Islamische Calvinisten. Umbruch und Konservatismus in Zentralanatolien
19 September 2005
Berlin - Istanbul
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Überblick

Von Europäern, die einer türkischen Mitgliedschaft in der Europäischen Union skeptisch gegenüberstehen, ist häufig zu hören, die Türkei habe zwei Seelen, von denen nur eine westlich sei. Sie kontrastieren das kosmopolitische Istanbul mit dem weiten türkischen Inneren, das als rückständig, verarmt und in seinen Werten als 'nicht-europäisch' gilt.

Zentralanatolien mit seiner ländlich geprägten Wirtschaft und patriarchalen, islamischen Kultur gilt als das Kernland dieser 'anderen' Türkei. Doch hat es in den letzten Jahren ein Wirtschaftswunder erlebt, das eine Reihe ehemaliger Handelsstädte in wohlhabende Zentren der verarbeitenden Industrie verwandelte. Dieser neue Wohlstand hat zu einem Wandel traditioneller Werte und einer Kultur harter Arbeit, des Unternehmertums und der Entwicklung geführt. Während Anatolien eine sozial konservative und religiöse Gesellschaft bleibt, durchlebt es zugleich, was von einigen Beobachtern eine 'Stille islamische Reformation' genannt wurde. Viele von Kayseris Geschäftsleuten schreiben ihren wirtschaftlichen Erfolg ihrer 'protestantischen Arbeitsethik' zu.

Dieser Bericht untersucht jene sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen in der zentralanatolischen Provinz Kayseri, in der eine Million Menschen leben. Er legt detaillierte Fallstudien zu einer Reihe strategischer Bereiche vor: der Entwicklung Kayseris zum führenden Ansiedlungsort der türkischen Möbelproduktion; des Aufstiegs von Orta Anadolu, das ein Prozent des weltweiten Jeansstoffs erzeugt; und des Erfolgs der Zuckerraffinerie von Kayseri und ihrer Auswirkungen auf die örtliche Landwirtschaft. Diese Fallstudien veranschaulichen, wie sich binnen einer Generation ein industrieller Kapitalismus aus einer vorwiegend ländlichen Kaufmannsgesellschaft heraus entwickelte. Sie veranschaulichen außerdem, wie politische Fehlentscheidungen mehrerer aufeinanderfolgender Regierungen die 90er Jahre zu einem 'verlorenen Jahrzehnt' werden ließen und wie die Wirtschaftskrise 2000/2001 und die ihr folgenden strukturellen Reformen einen entscheidenden Wendepunkt für die türkische Wirtschaft markierten.

Ferner untersucht dieser Bericht, wie im Laufe des letzten Jahrzehnts individualistische, wirtschaftlich aufgeschlossene Strömungen innerhalb des türkischen Islams an Geltung gewonnen haben. Er wirft einen genaueren Blick auf Kayseris erfolgreichste Kleinstadt, den Industriebezirk Hacilar, dessen 20.000 Einwohner 9 der 500 größten türkischen Unternehmen hervorbrachten. Zuletzt untersucht er die Rolle der Frau in der sich wandelnden anatolischen Gesellschaft und erörtert, warum sich diese als die Achillesferse einer fortgesetzten raschen Entwicklung erweisen könnte.

Die derzeit regierende Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP) von Recep Tayyip Erdogan und Abdullah Gül (Kayseris prominentester Politiker) und ihre politische Philosophie des 'demokratischen Konservatismus' sind in Zentralanatolien sehr populär. Das AKP-Parteibüro in Kayseri war eines der ersten landesweit und in den Kommunalwahlen 2004 errang die Partei eine überwältigende Mehrheit von 70 Prozent, ihre stärkste im ganzen Land. Viele Ziele des demokratischen Konservatismus' erinnern an Parteien des politischen Zentrums in Europa.

Dieser Bericht kommt zu dem Schluss, dass wirtschaftlicher Erfolg und soziale Entwicklung ein Milieu geschaffen haben, in dem Islam und Moderne gütlich nebeneinander bestehen. Das von diesen Werten geformte Anatolien begehrt nun, Teil der Europäischen Union zu werden.

Einleitung

Von europäischen Stimmen, die einer türkischen Mitgliedschaft in der Europäischen Union skeptisch gegenüberstehen, ist häufig zu hören, die Türkei habe zwei Seelen, von denen nur eine westlich sei. Sie kontrastieren die kosmopolitischen Zentren Istanbul und Ankara sowie die Küstenressorts mit dem weiten türkischen Inneren, das als rückständig, verarmt und in seinen Werten als ausdrücklich 'nicht-europäisch' gilt. Wolfgang Schäuble, einer der führenden außenpolitischen Experten der deutschen Christlich Demokratischen Union, sagte kürzlich:

"Ein Teil der Türkei ist europäisch, ebenso wie ein Teil Russlands. Doch der weitaus größere Teil der Türkei als auch Russlands liegt definitiv nicht in Europa. Deshalb könnte sich Russland niemals wirklich in die EU integrieren."

Dieses Argument, das teilweise auf wirtschaftlichen Überlegungen, doch viel unumwundener auf kulturellen beruht, ließ viele schlussfolgern, dass die Türkei zwar in den Genuss engerer Beziehungen mit der Europäischen Union gelangen sollte, eine vollständige Integration jedoch für beide Seiten abträglich wäre.

Zentralanatolien (Orta Anadolu) ist das Kernland dieser 'anderen' Türkei. Die allgemein übliche Vorstellung eines nicht-europäischen Anatolien wurde über viele Jahrzehnte sowohl von Ausländern, die sich mit seiner Dorfkultur beschäftigten, als auch von Beamten der türkischen Republik, die sich bemühten, die Rückständigkeit der traditionellen türkischen Gesellschaft zu überwinden, entwickelt. Beide machten in Anatolien das Konzentrat der am wenigsten europäischen Seiten der Türkei aus: eine tief in den unveränderlichen Zeitläuften des Dorflebens verwurzelte patriarchale islamische Kultur, in deren Zentrum Weizen, Schafe und handgewobene Teppiche stehen.

Schon 1949 schrieb Max Thornburg, ein ehemaliger Geschäftsführer von Standard Oil, der im Auftrag der U.S.-Regierung die türkische Wirtschaft begutachtete:

"Der Eindruck, den man aus der Türkei mitbringt, ist der einer dünnen, von außen importierten Schicht der Modernität, die von oben mit eisernem Willen und großer Kraft einer Bevölkerung auferlegt wurde, die zum Großteil noch einem mittelalterlichen oder sogar altertümlichen Leben verhaftet ist."

In der ländlichen Welt des Anatoliens der 50er Jahre waren drei Jahrzehnte nach Gründung der türkischen Republik noch immer 68 Prozent der türkischen Erwachsenen Analphabeten. Dreißig Jahre später, als die amerikanische Anthropologin Carol Delaney zwei Jahre lang ein zentralanatolisches Dorf studierte, stellte sie fest, dass sich das Dorfleben noch immer wenig verändert hatte, weder kulturell noch ökonomisch. Sie beschrieb ein moralisches Universum, in dessen Mittelpunkt Fortpflanzung und ein strenges Geschlechterverhältnis standen.

"In der Vorstellungswelt der Dorfbewohner sind lediglich Männer in der Lage, den Funken des Lebens zu übertragen und theoretisch ist dieses ewig, solange Männer Söhne zeugen, die diesen Funken über die Generationen weiterreichen."

Arbeit jedoch galt als "Vorahnung der Hölle":

"Die Dorfbewohner müssen arbeiten, sie mögen es jedoch nicht; auf Arbeit in jeder Form wird abschätzig herabgesehen. Sie gilt nicht als Möglichkeit, etwas über das Leben zu lernen oder als eine Bestätigung oder Erfüllung des Selbst. Der Sinn des Lebens wird sicherlich nicht mit Begriffen für Arbeit beschrieben. Zu sitzen ist die mustergültige menschliche Tätigkeit, das Verb oturmak hat beide Bedeutungen."

In den vergangenen Jahren jedoch wurde Zentralanatolien zum Schauplatz eines Wirtschaftswunders, das an die ostasiatischen 'Tiger-Staaten' erinnert. Eine Reihe anatolischer Handelszentren entlang der alten Seidenstraße erlebte eine industrielle Revolution, die sie zu bedeutenden Produktionszentren und Akteuren der globalen Wirtschaft machte. Mitte der 90er Jahre begannen türkische Journalisten und Wissenschaftler über die 'anatolischen Tiger' zu schreiben. Neben Schafen, Weizen und Teppichen gab es nun plötzlich massengefertigte Möbel, die in der ganzen Türkei verkauft, sowie qualitativ hochwertige Textilien, die in die Modezentren der Welt exportiert wurden. In den letzten Jahren gewann diese Entwicklung noch an Geschwindigkeit, mit in Teilen Zentralanatoliens schwindelerregenden Wachstumsraten in den vergangenen zwei Jahren.

Seit der Ankunft des industriellen Kapitalismus' ist die traditionelle Dorfwelt, wie sie von Delaney beschrieben wurde, im Rückzug begriffen. Weit mehr Anatolier leben nun in urbanen Zentren und haben einen ausgesprochen modernen Geschmack entwickelt. Im Gefolge von Urbanisierung und Bildungsexpansion kamen neue Ideen über die Tugenden harter Arbeit und des Unternehmertums. Zentralanatolien bleibt eine religiöse und sozial konservative Gesellschaft. Jedoch hat es eine eigenständige, für seinen neugewonnenen wirtschaftlichen Erfolg höchst förderliche Form des Konservatismus' hervorgebracht.

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung kam auch eine neue politische Zuversicht. Zentralanatolien ist die Wahlbastion der türkischen AKP-Regierung und Heimat einiger ihrer einflussreichsten Köpfe, insbesondere von Außen- und Vizepremierminister Abdullah Gül. Die AKP-Regierung ist in vielerlei Hinsicht ein politischer Widerhall des Ehrgeizes und der Werte, die die anatolischen Tiger hervorbrachten. Ihre sozialen und wirtschaftlichen Wurzeln zu verstehen, kann helfen, Licht auf einen der Widersprüche der modernen Türkei zu werfen, der Beobachter im In- und Ausland gleichermaßen verwirrt hat: wie eine in ihren Ursprüngen islamische und konservative Regierung gleichzeitig eine solch entschieden wirtschafts- und Europafreundliche Politik verfolgen kann.

Dieser Bericht untersucht jene Prozesse sozialen und wirtschaftlichen Umbruchs in der zentralanatolischen Provinz Kayseri, in der eine Million Menschen leben. Es ist unser Ziel, die Debatte über die Türkei und ihre zwei Identitäten jenseits der Klischees zu tragen, die sie so lange prägten. Hierzu stellen wir die zentralanatolische Revolution einem europäischen Publikum vor. Dieser Bericht wurde für all jene geschrieben, die willens sind, die Türkei und ihre europäischen Bestrebungen im Lichte heutiger Realitäten zu betrachten.

I. DAS TÜRKISCHE KERNLAND

Die zentralanatolische Provinz Kayseri liegt genau im Zentrum des Landes, beinahe in gleicher Entfernung (900 Kilometer) von der ägäischen Küste im Westen und der iranischen Grenze im Osten. Plateauförmige Berge trennen die Täler und schaffen so ein raues Land mit kalten Wintern und trockenen Sommern. Der höchste Berg, der Erciyes, ist ein erloschener Vulkan. Die Asche seiner Ausbrüche ließ das nahegelegene Cappadocia entstehen, wo Wind und Wasser eine Landschaft fantastischer Formen schufen. Nördlich des Erciyes fließt der Kizilirmak (Roter Fluss), der längste Fluss der Türkei.

Die Provinz Kayseri hat eine Gesamtbevölkerung von einer Million, die größtenteils in der Stadt Kayseri nördlich des Erciyes lebt. Zwei weite Ebenen ermöglichen intensive Landwirtschaft: die Kayseri-Ebene nordöstlich der Stadt und die größere Develi-Ebene südlich des Berges. Weizen und Gerste sind die wichtigsten Getreidesorten. Weite Teile des Gebiets sind gebirgig und dünn besiedelt, so leben in manchen Gegenden lediglich 15 Personen pro Quadratkilometer.

Der Name Kayseri leitet sich von der römischen Stadt Caesarea ab, einst eine der bedeutendsten Städte Kleinasiens. Der Gründer der Armenischen Kirche, der Heilige Gregor, lebte im 4. Jahrhundert in Caesarea. Vom 11. bis zum 13. Jahrhundert war Kayseri ein Zentrum des ersten von den Seldschuken gegründeten Turkstaates. Sinan (1490–1588), der berühmteste osmanische Architekt wurde als Christ in einem nahegelegenen Dorf geboren, bevor er sich dem Janitscharenkorps anschloss. Heute erinnern den Besucher lediglich verlassene Kirchen, Ortsnamen und Ornamente auf Teppichen an die multiethnische Vergangenheit des osmanischen Kayseri.

