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Macedonian military helicopter in action during the fighting in early June 2001
Mazedonischer Militärhubschrauber während der Kämpfe im Juni 2001. Foto: ACIG.org

In den 90er Jahren verlief Mazedoniens Weg in die Unabhängigkeit friedlich. Es trennte sich ohne militärischen Konflikt von Jugoslawien und konnte auch innere Krisen vermeiden. In dieser Periode wurde Mazedonien als ein Modell multiethnischen Zusammenlebens auf dem Balkan gepriesen.

Obwohl die Albaner immer in der Regierung vertreten waren, nahm sich der neue Staat jedoch nur sehr langsam albanischer Anliegen an, wie der systematischen Diskriminierung von Albanern in der Staatsverwaltung, die vom sozialistischen System herrührte, oder des geringen Angebots an albanischsprachiger Hochschulausbildung. Zusammen mit dem Niedergang der Wirtschaft in den 90er Jahren schuf dies eine explosive Mischung.

Als die vorrangigen Nutznießer von vier Jahrzehnten industrieller Entwicklung waren ethnische Mazedonier dem rapiden Niedergang der (ehemaligen) staatseigenen Betriebe schutzlos ausgeliefert. Die Albaner waren aufgrund ihrer Ausgrenzung aus dem sozialistischen System und seiner Leistungen dazu gezwungen gewesen, andere Einkommensstrategien ins Auge zu fassen, vor allem Arbeitsmigration und Kleinhandel. Damit waren sie in einer viel besseren Lage, den Zusammenbruch des sozialistischen Systems zu überstehen.

Die auseinanderklaffenden Erfahrungen erklären, warum die zwei Gemeinschaften sehr unterschiedliche Meinungen darüber hatten, in welchen Bereichen der mazedonische Staat versagte und wer den Preis für dieses Versagen zahlte. Mit einem Fuß im Ausland stehend, nahmen die Albaner den Staat als fremd und wenig um ihre Probleme besorgt wahr. Trotz ihres relativen Wohlstands war ihre Meinung von der Erfahrung lebenslanger Ausgrenzung geprägt. Ethnische Mazedonier dagegen fühlten sich sozial und wirtschaftlich im Stich gelassen. Der Staat wurde immer schwächer und konnte die Entwicklungen in der postsozialistischen, postindustriellen Gesellschaft kaum beeinflussen. Als die wirtschaftlichen Privilegien, die einst mit der Kontrolle der Verwaltung einhergingen, verschwanden, konnten die ethnischen Mazedonier die abrupte Verschlechterung ihrer Lage nicht begreifen.

Der fehlende politische Wille (auch bei den Vertretern der Albaner in der Regierung), sich mit diesen Problemen zu beschäftigen, bereitete den Boden für neue Akteure, die bereit waren, ihre Interessen außerhalb des politischen Prozesses zu verfolgen.

Im Januar 2001 begann eine paramilitärische Gruppe, die sich Nationale Befreiungsarmee (National Liberation Army, NLA) nannte, Polizisten sowie Militärpersonal und -anlagen anzugreifen. Ihr Führer war Ali Ahmeti aus Westmazedonien. Nach der Ermordung eines Polizisten in dem vorwiegend albanischen Dorf Tearce am 22. Januar 2001 gab die NLA in einem Communiqué bekannt:

"Die Albaner in Mazedonien haben ihre Rechte durch Dialog auf einem verfassungsmäßigen und friedlichen Weg verlangt. Unsere Forderungen sind ignoriert worden. Die mazedonische Regierung hat mit Terrorherrschaft reagiert … Die NLA wird kämpfen bis Mazedonien verfassungsmäßig ein mazedonisch-albanischer oder ein albanisch-mazedonischer Staat ist … Wir wollen Mazedoniens Souveränität und territoriale Integrität erhalten."

Drei Wochen später nahmen NLA-Kräfte das Dorf Tanusevci nahe der Grenze zum Kosovo ein. Die mazedonische Regierung behauptete, dass die Rebellen Mitglieder der Kosovo Liberation Army (KLA) seien, die in das Land aus dem Kosovo eingedrungen seien. Mazedonische Sicherheitskräfte wurden nach Tanusveci geschickt. Einer der Einwohner des Dorfes und zwei mazedonische Soldaten wurden getötet. Schließlich übernahmen US-amerikanische NATO-Truppen, die im Kosovo stationiert waren, die Kontrolle über einen Teil des Dorfes.

Mitte März, als die Rebellen die Polizei in Tetovo angriffen, der inoffiziellen Hauptstadt der albanischen Minderheit, eskalierte die Krise. Eine Regierung der nationalen Einheit wurde gebildet, die versprach, energisch vorzugehen.

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Rückblick auf die ethnischen Spannungen von 2001. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Nachdem es zu wiederholten Angriffen auf mazedonische Sicherheitskräfte gekommen war, demonstrierten Mazedonier in einigen Städten. Sie randalierten gegen Geschäfte, Moscheen und Häuser im Besitz von Albanern und setzten sie in Brand. Solche Ausschreitungen gab es hauptsächlich in Prilep, Skopje und Bitola.

Als die Rebellen am 8. Juni Aracinovo in der Nähe von Skopje übernahmen, griff Javier Solana, der Hohe Repräsentant der EU für gemeinsame Außen- und Sicherheitspolitik, ein und handelte einen Waffenstillstand aus. Doch die NATO evakuierte die Rebellen, ohne sie zu entwaffnen, was bei ethnischen Mazedoniern wütende Proteste hervorrief. Ermira Mehmeti, eine Studentin, die damals als Übersetzerin arbeitete und heute die Sprecherin der größten albanischen Partei (DUI) ist, erinnert sich:

"Polizeireservisten versammelten sich vor dem Parlament im Zentrum von Skopje. Sie warfen Steine auf das Parlament und riefen nach dem Premierminister, um mit ihm zu reden. Ich nehme an, dass sie das, was in Aracinovo passiert war, als Feigheit ansahen."

