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Bosnian football
Die bosnische Nationalmannschaft (zusammen mit der kroatischen im Hintergrund)

In Bosnien gibt es 1.607 Fußballvereine mit über 20.000 eingetragenen Spielern. Die Schaffung einer bosnischen Nationalmannschaft war jedoch nicht einfach. In den Ranglisten der FIFA ist Bosnien vom 25. Platz (August 2007) auf den 62. gefallen (2008).

Am 1. Juni 2008 feuerten geschätzte 20.000 Fans Bosniens Top-Fußballer an, als diese unter Missachtung des Managements des bosnischen Fußballverbands ein wichtiges Benefizspiel veranstalteten. Spieler und Fans protestierten damit gegen die Korruption und Inkompetenz des Verbandes.

Der Tropfen, der das Fass zum überlaufen gebracht hatte, war die Entlassung des Trainers Meho Kodro, eines ehemaligen Fußballstars, der sich weigerte, ein Freundschaftsspiel gegen Iran zu spielen, das anstelle eines Freundschaftsspiels gegen Polen angesetzt worden war.

Anfang 2007 verweigerten sich 13 Spieler aus Protest gegen die angeblich unfaire Spielerauswahl dem Ruf in den Nationalverband.


Dario Damjanovic. Foto: glasdalmacije.com

Laut dem in Gradacac geborenen Dario Damjanovic gibt es inzwischen so etwas wie ein Nationalgefühl:

"Es ist unwichtig, dass in der Reprezentacija [Nationalauswahl] unterschiedliche Nationalitäten sind. Wir sind alle wie eine Familie. Persönlich fühle ich mich wie zu Hause… Wir sind wie ein Körper, ein Geist."

Er fügt hinzu:

"Ich spiele heute für das Land, in dem ich geboren bin und das kann mir niemand nehmen… Wir kommen zusammen, die Spieler aus Sarajevo und wir, die wir aus dem Rest Bosniens kommen und einander kennen, und wir sprechen ein wenig über unser Heimatland, über Bosnien und erinnern uns an all die Dinge, die geschehen sind. Im Ernst, ich bin so selten hier. Es gibt viele Spieler, die hierbleiben; aber wir aus dem Ausland sind gefühlvoller."

Die bosnische Nationalmannschaft hatte bisher nur wenige Erfolge in internationalen Spielen. In den Qualifizierungsrunden für die EURO 2008 schlug Bosnien die Türkei am 2. Juni 2007 auf heimischem Rasen 3:2. Sie schlugen auch Norwegen mit 2:1. Malta sogar zweimal. Das Team qualifizierte sich für Gruppe C.


Der größte Erfolg der Mannschaft: In der Qualifizierungsrunde für die Gruppe C schlug Bosnien die Türkei 3:2.

Der bosnische Fußball ist aber nach wie vor bekannter für das Talent einzelner Spieler wie Sergej Barbarez oder Hasan Salihamidzic als für ihre nationale 'Reprezentacija'.


Sergej Barbarez aus Mostar (L). Foto: bundesliga.de
Hasan Salihamidzic aus Jablanica (R). Foto: daylife.com

Zvjezdan Misimovic war Kapitän der Nationalmannschaft. Er spielte über 30 Mal im Mittelfeld für Bosnien. Er wurde in München als Kind serbischer Eltern geboren und spielte in der Saison 2007/2008 für den FC Nürnberg. Er erklärt:


Zvjezdan Misimovic

"Ich bin in München geboren und dort aufgewachsen… Wenn man heute in den Teil Bosniens geht, wo ich herkomme ist es komisch: dort ist jeder für Serbien. Dort erfährt man nur wenig über die bosnische Nationalmannschaft. Und wenn man in die Herzegowina fährt, sieht man fast nur kroatische Flaggen, weil sie dort Katholiken sind. Es ist mein bisschen merkwürdig, aber ich glaube, dass sich immer mehr Menschen Bosnien zuwenden und uns unterstützen werden.

Er fügt hinzu:

"Ich denke, wenn erst die Erfolge kommen, dann… Es ist noch nicht so lange her, dass nur Bosniaken spielten, heute haben wir auch Serben und Katholiken. Die Nationalmannschaft ist nun multikulturell und deswegen glaube ich, dass sich mehr und mehr Menschen dafür interessieren werden… Ja, ich fühle mich als Bosnier und nicht mehr als Serbe. Meine Eltern sind aus Bosnien. Ja, und ich habe meine Ferien dort verbracht, habe viele Freunde dort. Und ich fühle mich als Bosnier und es ist überhaupt keine Frage für mich."

Ein anderer Serbe, Branimir Bajic, ein 29jähriger Verteidiger kommt ursprünglich aus Bijeljina und spielt nun Vereinsfußball in der zweiten Liga für den TuS Koblenz in Deutschland. Er sagt:

"Für einen Fußballer bedeutet es viel, für die 'Reprezentacija' zu spielen. Es beweist seinen Wert und seine Qualitäten, die ja gebraucht werden. Schon die Einladung in die Nationalmannschaft zeigt seine Qualitäten. Und zweitens ist es eine Ehre, im bosnischen Nationalteam zu spielen."

Aber die Meinung ihres heimischen Umfeldes kann es Spielern sehr schwer machen, tatsächlich in der Nationalmannschaft zu spielen. Branimir Bajic erzählt, was geschah, als er Vereinsfußball in Bijeljina spielte:

"Ich bin bereits zu einer Zielscheibe geworden. Ich stamme übrigens aus der Republika Srpska und habe in deren Liga für Radnik Bijeljina gespielt. Und als ich für die bosnischen Nationalmannschaft spielte, war das für einige Leute dort ein Problem."

Es kann noch andere Gründe geben, warum ein Bosnier nicht für die Nationalmannschaft spielen möchte. Ungefähr 600.000 Bosnier sind während der letzten zwei Jahrzehnte nach Serbien, Kroatien oder andere Länder ausgewandert – ganz abgesehen von Wanderungsbewegungen in früheren Zeiten.


Niko Kovac, der Kapitän Kroatiens

Niko Kovac ist der Kapitän der kroatischen Nationalmannschaft, die in der EURO 2008 erfolgreich das Viertelfinale erreichte. Niko und sein Bruder und Mitspieler Robert kamen in Westberlin als Kinder kroatischer Gastarbeiter zur Welt. Ihre Eltern stammen aber ursprünglich aus Livno im Westen Bosnien und Herzegowinas. Niko Kovac begann seine Karriere im Ortsverein Herta Zehlendorf in Berlin. Heute spielt er für Red Bull Salzburg.

Der bosnischen Nationalmannschaft fehlt aber auch die Unterstützung von Teilen der politischen Elite Bosniens. Milorad Dodik, der Premierminister der Republika Srpska, tut die Mannschaft, in der auch einige seiner Bürger spielen, als rein bosniakische Angelegenheit ab:

"Wenn es um die Nationalauswahl geht, bin ich natürlich für Serbien, ganz gleich, was andere darüber denken mögen. Wenn Serbien gegen Bosnien und Herzegowina spielt, bin ich für Serbien. Ich denke, das ist normal. Und ich denke auch, dass es normal ist, wenn die Bosniaken für Bosnien und Herzegowina sind. Und ich meine auch, dass es normal ist, dass die Kroaten für Kroatien sind."

June 2008

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