Von der Terrasse im 12. Stock des 2002 eröffneten Kayseri Hilton lassen sich Erinnerungsbruchstücke aus Kayseris langer Geschichte erkennen: die geschwärzten Stadtmauern der Seldschuken, die glänzenden Dächer des überdachten Bazars und die wichtigsten Moscheen und Madrassen der Stadt. Jenseits der Altstadt verweisen die Wahrzeichen auf Kayseris jüngere Industriegeschichte, insbesondere die 1926 eröffnete Flugzeugfabrik, die den Beginn der Industrialisierung der Region einläutete. In der Ferne liegen die Gebäude der zügig expandierenden Erciyes Universität. Nach Westen hin, am Fuße des Erciyes, liegt die kleine und stolze Industriestadt Hacilar und der weit ausladende Komplex der Hacilar Electronic Company (HES), der das Sonnenlicht auf die Spitze eines Hügels zurückwirft.

Ein Besucher aus den 50er Jahren würde das heutige Kayseri nicht wiedererkennen. Die Stadt wuchs von 65.000 Einwohnern im Jahr 1950 auf ca. 600.000 heute. Einwohner aus den ländlichen Gegenden zogen zu, um Beschäftigung im schnell wachsenden Neuen Industriegebiet zu finden, das sich westlich der Stadt über eine Fläche von mehr als 2.350 Hektar erstreckt. Dies ist eines der größten Industriegebiete der Türkei, das sich zudem im Jahr 2004 mit dem Baubeginn von 139 neuen Betrieben an einem einzigen Tag für das Guinness Buch der Rekorde bewarb. In den vergangenen 12 Monaten wurden in der Stadt Kayseri mehr als 10.000 neue Wohnungen an das Elektrizitätsnetz angeschlossen.

Das schnelle Wachstum der Stadt Kayseri hat auch die Provinz verändert. Heute leben 69 Prozent der eine Million Provinzeinwohner in der Stadt (der türkische Durchschnitt liegt bei 65 Prozent). Die Urbanisierung erleichterte den Zugang zu Bildung. 1950 konnten weniger als 20 Prozent der Frauen lesen und schreiben. Heute liegt diese Zahl bei 86 Prozent und eine entschiedene Kampagne zur endgültigen Beseitigung des Analphabetismus' ist im Gange. Da junge Mädchen nun länger zur Schule gehen (1997 wurde die Schulpflicht in der Türkei von 5 auf 8 Jahre erhöht), sah sich das traditionelle Handwerk wie z. B. das Teppichweben starken Einbrüchen ausgesetzt. Das Dorf (heute Stadt) Hacilar am Fuße des Erciyes druckt noch immer Poster für Touristen, die Schafe und Pferde zeigen, doch gibt es keine Schafe mehr und der Großteil der Bevölkerung arbeitet in Industrien, die von der Generation ihrer Eltern gegründet wurden – einige von ihnen leiten Unternehmen mit tausenden von Angestellten.

II. ANATOLISCHE TIGER
A. Die Sofa-Revolution

Als Mustafa Boydak vor 76 Jahren im Dorf Hacilar geboren wurde, war es für einen Jungen üblich, aufzuwachsen, ohne lesen gelernt zu haben. Mustafa Boydak verließ die Grundschule nach nur einem Jahr und musste sich das Lesen selbst beibringen, als er älter war. Er wurde in eine überwiegend ländliche Gesellschaft geboren; drei Viertel der türkischen Bevölkerung lebte auf dem Land und 80 Prozent der arbeitenden Bevölkerung war in der Landwirtschaft beschäftigt. Um nicht auf den Feldern arbeiten zu müssen, begann Mustafa Boydak eine Lehre in einer kleinen Teppichweberei in der nahegelegenen Stadt Kayseri, wo es eine Reihe von kleinen Handwerksbetrieben im traditionellen Gewerbeviertel gab. Binnen einiger Jahre hatte er seine eigene Werkstatt eröffnet und stellte Holztüren und -fenster her. In den späten 50er Jahren eröffneten er und sein Bruder, Sami Boydak, eine neue Werkstatt in Kayseris erstem Industriegebiet.

Heute hat sich der von den beiden Brüdern gegründete Betrieb – die Boydak Holding – zu einer Ansammlung von 22 Unternehmen mit einem Exportnetzwerk in 70 Ländern entwickelt. Unter der Leitung ihrer Söhne umfasst dieser Verbund eine Bank, ein Transportunternehmen, eine Handelssparte und die größte Kabelfabrik der Türkei. Das Kernstück jedoch bilden die beiden am bekanntesten Möbelmarken Istikbal und Bellona. Das gelb-blaue Etikett von Istikbal und das türkise von Bellona ist heute in allen türkischen Städten zu finden. Es gibt mehr als 1.000 Istikbal- und mehr als 600 Bellona-Fachgeschäfte, die Möbel für jeden Raum einer modernen Wohnung verkaufen. Insgesamt beschäftigt die Boydak Holding mehr als 12.000 Angestellte (ca. 10.000 davon in Kayseri) und erwirtschaftete 2004 einen Umsatz von 1,2 Milliarden US$.

Die Geschichte der Entwicklung der kleinen Boydak'schen Werkstätte zu einem industriellen Riesen ist bemerkenswert und spiegelt den Aufstieg Kayseris von einer Handelsstadt zu einem industriellen Zentrum. Kayseri hatte keinen offensichtlichen komparativen Vorteil in der Herstellung von Möbeln; die Waldgebiete des Schwarzen Meeres sind weit entfernt und die innertürkischen Transportkosten hoch. Dennoch entwickelte es sich im Laufe der letzten zwei Jahrzehnte zum bedeutendsten Möbelproduzenten nicht nur in Anatolien, sondern des gesamten Nahen Ostens und Südosteuropas.

Heute sind mehr als 3.500 Unternehmen in Kayseri im Möbelgeschäft tätig. Ca. 400 davon setzen Massenfertigungsverfahren ein. Im Durchschnitt werden an jedem beliebigen Tag 20.000 Sofas und 8.000 Sessel hergestellt. Die Vereinigung der Möbelhersteller in Kayseri schätzt, dass 40.000 Personen im Möbel- und in ihm beigeordneten Sektoren beschäftigt sind. Dies macht ihn zum Antriebsmotor der Wirtschaft in Kayseri. Dieser Sektor ist ein nützlicher Ausgangspunkt, um zu verstehen, welchen Weg Kayseri gegangen ist, und um abzuschätzen, wohin es gehen wird.

Der Möbelmarkt spiegelt den außergewöhnlichen wirtschaftlichen und sozialen Wandel der Türkei seit den 50er Jahren. In einem zentralanatolischen Haus war das Hauptsitzmöbel der sedir, ein erhobenes Podest aus Matratzen, Decken und Teppichen, auf dem Gäste Platz nahmen. Familien aßen auf dem Boden rings um einen niedrigen Holztisch sitzend zu Abend und schliefen auf mit roher Wolle ausgestopften Matratzen, die tagsüber aufgerollt wurden. Die Decken und Teppiche wurden von den Frauen zu Hause an handgetriebenen Webstühlen gewoben. Der sedir war das Symbol ländlicher Selbstgenügsamkeit.

Zwischen 1950 und 1965 verdoppelte sich die städtische Bevölkerung der Türkei von fünf auf zehn Millionen Menschen. Die Stadt Kayseri wuchs von 65.488 Einwohnern 1950 auf 160.985 im Jahr 1970. Die Urbanisierung veränderte Lebensstile in dramatischer Weise. In den neuen städtischen Wohnungen wurden handgewobene Teppiche von maschinell gefertigten Produkten verdrängt, Matratzen enthielten Metallfedern statt Wolle und die Menschen saßen nun auf Stühlen am Esstisch. In der Stadt Kayseri allein wurden zum Ende des 20. Jahrhunderts 100.000 Wohnungen möbliert.

Im Jahr 1956 gründete die Gemeinde Kayseri ihr erstes ("altes") Industriegebiet kurz außerhalb der Stadtgrenzen, in das alle Handwerker umziehen mussten (teils aus Furcht vor Feuer). Diese Konzentration traditioneller Industrien erwies sich als Schlüsselfaktor beim Übergang der Stadt zum industriellen Kapitalismus. Unter den beengten Verhältnissen des Alten Industriegebiets wanderten Ideen und Verfahren schnell von einem Handwerker zum anderen und bereiteten so den Boden für eine technologische Revolution.

1959 begann einer der Zimmermänner gepolsterte Möbel herzustellen, ursprünglich mit getrocknetem Gras als Füllmaterial und später mit geschäumtem Gummi. Auf Grundlage der handwerklichen Fähigkeiten in der Metallverarbeitung, die mit staatseigenen Betrieben wie der Flugzeugfabrik nach Kayseri gekommen waren, begann in den frühen 60er Jahren eine weitere Firma damit, metallene Möbel wie z. B. Federmatratzen, Bettgestelle oder Couchrahmen herzustellen. Neue Maschinen wie Tacker zur Polsterung wurden nach Kayseri gebracht und schon bald selbst vor Ort hergestellt. Es entstanden mehrere Großhändler, die die wachsende Möbelindustrie belieferten. Enge Bindungen zwischen Handwerkern und Händlern stellten den Kapitalfluss und Zugang zu Märkten sicher.

1976 besuchte der niederländische Volkswirt Leo van Velzen Kayseri, um sich ein Bild vom Wachstumspotential der Region zu machen. Van Velzen zählte 1.150 kleine Werkstätten im alten Industriegebiet, von denen 588 in der Holzbearbeitung und Möbelherstellung tätig waren. Die Werkstätten reichten von einer Größe von 30 bis 300 Quadratmetern, gewöhnlich mit nicht mehr als drei Arbeitern und verwendeten "kein komplizierteres Werkzeug als Hammer, Zange und Schere." Van Velzen verfolgte die Ursprünge dieses aufkommenden Ansiedlungsgebiets der Möbelherstellung zurück zu "einer Gruppe von ca. 20 Schreinereibetrieben, die seit den 50er Jahren bestanden und Türen und Fensterrahmen herstellten, sowie zu ca. 10 Holzhändlern mit einem weiteren kaufmännischen Horizont." Seine Beurteilung von Kayseris Wachstumspotential war jedoch zurückhaltend. Er kam zu dem Schluss, dass "es derzeit keinen Hinweis darauf gibt, dass sich der Handelskapitalismus in einer Übergangsphase zum industriellen Kapitalismus befindet." Er zitierte ein zur damaligen Zeit populäres türkisches Sprichwort: "Willst du reich werden, kaufe und verkaufe. Doch willst du arm werden, erzeuge und verkaufe."

Ebenfalls 1976, als van Velzen seine Studie veröffentlichte, reisten Mustafa Boydak und sein Bruder nach Europa, um Möbelmessen zu besuchen und Fertigungsgerät zu kaufen. Dort erkannten sie das Potential der industriellen Möbelfertigung. Mustafa Boydak kann sich noch erinnern, wie er nach seiner Rückkehr den Zimmermännern sagte, dass sie "die althergebrachte Möbelherstellung von Hand aufgeben müssten." Mit der Zeit inspirierte das Beispiel der Boydak-Brüder und ihr offensichtlicher wirtschaftlicher Erfolg andere.

Die Einführung von Massenfertigungsverfahren in der Boydak-Fabrik im Jahr 1976 war der erste Durchbruch. Der zweite war die Einführung des çek-yat-Sofas 1980. Das çek-yat (wörtlich "zieh' und schlafe"), ein Faltbett, wurde zum Symbol der sich anbahnenden Konsumgesellschaft. In den neuen städtischen Zentren benötigten Familien in kleinen Wohnungen eine Möglichkeit, um Verwandte unterzubringen, die vom Land zu Besuch kamen. Das çek-yat war die ideale Lösung und wurde schnell zum meistverkauften Boydak-Produkt. 1991 stellte die Firma bereits 1.500 Sofabetten pro Tag her.

In den frühen 90ern führte die Firma eine weitere wichtige Innovation ein: sie revolutionierte ihr Marketing. In den vorangegangenen Jahrzehnten kamen Händler und Kunden – häufig aus dem Osten der Türkei – um fertige Möbel direkt in den Werkstätten zu erstehen. Jedes Stück war ein Unikat und der Preis wurde vor Ort ausgehandelt. 1993 gründete Boydak seine Vorzeigemarke Istikbal ('Zukunft') mit einem Warenkatalog und im ganzen Land einheitlichen Preisen. Um sein Markenprofil zu schärfen, schuf Istikbal ein Netz exklusiver Verkaufsstellen und begann, verpackte Möbel mit Garantie und Reparaturservice direkt nach Hause zu liefern. Zudem drängte Istikbal das Türkische Normierungsinstitut, Qualitätsstandards für Möbel einzuführen. Im Jahr 2000 gründete Boydak mit Bellona eine zweite Marke für die gehobene Preisklasse, um direkt mit importierten Möbeln zu konkurrieren. Bellona entwickelte sich in Kürze zur zweitgrößten Möbelfirma nach Istikbal. Mit dem Wachstum des Unternehmens gründete Boydak neue Firmen, die dessen Transport und Logistik, Verkauf und Marketing, sowie die Fertigung von Zwischenprodukten wie Metallfedern und geschäumtem Gummi übernahmen.

