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Zivojin Rakocevic
Zivojin Rakocevic

Zivojin Rakocevic ist der Chefredakteur des serbischsprachigen Radiosenders KIM in Caglavica, einem Dorf vor den Toren Prishtinas. Radio KIM sendet für die serbische Gemeinschaft im Kosovo. KIM ist eine Insel der intellektuellen Debatte und des Dialoges für die jüngeren Serben, die sich in ländlichen Gemeinschaften wie Caglavica gestrandet und isoliert fühlen. Das Team um Zivojin veröffentlicht auch ein monatliches Magazin mit dem Namen "Glas Juga" – die Stimme des Südens.

Radio KIM begann mit einem Experimentalprogramm im Dezember 2000 und wurde dabei von der internationalen Gemeinschaft und bilateralen Geldgebern wie den Vereinigten Staaten, Großbritannien, Kanada und Deutschland gefördert. Das Programm umfasst Kultur-, Musik- und Nachrichtensendungen.

Für Zivojin Rakocevic sind die politischen Spannungen zwischen Serben und Albanern künstlich erzeugt. Er ist voller Misstrauen gegenüber dem Nationalismus auf beiden Seiten, sowohl dem albanischen wie auch dem serbischen.

"Es ist doch völlig verrückt zu glauben, dass wir nicht zusammenleben könnten. Wenn jemand sagt, dass bestimmte Menschen, bestimmte Gruppen nicht zusammenleben können, dann ist das nicht normal. Das grenzt an Faschismus. Das ist nur eine Verwirrung. Ich denke, nur mit gemeinsamen Aktionen kann man Integration im Westbalkan fördern."

Was er am meisten in Caglavica vermisst, sind die Büchereien, die intellektuelle Debatte und das Stadtleben im Allgemeinen. Mit dem Auto ist Prishtina nur kurze 10 Minuten entfernt, aber Zivojin fühlt sich wie in einem anderen Land. Wie er wurden viele Serben aus Prishtina in die Dörfer um Caglavica verschlagen.

"Nach dem Krieg 1999 verließ ich Prishtina. Von den 50.000 Serben aus der Zeit vor dem Krieg, sind dort nur noch 70 geblieben, und die sind alle alt. Ich vermisse es – ich lebe jetzt auf dem Dorf. Ich vermisse das urbane Flair, die Bibliothek, das Kino, meine Freunde. Ich verlor eine Welt, als ich aus Prishtina fortging. Ich kenne einen Typen, der hat sein Apartment seit eineinhalb Jahren nicht mehr verlassen. Vor drei Jahren kam ein anderer Typ aus Prishtina in meine Radiostation. Er sagte: ‚… jeden Sonntag höre ich mir mit meiner Frau eure Religionssendung an und ich bete dann gleichzeitig, weil ich nicht zur Kirche gehen kann.‘ Die Kirche wurde im März 2004 niedergebrannt, und das war auch der Tag als die meisten Serben Prishtina verließen. Es gibt kaum eine Möglichkeit, dass ich wieder dahin zurückkehre. Ich frage mich, was hindert dich denn an der Rückkehr? Und dann gehe ich über die Strasse, die Prishtina und Skopje verbindet, und da ist es normal, dass Leute Gesten mit ihrem Finger an der Kehle machen und mir drohen, mich zu ermorden. Das reicht mir dann, um zu wissen, dass ich nicht zurückkehren kann; mein Kind könnte dort nicht in den Kindergarten gehen."

Zivojin glaubt nicht, dass die Unabhängigkeit des Kosovo die Situation zum Besseren wenden könnte:

"Ganz einfach, Kosovo kann nicht unabhängig sein. Das ist ein, wie soll ich sagen, ein Rauchschleier, der von albanischen Nationalisten und Extremisten geschaffen wurde. Sie haben die Macht in ihren Händen, und wollen ihr Leben lang regieren und betrachten das dann als ihre Art von Unabhängigkeit. Aber die Menschen werden an diesem Tag [der Unabhängigkeit] auf die Straßen gehen, werden feiern. Es wird geschossen werden, sie werden glücklich sein. Dann werden sie sich zu Bett legen und am nächsten Morgen werden sie in einem abhängigen Kosovo aufwachen. Und das wird dann ein Problem werden. Selbst an dem Tag der Erklärung der Unabhängigkeit werden sie keinen Strom und kein Wasser haben, werden nicht genügend reisen können und werden in der Region das Problem haben, dass wir nicht zusammen arbeiten."

May 2008

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