Eine Entdeckungsreise

Interview über Balkanexpress / Return to Europe
mit Gerald Knaus (ESI)


Gerald Knaus, ESI Vorsitzender and Open Society Fellow 2008, Autor von Rumeli Observer

Worum geht es in der Dokumentarreihe? Haben sich die Menschen auf dem Balkan nicht immer schon als Europäer gesehen?

Knaus: Unsere Fernsehserie beschreibt eine Entdeckungsreise in zehn Etappen durch den ganzen Balkan, von der Bucht von Kotor in Montenegro bis nach Istanbul. Als Martin Traxl und ich im Sommer 2006 am Bosporus saßen und die Reiseroute entwarfen, waren wir uns einig, dass es auch darum geht, zu zeigen, wie schnell sich diese Region in den letzten Jahren verändert hat. Der Balkan ist für Europa eine zentrale, keine periphere Region. Man kann hier auch heute viel lernen, im Guten wie im Schlechten. Es geht in der Serie auch um Respekt vor Menschen, die sich heute dort bemühen, demokratische Werte zu verankern, und um die Frage, was passieren muss, damit sich diese Werte endgültig durchsetzen.


Das bunte Zentrum von Tirana (Albanien)

Ist das nicht ein zu optimistisches Bild einer immer noch unruhigen Region? Im Kosovo wird geschossen, Autos brennen, in Serbien schickt sich die Radikale Partei an, Wahlen zu gewinnen, in Bosnien herrscht Stillstand. Was hat sich denn wirklich geändert?

Knaus: Dies ist ein gefährlicher Moment, vor allem in Serbien. Aber vergessen wir nicht, was sich schon alles verändert hat. In der bosnischen Republika Srpska werden Moscheen wiederaufgebaut in Gebieten, in denen fürchterliche ethnische Säuberungen stattfanden. Gleichzeitig diskutiert man in Österreich, ob Moscheen ein Minarett haben dürfen. In Mazedonien gibt es einen Minderheitenschutz, wie in kaum einem anderen Land in der EU. Istanbul erlebt einen Wirtschaftsboom und eine kulturelle Blüte wie seit Süleiman dem Prächtigen nicht mehr. Montenegro hat heute pro Kopf mehr ausländische Touristen als Frankreich. Kurz: Es gibt neben den bekannten Rückschlägen auch viele positive Veränderung. Aber es kann auch Rückschläge geben, in Serbien, im Kosovo, in der Türkei. Auch darum geht es in dieser Serie.


Reconstructed mosque in Ahmici (Bosnia)

Gibt es den politischen Willen, dass in den Westbalkan-Staaten der EU-Beitritt vorangetrieben wird?

Knaus: Es ist ein Ringen, oft fehlt der politische Wille. Tatsächlich gibt es in der ganzen Region Kräfte, die jeden Fortschritt bekämpfen: In der Serbienfolge beschreiben wir diesen Kampf einiger gegen das vergiftete Erbe der Milosevic-Zeit. Auch im EU-Mitgliedstaat Bulgarien gibt es nicht nur Aufschwung, sondern die Frage: Warum haben etwa die Roma bislang so wenig davon profitiert? Und was machen die ehemaligen Securitate-Kader heute in der rumänischen Stadt Temesvar? Doch gerade Bulgarien und Rumänien zeigen, wie viel sich zum Positiven verändert, wenn Länder sich das Ziel des EU-Beitritts setzen. In Temesvar verkaufen die ehemaligen Geheimdienstkader heute Versicherungen, die Stadt ist voller italienischer Investoren, die Arbeitslosigkeit liegt bei einem Prozent.


Montenegrinischer Tourismusmanager

Serbien isoliert sich zunehmend. Was passiert, wenn ein Land sich bewusst vom restlichen Europa abwendet?