Boydaks Erfolg ließ andere Zimmermänner in Kayseri seinem Beispiel folgen. Auch Saffet Arslan arbeitete sich vom Lehrling im Alten Industriegebiet nach oben. 1981 begann er zusammen mit seinem Bruder, Möbel nach Bedarf für die größeren Werkstätten zu fertigen, wobei er nach und nach ein auf Sofas und Sessel spezialisiertes Team aufbaute. 1986 eröffnete er ein Einzelhandelsgeschäft und 1991 gründeten er und sein Bruder die Firma Ipek. Bereits 1994 machte Ipek im türkischen Fernsehen Werbung für seine Möbel und eröffnete Fertigungsstätten in der ganzen Türkei. Mit einer Fertigungsfläche von 60.000 Quadratmetern, 2.500 Angestellten (seine Franchiseunternehmen mitgezählt) und einem Umsatz von 83 Millionen US$ gehörte Ipek im Jahr 2004 zu den größten türkischen Möbelherstellern.

Ist ein Ende des Möbelbooms in Sicht? Kayseris Unternehmer sind weiterhin expansiv ausgerichtet. Haci Boydak, der Sohn von Sami Boydak und heute Aufsichtsratsvorsitzender der Boydak Holding, merkt an, dass – sollte jemals politische Stabilität in den Nahen Osten einkehren – niemand besser für eine Expansion in die neuen Märkte platziert wäre als Hersteller aus Kayseri. Boydak betreibt bereits Verkaufsstellen im Libanon, Syrien, Israel, Saudi-Arabien und Nordirak. Haci Boydak ist der Meinung, dass die türkische Möbelfertigung gerade erst begonnen hat, ihr Exportpotential auszuschöpfen (2002 beliefen sich die türkischen Möbelexporte auf lediglich 281 Millionen US$ verglichen mit 8,8 Milliarden US$ in Italien). Vor allem aber erwartet Saffet Arslan mit dem Ansteigen der Einkommen und fortschreitender Urbanisierung für den heimischen Markt eine Fortsetzung des außergewöhnlichen Wachstums.

B. Jeansstoff für die Welt

Im Lesen der Gedanken von Jugendlichen in Los Angeles, London und Tokyo – so erklärt Mehmet Ali Babaoglu, der frühere Geschäftsführer von Orta Anadolu, Kayseris Fabrikgigant – liege die Herausforderung in der Herstellung hochwertigen Jeansstoffs. Emin Molu, Direktor für Produktentwicklung ergänzt, die Hochgeschwindigkeitswebmaschinen, die den Jeansstoff erzeugen, müssten ständig mit Blick auf die Jeansmode des nächsten Jahres justiert werden. Dies ist ein anschauliches Symbol der Globalisierung: anatolische Ingenieure, die sich mühen, mit der sich beständig wandelnden Welt der Jugendmode Schritt zu halten.

Als Mehmet Ali Babaoglu und Emin Molu, die Textilwesen in Deutschland bzw. Manchester studierten, in den frühen 80er Jahren bei Orta Anadolu zu arbeiten begannen, war das Unternehmen dem Konkurs nahe. Es kaufte türkische Baumwolle und verarbeitete diese zu billigen Stoffen, die es an türkische Haushalte verkaufte, die daraus ihre eigene Kleidung schneiderten. Heute ist Orta Anadolu Kayseris größtes Exportunternehmen mit Marketingteams rund um den Globus. Als das Unternehmen im Jahr 1986 begann, Jeansstoff herzustellen, hatte es eine Palette von fünf verschiedenen Stoffen. Heute entwirft es pro Jahr 300 Stoffe, von denen 100 an die weltweit führenden Jeansmarken verkauft werden. 2003 gehörte Orta Anadolu zu den 25 ertragreichsten türkischen Unternehmen.

Wie in so vielen anderen entwickelten Ländern ist die Geschichte der türkischen Textilindustrie die Geschichte ihrer frühen Industrialisierung. Rascher technologischer Wandel in der Herstellung von Baumwollfäden und Kleidung läutete den Beginn der industriellen Revolution in Großbritannien ein. Schumpeter ging so weit zu sagen, dass die britische Industriegeschichte von 1787 bis 1842 "auf diesen einen Industriezweig zurückgeführt werden kann". In den späten 20er Jahren waren mehr als die Hälfte der japanischen Industriearbeiter im Textilgewerbe beschäftigt, vor dem Zweiten Weltkrieg die einzige globale Industrie des Landes. Mitte der 70er Jahre übernahm Hongkong die Führerschaft auf diesem Sektor. Zu diesem Zeitpunkt machten Textilien und Kleidung die Hälfte seiner erzeugenden Wirtschaft aus. Zur selben Zeit lag der Textilanteil der südkoreanischen Exporte bei 35 Prozent. In den letzten Jahren folgte China dem Weg Japans, Hongkongs und Südkoreas und erlangte eine beherrschende Stellung auf dem Weltmarkt.

In der Türkei beginnt die Geschichte der modernen Textilindustrie in den 30er Jahren, als die türkische Regierung mit Unterstützung der Sowjetunion einen Fünf-Jahres-Plan aufstellte. Schwerpunkt des Plans unter der heimischen ideologischen Vorgabe des Etatismus', war die Schaffung industrieller Kapazität zur Herstellung von Konsumgütern, insbesondere Textilien und die Ausweitung der Bewässerungslandwirtschaft, einschließlich des Baumwollanbaus. 1934 schuf der türkische Saat die Sümerbank Holding zur Leitung aller staatseigenen Betriebe. Die Sümerbank vereinigte Banken-, Investoren- und Verwaltungsaufgaben. Sie übernahm alte osmanische Textilanlagen und baute staatseigene Spinn- und Webebetriebe im ganzen Land. In den Augen des Staates war die Sümerbank "Gründerin und Führerin der modernen türkischen Industrie, ( …) die bedeutendste Errungenschaft seit Atatürks wirtschaftlicher Revolution". Ihre Aufgabe ging über das rein Wirtschaftliche hinaus. Sie sollte "die Zivilisation an all jene Orte tragen, die sie aufsuchte."

1927 wurde Kayseri an das nationale Eisenbahnnetz angeschlossen, was den Transport von Baumwolle aus den Anbaugebieten weiter nach Süden erlaubte. Dies machte es möglich, Kayseri zum Standort der größten Baumwollspinnerei der Türkei zu machen, die 1935 ihren Betrieb aufnahm. Die Anlage in Kayseri wurde von der Sowjetunion entworfen, finanziert und ausgerüstet und war ein direktes Abbild ähnlicher sowjetischer Anlagen. Am Rande der Stadt gelegen – so weit, dass Stadtbewohner vor Wölfen warnten – war die Sümerbank-Textilfabrik eine Stadt für sich. Sie verkörperte die Entwicklungsvision der türkischen Republik: ein weites Anwesen über 200 Hektar mit Fertigungshallen, die von einem thermoelektrischen Kraftwerk versorgt wurden, sowie einem Fußballfeld, Schwimmbad, Kino und einer Bäckerei für die 2.255 Arbeiter. In den Worten des letzten Direktors der Firma, Ömer Altinay: "Zu dieser Zeit befand sich Kayseri gesellschaftlich wie wirtschaftlich noch in der Steinzeit. Die Sümerbank war eine Sensation, ein völlig anderes Universum."

Die Firma warb Arbeiter an und errichtete 1.500 Unterkünfte für alleinstehende Männer. Männer vom Land begannen in das noch immer als 'Sümerbank Mahallesi' bekannte Gebiet zu strömen, wodurch die Stadt rasch wuchs und die Fabrik umschloss. Die Sümerbank stellte sogenanntes 'amerikanisches Tuch' her, einen groben, aus Garn gewobenen Stoff. Sie übte ein Verkaufsmonopol über alle Textilprodukte in der Türkei aus; mit vom Staat festgelegten Preisen.

In Folge des Zweiten Weltkriegs begann sich die Türkei nach außen zu öffnen. So hielt sie 1946 ihre ersten demokratischen Wahlen ab, trat der NATO bei und profitierte von substantieller Unterstützung durch den Marshall Plan. Nach einer ideologischen Neuausrichtung schuf sie mit einem Kreditprogramm Anreize für private Erzeuger, mit importierten Waren zu konkurrieren. Hohe Zölle auf Textilimporte wurden eingeführt, um Importsubstitution anzuregen.

In Kayseri legten verschiedene Kaufmannsgruppen ihre Mittel zusammen und errichteten private Textilanlagen, um mit der staatseigenen Sümerbank zu konkurrieren. 1953 taten sich 13 Händler zusammen, um Orta Anadolu zu gründen, das der Sümerbank nachempfunden war. Das Unternehmen bot höhere Gehälter als die Sümerbank, um deren Ingenieure zum Wechsel zu bewegen und importierte Webmaschinen aus Ostdeutschland. Dies war eine Zeit dramatischen Wachstums für die türkische Industrie. In den 60er Jahren wuchs der produzierende Sektor um mehr als 10 Prozent jährlich und die realen Löhne stiegen rapide. Unter dem Schutz hoher Zölle, die in den frühen 70er Jahren 109 Prozent erreichten, erzeugte beinahe ein Drittel der industriellen Unternehmen Textilien für den heimischen Markt. Hinter diesen hohen Wällen standen die Unternehmen unter geringem Druck, ihre Produktivität zu erhöhen und nur wenige waren auf dem Exportmarkt konkurrenzfähig. Die Türkei musste ihre Maschinen- und Rohmaterialimporte mit Überweisungen in harter Währung der Gastarbeiter in Europa finanzieren, die in den frühen 70er Jahren die Gesamterlöse aus den Exporten überstiegen.

Während dieser Zeit florierte Orta Anadolu beinahe wie von selbst. Die Fabrik litt unter einem chronisch schlechten Management (mit mehr als 100 Aktieninhabern) und unter einer übergroßen Arbeiterschaft (1.400 Arbeiter erzeugten 5 bis 6 Millionen Meter Stoff). Sie erwies sich als unfähig, neue Technologien einzusetzen. Als Baumwollstoff sich von einem Konsumartikel für Privathaushalte zu Rohmaterial für die aufkommende Bekleidungsindustrie wandelte, erwies sich das Unternehmen als nicht in der Lage, auf die veränderten Marktbedingungen zu reagieren.

Die Ära der Importsubstitution in der Türkei endete in den späten 70er Jahren mit einer schweren Bilanz von Zahlungskrisen und Hyperinflation in einer Katastrophe. Die Außenschuld stieg dramatisch, als der Staat versuchte, durch Kreditaufnahme den Mangel an ausländischen Währungsmitteln auszugleichen. Da es sich als unmöglich erwies, ausländische Devisen aufzunehmen, um damit Investitionsmittel oder Maschinen zu erwerben, schrumpfte der Industriesektor um jeweils mehr als 5 Prozent in den Jahren 1979 und 1980. Die Regierung reagierte mit Devisen- und Preiskontrollen. Exporte brachen zusammen und Verknappungen sogar einfacher Güter waren weit verbreitet.

Im Schatten dieser Krise kauften zwei reiche Familien aus Kayseri das kränkelnde Orta Anadolu auf und setzten ein neues Management ein. Mehmet Ali Babaoglu, Emin Molu und die meisten anderen Mitglieder des neuen Teams waren Anfang 30. Binnen kurzer Zeit fingen sie die Verluste durch die Entlassung der Hälfte der Arbeiter auf. Als kurzfristige Maßnahme verlagerten sie die Produktion auf billiges Garn und Stoff für den Exportmarkt, um so die benötigten Devisen für ein Expansionsprogramm zu erwirtschaften. Binnen einiger Jahre verlagerten sie sich auf die Erzeugung hochwertigen Jeansstoffs. Ab diesem Punkt entwickelten sich die Geschicke von Orta Anadolu und der staatseigenen Sümerbank-Fabrik, die 25 Jahre parallel verlaufen waren, scharf auseinander.

In den frühen 80ern vermarktete der türkische Premierminister Turgut Özal die Türkei aktiv als Standort für Joint Ventures mit ausländischen Investoren. So kam es, dass Vertreter des amerikanischen Bekleidungsherstellers Levi Strauss das Land besuchten, um nach Zulieferern für ihre europäischen Niederlassungen zu suchen und erste Bekanntschaft mit Orta Anadolu machten. Zu diesem Zeitpunkt hatte das Unternehmen nicht die nötige Technik oder die Expertise, um Jeansstoff zu erzeugen, der Levi's strengen Standards gerecht wurde. 1984 legte die Firma mit Hilfe eines billigen Kredits der Türkischen Entwicklungsbank (als Teil eines Weltbankprogramms) ein Entwicklungsprogramm über 70 Millionen US$ verteilt auf fünf Jahre auf. Ein Ingenieur des amerikanischen Levi's-Zulieferers kam nach Kayseri, um Emin Molu und seinem Team die notwendigen Techniken zu vermitteln (Emin Molu spricht noch heute von ihm als 'meinem Jeansstoffvater').

Die Investitionen zahlten sich aus. Als die Fertigungsanlage in Kayseri 1986 potentiellen Kunden den ersten 'neuen' Jeansstoff zeigte, konnten viele kaum glauben, dass es sich um ein türkisches Produkt handelte. Um im Exportgeschäft Fuß zu fassen, bemühte sich das Unternehmen, Levi Strauss' Produktspezifikationen für Gewicht, Farbe und Spannkraft gerecht zu werden, wofür das Ingenieursteam weitere sechs Monate benötigte. Orta Anadolu wurde einer von drei europäischen Levi's-Zulieferern.

