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Bloodfeuds
Eine albanische Kulla - ein Wehrtum

Blutfehden gehören zu den finstersten Geschichten, die in den letzten zwei Jahrzehnten aus Albanien zu uns gedrungen sind. Die Tradition geht zurück auf alte Tradition, die im 15. Jahrhundert von Leke Dukagjini in Nordalbanien in einem Kodex aufgeschrieben wurden – der kanun. Diese Gesetzessammlung, die sich mit der Zeit entwickelt hatte, aber nicht vor dem 19. Jahrhundert niedergeschrieben wurde, sieht vor, dass "Blut immer mit Blut vergolten werden muss." Noel Malcolm schreibt:

"Was das Konzept der Blutrache ausmacht ist dem modernen Geist fremd und kann deshalb leichter mithilfe der Werken des Äschylos verstanden werden, als mit Erklärungen moderner Soziologen: Das Ziel ist nicht die Bestrafung des Mörders, sondern die Genugtuung für das Blut des Ermordeten - oder, im Kern, die Befriedigung der eigenen [Familien]Ehre, die beschmutzt wurde. Wenn es nur um Bestrafung ginge, dann wären auch nur die Personen ihr mögliches Ziel, die persönlich für das tatsächliche Verbrechen oder die Beleidigung verantwortlich sind; aber anstelle dessen soll die Ehre wieder hergestellt werden, indem man irgendeines der männlichen Mitglieder der Familie des Täters tötet. Und danach ruft das vergossene Blut des Opfers dessen Familie zur Reinigung auf."

(Noel Malcolm, Kosovo – A short History)

Zur Zeit des Regimes Enver Hoxhas war der mittelalterliche Kodex verfemt. Aber nach dem Fall des Kommunismus wurde es wieder aktuel, vor allem deshalb, weil sich Institutionen in dem erst kürzlich zur Demokratie gewandelten Land als schwach erwiesen.

"'Wo es keine respektierte Ordnung gab, füllte der Kanun das Vakuum,' sagt Ismet Elezi, ein 87-jähriger Rechtsprofessor aus Tirana, der den Kanun über 50 Jahre studiert hat. Er sagt, dass die Version [des Blutfehderechts], die nach Hoxha wirksam wurde, besonders verheerend für Albanien ist, weil sie die Rachehandlung gegen absolut jedes [männliche] Familienmitglied des Mörders erlaubt, nach einer allgemeinen Version 'sogar gegen das Baby in der Wiege.'

'Dies ist eine Verwahrlosung des Kanun, der eigentlich vorsieht, der Gewalt ein Ende zu setzen,' sagt er.

Elezi sagt, dass moderne Blutfehden im Allgemeinen folgendermaßen verlaufen: Es ereignet sich ein Mord, die Familie des Opfers fordert das Blutgeld, dann verstecken sich die Familienmitglieder des Mörders für mindestens 40 Tage in ihren Häusern, die nach dem Kanun als unangreifbar gelten, und bitten dann um Vergebung. Wenn die Vergebung gewährt wird oder ein Leben als Ausgleich genommen wurde, ist die Fehde beendet. Sonst kann die Isolationszeit unbegrenzt fortwähren."

(Jonathan Finer, Washington Post 2007)

Die Krise des Jahres 1997, als die Armeedepots geplündert wurden und um die 2.000 Menschen ihr Leben verloren, schaffte das ideale Umfeld dafür, dass sich Blutfehden entwickelten und fortsetzten. Die Bevölkerung war mit hunderttausenden Waffen ausgestattet, Recht und Ordnung waren praktisch inexistent, und es gab eine grosse Anzahl von Morden, die gerächt werden mussten.

Die Zahl der getöteten Menschen und ihrer Familien, die in Blutfehden verwickelt sind, ist schwer zu erfassen. Eine Schätzung der Anzahl von Todesfällen ist schwierig, weil viele Blutrache-Morde nicht bekanntgegeben werden. Ein albanischer Führer erzählte der New York Times: "Die Menschen wollen solche Tötungen nicht der Polizei melden, weil der Angeklagte dann vom Staat im Gefängnis beschützt wird, und dann nicht getötet werden kann." Gendercide Watch, Jane Perlez, "Blood Feuds Draining a Fierce Corner of Albania," The New York Times, April 15, 1998.

