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Sevarlije
Sevarlije

Das Dorf Sevarlije, das nicht weit vom Stadtgebiet Doboj liegt, ist ein Beispiel einer überraschenden lokalen Erfolgsgeschichte. 1997 war das Dorf noch völlig verlassen und verwildert. Die Häuser waren 1992 geplündert und in Brand gesetzt worden. Das gesamte Gebiet entlang des Flusses Bosna, einschließlich der Dorfschule, war vermint. Unkraut und Gebüsch hatten die Gärten, Häuser und Straßen überwachsen.

1992 hatte die extreme bosnisch-serbische Führung in Doboj gefordert, dass die Bewohner Sevarlijes und der Nachbardörfer ihre Waffen abgeben. Wie auch in vielen anderen Orten in Bosnien glaubten die Bosniaken, dass sie in Ruhe gelassen würden, wenn sie kooperierten. Sie täuschten sich.

Als sie am 17. Juni 1992 plötzlich unter Artilleriebeschuss standen, waren sie schockiert. Nusret Delic erinnert sich an den Moment, als die Beschießung begann:

"Es war die europäische Fußballmeisterschaft, das Endspiel, das die Dänen gewannen. Wir schauten in meinem Zimmer Fernsehen, als wir die ersten Schüsse hörten."

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Nusret Delic

In Panik versuchten die Dorfbewohner, über den Fluss zu fliehen. Doch das Wasser stand hoch, weil es lange heftig geregnet hatte. Drei Menschen ertranken. Zwei weitere kamen durch den Beschuss ums Leben, und sechs wurden verwundet. Am nächsten Tag drangen Freischärler ins Dorf, die ihre Gesichter maskiert hatten, damit sie nicht erkannt würden. Sie zerstörten die Moschee und sprengten das Minarett, plünderten alle Häuser und zündeten sie danach an, und töteten 30 Männer, auf die sie in Sevarlije stießen. Eine Frau erinnert sich an diese schrecklichen Tage:

"Als die drei kamen, mussten wir uns alle hier gegen die Mauer des Stalls stellen, und sie sagten: 'Jetzt werden wir euch alle umbringen.'"

Rund 300 Menschen, größtenteils Frauen, Kinder und ältere Menschen, wurden gefangen genommen und zur Kaserne der jugoslawischen Armee in Sevarlije gebracht. Das Dorf war verlassen.

Der ehemalige Dorfvorsteher von Sevarlije, Aziz Ibrakovic, organisierte mit großer Entschlossenheit die Rückkehr der Vertriebenen in ihr Dorf. Der erste Schritt war, dass er Rückkehranträge sammelte und der UN-Flüchtlingsorganisation UNHCR und den Behörden in der Gemeinde Doboj übergab.

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Aziz Ibrakovic

Anfangs wurden 50 Anträge in der Gemeinde registriert. Dann 100. Am Ende waren es 400.

Doch erst 1998, zweieinhalb Jahre nachdem das Daytoner Friedensabkommen in Kraft getreten war, zahlten sich die Bemühungen aus. Im Mai 1998 nahm Oliver Birch, der Leiter des örtlichen UNHCR-Büros, Aziz zur Seite und bat ihn, ein "Datum für die Rückkehr" zu setzen.

"Ich wählte den 1. Juni 1998. Wir sollten eine Liste von 100 rückkehrwilligen Familien zusammenstellen – aber ich setzte all die 113 Familien drauf, die sofort zurückgehen wollten. Am Morgen machten wir uns auf den Weg. Als wir die Hügel über unserem Dorf am Fluss Bosna erreichten, setzten wir uns hin und weinten."

Für den Erfolg der Rückkehr war die Unterstützung durch ausländische Geldgeber entscheidend. Die meisten Bewohner Sevarlijes waren mittellos und hatten keine Ersparnisse. Viele lebten von Gelegenheitsjobs. Im Endeffekt bedeutete dies, dass die Geschwindigkeit des Rückkehrprozesses von der Verfügbarkeit von Hilfsmitteln für den Wiederaufbau abhängig war.

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Sevarlije. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Vom ersten Rückkehrtag an führte die Dorfgemeinschaft eine Liste aller Rückkehrer. Vor dem Krieg hatte es im Dorf rund 450 Häuser gegeben. Im Jahre 1998 finanzierte die Europäische Kommission den Wiederaufbau der ersten 100 Häuser. Weitere 289 Häuser wurden mit anderen Hilfsmitteln wiederaufgebaut. Der örtliche Stromanbieter legte das Dorf wieder ans Netz, was die amerikanische Regierungshilfsorganisation USAID finanzierte. Weitere 93 Häuser wurden von ihren Besitzern wiederaufgebaut, die größtenteils im Ausland gelebt und Geld verdient hatten. Bis 2007 waren alle bis auf 69 Häuser erneuert worden. Bei deren Besitzern handelte es sich größtenteils um Menschen, die ein neues Leben in der Föderation oder im Ausland begonnen hatten. Mittlerweile leben wieder 1.600 Menschen in Sevarlije.