Der letzte Schritt war das Marketing. Ein weiterer Amerikaner (ein ehemaliger leitender Angestellter eines Levi Strauss Zulieferers) wurde beauftragt, Orta Anadolus internationale Absätze zu steigern. In der Türkei tat sich Orta Anadolu mit einem erfahrenen Partner zusammen, um ein Stoffmarketingunternehmen zu gründen (Okrar). Es war das erste in der Türkei, das einen Stoffkatalog herausgab. Sein Jeansstoff erwies sich bei heimischen Herstellern als beliebt und 1988 organisierte Orta Anadolu die erste Modeshow für Stoffe in der Türkei.

Nach einem Jahrzehnt der Anstrengungen hatte sich Orta Anadolu 1987 zu einem hochprofitablen Unternehmen entwickelt, das in den 90ern von Erfolg zu Erfolg eilte. Es überstand die periodisch-auftretenden türkischen Wirtschaftskrisen und lieferte Mitte der 90er Jahre Jeansstoff an einige der bekanntesten Jeansmarken, darunter Wrangler, Rifle, Diesel und Mavi.

Orta Anadolu ist kein isolierter Erfolgsfall im Textilgeschäft in Kayseri. Ein weiteres in den frühen 50er Jahren gegründetes Textilunternehmen (Birlik Mensucat) durchlief einen ähnlichen Wandel, indem es Exportmarken schuf und für den heimischen Markt produzierte. Die Gesamtzahl aller Beschäftigten in der Textilbranche der Provinz wird auf über 10.000 geschätzt. Von Kayseris 20 größten Exporteuren sind 5 in der Textilbranche tätig. Ein starkes Textilgeschäft war zudem der Schlüssel für das rasche Wachstum des Möbelgeschäfts.

Die Branche profitierte sehr von der wirtschaftlichen Integration mit der Europäischen Union. Die Zollunion der Türkei mit der EU trat 1996 in Kraft. Zwischen 1995 und 1998 verdoppelten sich Textil- und Maschinenimporte nahezu im Vergleich zur vorangegangenen Vier-Jahres-Periode und übertrafen sogar die chinesischen Maschinenimporte für drei Jahre in Folge (1996-1998). Dieser Trend setzte sich fort und spiegelt verbesserte volkswirtschaftliche Bedingungen und Investorenvertrauen. Verstärkter Wettbewerbsdruck aus China konnte die türkischen Exporte in die EU nicht verdrängen, die in im ersten Halbjahr 2005 weiter wuchsen.

Im Februar 2005 investierte Orta Anadolu erneut 20 Millionen US$ und erzeugt nun 45 Millionen Meter Jeansstoff pro Jahr, erstaunliche ein Prozent der weltweiten Jeansstoffproduktion. Herauszufinden, welche Beschaffenheit und Farben Konsumenten der amerikanischen Westküste ansprechen, bleibt die Herausforderung, die Orta Anadolus Ingenieure meistern müssen. Sie denken sich auch weiterhin in die Gedanken kalifornischer Jugendlicher hinein, bevor sie ihre Maschinen in der Fertigungsanlage von Kayseri neu programmieren.

C. Atatürks Minarett

An einem typischen Tag kann man im Dorf Kirazli im Südwesten der Provinz Kayseri zwei Dutzend meist ältere Männer im Teehaus des Dorfes antreffen, die sich um die Zukunft sorgen. Das Problem Kirazlis ist einfach: Es gibt keine Arbeit. Eine nahe Fabrik schloss vor einigen Jahren. Von einer Bevölkerung von 300 Haushalten arbeiten weniger als 20 in Vollzeit in der Landwirtschaft. Die meisten jungen Männer und eine wachsende Zahl Familien haben Kirazli auf Dauer verlassen und sind entweder in die Stadt Kayseri oder nach Istanbul gezogen. "Jeder versucht, das Dorf zu verlassen", klagen die alten Männer im Teehaus, "hier gibt es keine Hoffnung."

Das Dorf Musahacili, eine halbe Fahrstunde von Kirazli entfernt, bietet ein völlig anderes Bild. In Musahacili verfügen die meisten der 385 Haushalte über einen eigenen Traktor. Die Abwanderung nahm stark ab und junge Bauern sehen für sich eine Zukunft in der Landwirtschaft. Die Männer im örtlichen Teehaus sind stolz darauf, ihre Kinder (Jungen und Mädchen) zur Schule in nahegelegene Städte zu schicken und brüsten sich mit der Zahl der Dorfbewohner, die mittlerweile in Angestelltenverhältnissen arbeiten. Der gewählte Dorfvorsteher (muhtar) Ali Malkoc betont, dass eine bessere Ausbildung auch der Schlüssel für den Übergang zu moderner Landwirtschaft ist.

Der Unterschied zwischen Musahacili und Kirazli liegt in der Bewässerung, die es den Dorfbewohnern möglich macht, Zuckerrüben anzubauen. Die gesamten 1.800 Hektar bebaubares Land in Musahacili wurden seit den späten 80er Jahren bewässert. Alle Haushalte bauen ertragreiche Früchte an, deren wichtigste Zuckerrüben sind. Die Kayseri Zuckerfabrik schließt jährliche Verträge mit den Bauern ab und stellt technische Unterstützung und Maschinen für Pflanzung und Ernte zur Verfügung. Sie vergibt Kredite für Dünger und stellt das Saatgut bereit. Ihre Landwirtschaftsingenieure testen den Boden und beraten bei der Ausbringung des Düngers und der Fruchtwechselwirtschaft. Weil Zuckerrüben nur alle vier Jahre angebaut werden können, haben örtliche Bauern begonnen, mit anderen ertragreichen Früchten zu experimentieren, darunter Mais, Sonnenblumen und Klee als Tierfutter.

Musahacili ist ein Beispiel für den ländlichen Wandel, der vor zwei Generationen ins Auge gefasst wurde, als die Staatlichen Türkischen Wasserwerke (DSI), verantwortlich für Bewässerung, und die Kayseri Zuckerfabrik gegründet wurden. Beide Institutionen standen für eine kühne Vision des türkischen Landesinneren: In welcher die Bewässerung Bauern von der Subsistenzwirtschaft zu ertragreichen Früchten führen und in welcher neue landwirtschaftliche Techniken sie in die moderne Wirtschaft katapultieren würden. Sie standen auch für eine Politik strenger staatlicher Kontrolle über strategische Industrien innerhalb des Landwirtschaftssektors.

Heute ist die Türkei mit 8 Prozent des weltweiten Ertrags der viertgrößte Zuckerrübenerzeuger. Es gibt schätzungsweise 303.000 türkische Zuckerrübenanbauer, von denen 20.000 für die Kayseri Zuckerfabrik produzieren, die heute das ertragreichste Unternehmen der Provinz ist. Die Zuckerfabrik und Bauern in Dörfern wie Musahacili haben deutlich von den dramatischen Veränderungen der türkischen Landwirtschaftspolitik in den letzen fünf Jahren profitiert.

Zucker war schon immer von zentraler Bedeutung für die Politiker der türkischen Republik. 1935 errichtete die Republik ein Monopol auf die Zuckerproduktion. Sie schuf die Staatliche Zuckergesellschaft (Türkseker), um die Raffinerien von deren Zentrale in Ankara aus zu verwalten. Große Fresken in der Vorhalle zeigen einen glücklichen Rübenbauern und eine glänzende neue Fabrik. Ziel der staatlichen Zuckerpolitik war sowohl die Sicherung der Eigenversorgung als auch "einem 'modernen' Lebensstil in den ländlichen Gebieten den Weg zu bahnen". Der Generaldirektor von Türkseker erklärte 1957: "wo auch immer Rüben angepflanzt werden, werden moderne landwirtschaftliche Verfahren in kürzester Zeit angewandt und soziale Verbesserungen werden Wirklichkeit. Kurz gesagt, die Zivilisation folgt auf dem Fuße." Zuckerfabriken wurden als "Atatürks Minarette" bekannt.

Zuckerrüben sind anspruchsvolle Früchte. Sie benötigen ein gemäßigtes Klima mit ausreichender Wärme, ausgiebigem Niederschlag und eine lange Wachstumszeit. In den trockenen anatolischen Sommern ist Bewässerung daher grundlegend. Ebenso bedarf es guter Straßen und Transportvorrichtungen, die den Bauern schnellen Zugang zu den Fabriken ermöglichen, da Zuckerrüben nach dem ersten Frost schnell verfaulen und nach der Ernte sofort weiterverarbeitet werden müssen. Doch vor allem benötigen sie Schutz vor Importen, denn kein Zuckerrübenerzeuger der Nordhalbkugel kann mit dem zum halben Preis erzeugten Rohrzucker aus den Tropen konkurrieren.

Dies hat zur Folge, dass die Zuckerpolitik schon immer zutiefst politisch war. Die Entscheidung, wo Zuckerfabriken und Bewässerungssysteme errichtet, und welche Bauern zu welchen Konditionen unter Vertrag genommen werden sollten, war aufgrund ihrer Schlüsselfunktion den Planern der Zentralregierung vorbehalten. Es war unvermeidlich, dass die Errichtung neuer Fabriken, das Beschäftigungsniveau und der an Zuckerrübenbauern ausgezahlte Preis zur Verhandlungsmasse im Vorfeld von Wahlen wurden.

In den 50er Jahren konzentrierten sich die Raffinerien vorwiegend auf Zentralanatolien, wo die klimatischen Bedingungen für den Zuckerrübenanbau am günstigsten sind. In den 80ern wurden jedoch neue Raffinerien in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit und anhaltender Armut im Osten des Landes angesiedelt. In den Höhen der Osttürkei können Zuckerüben wegen der kurzen Wachstumszeit nicht genügend Saccharose ansetzen und keine der Fabriken konnte ohne starke Subventionierung aus dem Staatshaushalt überleben. Nach dem Militärputsch 1980 herrschte ein enormer politische Druck, Arbeitsplätze in staatlichen Industrien zu schaffen. Das Ergebnis war massive Überbeschäftigung. 1995 erzeugten in den 25 Fabriken Türksekers' 25.000 Angestellte 1,8 Millionen Tonnen Zucker. Zum Vergleich: British Sugar erzeugte 1,3 Millionen Tonnen Zucker mit nur 1.300 Angestellten (plus 700 während der Erntezeit).

In Türkseker-Firmen konnte keine Entscheidung ohne Bezugnahme auf die oberste Unternehmensleitung und die Regierung in Ankara getroffen werden. Gemäß dem Zuckergesetz von 1954 setzte der Türkische Ministerrat die an Bauern gezahlten Preise wie auch den Großhandelspreis raffinierten Zuckers fest. Örtliche Fabrikingenieure und Manager wurden von der Türkseker-Zentrale ernannt. Das Zuckergesetz garantierte allen Zuckerfabriken jährliche Gewinne von 10 Prozent. Der Staat gewährte den Zuckerfabriken hohe Subventionen, um dieser Verpflichtung gerecht zu werden und kaufte zudem die Überschussproduktion zu hohen Kosten für den Staatshaushalt auf (Weltmarktpreise lagen gewöhnlich wenigstens 40 Prozent niedriger als der festgelegte heimische Preis).

Die Zuckerfabrik von Kayseri wurde 1953 gegründet, und zwar als nominell privates Unternehmen im Eigentum der örtlichen Zuckerrübenkooperative, die wiederum Teil der Vereinigung der Zuckerrübenkooperativen (Pankobirlik) mit Sitz in Ankara war. Die Fabrik verzichtete jedoch auf ihr Recht zur Selbstverwaltung zugunsten der Türkseker-Zentrale und wurde für den Großteil ihrer Betriebszeit in derselben Weise wie die übrigen 25 Türkseker-Firmen geführt. Dies hatte zur Folge, dass Entscheidungen des Managements mit Auswirkungen auf das Unternehmen der Zentrale in Ankara zur Bewilligung vorgelegt werden mussten. Als Türksekers Verluste während der 80er Jahre in immer neue Höhen schossen, konnte die 10-prozentige Gewinngarantie, die das Zuckergesetz für jede Fabrik vorsah, nicht länger eingehalten werden. Dies bedeutete, dass die profitableren zentralanatolischen Fabriken nun Türksekers 'politische' Fabriken im Osten subventionierten.

Die Geschichte der Zuckerfabrik von Kayseri ist seit 1992 von fortschreitender Emanzipierung von den obersten Landesbehörden gekennzeichnet. Als der Verwaltungsrat (vorwiegend Vertreter der Zuckerrübenkooperative) 1992 die Entscheidung fällte, die Firma selbst zu führen, war der erste Schritt gemacht. Obgleich die Preise für Zuckerrüben weiterhin von der Zentrale festgelegt wurden, gab es dennoch eine unmittelbare Auswirkung dieser Entscheidung: Gewinne, die bisher an verlustreiche Fabriken abgeführt wurden, verblieben nun in Kayseri. Schrittweise gelang es dem Unternehmen, überzählige Arbeitsplätze abzubauen und seine Produktionskapazität von 3.500 Tonnen pro Tag im Jahr 1991 auf 5.000 Tonnen im Jahr 2001 zu steigern.

