Back Travnik (IV) - Next 
Travnik
Travnik

Travnik ist die Hauptstadt des zentralbosnischen Kantons und liegt buchstäblich im Mittelpunkt des Landes.

Seit dem Mittelalter gab es in Travnik eine ausgeprägte Tradition interethnischer Koexistenz, doch der jüngste Krieg hat in der Stadt eine bosniakische Mehrheit geschaffen. Tausende von Kroaten und Serben flohen oder wurden vertrieben – fast die Hälfte der gesamten Vorkriegsbevölkerung. Bosniaken, die aus ihren Heimatorten in der Umgebung vertrieben wurden, fanden in Travnik eine neue Unterkunft. Am Ende des Krieges war die Bevölkerung Travniks um 10.000 Menschen gesunken.

Im Dezember 1997 begannen die Flüchtlinge, nach Hause zurückzukehren. Aufgrund der beträchtlichen Spannungen, die während des Krieges entstanden waren, dauerte es einige Zeit, bis der Rückkehrprozess wirklich in Gang kam. Angriffe auf Rückkehrer stellten anfangs ein großes Problem dar. Auf dem Gemeindegebiet wurden 1997 und 1998 13 Rückkehrer ermordet. Selbst die Polizei war vor ethnisch motivierter Gewalt nicht sicher, als die bosniakischen und kroatischen Polizeikräfte im Kanton 1998 wiedervereinigt wurden. Heute ist der Polizeikommandant des noch immer mehrheitlich bosniakisch bewohnten Travniks Slavko Lovric, ein Kroate. Er erinnert sich:

"Als der Krieg vorbei war, gab es zwei Polizeikräfte im Kanton: Bosniaken und Kroaten, mit unterschiedlichen Uniformen, Abzeichen, Büros, Budgets und Befehlsstrukturen. Sie operierten jeweils in den Gebieten, die 'ihre' nationale Gruppe am Ende des Krieges kontrolliert hatte."

Als die Polizei wiedervereinigt wurde, gab es anfangs ernsthafte Probleme. Am 12. Juni 1998 wurde ein kroatischer Polizist bei einer Autobombenexplosion getötet, während sein bosniakischer Kollege schwer verwundet wurde. Eineinhalb Monate später kam ein weiterer kroatischer Polizist bei einer Explosion ums Leben. Achtzig Polizisten verließen Travnik vorübergehend aus Protest. Am 9. Februar 1999 wurde wieder ein kroatischer Polizist bei einer Autobombenexplosion verletzt. Doch später stellte sich heraus, dass die meisten Angriffe kriminell bedingt waren und nichts mit ethnischen Spannungen zu tun hatten.

Nach der Wiedervereinigung der Polizei wurden Patrouillen zu Fuß und im Streifenwagen immer von zwei Polizisten unternommen, jeweils einem aus einer der beiden ethnischen Gruppen. Doch seit einiger Zeit ist die Polizei etwas gelassener geworden, was diese Praxis anbelangt. Polizeikommandant Slavko Lovric erklärt den Grund:

"Wir stellen nicht mehr fest, dass die Leute die Polizei aus einer ethnischen Perspektive sehen. Wir haben keinerlei Beschwerden über Diskriminierung auf der Grundlage von Ethnizität."

You need to upgrade your Flash Player to view this movie properly. Please download it here.

Please also insure that JavaScript is enabled in your browser settings.

Proceed

Travnik. © 2008 pre tv. All rights reserved.

Die Kriminalitätsrate in Travnik ist niedrig, weit unter dem europäischen Durchschnitt und es gibt praktisch keine ethnisch motivierten Straftaten.

