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Age Carcu Mhill Carcu
Age und Mhill Carcu

Die Familie Carcu lebt in Theth, einem abgelegenen Dorf in Nordalbanien. Die Dorfbevölkerung schrumpfte in den letzten zehn Jahren dramatisch. Viele, die geblieben sind, leben von den Überweisungen ihrer Verwandten, die in andere Länder emigriert sind. Während des Winters, der ?ber sechs Monate dauern kann, ist Theth von der Außenwelt abgeschnitten. Mhill Carcu erzählt:

"80% von Teths Bewohnern leben während des Winters nicht mehr hier. Nur 20 von 300 Haushalten leben hier das ganze Jahr hindurch. Sie sind wegen der [mangelnden] Lebensqualität gegangen; vor allem weil die Straße vom Schnee versperrt wird. Es gibt dann keinen Zugang zu Bildung und keine ärztliche Versorgung. Darum sind die meisten Menschen aus Theth weggegangen. Wenn man keine Bildung hat, keinen Arzt, keine Strassen und auch keine Chance, Geld zu verdienen, gibt es einfach keinen Grund hierzubleiben."

Mhill hat zwei junge Söhne. Wenn sie alt genug sind, um zur Schule zu gehen, wird auch er Theth mit seiner Familie verlassen. Seine Schwestern und Brüder sind schon vor Jahren gegangen, um Ausbildung und Arbeit zu suchen. Mhill sagt, er ist geblieben, um nach dem Rechten zu sehen und sich um Haus und Hof zu kümmern, und weil er von den wenigen Touristen leben kann, die nach Theth kommen. Er macht die Regierung für den Lebensstandard in seinem Dorf verantwortlich:

"Das sind doch Dinge, für die die Regierung verantwortlich ist. Wenn die Regierung gewollt hätte, dann hätte sie sicherstellen können, dass die Menschen hier Bildung und ärztliche Betreuung bekommen. Sie hätte für gute Straßen sorgen können und sich um die anderen Probleme im Dorf kümmern können […]

Der regionale Regierungsvertreter kennt Theth überhaupt nicht. Er kommt hier gelegentlich vorbei, um Stimmen zu sammeln, dann verschwindet er und wir sehen ihn nie wieder."

Während der kommunistischen Zeit war Theth wie so viele andere Dörfer völlig abgeschieden. Die Behörden verboten den Menschen fortzugehen. Im Gegenteil, politische Dissidenten und Bürger, denen der Staat misstraute, wurden unter Zwang in den Dörfern angesiedelt. Um ein anderes Dorf zu besuchen oder um Gäste zu empfangen, benötigte man eine Erlaubnis. Der Briefaustausch mit Verwandten, die im Ausland lebten, war verboten. Mhill erinnert sich an diese Zeit:

"Theths Bevölkerungsstruktur war intakt bis zum Jahr 1990. Wir lebten und arbeiten zusammen als eine Gemeinschaft. Zu der Zeit war die Bildungssituation viel besser, es gab mehr ?rzte als heute. Wir waren aber auch in einer abgeschlossenen Zone und durften sie nicht verlassen oder über die Berge reisen. Die Polizei hätte uns aufgreifen und denken können, dass wir versuchten, von hier zu fliehen, […]

Aber die Gesundheitsversorgung, die Bildung, die Straßen waren alle besser, als sie es heute sind. Wir hatten mehr Elektrizität. Ich spreche hier nur von diesem Dorf. Viele Dinge waren sehr viel besser damals, aber andere Dinge waren auch viel schlimmer."

Age Carcu, Mhills Mutter, lebt seit 60 Jahren in Theth. Sie kam aus dem Nachbardorf, und schloß sich dem Haushalt ihres Mannes an:

"Ich hatte meinen Ehemann vorher nie getroffen. Ich war mit Hilfe eines Heiratsvermittlers verkuppelt worden, als ich noch im Leib meiner Mutter war. Fünf Lek in eine Schatulle und ich war versprochen. Mein Ehemann und ich hatten gute aber harte Zeiten zusammen, bis er starb. Ich habe ihm sieben Kinder geboren. Und es war nicht einfach, alle aufzuziehen."

"Ich kann mir gar nicht vorstellen, irgendwo anders zu leben. Es würde mir sehr schwer fallen, diese Gegend und mein Haus hier in den Bergen zu verlassen. Ich halte es schon kaum aus, wenn ich mit meiner Schwester eine Stunde unten im Tal verbringe. Sogar wenn du mir ganz Tirana anbötest, ich bliebe hier. Hier, wo das Leben so hart war."

May 2008

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