Der wahre Wendepunkt für die türkische Zuckerindustrie kam im Jahr 2000. Die ehrgeizigsten Landwirtschaftsreformen der türkischen Geschichte verwandelten das Umfeld sowohl der Zuckerfabrik von Kayseri als auch das der türkischen Landwirtschaft als Ganzem völlig. Mit einem Schlag wurde die enge Bindung zwischen dem Staat und den meisten Verarbeitern landwirtschaftlicher Produkte aufgelöst. Die Aufsicht über die landwirtschaftlichen Kooperativen durch den Staat und, am wichtigsten, die jahrzehntelange Festsetzung der Preise für Zuckerrüben und Zucker hatte ein Ende gefunden. Türkseker wurde von einer Privatisierungsagentur auf den Verkauf vorbereitet. Dies war ein bedeutsamer Schritt: mit seinen 25 Zuckerraffinerien war Türkseker – gemessen an seinem Umsatz – noch immer das achtgrößte Unternehmen der Türkei. Subventionen an Türkseker wurden ebenfalls deutlich heruntergefahren. Die unmittelbare Folge war ein Abfall der türkischen Zuckerrübenproduktion um beinahe die Hälfte zwischen 1998 und 2001.

2001 wurde ein neues Zuckergesetz verabschiedet, das Jahrzehnte der Preiskontrolle über Zuckerrüben und raffinierten Zucker beendete. Die heimischen Preise werden nun über den Markt bestimmt, auch wenn die Außenzölle auf hohen Niveau verharren; ebenso wie in der EU. Um Überproduktion zu vermeiden, werden allen Firmen nun von einem neuen, unabhängigen Zuckerkontrollgremium jährliche Erzeugerquoten zugewiesen.

Die Auswirkungen der Landwirtschaftsreform im Jahr 2000 auf staatliche und private Unternehmen variierten erheblich. Die Zahl der die 25 Türkseker-Raffinerien beliefernden Zuckerrübenbauern fiel von 413.000 im Jahr 1998 auf 303.000 im Jahr 2004. Im Gegensatz dazu verdoppelte die Fabrik in Kayseri ihre tägliche Produktionskapazität auf 10.000 Tonnen und schloss Verträge mit 3.000 zusätzlichen Bauern ab. Heute ist sie die zweit-profitabelste Zuckerraffinerie der Türkei und erzeugte im Jahr 2003 1,6 Millionen Tonnen raffinierten Zuckers. Die Firmenmanager erwarten weiteres Wachstum, da ihrer Fabrik höhere Quoten zu Lasten der schlecht laufenden Raffinerien im Osten zugeteilt wurden.

D. Eine neue Ära

Diese Erzählungen industriellen Erfolgs veranschaulichen lebhaft die sozialen und wirtschaftlichen Veränderungen, die die Grundlagen für Zentralanatoliens neuen Wohlstand gelegt haben. Binnen der Lebensspanne einer Generation entwickelte sich diese Region von einer überwiegend bäuerlichen, sich mit Nahrungsmitteln und Kleidung selbst versorgenden Gesellschaft zu einer urbanen von in Appartements lebenden Gehaltsempfängern mit modernen Bedürfnissen und Geschmäckern. Dieser aufstrebende Markt bot Bedingungen, die von Kayseris Unternehmern schnell genutzt wurden. 1987 siedelten sich die ersten Firmen in Kayseris Neuem Industriegebiet an. Heute befinden sich dort mehr als 500 Firmen und mehr als 200 neue Fertigungshallen werden errichtet. Wie in jeder erfolgreichen Entwicklungsgeschichte verstärkt sich der Kreislauf selbst: Unternehmen streben den Orten großer Märkte zu und diese bilden sich wiederum um die neuen Industrien.

Diese Entwicklung ließ eine neue Klasse von Unternehmern, Ingenieuren und städtischen Arbeitern entstehen. Die Händler und Handwerker, aus denen die örtliche Wirtschaft der späten 70er Jahre bestand, haben sich nun auf Massenproduktion verlegt. Die Tradition des Aushandelns von Preisen einzigartiger, handgefertigter Artikel wich Produktkatalogen, ausgeklügelten Markenstrategien und Verkaufsstellen unter Franchiseverträgen. Der Horizont von Kayseris Industriellen erstreckt sich heute weit über die Türkei hinaus, von Europa bis in den Nahen Osten.

Trotz des Wirtschaftswachstum der 90er Jahre, blieb die Gesamtleistung der türkischen Wirtschaft jedoch enttäuschend. Von den 80er Jahren bis 2001 konnte die Türkei nicht mit dem OECD-Durchschnitt Schritt halten. Die türkische Wirtschaftswissenschaftlerin Mina Toksoz schrieb:

"Die türkische Wirtschaft vollzog einen bemerkenswerten Wechsel von importsubstituierter Industrialisierung hin zu rascher Exportsteigerung und Kapitalmarktliberalisierung … Die Umwandlung der türkischen Wirtschaft blieb jedoch auf halbem Wege stecken. Die 90er Jahre sahen in der Folge keine Privatisierung von Staatsunternehmen und keine Restrukturierung des Bankensektors, wodurch die Wirtschaft wettbewerbsfähiger hätte werden können. Stattdessen erzeugten die politischen Strukturen der Türkei ab 1987 erhöhte Haushaltsausgaben, sich verschärfende Probleme in den staatlichen Banken und eine ernsthafte Verschlechterung der Sozialkassen und Pensionssysteme."

Die gesamten öffentlichen Schulden relativ zum Bruttosozialprodukt stiegen von 33 Prozent 1983 auf 61 Prozent im Jahr 2002. Fast 70 Prozent der gesamten Auslandsschulden der Türkei wurden ebenfalls von der Regierung getragen. Die Krise von 2001 war "in erster Linie eine öffentliche Schuldenkrise" eines Staates, der fortfuhr mehr auszugeben, als er sich leisten konnte. Die Fallstudien aus Kayseri helfen zu veranschaulichen, warum die 90er Jahre ein verlorenes Jahrzehnt waren, und warum 2001 den Beginn einer neuen Ära zu markieren scheint.

Im Gefolge der hohen Inflation und Devisenknappheit der Finanzkrise von 1979 waren Privatunternehmen wie Orta Anadolu in der Lage, sich durch den Wechsel von Eigentümern, Management und Produkten anzupassen. Staatsunternehmen wie die Sümerbank-Textilfabrik verblieben jedoch unter der direkten Kontrolle des Industrieministeriums in Ankara. Ihr Management wechselte mit jeder Wahl. Das Unternehmen stand unter ständigem Druck, das Beschäftigungsniveau ungeachtet seiner wirtschaftlichen Leistung aufrecht zu erhalten. 1991 betrugen die Arbeitskosten 63 Prozent des Endwertes seiner Produkte (in einer wettbewerbsfähigen Textilfabrik sollten sie 7 Prozent nicht überschreiten). Die Verluste trug der Staat, wie sich der ehemalige Direktor Ömer Altinay erinnert: "der Staat zahlte das Geld, wir gaben es aus."

Die Geschichte des Politikversagens in der Landwirtschaft verlief ähnlich. 1980 war das landwirtschaftliche Wachstum zu einem Stillstand gekommen. Landwirtschaftspolitik verkam zu einem Werkzeug der Patronage und des Stimmenkaufs und trug dazu bei, strukturelle Veränderungen der ländlichen Wirtschaft zu behindern. Der Staat setzte jedoch die kostenreichen Interventionen fort, darunter direkte Subventionen, Preisstützungen und garantierte staatliche Abnahmequoten. Laut der Weltbank "bremste die Kombination aus hohen Stützungspreisen und direkten Subventionen sowie deren inkonsistente Anwendung den Landwirtschaftssektor eher, als dass sie ihn anregten." Die Kosten dieser fehlgeleiteten Politik für die türkische Gesellschaft waren enorm. Sie erreichten 1999 8 Prozent des Bruttosozialprodukts im Vergleich zu 1,5 Prozent der Gemeinsamen Landwirtschaftspolitik der EU (bezogen auf das Gesamt- Bruttosozialprodukt der EU).

Die Wirtschaftskrise von 2000/2001 erforderte einen drastischen Kurswechsel der bisherigen Politik. Konfrontiert mit den vollen Kosten seiner fehlgeleiteten Politik begann der türkische Staat mit dem Um- und Abbau der für die 'Entwicklung von oben' verantwortlichen Institutionen. Mina Toksoz schrieb: "Zu Ende des Jahres 1999 schien es, als habe die Türkei 15 Jahre darauf gewartet, all ihre Probleme – Inflation, Kameralistik, Umstrukturierung des Bankensektors, Landwirtschaft, Privatisierung, Korruption – auf einmal anzugehen."

Eine Antwort auf die Krise war, die Rettungsleinen zu verlustreichen öffentlichen Unternehmen zu kappen. Obwohl Privatisierungspläne bereits seit den frühen 80er Jahren bereit lagen, wurden in den vergangenen sechs Jahren mehr öffentliche Unternehmen verkauft (zu einem Wert von 6,1 Millionen US$) als in den vorangegangenen 15 Jahren (4,6 Millionen US$). Die Ära staatlich geführter Industrialisierung in Kayseri, die 1925 begonnen hatte, als zweirädrige Ochsenkarren mit aus Deutschland importierten gebrauchten Maschinen für den Aufbau der Flugzeugfabrik von Kayseri eintrafen, endete 2002, als Ömer Altinay, der letzte Direktor der Sümerbank-Textilfabrik die Tore verschloss und die Schlüssel an das Finanzministerium zurückgab.

Die zweite Antwort auf die Krise war eine drastische Reform der Landwirtschaftspolitik. Staatlichen Landwirtschaftsbetrieben und Verkaufskooperativen wurden harte Haushaltsbeschränkungen auferlegt. Zwischen 2001 und 2003 wurden direkte und Kreditsubventionen zunächst um 80 Prozent reduziert (mit einer Ersparnis von 5,5 Milliarden US$, was 2,7 Prozent des Bruttosozialprodukts entspricht) und dann ganz eingestellt. 3,1 Milliarden US$ konnten durch Verlustabschreibungen staatlich finanzierter Fruchteinkäufe eingespart werden. Staatsunternehmen wie Türkseker wurden der Privatisierungsagentur zur Vorbereitung auf den Verkauf übereignet. Zur selben Zeit, als der Wirtschaftsriese Türkseker seinen Griff auf die Zuckerindustrie lockerte, stellte die Türkische Getreidekammer ihre bisherigen Aufkäufe des Großteils des türkischen Weizens ein.

Diese Reformen beendeten erfolgreich die anhaltende volkswirtschaftliche Instabilität der Türkei und führten zu Haushaltsüberschüssen, niedrigerer Inflation und Zinsen. 2004 kam eine Gruppe bedeutender Wirtschaftswissenschaftler zu dem Schluss, dass:

"nach den tiefen Strukturreformen seit 2001 die Aussicht auf anhaltende volkswirtschaftliche Stabilität niemals besser war."

Diese Reformen veränderten das Wesen des Staates und sein Verhältnis zur Gesellschaft tiefgreifend. Noch vor wenigen Jahren sagte ein Arbeiter der Erzurum Zuckerfabrik einer britischen Wissenschaftlerin, die Forschungen über die Türkische Zuckergesellschaft betrieb: "Wo sehen Sie Industrie? Nirgends außer hier, in dieser Fabrik. Sehen sie diese Speisen, meine Kleidung – sie kommen vom Staat, meinem Vater." Sie interviewte auch einen Dorfbewohner, der ähnliche Gefühle zum Ausdruck brachte:

"Die Regierung hilft uns in vielem – Krankenhäuser, Straßen, Schulen, solche Dinge … Ich möchte nicht, dass die Fabriken privatisiert werden, sei es Pankobirlik [die Zuckerrübenkooperative] oder irgend jemand anderes. Sehen Sie, der Staat ist reich, doch die Privatwirtschaft ist arm und kann deshalb nicht helfen und sie würde es auch nicht wollen – die Privatwirtschaft ist kalt und unfreundlich … Das Land ist wie eine Herde von Schafen mit dem Staat als ihrem Hirten."

Bis 2001 war die Vorstellung vom Staat als 'Hirten' integraler Bestandteil der Wirtschaftspolitik und ihrer Institutionen wie auch der Haltung wichtiger Gruppen der türkischen Bevölkerung. Die Rhetorik der AKP, die die Wahlen 2002 kurz nach der Wirtschaftskrise und dem Beginn der Strukturreformen gewann, war eine direkte Herausforderung der Idee vom Staat als 'Vater' der Arbeitsplatzschaffung. "Fragen Sie nicht nach einem Arbeitsplatz" wurde zu einem der Standardsätze in Reden des Parteivorsitzenden und heutigen Premierministers Recep Tayyip Erdogan.

Im heutigen Kayseri blieb wenig zurück, was einen Besucher an die große Vergangenheit des weiten Sümerbank Textilkomplexes erinnern könnte. Verlassen hinter Zäunen rosten und verkommen seine Fertigungshallen. Sie werden bald in Wohnungen und Büros für Angestellte der Erciyes Universität umgewandelt. Dabei wird sie in ihrer raschen Ausdehnung durch Spenden von Kayseris neuer Wirtschaftselite unterstützt, die die Ankunft einer neuen Ära der türkischen Wirtschaft willkommen heißen.

