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Arbjan and Marinela Lika
Arbjan Mazniku

Arbjan Mazniku ist einer der Gründer von MJAFT und leitet die Politik-Abteilung:

"Ich glaube, dass MJAFTs Erfolg besonders darin lag, den Begriff 'Protest' in der albanischen Gesellschaft neu zu definieren. Mit Protest wurde in Albanien sehr stark die Forderung nach Wechsel des Regimes oder der Regierung assoziiert, und das oft mit gewaltsamen Mitteln. Protest selbst war ziemlich "totalitär", weil die Menschen normalerweise in großen Zahlen auf die Straße gingen und allumfassende Lösungen für ihre eigenen Problem forderten."

Arbjan erinnert sich an den Sturz des Regimes 1991:

"Damals war ich 12 Jahre alt. Ich erinnere mich, wie Leute aus dem Regime davon sprachen, dass 'dunkle Mächte' am Werk seien, die daran arbeiteten, das System zu zerstören. Ich hatte diese gemischten Gefühle von Abscheu und Bewunderung für diese 'dunklen Mächte'. Manchmal stellte ich sie mir mit solchen Kapuzen vor, wie sie als Diebe in unsere Häuser einbrachen, und manchmal als heldenhafte Kämpfer, die Albanien in etwas ähnliches verwandelten wie das, was ich im italienischen Fernsehen sah.

An dem Tag, als die Statue von Hoxha gestürzt wurde, gingen wir nicht zur Schule. Mein Vater kehrte früh von der Arbeit heim, was ungewöhnlich war. Wir erfuhren über die Ereignisse von Leuten aus der Nachbarschaft, denn das Fernsehen und das Radio berichteten gar nichts von diesen Vorfällen.

Ich schlich mich aus dem Haus und ging zu der Versammlung im Stadtzentrum. Da waren zehntausende Menschen, und ein Gefühl der Befreiung hatte die Menge erfasst. Ich lief hinter der Statue her, die in die Studentenstadt geschleppt wurde.

Und als ich heimkam, war ich in wirklichen Schwierigkeiten. Wütender und verängstigter als an diesem Tag habe ich meinen Vater niemals erlebt."

Das Jahr 1997 war ein weiterer Wendepunkt.

"Es war eine Zeit, die einem wie ein Wunder vorkam. Jeder hatte viel Geld in der Hand. Leute verkauften ihre Autos, Firmen, Häuser oder alles andere, was sie verkaufen konnten, um das Geld wieder in "die Firmen" zu investieren, getrieben von der Hoffnung, dass ihnen das ermöglichen würde, später bessere [Autos, Firmen, Häuser] zu kaufen."Die Firmen" stellten sich aber als Pyramiden heraus und brachen zusammen, und sie nahmen alles, was die Menschen gehabt hatten, mit sich. Es bestand keine öffentliche Ordnung mehr und für Wochen waren wir in einem Zustand der totalen Anarchie. Millionen von Waffen gerieten in die Hände der Bevölkerung, und ich erinnere mich mit Schrecken an die Nächte, in denen der Himmel von Millionen Kugeln, die in die Luft geschossen wurden, erleuchtet war. Es war wie im Krieg. Es gab aber keinen Feind."

"Die 97er-Krise traf nicht nur die Wirtschaft und den Staat, sie schadete auch dem albanischen Selbstwertgefühl. Als dann der Exodus aus dem Kosovo begann, machten sich die Albaner auf den Weg, ihren Brüdern zu helfen. Ich erinnere mich, wie ich mit Mitarbeitern der Wohlfahrtsorganisationen sprach, die mir mitteilten, dass die Flüchtlingscamps, die sie gebaut hatten, zur Hälfte leer blieben. Überall im Land verwandelten sich Familien mit vier Mitgliedern über Nacht in Familien mit siebzehn Mitgliedern. Die Leute halfen mit Essen, Kleidung und Unterbringung und spendeten Blut für die Verwundeten. Die Albaner glaubten daran, dass aus dieser allgemeinen Anstrengung gute Dinge für sie erwachsen würden."

Arbjan studierte Journalismus an der Universität von Tirana. Zusammen mit Marinela Lika, einer anderen Gründerin von MJAFT, leitete er den Nationalen Debattierverband. Als die Idee für die MJAFT Kampagne geboren war, wandten sich Arbjan und seine Mitgründer an die Botschaft der Niederlande, die gerade einen kleinen Wettbewerb in seinem Debattierprogramm gefördert hatte. Sie waren überrascht, als sie hörten, dass ihr Antrag bewilligt worden war.

Arbjan beschreibt die Motivation hinter MJAFT:

"Wenn du in der Welt reist und dann nach Albanien zurückkehrst, verändert sich deine Sichtweise auf die Dinge daheim. Die Leute gewöhnen sich an den Mangel an Elektrizität, den Mangel an Wasser. Sie gewöhnen sich an die Löcher in den Strassen, und erwarten nicht viel von Ärzten und der Polizei. Wir wussten, dass, wenn wir eine Zukunft für Albanien schaffen wollen, wir diese Erwartungen verändern mussten. Wir mussten die Erwartungen der Menschen von ihrem Alltagsleben verändern.

Sogar in unseren wildesten Träumen, haben wir damals nicht gedacht, dass wir dabei waren, eine Bewegung aus der Taufe zu heben. Wir dachten, wir machen eine Kampagne, senden ein starkes Signal aus, geben den Leuten eine Pille oder einen Realitätscheck. Wir benutzten ein Zitat von [dem indischen Ökonom, Philosophen und Nobelpreisträger] Amartya Sen:

"Der verunsicherte Landarbeiter, der ausgebeutete landlose Arbeiter, der überarbeitete Hausdiener, die unterwürfige Hausfrau, sie können sich alle mit ihrer Zwangslage abfinden, indem ihr Leid und ihre Unzufriedenheit durch die Notwendigkeit eines erlebnislosen Überlebenskampfes von einer fröhlichen Durchhaltekraft verdrängt wird. Der hoffnungslose underdog verliert den Mut, einen besseren Deal überhaupt zu ersehnen, und lernt dann, sich mit kleinen Mitleidsgesten abzufinden."

Wie die anderen Gründer von MJAFT trat Arbjan im Jahr 2007 zurück. Er hat jetzt Vertrauen in Albaniens Zukunft:

"Die Albaner sind ein energisches und kreatives Volk. Das Land hat eine Reihe von Unglücken erlebt, die es im Vergleich zu seinen Nachbarn zurückgeworfen haben. In den letzten zehn Jahren hat sich die albanische Gesellschaft verändert und enorme Fortschritte auf dem Weg zur Europäisierung gemacht. MJAFT hätte gar nicht überleben können, wenn es nicht auf ein empfängliches und unterstützendes Umfeld in ganz Albanien gestoßen wäre."

May 2008
ESI

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