Knaus: Europäisierung ist kein Zug, auf den man aufspringt und der dann von selbst in den Zielbahnhof fährt. Es geht um Werte und auch um Machtkämpfe. Es braucht Personen, die für Veränderung kämpfen: Künstler, Umweltaktivisten, Politiker. In Serbien gibt es viele, die für eine europäische Zukunft eintreten, wie beim Exit-Musikfestival in Novi Sad. Aber bislang hat Premier Vojislav Kostunica die Agenda immer auf die großen nationalen Fragen zurückgeführt. Das Problem ist aber auch die fehlende Reform im Sicherheitsapparat. Die Revolution ist steckengeblieben. Die Serben, die Serbien in der EU sehen wollen, sind erschöpft. Sie haben mit ansehen müssen, wie Milosevic sich durchgesetzt hat, wurden 1999 bombardiert und leben acht Jahre nach der Revolution in einem Land, das kein Assoziierungsabkommen mit der EU hat und von dem aus man nicht mehr ohne Visum nach Ungarn reisen kann. Und sie haben einen zermürbenden sozialen und wirtschaftlichen Niedergang erlebt. Der Fehler der EU war es, durch das Aufrechterhalten der Visapflicht ein Ghetto zu schaffen, in dem heute die meisten Muslime und Serben des Balkans eingesperrt sind. Dies hilft den Feinden Europas.


Deindustrialisierung in Kicevo (Mazedonien)

Der Balkan ist eine der ärmsten Regionen Europas.

Knaus: Es gibt heute fast überall in der Region Wachstum, aber die Geißel des Westbalkan ist die enorme Arbeitslosigkeit, in Kosovo, Serbien, Mazedonien, vor allem für Junge und Frauen. Sie ist die höchste in Europa. Für nachhaltiges Wachstum fehlt auf dem Westbalkan weiterhin das Vertrauen von Investoren in dauerhafte Stabilität. Eine echte Garantie dafür ist nur der Beitrittsprozess. Ein Boom wie in Bulgarien mit Investitionen für die Umwelt und in die Infrastruktur ist mit der EU-Perspektive verbunden. Dieses Signal fehlt auf dem Westbalkan. Wenn in Serbien ein anderes Wirtschaftswachstum in Gang käme, würde sich auch die Einstellung der serbischen Gesellschaft ändern. Entwicklungen wie in Rumänien, Bulgarien und Mazedonien finden dort nicht statt. Der Textilsektor boomt auf dem ganzen Balkan, in Serbien ist er zusammengebrochen. In Leskovac sind von den siebzehn ehemaligen Textilbetrieben zehn weder privatisiert noch bankrott gegangen. Die Hallen sind leer, der Direktor sitzt noch dort mit dreißig bis vierzig Arbeitern, die seit Jahren keinen Lohn mehr bekommen und wartet. Serbien hat eine der höchsten Arbeitslosigkeitsraten in Europa. Und im Nachbarland Rumänien, in Temesvar, sucht man Arbeitskräfte.


Silhouette, Istanbul

Warum endet die Reise in Thessaloniki und Istanbul?

Knaus: Der Balkan war schon immer Teil Europas, und Europa ist schon lange auf dem Balkan. Das sieht man besonders in Thessaloniki, einer echten Balkanstadt mit einer sehr komplizierten Geschichte, seit 1981 in der EU. Und das sieht man besonders in Istanbul, seit Jahrhunderten die größte Stadt Südosteuropas und heute wieder ein Magnet für die ganze Region. Unsere Reise, die an der Adria beginnt, wird am Bosporus enden, so wie die Via Egnatia, die seit der Antike Rom und Ostrom verband. Damals gab es auf dem Balkan keine Grenzen, die ganze Region war Teil des damaligen Europas. Das ist auch heute noch eine Vision.

(DER STANDARD, Print-Ausgabe, 27. März 2008)


Gerald Knaus (ESI) and Andreas Treichl (Erste Stiftung) bei der Präsentation in Wien

 

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Rumeli Observer