III. ISLAMISCHE CALVINIST
A. Max Weber in Kayseri

Keinem Besucher in Kayseri könnte entgehen, dass dies eine tief religiöse Gesellschaft ist, die sich zugleich äußerst aufgeschlossen für Wandel und Moderne zeigt. Im Zentrum der Universität befindet sich eine große neue Moschee und eine noch größere im Industriegebiet, wo viele Arbeiter zum Freitagsgebet gehen. Jede Firma stellt Gebetsräume bereit. Die meisten der älteren Geschäftsmänner haben die Haddsch nach Mekka unternommen. In der Stadt gibt es nur wenige Restaurants, die Alkohol anbieten. In der örtlichen Tradition ist die islamische Wohlfahrt tief verwurzelt und viele Bildungs- und Kultureinrichtungen der Stadt wurden mit privaten Spenden gegründet.

Die Auswirkungen von Religion auf wirtschaftliches Wachstum werden in der Wissenschaft seit vielen Jahren intensiv diskutiert. Vor einem halben Jahrhundert argumentierte Arthur Lewis, einer der führenden Entwicklungstheoretiker, in seinem Lehrbuch über wirtschaftliches Wachstum, dass

"manche religiöse Gesetze wirtschaftliches Wachstum mehr befördern als andere. Wenn eine Religion die Bedeutung von materiellen Werten, Arbeit, Sparsamkeit, produktiver Investition, Aufrichtigkeit in Geschäftsbeziehungen, Experimentier- und Risikofreude und Chancengleichheit betont, befördert sie Wachstum. Insofern sie diesen Tendenzen negativ gegenüber steht, neigt sie dazu, Wachstum zu behindern."

Am Beispiel von Muslimen in Indien machte Lewis deutlich, dass er den Islam als eine für Entwicklung abträgliche Religion betrachtete, mit der Tendenz, Fatalismus zu befördern und Innovation zu unterbinden. Seit ihrer Gründung in den 20er Jahren schien die Elite der Türkischen Republik dieser Logik zu folgen. Im Osmanischen Reich waren die meisten Kaufleute und frühen Industriellen Christen und Juden. Die neue Republik schien stillschweigend wirtschaftlichen Fortschritt mit der Säkularisierung der Gesellschaft gleichzusetzen und ergriff entschiedene Maßnahmen, um den Islam und seine Symbole aus dem öffentlichen Leben zu verbannen. Niyazi Berkes, ein wohlbekannter türkischer Historiker, setzte jeden sozialen Fortschritt in der türkischen Geschichte mit dem Rückzug des Islams gleich, der als Grundlage eines Gesellschaftssystems ohne die Fähigkeit zur Innovation galt. In seinen – und den Augen vieler anderer türkischer Gelehrter – ist das Problem des Islams, dass er – im Gegensatz zum Christentum – sich niemals mit der Moderne versöhnte und nie eine eigene Reformation durchlebte. Diese Sichtweise ist heute in vielen europäischen Hauptstädten von den Gegnern einer türkischen EU-Mitgliedschaft zu hören.

Doch wenn man mit Geschäftsleuten aus Kayseri über die Gründe des Entwicklungserfolgs ihrer Stadt diskutiert, charakterisieren sie ihre Kultur mit Begriffen, die den wirtschaftlichen Tugenden von Lewis verblüffend ähneln. Mustafa Boydak erklärt seine Haltung zu Geschäften mit einem Zitat des Propheten Mohammed: "Neun Zehntel des Schicksals liegen in Handel und Mut." Bekir Irak, der Produktionsleiter der HES Kabelfabrik macht geltend, dass "es für einen religiösen Menschen gut ist hart zu arbeiten", und dass "die Eröffnung einer Fabrik eine Form des Gebets ist". Er erklärt, dass der Prophet den Muslimen auftrug, sich Wissen und Technologien anzueignen, wo auch immer jene zu finden seien. Saffet Arslan, der Gründer von Ipek-Möbel sagt: "Ich sehe keinen schwarzweißen Kontrast zwischen einem modernen und traditionellen Dasein. Moderne bedeutet für mich, in meiner Zeit, meinem Jahrhundert zu leben und für Innovationen aufgeschlossen zu sein." Sevket Ganioglu, zweiter Generaldirektor bei Merkez Celik unterstreicht, dass "unsere Religion den Handel fördert". Ahmet Herdem, der Bürgermeister von Hacilar hebt hervor, dass "sogar der Prophet ein Händler war", und dass es für eine Händlergemeinde nur natürlich sei, religiös zu sein. Diese Gemeindeführer und viele andere betonen die Tugenden harter Arbeit und Selbstgenügsamkeit, des Sparens und Investierens, privater Wohlfahrt und gemeinnütziger Arbeit, konservativer sozialer Gewohnheiten und Vertrauen in der Gemeinde, starker Familienbanden und der Investition in die Bildung der nächsten Generation.

Es ist verblüffend, dass eine Reihe von Menschen in Kayseri ihre Gemeinde unter Bezugnahme auf den Calvinismus und die protestantische Arbeitsethik beschreiben. Sükrü Karatepe, der ehemalige Bürgermeister von Kayseri, verglich seine 'Kayserili' (Einwohner von Kayseri) mit hart arbeitenden 'Protestanten' und teilte uns mit, dass man Max Weber lesen müsse, um Kayseri zu verstehen und spielte damit auf Webers gefeierten Aufsatz von 1905 an. In "Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus" argumentierte Weber, dass das "diesseitige Asketentum" des Calvinismus den Ausschlag für den Aufstieg des modernen Kapitalismus gab. Celal Hasnalcaci, Besitzer eines Textilunternehmens und Zweigstellenleiter der Unabhängigen Vereinigung der Industriellen und Geschäftsleute (Musiad) erklärte: "Der Aufstieg der anatolischen Kapitalisten liegt in ihrer protestantischen Arbeitsethik begründet. Keine persönliche Verschwendung, keine Spekulation, Wiederinvestition von Gewinnen."

Im Laufe des letzten Jahrzehnts haben diese individualistischen, wirtschaftlich aufgeschlossenen Strömungen innerhalb des türkischen Islams an Geltung gewonnen. Schriften der Musiad-Vereinigung, in der anatolische Unternehmen stark vertreten sind, werben enthusiastisch für die Anknüpfungspunkte von Islam und freiem Marktkapitalismus. Die Broschüre Homo Islamicus beschreibt das Leben des Propheten Mohammed als das eines Händlers und bezieht sich auf religiöse Gebote, um die Beschränkung staatlicher Eingriffe in den freien Markt zu begründen. Führende Personen des religiösen Lebens haben argumentiert, das Streben nach Profit im Dienste der islamischen Gemeinde komme Gebet und Fasten in religiöser Hinsicht gleich. Der ehemalige Vorsteher des größten Flügels des Naksibendi-Ordens, Esad Cosan, rief seine Anhänger dazu auf, Fremdsprachen zu lernen, Computer zu nutzen und ins Ausland zu reisen, um sich Wissen anzueignen.

"Handel ist wirklich und beständig im Leben eines jeden… Die pragmatischsten und realistischsten Menschen sind Geschäfts- und Kaufleute. Ist ein Geschäftsmann zugleich Muslim, so befindet er sich in absolutem Einklang mit seiner religiösen Bestimmung im Leben."

Nach Hakan Yavuz, einem bekanntem türkischen Soziologen, durchlebte die Türkei in den vergangenen zwei Jahrzehnten eine stille muslimische Reformation, ebenbürtig der protestantischen, wenn auch überschattet von dramatischeren Ereignissen in anderen Teilen des Nahen Ostens. Die seriöse Wochenzeitung Yeni Aktuel nahm dieses Thema kürzlich in einem Artikel auf und fragte: "Werden die Muslime 'protestantisch'?" (September 2005). Sie beschreibt darin die Debatte unter islamischen Intellektuellen über den Prozess des 'protestanlasma' – wörtlich: 'protestantisch werden'.

Yavuz sieht eine wachsende Übereinstimmung zwischen islamischen Idealen und den materiellen Interessen der neuen Mittelklasse, die seit den 80er Jahren entstanden ist. Er verweist auf die Tradition des Sufismus' in Anatolien und die hohe Beliebtheit des Werks von Said Nursi (1876-1960), der die stärkste und größte schriftorientierte islamische Bewegung der Türkei begründete, die Nur-Bewegung ('Licht'). Nursi drängte Muslime, westliche Wissenschaft und Technik zu erlernen und anzuwenden, um der Sache des Islam zu dienen. Er vertrat zudem den Standpunkt, dass "das Verständnis des Islams in Zeit, Ort und Umstände eingebettet ist. Konkurrierende Lehren dürfen nicht zum Schweigen gebracht werden." "Ohne ein richtiges Verständnis der Nur-Bewegung und ihrer gesellschaftlich Auswirkung", so Yavuz, "lässt sich die friedliche und schrittweise Mobilisierung einer islamischen Identitätsbewegung in der Türkei nicht verstehen".

Die Anhängerzahl der Bewegung in der Türkei wird auf 5 bis 6 Millionen geschätzt. Sie treffen sich regelmäßig in privaten Räumen (dershanes), um Nurcu-Texte zu analysieren und zu interpretieren. Die Zahl der Nurcu dershanes in Kayseri stieg von 2 im Jahr 1970 auf 60 im Jahr 2000. Diese Gemeinden, die aus den gebildeten Klassen großen Zulauf erhalten, dienen auch als Geschäftsnetzwerke, in denen Anstellungsmöglichkeiten gefunden und sogar die Aufnahme von Geschäftskapital arrangiert werden kann.

Es ist schwer zu sagen, ob der Aufstieg des 'Islamischen Calvinismus' unter Kayseris Unternehmern Quell ihres wirtschaftlichen Erfolgs ist (wie nach Max Weber), oder ob der ansteigende Wohlstand sie dazu führte, sich Interpretationen des Islams anzueignen, die seine Kompatibilität mit der modernen Welt betonen. In jedem Fall scheint es, als habe in Zentralanatolien eine neue Generation ihren eigenen Frieden mit der Moderne geschlossen.

B. Hacilar

In den letzten Jahren haben sich Industriebezirke zu einem Quell der Faszination für regionale Entwicklungsforscher entwickelt. Das Konzept eines Industriebezirks fußt auf einer Örtlichkeit, in der sich Geschäftssysteme, soziale Strukturen und lokale Institutionen gegenseitig verstärken. Becattini (1990) schrieb über Gemeinden, deren Werte diese Gemeinsamkeiten haben:

"eine Lebensethik auf der Grundlage der Selbsthilfe, Unternehmertum und ein Sinn lokaler Zugehörigkeit; ein regelmäßiger, sich aus der industriellen Atmosphäre speisender Innovationsfluss von unten nach oben; eine aus der Mobilität von Arbeit resultierende Kultur des Nacheiferns."

Der erste Wirtschaftswissenschaftler, der auf die Bedeutung dieser ökonomischen Kreisläufe aufmerksam machte, war Alfred Marshall, der betonte, dass geteilte soziale Normen und Werte grundlegend für Innovation und wirtschaftliche Zusammenarbeit sind. In einem erfolgreichen Industriebezirk seien Industrie und Gesellschaft untrennbar.

Industriebezirke begünstigen auch eine gemeinsame politische Philosophie. In Italien, von wo viele wissenschaftliche Arbeiten zu Industriebezirken stammen, waren diese Vertrauen und Zusammenarbeit begünstigenden örtlichen Subkulturen sowohl auf der Linken (im kommunistischen Emilia-Romagna und der Toskana), als auch auf der Rechten (im katholischen Venetien und der Lombardei) zu finden. Die kleine Stadt Hacilar (20.000 Einwohner) am Rande Kayseris stellt als selbstbewusster muslimischer Industriebezirk ein weiteres Beispiel dar.

Das Band, das Hacilars konkurrierende wie auch kooperierende Geschäftsleute eint, ist eine Kombination gemeinsamer Religion und geteilten Stolzes auf ihre Gemeinde. In der Tat ist es schwierig, einen klaren Unterschied zwischen beiden auszumachen. Wenn der Mufti von Hacilar auf dem alljährlichen Gemeindetreffen über die Tugenden islamischen Unternehmertums spricht, ist die Verschmelzung von Geschäft und Kultur in den Köpfen seiner Zuhörer mit den Händen greifbar. Dieselbe Dynamik ist im bunten Vereinsleben der Stadt sichtbar; wie auch im außerordentlichen Erfolg ihrer Bürger im bündeln ihrer begrenzten Ressourcen zur Entwicklungsförderung.

Im Zentrum der Zivilgesellschaft in Hacilar steht die Hacilarer Vereinigung für gegenseitige Hilfe, zu deren 18 Aufsichtsratsmitgliedern die wichtigsten Geschäftsleute der Stadt (einschließlich des Sohns des Muftis) sowie der Bürgermeister gehören. Zu den Zielen der Vereinigung zählen die Förderung von Bildung und Religion und diesen Auftrag verfolgt sie äußerst wirksam. Jedes Jahr vergibt sie an 345 Schüler aus Hacilar Studienstipendien für Universitäten in der ganzen Türkei. Sie errichtet derzeit 15 neue Wohnungen für Lehrer aus anderen Provinzen, die in Hacilar unterrichten. Sie kommt für den Unterhalt der städtischen Moschee auf und stellt die Unterkunft des Muftis. Die aufgebrachte Summe ist beträchtlich. 2004 hatte die Vereinigung ein Budget von mehr als 1,1 Millionen US$ (im Vergleich: der Haushalt der Gemeinde betrug 5 Millionen US$). Zusätzlich machen viele Mitglieder als Einzelpersonen oder über ihre Unternehmen weitere Spenden.

