Friedensabkommen von 1995 war die Stimmung in der ehemaligen Frontstadt Doboj angespannt. Dort standen sich die mono-ethnische Republika Srpska und die bosniakisch-kroatische Föderation direkt gegenüber, nur durch die neue "Entitätsgrenzlinie" getrennt, die entlang der alten Frontlinie verlief. Doboj war als ein Zentrum des extremen serbischen Nationalismus bekannt.

Das alte moslemische Stadtviertel war von seinen bosniakischen Bewohnern "ethnisch gesäubert" worden, und Serben wohnten nun illegal in ihren Häusern. Auf die wenigen Nicht-Serben, die es in Doboj noch gab, wurde Druck ausgeübt, damit auch sie gehen. Alle bosniakischen und kroatischen Dörfer in der Umgebung waren rücksichtslos zerstört worden. Die SDS (Serbische Demokratische Partei), die von Radovan Karadzic, der als Kriegsverbrecher angeklagt worden ist, gegründet wurde, hatte Doboj fest im Griff. Es gab wenig Hoffnung, dass das multi-ethnische Leben, das es hier einst gab, jemals wieder aufleben könnte.

Vor dem Krieg war Dobojs Bevölkerung ethnisch gemischt. Laut der Volkszählung von 1991 hatte die Gemeinde 102.630 Einwohner, von denen 40% Bosniaken und 39% Serben waren. Der Anteil der Kroaten betrug 13%, und die übrigen 8% deklarierten sich als Jugoslawen oder waren anderer Nationalität.

Die Mehrheit der Bevölkerung lebte in Dörfern, die größtenteils mono-ethnisch waren, was in Bosnien meistens der Fall war. Es gab 10 kroatische, 17 bosniakische und 40 serbische Dörfer. Nur 5 Dörfer waren gemischt besiedelt.

Die Auflösung der im Krieg entstandenen Polizeistrukturen durch die SFOR-Truppen im Jahre 1998 eröffnete den Weg zur Rückkehr der Bosniaken von Doboj. Im vergangenen Jahrzehnt ist mehr als die Hälfte der bosniakischen Vorkriegsbevölkerung, schätzungsweise 16.000 bis 18.000 Menschen, zurückgekehrt. Sechzehn Moscheen wurden wiederaufgebaut.

Bürgermeister Obren Petrovic, der 2004 als eines der neuen Gesichter der SDS ins Amt gewählt wurde, sieht eine neue Zukunft für Doboj:

"Als ich vor vier Jahren Bürgermeister wurde, wollte ich Doboj öffnen. Sobald ich die Oberschulen für alle Nationalitäten öffnete, besuchten sie auch bosniakische Schüler. Wir müssen auf diesem Weg weitermachen. Die C5-Autobahn wird gebaut, und wir haben die Eisenbahn hier. Ich bedauere, dass wir kein anständiges Hotel haben. Wir können Nordkroatien mit der kroatischen Küste [im Süden] verbinden, und Leute sollen hier übernachten können."

Der Präsident des Gemeinderats, Enes Suljkanovic, ist Bosniake. Er bestätigt die Verbesserung der politischen Lage:

"Ich muss betonen, dass es seit dem Beginn des Rückkehrprozesses im Jahre 2000 bis heute keinen einzigen Zwischenfall zwischen den ethnischen Gruppen gegeben hat."

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Enes Suljkanovic

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Doboj's "Gradina" (Burg)

Ein Besucher, der durch das alte moslemische Viertel auf Dobojs Burg Gradina klettert, sieht, dass es hier wieder Leben gibt. In diesem historischen Zentrum der Stadt (carsija), dessen Wurzeln in das 15. Jahrhundert zurückreichen, ist die Hälfte der ursprünglichen bosniakischen Bevölkerung zurückgekommen.

Wenn man dann die Festung betritt, wird man von einem Wächter im mittelalterlichen Kostüm begrüßt. Es gibt ein "Ethno-Café", eine kleine Bühne und einen neuen Spielplatz. Seitdem die Burg 2006 wiedereröffnet wurde, hat hier eine ganze Reihe kultureller Ereignisse stattgefunden. Im Februar 2007 gab es ein Festival der bosnischen Küche, das von Frauen in serbischen, bosniakischen und kroatischen Trachten betreut wurde. Nach Jahren der Vernachlässigung ist das Leben auch auf die Festung Gradina zurückgekehrt.

Im Hochschulbereich ist es zu einer bemerkenswerten ethnischen Reintegration gekommen. Heute gibt es zwei staatliche Universitäten in Doboj, eine für Technologie und eine für das Transportwesen. Es gibt auch eine Zahl neuer privater Universitäten. Insgesamt besuchen knapp 2.500 Studenten diese Einrichtungen. Mehr als ein Drittel sind Bosniaken und Kroaten, und ein Großteil dieser Studenten kommt aus der Föderation zu den Vorlesungen.

Rückkehr, Wiederaufbau und Demilitarisierung sind Erfolgsgeschichten, deren Größenordnung nicht unterschätzt werden darf. Heute herrscht entlang der ehemaligen Frontlinie Frieden. Das hat wiederum den Beginn eines neuen Wirtschaftslebens in der Gemeinde angeregt.

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Dobojs Panorama

Erst jetzt, 13 Jahre nach dem Krieg, hat Doboj mit ernsthafter Wirtschaftsentwicklung begonnen. Nur 34,5% der arbeitsfähigen Bevölkerung gehen momentan einer offiziellen Beschäftigung nach. Das Problem der Arbeitslosigkeit ist in ländlichen Gebieten noch ausgeprägter. Die alten landwirtschaftlichen Kooperativen sind zusammengebrochen. Nicht einmal 250 Landwirte in der Gemeinde Doboj besitzen mehr als 5 Hektar Land.

Nur drei Firmen ist es gelungen, die Zahl der Beschäftigten nach der Privatisierung zu erhöhen. Das sind RKTK Doboj, eine Kalksteinmine und Kalkfabrik in Sevarlije; TKS Dalekovod, ein Hersteller von Überlandleitungen, Stahlmasten und dazugehörigen Metallkonstruktionen im Norden von Doboj; und die Braunkohlemine Stanari im Westen. In allen drei Fällen handelt es sich um ausländische Direktinvestitionen.

In den Cafés im Zentrum Dobojs diskutieren Jung und Alt über Beschäftigungsmöglichkeiten, wobei sie immer wieder auf Migration als Ausweg kommen. Man tauscht Erfahrungen aus: Einige arbeiten als Kellner auf amerikanischen Kreuzfahrtschiffen, andere haben herausgefunden, wie man illegal nach Malta kommen kann. Manche arbeiten für serbische Firmen, die in Rumänien Ölraffinerien bauen, andere ziehen über ein neues Zeitarbeitsprogramm in Tschechien Erkundigungen ein. Während des Sommers gibt es in Montenegro Jobs im Tourismusbereich und in der Bauindustrie. Um für seine Bürger Arbeit zu schaffen, die es ihnen erlauben würde, in Doboj zu bleiben, hat Bürgermeister Obren Petrovic eine Vision:

"Wir müssen die Voraussetzungen schaffen, um wieder ein Handelszentrum und ein Verkehrsknotenpunkt zu werden: ein regionales Zentrum."

June 2008

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