
Viele Menschen in Bosnien und Herzegowina tragen die Wunden des Krieges in sich. Dies wird durch die schlechte wirtschaftliche Lage weiter verschärft.
Es gibt einen Zusammenhang zwischen Depressionen bei Menschen und der wirtschaftlichen, sozialen und politischen Situation des Landes. Dubravka Salcic, eine der führenden Psychotherapeuten Bosniens und Direktorin des Zentrums für Folteropfer in Sarajevo, erklärt das folgendermaßen:
"eine signifikante Zahl von Menschen lebt und leidet unter den komplexen Folgewirkungen eines anhaltenden Kriegstraumas. Nichtsdestotrotz ist eine gewisse Zahl, sogar unter den Opfern, gestärkt aus der Gesamtsituation hervorgegangen und hat die Kraft gefunden, die Teile ihres Lebens neu zusammen zu setzen und weiter zu leben.
Natürlich gäbe es mehr solcher Menschen, wenn die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen stabiler wären. Glauben Sie mir, die ungeregelte wirtschaftliche und politische Lage des Landes beeinflusst die psychologische Verfasstheit jedes Menschen, doch vor allem derer, die in einer bestimmten Weise emotional instabil sind.
Wenn ein Mensch rational und gesund funktionieren soll, benötigt er ein gesundes Umfeld. Doch die bosnische Gesellschaft sieht sich vielen Problemen gegenüber. Die politische Situation ist sehr instabil und oft fühlen wir uns an Dinge erinnert, die vor dem Krieg 1991/92 geschehen sind."
Seit dem Ende des Krieges hat ihr Zentrum 7.000 Opfer und 2.500 Familienangehörige behandelt. Rund 60 Prozent der Patienten gelang es, ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.
Kriegserlebnisse:
Die psychologische Last:
|

Frau im Sozialzentrum von Novi Travnik - Zentrum für Folteropfer in Sarajevo
Kriegsstatistik:
|

Nadira und Franjo
Franjo aus Novi Travnik leidet an PTSD (Posttraumatische Belastungsstörung). Vom Krieg tief traumatisiert lebt er in einem Keller. Sein Vater wurde im Krieg getötet. Ihm selbst wurde in den Arm geschossen.
Franjos Zustand bedeutet für seine Frau Nadira und ihre gemeinsamen Kinder eine große Bürde. Er sagt:
"Ich habe immer hart gearbeitet. Ich sage Ihnen, ich wollte immer arbeiten, so dass ich mit meiner Arbeit etwas beitragen kann, ich möchte nichts umsonst bekommen. Manchmal habe ich Tage, an denen es nichts gibt… aber ich bin ein Kämpfer, für mein Leben, für meine Kinder. Was den Krieg angeht, so ist immer Krieg. Seit Jugoslawien unterging, wird es immer Krieg geben. Damals herrschte Frieden, es gab Schönheit, Freiheit, die Gold wert ist… heute ist es anders herum. Heute ist es schlimmer als früher. Jeder Tag ist noch schlimmer. Weil mit der Gesellschaft etwas nicht in Ordnung ist."
Armut und die Wirtschaft:
|
.jpg)
Ein junger Drogenabhängiger und seine Mutter in Novi Travnik
Ein junger Drogenabhängiger, der auf seinen Wunsch anonym bleiben soll, und seine Mutter gehen regelmäßig in das Sozialzentrum von Novi Travnik. Er sagt, der Verlust seines Vaters sei ein Hauptauslöser für seine Sucht gewesen:
"Ich verlor meinen Vater im Krieg. Das verletzte mich sehr. Ich vermisse ihn so sehr… Mir tut leid, was ich in den letzten Jahren getan habe. Ich habe sein Andenken beschmutzt. Und er war ein guter Mann. Ich war noch klein als er starb… ich vermisse ihn so sehr! Ich erinnere mich noch ganz genau, als er das erste – also eigentlich das letzte – Mal ging. 'Mach deiner Mutter keinen Kummer'. Und dann ging er und kam nie wieder zurück… Dieses Bild kommt immer wieder und wieder hoch…"
Durch seinen Drogenkonsum hat sich der junge Mann mit Hepatitis C infiziert. Er erklärt die Gründe für seinen Drogenkonsum:
"Ich träume davon, ein besserer Mensch zu werden. Zu werden, was ich niemals war. Ich habe meine gesamte Kindheit vergeudet. Ich träume davon, auszubrechen und auf den rechten Pfad zurückzufinden, um das zu tun, was ich tun sollte… Vor allem schmerzt mich die Ungerechtigkeit. Die Ungerechtigkeit, die uns allen hier widerfahren ist, all die Dinge nach dem Krieg. Alles. Es gibt keine Arbeit. Es gibt gar nichts… Es gibt hier viele Drogenabhängige… Weil die Leute nichts zu arbeiten haben, sie haben gar nichts… und es gibt hier zu viele Drogen. Die Drogen richten in ganz Bosnien Unheil an."
Er fügt hinzu:
"Vater hätte das nicht zugelassen… es wäre nicht so wie heute. Dessen bin ich mir sicher."