Die Vereinigung für gegenseitige Hilfe ist nur ein Beispiel für in Hacilar aktive Gemeindeorganisationen. Die Verbindungsstraße zwischen Hacilar und Kayseri, das örtliche Krankenhaus, das Sportzentrum und sogar die Polizeistation wurden mit privaten Spendengeldern errichtet. An einem Morgen im September 2005 trafen sich die Mitglieder der Vereinigung für gegenseitige Hilfe, um die Leistungen der Stipendiaten in den universitären Eingangstests zu diskutieren, und wie diese weiter gesteigert werden könnten.

Es ist offensichtlich, dass die Bürger von Hacilar eine Vision der Zukunft ihrer Gemeinde teilen. Sie verfügen auch über die Ressourcen, um die Realisierung dieser Vision sicherzustellen. Obgleich die Stadt bei einem Besucher noch einen bescheidenen Eindruck hinterlässt, hat sich dort ein bemerkenswerter Reichtum angesammelt.

Am Beginn von Hacilars Wirtschaftswunder liegt eine Ethik der Selbsthilfe und Zusammenarbeit. In den frühen 70er Jahren kehrte Saadetin Erkan, geboren in Hacilar, der in Ankara Ingenieurswesen studiert hatte, mit der Idee zurück, die Ressourcen der einzelnen Haushalte zusammenzulegen, um industrielle Entwicklung zu befördern. Zu dieser Zeit gab es keine Industrie in Hacilar und auch keine Möglichkeit, finanzielle Unterstützung von außen zu erhalten. Saadetin Erkan überzeugte die führenden örtlichen Kaufleute, ihre Kräfte zu bündeln, um das Startkapital aufzubringen. Das Ergebnis war die erste Kabelfabrik der Türkei, die nach Anfangsschwierigkeiten in der 70ern dank großer öffentlicher Investitionen in die türkische Infrastruktur in den 80er Jahren einen meteorhaften Aufstieg erlebte. Während der 90er Jahre begann sie, Hochtechnologie einzusetzen, um Fiberoptikkabel herzustellen und wurde damit zu einem wichtigen Exporteur. 1999 war aus HES Kabel ein Konglomerat mit 2.500 Angestellten und mehr als 75 Millionen US$ Bilanzguthaben geworden.

HES Kabel wurde durch die Ressourcenzusammenlegung einer Gruppe von Geschäftsleuten gegründet, die gemeinsame Besitzer des Unternehmens wurden und so das traditionelle islamische Verbot der Finanzierung durch Schulden umschifften. Wir stießen bei den Firmengründern auf verschiedene Ansichten über die Legitimität kaufmännischer Kreditaufnahmen. Einige sagten, dass damals in den 70er Jahren die meisten Mitglieder der Gruppe eine Kreditaufnahme nicht gutgeheißen hätten. Andere schrieben die Strategie eher der Notwendigkeit als der Religion zu, da alternative Finanzquellen nicht zur Verfügung standen. 1991 gründete das Unternehmen mit Anadolu Finans seine eigene Bank, die auf islamischen Grundsätzen beruht, d. h. auf Profitteilung statt Zinsen. Doch als HES die Ausweitung seiner Produktlinie Mitte der 80er Jahre finanzieren musste, zögerte es nicht, einen Kredit aufzunehmen.

In jedem Fall funktioniert diese Methode der Kapitalbeschaffung besonders gut in einer überschaubaren Gemeinde wie Hacilar und erlaubt es so, aus Erfolgen Kapital zu schlagen und weiter zu wachsen. Selbst als sich die HES-Gründer 1999 entschlossen, getrennte Wege zu gehen, ging die Firmenaufteilung gütlich vonstatten und die neu entstandenen Teile florieren und arbeiten weiterhin zusammen.

Überall in der Provinz Kayseri wurde dieses Muster der Zusammenlegung privater Ressourcen für gemeinschaftliche Ziele wiederholt. Nach Schätzungen des stellvertretenden Direktors der Provinzaußenstelle des Erziehungsministeriums gab der Staat in den vergangenen zwei Jahren ein Drittel des Betrages aus, den private Spender für Grund- und weiterführende Schulen aufbrachten. Im Durchschnitt wird alle zwei Monate eine neue Schule eröffnet. Ein gesunder Wettbewerb zwischen Geschäftsleuten stellt einen steten Fluss an Mitteln sicher. Derzeit führt Kadir Has, ein wichtiger Geschäftsmann mit Wurzeln in Kayseri und Gründer der Kadir Has Universität in Istanbul, das Rennen mit fünf von seiner Stiftung finanzierten Schulen an. Mittels dieses Mechanismus' schafft der wirtschaftliche Erfolg Kayseris direkte Chancen für die nächste Generation.

Dies bedeutet ferner, dass Kayseris Eliten sich eher auf ihre eigenen Ressourcen denn auf die Ankaras verlassen, um für gemeinschaftliche Belange zu sorgen. Der hoch zentralisierte türkische Staat gilt als weit entfernt. Dies bestimmt ganz offensichtlich die politische Vorliebe der Gemeinde für einen schlankeren Staat und mehr Autonomie in der lokalen Selbstverwaltung. Obgleich Forderungen nach Dezentralisierung Besorgnis in Teilen des politischen Establishments hervorrufen, sind sie doch eine natürliche Folge der sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen, wie sie in Orten wie Hacilar und Kayseri vorherrschen.

C. Die Rolle der Frau

Die zentralanatolische Gesellschaft hat es verstanden, zwei einander scheinbar widerstrebende Wertvorstellungen miteinander zu versöhnen: seine sozial-konservative und religiöse Lebenshaltung und sein Streben nach raschem Wachstum und Modernisierung. In Dingen wie dem (islamischen) Bankenwesen haben die Eliten einen deutlich pragmatischen Ansatz entwickelt. Zumindest auf den ersten Blick gibt es jedoch ein Gebiet, auf dem diese Versöhnung weit weniger erfolgreich war, nämlich bei der Rolle der Frau in der Wirtschaft. Dies könnte sich noch als die Achillesferse der zentralanatolischen Bestrebungen erweisen, mit der Europäischen Union wirtschaftlich Schritt zu halten.

Bei einem Blick auf die heutige Wirtschaft in Kayseri fallen drei Faktoren ins Auge, die das Wachstumspotential ganz offensichtlich einschränken. Erstens stehen zu wenige Personen in einem Arbeitsverhältnis. Zweitens sind von jenen die arbeiten, zu viele in der Landwirtschaft beschäftigt. Drittens wird ein Großteil der landwirtschaftlichen Produktion in kleinen, halb-subsistenzwirtschaftlichen Betrieben (insbesondere außerhalb der Bewässerungszone) erzeugt, wo die Produktivität äußerst niedrig ist.

Nach der Volkszählung aus dem Jahr 2000 belief sich die arbeitsfähige Bevölkerung (16 bis 65 Jahre) auf 661.066 Personen. Von diesen beschrieben sich nur 367.000 als beschäftigt. Dies ergibt eine Beschäftigungsrate von lediglich 55,6 Prozent, verglichen mit 64 Prozent im EU-Durchschnitt. Diese niedrige Beschäftigungsrate bedeutet eine direkte Einschränkung realer Pro-Kopf-Einkommen. Laut der Volkszählung arbeitet nahezu die Hälfte aller Beschäftigten (47 Prozent) in der Landwirtschaft, verglichen mit einem EU-25 Durchschnitt von nur 5,1 Prozent. Diese Zahl liegt auch deutlich über dem türkischen Durchschnitt von 34 Prozent. Kurz gesagt bedeutet dies, dass Beschäftigungsraten und Arbeitsproduktivität der Provinz Kayseri zu niedrig sind, um europäische Lebensstandards zu erreichen.

Frauenbeschäftigung in der Provinz Kayseri (Volkszählung 2000)

Sektor

Anzahl

Büro und Verwaltung

5,937

Lehrer

4,088

Wissenschaft und Technik

3,846

Industrie (nicht-landwirtschaftlich)

3,369

Dienstleistungen

2,014

Verkauf (Handel)

1,835

Unternehmerinnen, Management

176

Nicht-landwirtschaftliche Arbeit

21,283

Arbeiterinnen in der Landwirtschaft

102,700

 

Bei näherer Betrachtung laufen all diese Probleme verblüffenderweise auf die Rolle der Frau hinaus. Die Beschäftigungsrate von Männern in der Provinz Kayseri ist ebenso hoch wie in Europa (74 Prozent). Die Beschäftigungsrate von Frauen liegt jedoch bei nur 37 Prozent und davon arbeiten die meisten in de Landwirtschaft. In der gesamten Provinz arbeiten nur 21.283 Frauen außerhalb der Landwirtschaft, vor allem als Lehrerinnen und Büroangestellte in der Verwaltung. Es gibt nur 176 Frauen in Führungspositionen.

Während sich der Großteil der Frauen aus städtischen Gebieten als 'Hausfrauen' bezeichnet, wählt auf den Dörfern fast niemand diese Bezeichnung. Dort sind die meisten Frauen in der Landwirtschaft beschäftigt. 90 Prozent von ihnen fallen in die Kategorie 'unbezahlte Familienmitglieder'.

In einem typischen Dorf wie Sakaltutan, 32 Kilometer südöstlich Kayseris und außerhalb der Bewässerungszone gelegen, hat im Laufe der letzten Generation die Bedeutung der Landwirtschaft für den durchschnittlichen Haushalt ständig abgenommen. Mit maschineller Hilfe werden nur noch wenige Wochen Arbeit pro Jahr benötigt, um auf einem kleinen Stück Land Weizen anzubauen. Die meisten Familien haben andere Einkommensquellen gefunden, vor allem im Baugewerbe. Der Dorf-Muhtar Cuma Belik schätzt, dass zu jeder Zeit 150 Männer aus Sakaltutans 136 Haushalten auf Baustellen im ganzen Land und im Kaukasus arbeiten und so den wichtigsten Teil des Familieneinkommens sichern. Dies hatte eine geringere Anziehungskraft der traditionellen Landwirtschaft zur Folge. Bis 1990 hatte das Dorf ca. 3.000 Schafe, die von jungen oder landlosen Männern über die Sommermonate gehütet wurden. Heute ziehen junge Männer andere Arbeiten vor und nur noch 250 Schafe sind übrig. Die meisten Familien halten noch fünf oder sechs Kühe, die in Kuhställen unterhalb des Familienheims überwintern. Da sie im Haus gehalten werden, gilt ihre Pflege als Frauenarbeit. Zusätzlich bestellen Frauen die Gemüsebeete der Familien. Aus Anekdoten lässt sich schließen, dass landwirtschaftliche Arbeit in dem Maß an Attraktivität verliert, wie Frauen vom Land besser ausgebildet werden. Ein Dorfbewohner erzählte uns, für einen Mann mit viel Vieh sei es schwierig geworden, eine Frau zu finden.

In der gesamten Provinz Kayseri ist Beschäftigung für Frauen im wesentlichen auf einfache Tätigkeiten in der Landwirtschaft beschränkt. Diese sind unbezahlt, unproduktiv und unattraktiv. Selbstverständlich hat sich das Leben ländlicher Frauen in der letzten Generation deutlich verbessert. Die Mechanisierung und die Ausdehnung der Infrastruktur in ländliche Gebiete haben Frauen von vielen schweren körperlichen Arbeiten, wie z. B. dem Wasserholen vom Dorfbrunnen, befreit. Die durchschnittliche Familiengröße hat von 6 Personen im Jahr 1975 auf 4,49 im Jahr 2000 abgenommen. Die traditionelle Baumwollindustrie handgewobener Teppiche, die in der Vergangenheit so vielen Frauen das Augenlicht und die Finger ruinierte, ist im Verschwinden begriffen (so gibt es in Sakaltutan nur noch vier handgetriebene Webstühle) und verlagert sich in ärmere Regionen im türkischen Osten. Verbesserte Transport- und Kommunikationsverbindungen haben die traditionelle Isolation der Dorffrauen aufgebrochen.

Eine weitere Verbesserung der Lebensbedingungen der ländlichen Bevölkerung würde jedoch einen klaren Wechsel von der Subsistenzwirtschaft zur kommerziellen Landwirtschaft erforderlich machen. Dies würde eine große Anstrengung von Seiten der Regierung erfordern, um Bauern den Umstieg auf neue Früchte und Techniken zu erleichtern. Der hochzentralisierte türkische Staat verfügt traditionell nur über sehr enge Kanäle für die Kommunikation mit der ländlichen Bevölkerung. Doch müsste er sich direkt an die Frauen wenden, was die Überwindung erheblicher kultureller Barrieren nötig macht. Trotz der achtjährigen Schulpflicht haben Frauen auf den Dörfern nur geringen Kontakt zur Welt außerhalb der Familie. Gesellschaftliche Konventionen hindern sie am Kontakt zu Regierungsstellen oder der Ausbildung in neuen Techniken. Dies hat zur Folge, dass in der Landwirtschaft der traditionelle Widerstand gegen Wandel und Innovation noch deutlich präsent ist.

