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Kosovar children
Kosovarische Kinder in Lubishte. Foto: ESI

Haushalte im Kosovo sind die größten in ganz Europa. Auf dem Land, wo mehr als zwei Drittel der Bevölkerung leben, umfasst der durchschnittliche Haushalt mehr als 6 Mitglieder im Vergleich zu der durchschnittlichen Haushaltsgröße in der EU von 2,5 Mitgliedern. Man muss heute bis nach Südostanatolien reisen, um Familien von vergleichbarer Größe zu finden. Dies erklärt auch, warum sogar arme Dorfbewohner im Kosovo üblicherweise sehr große Häuser haben. Im Rest des Balkans, wo bis vor zwei Generationen dieselben Traditionen bestanden, ist die traditionelle patriarchale Familie längst verschwunden.

Haushalte im Kosovo sind häufig Mehrfamilienhaushalte mit mehreren Brüdern, die auch nach der Heirat mit ihren Eltern zusammenleben. Der Begriff "patriarchal" bezieht sich auf den Umstand, dass alle Männer eines Haushalts nach ihrer Heirat im Haus der Familie bleiben und große Mehrfamilienhaushalte schaffen:

"Das grundlegende Prinzip der Zadruga [der slawische Begriff für solche Familien] ist, dass Männer niemals aus dem gemeinsamen Haushalt ausziehen. Söhne und ihre Nachkommen verbleiben dort und nur Töchter verlassen ihn bei der Heirat, um Mitglied der Zadruga ihres Ehemanns zu werden. Die Zadruga ist ein hierarchisches System, das jedem Mitglied einen bestimmten Rang zuweist. Dieser Rang wird durch Alter und Geschlecht festgelegt, dabei spielt das Geschlecht eine stärkere Rolle als das Alter: alle männlichen Haushaltsangehörigen stehen über den Frauen …"

Vera Ehrlich

In der vor-industriellen Gesellschaft waren Großfamilien sowohl wirtschaftlich als auch sozial sinnvoll. Noch vor einem halben Jahrhundert gab es reichlich Land; es mangelte ländlichen Haushalten in erster Linie an Arbeitskräften. Mehr Männer in einem Haushalt bedeuteten mehr Reichtum und Einfluss, da mehr Land bestellt und mehr Vieh gehalten werden konnte. Haushalte waren weitgehend autark – von Nahrung und Kleidung bis zum Haus- und Möbelbau – und nahmen nur marginal an der Geldwirtschaft teil. Hohe Sterberaten hielten das Bevölkerungswachstum niedrig und verhinderten, dass Haushalte eine nicht mehr tragfähige Größe erreichten.

Als eine wirtschaftliche Einheit ist die patriarchale Familie ein Kollektiv. Alles Eigentum ist gemeinschaftlich. Alle wesentlichen Entscheidungen werden vom Haushaltsvorstand getroffen (zoti i shtepise): vom Zeitpunkt der Aussaat oder der Schlachtung von Tieren bis zur Festlegung dessen, was einen "anständigen Lebenswande" darstellt. Diese Autorität besteht bis heute fort.

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Patriarchale Familien. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Der Haushaltvorstand legt fest, wie Geldtransfers von Familienmitgliedern im Ausland verwandt werden und wieviel Schulbildung die Kinder erhalten sollen. Es wird davon ausgegangen, dass jeder erwachsene Mann gleichviel zum Familieneinkommen beiträgt, unabhängig von seiner tatsächlichen Arbeit. Das Einkommen wird zusammengelegt und jedes Familienmitglied hat ein Anrecht auf den gleichen Anteil für seine Grundbedürfnisse. Wenn Haushalte sich aufteilen, wird alles Eigentum zu gleichen Anteilen unter den Brüdern aufgeteilt, das Land eingeschlossen.

Frauen andererseits bleiben fast nie im selben Dorf, sie werden in andere Familien verheiratet. Da Ehefrauen immer aus anderen Dörfern kommen, und da von Töchtern erwartet wird, dass sie nach ihrer Heirat in eine andere Familie eintreten, sind Investitionen in die weiblichen Mitglieder der Familie marginal. Es ist daher nur logisch, dass Frauen keinerlei Anteil am Familieneigentum erben und nur einen untergeordneten Status im Haushalt haben. Eine der vielleicht entscheidendsten Folgen dieser Tradition ist die vorherrschende Ansicht, dass sich "Bildung von Frauen nicht auszahlt".

Die Geburt eines männlichen Erben gilt als das bedeutendste Ereignis überhaupt – dies ist die wichtigste Aufgabe jeder verheirateten Frau. Ohne diesen männlichen Erben fällt das Vermögen an die Brüder, aber nicht an die Ehefrau oder Schwestern. Nach dem Tod ihres Mannes sind Witwen auf die Unterstützung ihres Schwagers angewiesen oder müssen in den Haushalt ihrer Eltern zurückkehren. In den Dörfern des Kosovo sind bis heute fast alle Frauen über 30 verheiratet. Scheidungen sind sehr selten.

Faruk Kelmendi, ein im Westkosovo geborener angesehener Journalist, nennt einen weiteren Grund für das Überleben des traditionellen Mehrfamilienhaushalts:

"Das war auch eine Form des Widerstandes gegen das damalige System und die Politik. … Es war eine Art Kriegsinstrument der Albaner, weil sie keine Waffen, keine Ausrüstung, kein Heer, keine Ausbildung hatten. 90 Prozent der Albaner waren Analphabeten, weil die Kinder nicht zur Schule geschickt wurden. Die große Familie war symbolisch, metaphorisch für eine Art Heer oder eine militärische Organisation."

Seit den 1950er Jahren führte ein verbessertes Gesundheitssystem zu einem raschen Rückgang der Sterblichkeitsrate. Ein fortgesetzt rasches Bevölkerungswachstum hatte große Haushalte zur Folge. Noch in den 80er Jahren betrug das Bevölkerungswachstum über 2,5 Prozent jährlich - mehr als in den 1940er Jahren. Bei dieser Rate verdoppelt sich die Bevölkerung binnen 30 bis 40 Jahren.

Seit den 1970er Jahren leiden die Dörfer des Kosovo an Überbevölkerung. Da das Land auch weiterhin zu gleichen Anteilen unter den Brüdern aufgeteilt wurde, schrumpfte die durchschnittliche Grundstücksgröße eines Bauernhofs auf weniger als 2 Hektar. Dies bedeutet eine weitere Zunahme des Drucks auf den ländlichen Kosovo und sein einziges funktionierendes soziales Sicherungssystem – die patriarchale Familie – und es ist keine Lösung in Sicht.

May 2008

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