Kindergarten in Sevarlije
Den meisten Menschen in Bosnien ist es gelungen, mit ihren Traumata fertig zu werden. Selma Mujkic ist mit ihrer Familie in ihr Heimatdorf Sevarlije zurückgekehrt, von wo sie 1992 fliehen musste.
Jeden Tag verbringt sie mit den Kindern des Dorfes Zeit im Kindergarten des Gemeindezentrums. Ihre eigene Kindheit hat sie als traurig in Erinnerung:
"Wir hatten nichts zu essen und kein Holz. Wir hatten gar nichts. Und als Kind hatte man eine gewisse Verantwortung, wie ein Erwachsener für seine Familie zu kämpfen. Deshalb ging meine Kindheit in diesem Überlebenskampf um etwas zu Essen oder zum Heizen an mir vorbei. Ich ging unter Granatenfeuer zur Schule. Wir gingen zur Schule, auf uns wurde geschossen, und wir gingen nach Hause, irgendwie so… Trauer… Diese Kindheit brachte mir nichts als Sorgen, Granaten und Hunger."
Selma fügt hinzu:
"Wir kamen zurück, bauten das Haus wieder auf und haben etwas erreicht. Aber das bedeutet lediglich, dass wir alles Materielle, das wir verloren haben, wiedererlangten. Aber die Jahre, die für etwas Schönes hätten genutzt werden können, um die Welt kennen zu lernen, haben wir verloren…"
Selma arbeitet nun daran, der nächsten Generation zu helfen:
Ich lehre sie vor allem, untereinander einig zu sein. Damit es Frieden unter den Kindern gibt. Und wenn sie streiten, dass sie sich friedlich einigen. Sich zu lieben und gegenseitig zu respektieren. Das ist das wichtigste: sich zu respektieren, ganz gleich, wer wer ist, einander zu ehren. Wenn Liebe nicht möglich ist, dann wenigstens Respekt."
Ungefähr ein Drittel der Bürger in der Republika Srpska waren bei Ausbruch des Krieges zehn oder jünger, in der Föderation liegt dieser Anteil bei 38 Prozent. Sie erinnern sich nicht an das sozialistische Bosnien vor dem Krieg. |

Adisa Zekic
Adisa Zekic ist die Frontsängerin der Band 'Dubioza Kolektiv'. Sie war noch ein Kind, als der Krieg ausbrach. Sie lebte in ihrer Heimatstadt Zenica:
"Warten auf das Ende des Krieges. Auf das Ende dieses Drucks… du darfst dies nicht tun, du darfst das nicht tun. Ständig ist man hungrig… Ich trug hunderte Liter Wasser durch die Stadt, so dass wir trinken und unser Geschirr waschen konnten…"
Adisa wurde durch eine Kugel verletzt:
"Da war ein Funke, ein Querschläger, der mein Bein traf. Drei Millimeter neben meinem Knochen. Ich hätte beinahe mein Bein verloren."
Adisa macht vor allem die Lage von Frauen im heutigen Bosnien Sorgen:
"Im Krieg waren auch die Frauen große Kämpferinnen. Es gibt viele Fälle, in denen die Männer nicht zu Hause waren oder in keiner Weise dazu beitragen konnten, die Familie zusammenzuhalten, Nahrung zu beschaffen, etwas Geld zu verdienen oder irgendetwas zu tun. Es gibt viele Fälle, in denen Frauen, ohne ihre Männer oder Söhne klarkommen mussten… Bei jeder Frau auf der Straße muss man sich fragen, was sie wohl durchmachen musste."
Nach dem Krieg kam Adisa nach Sarajevo und schloss sich der Band Dubiosa Kollektiv an, die die politische Situation lautstark kritisiert.
Mario Lucic hat die vergangenen acht Jahre das Jugendzentrum von Novi Travnik betreut. Dieses dient als Treffpunkt für Menschen, die die Trennung der Stadt in einen bosniakischen und einen kroatischen Teil nicht hinnehmen wollen.
"Eine Gruppe junger Menschen brachte den Enthusiasmus auf, sich in einer Stadt zusammen zu tun, die in einen bosniakischen und kroatischen Teil gespalten war. Sie beschlossen einen Plan und nannten ihn 'Die Überwindung der Mauern des Nationalismus'. Wir gründeten eine Organisation und nun sind wir hier. Wir geben uns gegenseitig Kraft…"
Mario glaubt, dass sich die politische Lage nur langsam verbessert, und dass die soziale Situation in der Stadt sich sogar verschlechtert. Er sieht sich demselben Dilemma wie alle jungen Menschen in Bosnien gegenüber:
"Um ehrlich zu sein glaube ich, dass die ganze Geschichte auf die Frage hinausläuft, ob ich ein richtiger Patriot bin. Ich bin soweit ein Patriot, soweit ich es ertragen kann. So lange ich es aushalte und mit dem zufrieden bin, was ich habe, werde ich hier bleiben…"
Laut einer von UNDP im Juli 2007 in Auftrag gegebenen Studie würden zwei Drittel aller unter 30jährigen das Land verlassen, wenn sie die Chance dazu hätten.
- "War Experiences and War-related Distress in Bosnia and Herzegovina. Eight Years after War", Gerd Inger Ringdal, Kristen Ringdal, Albert Simkus. Croatian Medical Journal, 2008; No. 49:1 page75-8 February 2008
- The Silent Majority Speaks, UNDP Survey, 2007
- Bosnia and Herzegovina, Ministry for Human Rights and Refugees Department for Housing Policy and Analytical Planning, May 2006
- Labour and Social Policy in Bosnia and Herzegovina: The development of policies and measures for social mitigation, World Bank, Department for International Development, Bosnia and Herzegovina May 2005
- Living Standard Measurement Survey in BiH, Module 9 – Social Aid
June 2008
| Weitersagen: | Was bedeutet das? |



