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Osman Topcagic
Osman Topcagic (II)

Osman Topcagic leitet die Abteilung für europäische Integration der Staatsregierung von Bosnien und Herzegowina. Er ist der höchste für europäische Integration zuständige Beamte und ein unermüdlicher Verfechter der europäischen Agenda. Er erklärt:

"Mehr Europa in der Region bedeutet mehr Stabilität, mehr wirtschaftlichen Wohlstand und, mehr Arbeitsplätze. … Alle Parteien unterstützen den Prozess der europäischen Integration, und die Bevölkerung ist auch dafür." (Siehe www.esiweb.org, The Adriatic push for enlargement).

Osman Topcagic wurde in Sarajewo geboren; seine Mutter stammt aus einer alteingesessenen Familie. Sein Großvater war Kaufmann und unterhielt Handelsbeziehungen nach Wien, Budapest und Istanbul. Er besaß ein großes Haus gegenüber der Bibliothek, wo seine Mutter noch heute lebt. Sein Großvater besaß mehrere Geschäfte und Grundstücke, welche allerdings von den Kommunisten konfisziert wurden.

Osman ging auf das Erste Gymnasium, die beste Schule Sarajewos. Osmans Familie war religiös, aber unter Tito zeigte man dies nicht in der Öffentlichkeit. Wie viele andere in seinem Alter wurde er mit sieben Jahren Mitglied bei "Titos Pionieren", einem Pendant zu den Pfadfindern im sozialistischen Jugoslawien. Mit 18 wurde ihm die Mitgliedschaft der kommunistischen Partei vorgeschlagen, was er jedoch ablehnte. Heute sagt er, sein Lehrer habe ihn damals verstanden. In der ersten Volkszählung von 1971 bezeichnete er sich als Jugoslawe, später jedoch als Muslim.

Osman studierte Mathematik an der Universität Sarajewo. Sein erster Arbeitsplatz war am Institut für Metallurgie in Zenica. Damals war es nicht üblich, für die Arbeit den Wohnort zu verlassen. Selbst Zenica wurde damals als weit weg angesehen. Später kehrte er nach Sarajewo zurück und programmierte Computer für Großprojekte. Mit dieser Arbeit kam er viel herum, durch ganz Jugoslawien: Belgrad, Prishtina, Istrien und Zagreb.

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Osman Topcagic und Alida Vracic über Kriegsverbrechen. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Osman erinnert sich:

"1980 habe ich geheiratet. Wir mieteten eine nette Wohnung. Damals waren die Lebensbedingungen bescheiden. Ich hatte ein Auto und wir konnten reisen. Wir verbrachten unseren Urlaub in Frankreich und Italien. Ich reiste auch beruflich viel herum, nach Deutschland und in die Niederlande zum Beispiel. Es gab damals soziale Gleichheit, gute Bildung und eine Gesundheitsversicherung. Dies alles befürwortete ich. Wir machten uns jedoch Sorgen, was passieren würde, wenn Tito einmal sterben würde. Wir fragten uns: "Wird es Krieg geben? Werden die Russen kommen?" Wir alle waren entschlossen, das alte Jugoslawien zu verteidigen.

Als der Krieg 1991 in Slowenien und Kroatien ausbrach, dachte ich nicht, dass er auch in Bosnien ausbrechen würde. Ich war an Großprojekten in Jugoslawien beteiligt. Die Kroaten meinten zwar, der Krieg würde kommen, doch ich war überzeugt, dass alles gut würde. Ich arbeitete damals am UNIS Institut, einem großen bosnischen Unternehmen.

Zur Zeit der Volksabstimmung in Bosnien im März 1992 wurde mir eine wichtige Position in Slowenien angeboten. Ich zögerte noch. Am Wochenende des Referendums wollten wir nach Maribor in Slowenien fahren. Nach dem Referendum wurden die Sperren eingerichtet. Meine beiden Töchter waren acht und zehn Jahre alt. Ich wollte, dass sie nach Kroatien gehen, was sie dann im Mai auch taten.

Bosnien stand kurz vor der Unabhängigkeit, und wir wollten sehen, was wir dafür tun konnten. Ich wollte nicht weg und erkannte nicht, wie schlimm es werden würde. Meine Familie blieb bis 1993 in Kroatien, als der Krieg zwischen den Bosniaken und Kroaten ausbrach. Dann zogen sie weiter nach Schweden und lebten irgendwo oberhalb des Polarkreises!

Meine Aufgabe in Sarajewo war es, die UNIS-Computer zu retten. Wir hatten einen neuen Computer im Wert von einer Million US-Dollar und die UNIS-Türme wurden in Brand gesteckt. Wir schafften es, den Computer zu retten. Ich versuchte auch, die Daten zu speichern. Wir versuchten, so normal wie möglich zu arbeiten, aber wir konnten nicht viel tun.

Natürlich fühlte ich mich damals sehr bosnisch und als Bürger Sarajewos. Meine Schwester wurde im September 1992 vor ihrer Haustüre getötet. Sie wollte ihren Hund füttern. Im Februar 1993 wurde meine Mutter verletzt und meine kleine Nichte getötet. 1993 war eine Zeit kompletter Zerstörung und ohne Perspektiven. Es war eine Katastrophe, weil wir auch mit den Kroaten im Krieg waren.

Mitte 1993 wurde mir ein Job im Innenministerium angeboten, wo ich Computer bediente, später dann wurde ich ins Außenministerium versetzt. In Sarajewo waren wir nur 30 Personen im Ministerium. Bis 1998 blieb ich in Sarajewo, bevor ich als Botschafter nach London geschickt wurde. Danach ging ich für ein Jahr nach Brüssel.

Als Kind hatte ich manchmal die Gelegenheit, mit ein paar Freunden im Garten von Titos Villa in Stojcevac zu spielen. Dort war es sehr luxuriös, was Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre nicht üblich war. Wir Kinder waren ich selbst, ein Muslim, dann ein Serbe, ein Jude, ein Roma und ein Montenegriner. Das war typisch für die damalige Zeit.

Heute gehe ich gerne mit meinen Freunden einen Kaffee trinken, um einfach zu reden. Seit dem Krieg ist Sarajewo jedoch nicht mehr so ethnisch gemischt, wie es einmal war. Es hat sich auch nicht mehr in seinen alten Zustand zurückverwandelt. Aber andererseits ist es heute interessanter als früher, wegen seiner Botschaften und der internationalen Organisationen. Heute ist es eine europäische Hauptstadt. Der französische Philosoph Bernhard Henry Levy wurde einmal gefragt, wie Europa in der Zukunft aussehen sollte. Er sagte, es sollte sein wie Bosnien, das 'selbst ein kleines Europa ist'. Das gefällt mir sehr gut."

June 2008
ESI

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