Insgesamt haben sich die interethnischen Beziehungen seit den bitteren Kriegstagen erheblich verbessert. Im Zentrum Travniks befindet sich eine große katholische Schule, die von kroatischen Kindern und Jugendlichen aus der ganzen Umgebung besucht wird. Einige Mitglieder der serbischen Minderheit in der Stadt sind auch zurückgekehrt. "Seitdem ich im Jahre 2000 hierher gezogen bin, gab es keinen einzigen Zwischenfall," sagt Goran Zivkovic, der örtliche serbische Priester. "Ich habe nicht das Gefühl, dass Serben hier bedroht sind."

Während sich die Anhänger der verschiedenen Religionen zum alljährlichen Schulfest in der Medrese (islamische Schule) einfanden, erzählte uns der Mufti von Travnik, Nusret Avdibegovic, über die Beziehung zwischen den verschiedenen Glaubensrichtungen:

"In Bosnien gab es immer dieses Gefühl der Verbundenheit während religiöser Festtage, egal ob es sich um moslemische, katholische oder orthodoxe Feste handelt. Jeder, der hier lebt, wird es Ihnen bestätigen können. Heute Abend wollen wir diese Verbundenheit feiern und das jedes Jahr wiederholen."

travnik medresse
Eltern beim jährlichen Schulfest in der Medrese von Travnik

Von 1686 bis 1850 war Travnik der Sitz der Wesire, der osmanischen Statthalter in Bosnien. Ein großer Teil des reichen kulturellen Erbes dieser Stadt stammt aus dieser Zeit. An der Pforte des osmanischen Reiches nach Westeuropa liegend, erlebte Travnik sein "goldenes Zeitalter", als Frankreich und Österreich-Ungarn am Anfang des 19. Jahrhunderts Konsulate in der Stadt eröffneten.

travnik3
Travnik

Die Zeit der osmanischen Wesire wird in dem Roman "Wesire und Konsuln" lebendig, der die endlosen Intrigen zwischen den französischen und österreichischen Diplomaten und den Wesiren beschreibt. Der Autor ist der angesehenste Schriftsteller des ehemaligen Jugoslawiens, der Nobelpreisträger Ivo Andric, der in Travnik geboren wurde.

Republic of Serbia - Ivo Andric IMG_0026
Ivo Andric – Travniks mittelalterliche Festung

Travnik wurde nicht wie andere bosnische Städte industriell entwickelt. Die sozialistischen Wirtschaftsplaner übergingen die Stadt nach 1945 als Strafe dafür, dass sie während des Zweiten Weltkrieges ein Zentrum des faschistischen kroatischen Ustascha-Regimes gewesen war. Als die Partisanen, die kommunistischen Anhänger von Marschall Tito, die Stadt eroberten, wurden ihnen sieben Tage "Freiheit" gewährt, um sie zu plündern. Um Travnik noch weiter zu bestrafen, ordnete Marschall Tito 1949 den Bau einer neuen Stadt in 20 km Entfernung an: Novi Travnik. In der alten Stadt Travnik wurde nur leichte Industrie wie Textil- und Schuhherstellung angesiedelt.

Ivo Andric schrieb über ein Dilemma, dem sich manche multi-ethnische Gesellschaften gegenübersehen:

"Das ist das Schicksal eines Mannes der Levante, denn er ist 'poussière humaine', menschlicher Staub, qualvoll zwischen Ost und West hin und her treibend, zu keinem gehörend und von beiden geprügelt. Das sind Menschen, die viele Sprachen können, aber keine ist die ihre, die zwei Religionen kennen, aber in keiner unerschütterlich sind. Das sind die Opfer der unheilbringenden Aufteilung der Menschheit in Christen und Nicht-Christen, das sind die ewigen Übersetzer und Mittelsleute, die viel in sich tragen, das versteckt und nicht zu beschreiben ist; Menschen, die den Osten und den Westen gut kennen, deren Gebräuche und Glauben, denen aber von beiden Seiten gleichermaßen Verachtung und Misstrauen entgegengebracht wird."

(Ivo Andric, Wesire und Konsuln, Übersetzung aus dem Englischen von ESI)

June 2008

 Back Travnik (IV) - Next