Das Kommittee zur Nationalen Aussöhnung schätzt, daß 6.000 Menschen in den letzten Jahren seit dem Ende des Kommunismus durch Blutrache ums Leben kamen. Es berichtet, dass ungefähr 20.000 Familien in solche Konflikte verwickelt waren, die dazu führten, dass tausende Jungen und Männern in ihren Häusern Zuflucht suchen mussten.

Mihaela Rodin zitierte die Schätzung einer albanischen NGO, daß sich Männer von 25.000 Familien im Norden Albaniens verstecken mussten. (Mihaela Rodin in einem AFP dispatch, 1999). Ein Artikel aus dem Jahr 2004 von Helen Stone von der NGO World Vision schätzt, daß sich 'nur' 2.500 verstecken müssen und daß 711 Kinder wegen Blutrache die Schulen nicht besuchen können. (World Vision). Das Kommitte zur Nationalen Aussöhnung spricht dagegen von 1.200 Kinder, die die Schule nicht besuchen können. (Sunday Times 2008).

Blutfehden verstärken die Armut von Familien im ländlichen Norden Albaniens. Die Männer, die sich verstecken müssen, können wirtschaftlich nichts mehr zum Familienhaushalt beitragen. Die Frauen sind dann die einzigen Geldverdiener. Und für Söhne, die Jahre im Haus verbringen müssen und keine Schulbildung erwerben, ist die Zukunft ungewiss.

Familien haben versucht, diesem Schicksal zu entgehen, und sind in die Städte abgewandert. Das hat aber dazu geführt, dass sich die Blutfehden aus dem Norden Albaniens bis nach Tirana ausgebreitet haben. Andere, die sich verstecken müssen, träumen davon, Albanien zu verlassen, doch können sie weder ein Visum erhalten, noch haben sie genügend Geld. Bis zum Jahr 2004 sollen angeblich 1.300 Menschen das Land verlassen haben, um vor Blutrache zu fliehen. (World Vision).

Internationale Organisationen und die albanische Regierung haben versucht, die Blutfehden zu beenden und die Lage der Betroffenen zu verbessern. Ministerpräsident Berisha hat dazu aufgefordert dieser Praxis ein Ende zu setzen, indem er verkündete: "Die Rechtsordnung muss über den Kanun triumphieren." Dem Regierungskoordinierungsrat zum Kampf gegen die Blutrache sitzt sogar der Präsident vor. Ein UNICEF-Programm versucht Kinder auszubilden, die durch Blutfehden vom Schulbesuch abgehalten werden.

Der Vorsitzende des Kommittees zur Nationalen Aussöhnung, Gjin Marku, erzählt aber, daß viele Versuche, die Lage zu verbessern entweder gescheitert sind oder durch Korruption vereitelt wurden:

"Die albanische Regierung hat weder die gesetzliche Grundlage, noch die nötigen Mittel oder die Autorität, um Einzelpersonen, die in Blutfehden verwickelt sind, zu beschützen. Dem albanischen Staat ist es noch nicht einmal gelungen, eigene Angestellte der Staatspolizei, die in Blutfehden verwickelt wurden, zu beschützen, wie zum Beispiel im Fall von Pjeter Tabakaj, der gezwungen war, seine Arbeit bei der Polizei aufzugeben, um sich in seinem eigenen Haus für vier Jahre zu verstecken. Und das alles im Stadtzentrum von Tirana, zusammen mit seinen zwei Söhnen, die die Schule verlassen mußten"

(Interview mit Gjin Marku, Vorsitzender des Nationalen Kommittees für Aussöhnung)

Marku und seine Organisation arrangieren die Versöhnung von Familien, die in Blutfehde miteinander leben. Das Komitee trainiert Freiwillige dabei, Vermittler zu werden und dann in die Dörfer zu gehen und zu versuchen, solche Konflikte zu lösen. Solche "Unterhändler" sehen sich oft selbst Risiken ausgesetzt. Emin Saphia, ein bekannter Mediator, wurde im Jahr 2004 getötet. World Vision schätzt, dass sich über 1.260 Familien bis zum Jahr 2004 in Versöhnungsverträgen ausgesöhnt haben. Gjin Marku sieht in solchen Verträgen die einzige Lösung:

"Nur Versöhnung kann der Blutrache ein Ende bereiten. Wird solch ein Versöhnungsprozess nicht zu Ende geführt, dann kann die Blutrache sogar noch 100 Jahre später wieder ausbrechen. Die Notwendigkeit zur Rache ist nicht vergessen. Denn die nachfolgenden Söhne und Neffen des Clans übernehmen sie dann."

May 2008

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