Die ersten, die den bosniakischen Rückkehrern halfen, waren serbische Flüchtlinge, die in den Nachbardörfern lebten. Bevor der erste Lebensmittelladen in Sevarlije aufmachte, kauften die Rückkehrer in einem Geschäft im Nachbardorf ein, das einem Serben gehörte. Es gab keinen einzigen Zwischenfall, der den Rückkehrprozess aufgehalten hätte. RS-Polizei patrouillierte jeden Tag durch das Dorf. Auch die von der NATO angeführten SFOR-Truppen waren niemals weit weg, womit sie denn Rückkehrern ein wichtiges Gefühl der Sicherheit vermittelten.


Der Kindergarten im Dorf

Angesichts des enormen Leidens und der Zerstörung im Krieg ist das Leben im Dorf heute erstaunlich normal und sozial intakt. Im Zentrum des Dorfs steht eine sorgfältig wiederaufgebaute Moschee. Die Dorfgemeinschaft hat ihr Kulturzentrum mit einem kleinen Kindergarten und Räumen für kulturelle Ereignisse wiedererrichtet. Frauen nutzen dieses Zentrum für Treffen und Aktivitäten wie Nähkurse.

Die örtliche Vereinigung der Landwirte hat unlängst eine zentrale Sammelstelle für Milch, Gurken und andere landwirtschaftliche Produkte eingerichtet. Sie hat über 200 Mitglieder und nahm vor kurzer Zeit 18 serbische Landwirte als Mitglieder auf. Die Hälfte der Landwirte liefert jeden Tag Milch, die an eine Molkerei in Teslic in der RS verkauft wird. Obwohl einige Molkereien in der Föderation höhere Preise zahlen, vertrauen die Landwirte dieser Molkerei und ziehen es vor, ihre Milch an sie zu verkaufen.

Nächstes Jahr will Nusret Delic, der Leiter der Vereinigung der Landwirte, Äpfel an eine Supermarktkette in Tesanj in der Föderation verkaufen. Nusret, der früher in einer obstverarbeitenden Fabrik in Doboj gearbeitet hat, erklärt:

"Wir sind zurück aufs Land gezogen, weil es im Moment unsere einzige Einkommensquelle ist. Die Arbeit mit der Milch macht uns sicherlich nicht reich, aber sie hilft uns, zu überleben.".

Die neue Grundschule in Sevarlije ist eine Zweigstelle der Sveti-Sava-Grundschule in Doboj. Alle 175 Schüler in Sevarlije sind Bosniaken. Fünf bosniakische Lehrer unterrichten ausschließlich in Sevarlije und weitere zehn – fünf Bosniaken und fünf Serben – unterrichten sowohl in Sevarlije als auch in der Mutterschule in Doboj. Die Zweigschule nutzt den Lehrplan der RS, doch für die sogenannten "nationalen Fächer" (Sprache, Geschichte, Geographie) werden Lehrpläne und Schulbücher aus der Föderation verwendet.

Ein serbischer Lehrer betont einen wichtigen Aspekt:

"In der Republika Srpska gehen die Kinder gemeinsam zur Schule, und sie sitzen zusammen in einer Klasse - Serben, Kroaten und Bosniaken. Und sie lernen eine Sprache."

In Sevarlije wird die Sprache, die unterrichtet wird, Bosnisch genannt. Sowohl das lateinische als auch das kyrillische Alphabet werden verwendet, da die Kinder beide lernen müssen. Doch in den meisten Fächern überwiegt die lateinische Schrift.

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Schuljunge aus Sevarlije

Ein Schuljunge in Sevarlije meint: "Mir ist es egal, ob es die lateinische oder die kyrillische Schrift ist."

Heute ist es schwer, sich vorzustellen, dass dieses Dorf 1992 völlig zerstört war. Und Sevarlije ist keine Ausnahme. Bosniaken sind in all die Dörfer zurückgekehrt, in denen sie vor dem Krieg gelebt hatten. In der Gemeinde Doboj ist mehr als die Hälfte der bosniakischen Vorkriegsbevölkerung zurückgekehrt.


Mejra Fehric

Mejra Fehric sagte uns, dass es an der Zeit ist, nach vorne zu blicken, trotz der Ereignisse 1992, als ein serbischer Freischärler sie gegen eine Wand stellte und bedrohte und aus ihrem Haus vertrieb:

"Ich kann nicht sagen, dass ich ihn hasse. Wenn morgen derselbe Mann, der hier war, kommen würde, könnte ich ihn nicht eiskalt ermorden oder ihm etwas antun. Weil ich nicht so bin. Meine Seele ist nicht so."

June 2008

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