Im Industriegebiet von Kayseri, wo das meiste Beschäftigungswachstum der vergangenen Jahrzehnte stattgefunden hat, sind nahezu keine Frauen zu sehen. Eine Hand voll Frauen arbeitet in der Textilindustrie oder als Büroangestellte. Lohnarbeit in jeglicher Form gilt Männern wie Frauen als eine Männerdomäne. In den Augen vieler Zentralanatolier (Männer wie Frauen) erweckt die Beschäftigung einer Frau den Anschein, als sei ihr Ehemann nicht in der Lage, die Familie zu ernähren. Eine Reihe von Arbeitgebern sagte uns, dass sie – hätten sie die Wahl zwischen einem Mann oder einer Frau – immer den Mann wählen würden. Teils, weil die Frau höchstwahrscheinlich nach ihrer Heirat kündigen würde, aber auch, weil sie durch die Anstellung eines Mannes als dem Versorger der ganzen Familie helfen würden.

Bisher hat sich dieses Muster noch nicht als Hindernis für Wachstum erwiesen. Die Industrie in Kayseri wuchs durch die Aufnahme überzähliger (männlicher) Bevölkerung vom Land und erlebte bisher keinen Mangel an Arbeitern. Sollte sich das Wachstum aber auf dem gegenwärtigen hohen Niveau fortsetzen, wird diese Dynamik mit Sicherheit kippen. Arbeitgeber werden zusehends auf Frauen angewiesen sein, um ihren Bedarf an Arbeitskräften zu befriedigen.

Die für das Wachstumspotential Zentralanatoliens wichtigste Frage ist heute, ob sich der Pragmatismus in anderen Lebensbereichen auch auf die Frage weiblicher Beschäftigung übertragen lässt. An den Töchtern der Wirtschaftselite von Kayseri lässt sich ablesen, dass ein Einstellungswandel bereits im Gange ist. Fast ohne Ausnahme schicken erfolgreiche Geschäftsmänner ihre Töchter zur Ausbildung auf Universitäten, manchmal sogar nach Istanbul oder ins Ausland. An der Erciyes Universität sind heute 40 Prozent der Studenten Frauen und die Vorstellung von Frauen im Dienstleistungsbereich oder in höheren Positionen gewinnt schrittweise an Akzeptanz.

Die werktätige Frau Ikbal Cavdaroglu begann ihre Karriere in der HES Kabelfabrik von Hacilar. Sie erinnert sich, wie auf den Straßen mit dem Finger auf sie gezeigt, und dass sie von ihren (weiblichen) Nachbarn bemitleidet wurde, als sie in den 80er Jahren anfing zu arbeiten. Nichtsdestotrotz wurde sie Kayseris erste eingetragene Buchhalterin. Als sie heiratete, arbeitete sie weiter, entschied sich jedoch, das Kopftuch aus Respekt vor ihren tief religiösen Schwiegereltern anzulegen. Sie war die erste Frau in Kayseri, die sich der AKP anschloss und leitet heute deren Frauengruppe in der Gemeinde Melikgazi.

Forschungen der Weltbank lassen den Schluss zu, dass die Türkei ein ähnliches Muster wie entwickelte Länder im vergangenen Jahrhundert verfolgt. Die Bank berichtet, dass

"der Abwärtstrend weiblicher [Beschäftigung] in einem Land zu erwarten ist, das einen Wandel von einer vorwiegend landwirtschaftlichen zu einer industriellen Wirtschaft erlebt."

Mit dem Umzug von Familien in städtische Gegenden und dem Fortschreiten des Landes von niedrigen zu mittleren Einkommen, verschwinden Frauen aus den Beschäftigungsstatistiken. In Deutschland, Frankreich und Italien gingen die Beschäftigungsraten von Frauen bis zu den 70er Jahren zurück; in südeuropäischen Ländern wie Portugal oder Spanien setzte sich dieser Trend bis weit in die 80er Jahre fort. In Westeuropa schob der Aufstieg der postindustriellen Gesellschaft mit der Verlagerung von Arbeit in den Dienstleistungssektor und dramatischen Bildungszuwächsen die Wiederkehr weiblicher Beschäftigung in großem Umfang an. Kurz gesagt befindet sich die Türkei mit einer weiblichen Beschäftigungsrate von 25,5 Prozent (2000) dort, wo die USA in den 50er Jahren (29 Prozent), Italien in den 80ern (27,7 Prozent) oder Spanien 1988 (25,6 Prozent) standen.

Viele Menschen in Kayseri sagten uns, ein Wandel der Rolle der Frau in der Wirtschaft sei unausweichlich (ob sie dies guthießen oder nicht). Soll sich das derzeitige rapide Wachstum fortsetzen, muss Zentralanatolien auf den Pfad anderer europäischer Gesellschaften einschwenken.

IV. SCHLUSS – ABDULLAH GÜLS PARTEI

Als Sükrü Karatepe, der Bürgermeister von Kayseri von 1994 bis 1998, im Jahr 2001 ein Buch über die Stadt schrieb, gab er ihm den Titel Die selbstgemachte Stadt.

"Der traditionelle Bewohner von Kayseri verbringt sein Leben mit der Berechnung von Käufen und Verkäufen, seiner Schulden und Kredite, seines Einkommens und seiner Ausgaben. Er kennt seinen Kontostand … In einem Land, in dem sich alles so rasch verändert, ist es nicht möglich, auf diese Weise eine effiziente Politik zu gestalten. In der Politik muss jeder jederzeit jede Art eines äußeren Eingriffs erwarten. Jeder, der in die Politik geht, sollte auf alles vorbereitet und zu Risiken bereit sein. Der Kayserianer, der sein Leben auf Berechnungen aufbaut, steht der Politik sehr skeptisch gegenüber. Er zieht er es vor, seinen Geschäften nach zu gehen, statt sich in Schwierigkeiten und riskante Situationen zu bringen … Eine Gemeinschaft, die von Berechnungen und Risikoabwägungen besessen ist, kann reiche Handelsleute und erfolgreiche Industrielle hervorbringen, aber niemals erfolgreiche Politiker."

Bis vor kurzem schien dies tatsächlich das vorherrschende Ethos in Kayseri zu sein. Seine Elite scheute vor der Politik und vor Dingen außerhalb ihrer Gemeinde zurückund konzentrierte ihre Aufmerksamkeit auf die Wirtschaft. Ihr Anspruch war lokal und gemeindeorientiert und ihre Hauptforderung an den Staat war, sie ihre Angelegenheiten selbst regeln zu lassen. Doch in den vergangenen Jahren begann sich dies zu ändern.

Als Bürgermeister von Kayseri vertrat Karatepe die Wohlfahrtspartei (Refah Partei), die Hauptbannerträgerin des politischen Islams in der Türkei in den 90er Jahren. 1998 wurde er für Äußerungen, die von der Justiz als respektlos gegenüber Atatürks Vermächtnis angesehen wurden, zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. In seinem Buch weist er darauf hin, dass er dieses Los mit vielen anderen vor ihm gewählten Bürgermeistern Kayseris teilte, die in den vergangenen Jahrzehnten aufgrund einer Reihe politischer Anschuldigungen inhaftiert wurden.

Doch in der Kommunalpolitik scheint Karatepes Agenda in den 90er Jahren alles andere als radikal gewesen zu sein. Im Einklang mit seinen Vorgängern war sein wichtigstes Anliegen der Ausgleich der städtischen Finanzen und die Sicherstellung einer effizienten kommunalen Versorgung. Er reduzierte die Zahl der Gemeindeangestellten und privatisierte Gemeindeaufgaben. Als Bürgermeister ließ er sich von Geschäftsleuten aus Kayseri nach Europa begleiten, um sie mit potentiellen Partnern bekannt zu machen. Er bot die Art von Politik nach gesundem Menschenverstand, die auf eine Gemeinschaft von konservativen Handwerkern und self-made Geschäftsleuten Eindruck machen mußte. Heute arbeitet er in Ankara als einer von Premierminister Erdogans Beratern für die Reform der örtlichen Selbstverwaltung.

Einer von Karatepes engsten politischen Verbündeten in den 90er Jahren verließ die Politik in Kayseri und nahm seinen pragmatischen Politikansatz mit auf die nationale Bühne. Abdullah Gül, der 2002 gewählte Premierminister der Türkei und heute (nachdem er den Weg für Recep Tayyip Erdogan frei machte) Vizepremierminister und Außenminister, spielte eine zentrale Rolle in den Bemühungen der türkischen Regierung, die Integration in die EU zum Kernstück ihres politischen Programms zu machen.

Gül wurde 1950 in Kayseri als Sohn eines ehemaligen Flugzeugfabrikarbeiters geboren. Als in Istanbul ausgebildeter Wirtschaftswissenschaftler wurde er Professor für internationale Wirtschaft. Von 1983 bis 1991 arbeitete er für die Islamische Entwicklungsbank in Dschidda (Saudiarabien) eine intergouvernementale Institution zur Entwicklungsförderung mittels islamischer Finanzinstrumente. 1991 ging er als Vertreter der Wohlfahrtspartei für Kayseri in die Politik. Wie schon als Wirtschaftswissenschaftler, widmete er einen Großteil seines politischen Lebens der Außenpolitik und war lange Jahre türkischer Vertreter in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats.

2001 brach er mit der Wohlfahrtspartei und tat sich mit dem ehemaligen Bürgermeister von Istanbul, Recep Tayyip Erdogan, zusammen, um eine neue Partei zu gründen, die Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei (AKP). Er wurde zu einem der lautstärksten Fürsprecher einer türkischen EU-Mitgliedschaft. Schon 1999 erklärte er: "Wir sind uns darüber im Klaren, dass demokratische Standards und Menschenrechte in diesem Land nicht ohne europäische Integration verwirklicht werden können."

Die AKP-Regierung beschreibt ihre politische Philosophie als 'demokratischen Konservatismus'. Premierminister Erdogan erklärt das Konzept folgendermaßen:

"Einen bedeutenden Teil der türkischen Gesellschaft verlangt es nach einem Konzept der Moderne, das die Tradition nicht verwirft, nach einem umfassenden Glauben, der das Lokale akzeptiert, nach einem Verständnis des Rationalismus', das den spirituellen Sinn des Lebens nicht außer Acht lässt und nach einer Entscheidung für den Wandel, die nicht fundamentalistisch ist. Das Konzept der konservativen Demokratie ist in der Tat eine Antwort auf das Verlangen des türkischen Volkes."

Viele Ziele des demokratischen Konservatismus' erinnern an Parteien des politischen Zentrums in Europa. Er verteidigt volkswirtschaftliche Stabilität und fiskalische Verantwortlichkeit. Er ist wirtschaftlich aufgeschlossen und favorisiert persönliche Wohlfahrt und privates Vereinsleben. Er unterstützt die Stärkung der Kräfte und Ressourcen lokaler Selbstverwaltung, aus der viele seiner Schlüsselpersonen stammen und glaubt an das Potential einer Entwicklung von unten. Er ist sozial konservativ, jedoch pragmatisch in vielen der Streitfragen, die die türkische Gesellschaft weiterhin entzweien. Er ist außerdem proeuropäisch und hat sich in seinem Bestreben, Hindernisse auf dem Weg zum EU-Beitrittsprozess zu beseitigen, einer Reihe politischer Tabus angenommen.

Diese Agenda setzt die von einem anderen Zentralanatolier begonnene Tradition fort: Turgut Özal, der in Malatya geboren wurde, in Kayseri aufs Gymnasium ging und türkischer Premierminister und Präsident in den 80er Jahren wurde. Özal, der für die Weltbank gearbeitet hatte, förderte die Öffnung der türkischen Wirtschaft nach außen und stellte 1987 den türkischen Antrag auf Mitgliedschaft in der Europäischen Union. Er war außerdem der erste Premierminister, der sich auf die Haddsch nach Mekka begab und das islamische Bankenwesen in der Türkei legalisierte. Özal war (und ist) in Kayseri sehr beliebt.

Daher ist es nicht überraschend, dass sich die 2001 gegründete AKP mit einem Wahlprogramm, das viel von Özals politischer Linie wiederbelebte, in Zentralanatolien viele Menschen ansprechen konnte. Das AKP-Parteibüro in Kayseri war eines der ersten landesweit und in den Kommunalwahlen 2004 errang die Partei eine überwältigende Mehrheit von 70 Prozent, ihre stärkste im ganzen Land. Muharrem Eskiyapan, der einzige nicht-AKP-Abgeordnete aus Kayseri im türkischen Parlament erklärt es so: "heute wird die Türkei regiert, wie Kayseri während der letzten 15 Jahre regiert wurde".

Wirtschaftlicher Erfolg und soziale Entwicklung haben ein soziales Milieu geschaffen, in dem Islam und Moderne gütlich nebeneinander bestehen. Das von diesen Werten geformte Anatolien begehrt nun, Teil der Europäischen Union zu werden.

Berlin - Istanbul, 19 September 2005
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