Radmila Sekerinska, damals Vizepräsidentin der Sozialdemokratischen Partei, blickt auf die Schwierigkeiten im politischen Prozess zurück:

"Jeder wollte das Ende der Feindseligkeiten, aber niemand war bereit, den politischen Preis dafür zu bezahlen. Politiker hielten daran fest, dass wir nicht mit den Rebellen, Terroristen oder Kämpfern in Verhandlungen treten sollten. Manche Leute glaubten, wir würden bereits Verrat begehen, sobald wir uns nur an den Tisch setzten und zwischen vier politischen Parteien und dem Präsidenten verhandeln würden."

Während die Gefechte weitergingen, gab es zwischen den politischen Führern der ethnischen Albaner und der ethnischen Mazedonier Friedensverhandlungen. Präsident Boris Trajkovski spielte dabei eine wichtige Vermittlerrolle. Diese Gespräche, die von der EU, der NATO, den USA und der OSZE unterstützt wurden, resultierten in einem Entwurf für ein Rahmenabkommen. Der Entwurf sah ein Ende der Gewalt vor, eine mit einer Amnestie verbundene Entwaffnung der NLA-Soldaten und einen Reformprozess, um die Probleme der ethnischen Albaner zu lösen.

Als die Kämpfe um Tetovo herum und dann in Dörfern nahe der Stadt Kumanovo im Norden heftiger wurden, wurden die Verhandlungen im Juli 2001 in eine Tito-Villa am Ohridsee verlegt. Es schien, dass der intensive internationale Druck, der im Engagement von Javier Solana und NATO-Generalsekretär George Robertson zum Ausdruck kam, zu einem Abkommen führen würde. Doch die Kämpfe verursachten fast einen Abbruch der Verhandlungen, sagt Radmila Sekerinska:

"Gerade als die Diskussionen begonnen hatten, gab es auf der Straße nach Tetovo einen tragischen Zwischenfall. In einem Hinterhalt wurden Polizisten und Soldaten in einer riesigen Bombenexplosion getötet. Die Bevölkerung stand unter Schock. Ich glaube, dass jeder nun dachte, 'Ok, es herrscht Krieg bei uns.' Und es gab diesen natürlichen Impuls, all das [die Gespräche] aufzugeben und zu sagen: 'Sie haben sich für Krieg entschieden, wir müssen das akzeptieren. Wir müssen uns darauf vorbereiten und alles tun, um unser Land zu retten.' Die Atmosphäre in Ohrid war schrecklich."

Kräfte unter der Kontrolle des Innenministers Ljube Boskovski, der einen harten Kurs propagierte, starteten eine Offensive gegen das albanische Dorf Ljuboten in der Nähe des Ortes, an dem der Hinterhalt verübt worden war. Sie behaupteten, nach NLA-Kämpfern zu suchen, aber bei dem Angriff wurden zehn Zivilisten getötet. (Boskovski musste sich vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten, wurde aber am 10. Juli 2008 freigesprochen.)

Laut Sekerinska war es aber dank des Vertrauens, das bereits aufgebaut worden war, möglich, ein Abkommen zu erreichen.

"Wir hatten Vertrauen in die Politiker, die das Abkommen unterschrieben. Wir hatten kein Vertrauen in die NLA, aber wir vertrauten der NATO und der EU und den USA, die sagten: 'Wenn ihr dies unterschreibt, kann der Frieden nach Mazedonien wieder zurückkehren.'"

Das Rahmenbkommen von Ohrid wurde am 13. August 2001 unterzeichnet. Die Stationierung der internationalen Friedenstruppen unter Führung der NATO begann, während die Emotionen bei den ethnischen Mazedoniern noch hohe Wellen schlugen, erinnert sich Sekerinska:

"Die Leute sagten, dass all die Dinge des Ohrid-Abkommens zwar nicht abgelehnt werden sollten, aber hätten wir sie wirklich unter Androhung von Waffengewalt verhandeln müssen? Vielleicht hätten wir dieselbe Entscheidung auch ohne die Opfer erreicht. Diese Gefühl ist sehr stark unter den ethnischen Mazedoniern, dass sie dazu gezwungen wurden, einem Abkommen zuzustimmen, das nicht fair war."

Die 3.000 Soldaten umfassende NATO-Truppe "Essential Harvest" ("Bedeutende Ernte") sammelte eine relativ kleine Menge Waffen ein, die die NLA freiwillig übergab. Im September und Oktober 2001 gab es kaum noch gewalttätige Auseinandersetzungen im Land. Am 16. November nahm das mazedonische Parlament formell die Verfassungsänderungen an, die am Ohridsee vereinbart worden waren. Präsident Trajkovski erklärte auch die Amnestie für alle ehemaligen NLA-Kämpfer.

Eine Mission internationaler Beobachter wurde ins Land geschickt, um die Rückkehr der geflohenen und vertriebenen Bevölkerung sicherzustellen. Die NATO-Truppen blieben, um Sicherheit zu gewährleisten. Im März 2003 wurden sie von der ersten EU-Militärmission in der Geschichte der EU, "Operation Concordia", ersetzt. Ihr Mandat ging am 15. Dezember 2003 zu Ende. Eine EU-Polizeimission – die zweite Polizeimission in der Geschichte der EU – dauerte bis Dezember 2005.

May 2008

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